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Review: Kollegah & Farid Bang – Jung, brutal, gutaussehend 2

veröffentlicht: Sonntag, 10.03.2013, 22:29 Uhr
Autor: TonySunshine





01. Dynamit
02. Friss oder stirb
03. Bossmodus
04. Adrenalin
05. Du kennst den Westen
06. Stiernackenkommando
07. 4 Elemente
08. Steroidrap
09. Dissen aus Prinzip
10. Welche deutsche Crew ist besser?
11. Drive-by
12. Kriminell & breit gebaut
13. Halleluja
14. Town, die nie schläft
15. Jung, brutal, gutaussehend 2013
16. Gangbanger 2
17. Titan
18. Survival of the Fittest
19. Ey Yo Pt. 2
20. Du liegst


"Die ganzen Trainer im Fitnessstudio ... Immer, wenn die dir hilfreiche Tipps geben wollen, wie zum Beispiel: 'Du arbeitest zu sehr mit dem Rücken', dann sagt ihr zu ihm: 'Wenn du so viel weißt, warum siehst du dann SO aus und ich SO?'" Nur eine der zu beachtenden Regeln im Fitnesscenter, die Kollegah und Farid Bang den Zuschauern der der Premium Edition von "Jung, brutal, gutaussehend 2" beiliegenden DVD mit auf den Weg geben. Bei einem derartigen, kaum zu übertreffenden Entertainment des zusätzlichen Filmmaterials und der im Vorfeld geführten Interviews kam fast das Gefühl auf, dass das Album selbst nur schmückendes Beiwerk ist. Die Vertonung des mittlerweile beinahe zum Lifestyle gewordenen "Banger- und Boss"-Images oder aber auch das Erschaffen eines selten zuvor dagewesenen Kaufreizes. Und Letzteres ging mehr als nur auf: Wollte den ersten Teil zunächst kaum jemand in seinem Besitz sehen, sich Kollegahs Fanbase wenig für den Kollabopartner begeistern und diejenige von Farid kaum existent sein, so sieht das heutzutage komplett anders aus. So spricht der Erfolg des Zweitlings von "Jung, brutal, gutaussehend" bekanntermaßen mit etwa 80000 verkauften Einheiten alleine in der ersten und die erhaltene goldene Schallplatte in der dritten Woche für sich. Doch sieht man etwa von Unterhaltung wie aberwitzigen Interviewaussagen Kollegahs und Farid Bangs ansteckenden, fast grenzdebil klingenden Lachanfällen ab – was erwartet die riesige Hörerschaft dann noch rein musikalisch?

"Mich dissen Jungs, die Einträge in der Schufa haben/
Mit der U-Bahn fahren ohne Zugfahrkarte/
Jungs, die am Ku'damm schlafen [Penner]/
Und in Schwimmbädern einbrechen, um wenigstens im Pool zu baden/
"
(Farid Bang auf "Du liegst")

Textlich schließt "JBG2" konsequent und nahtlos an seinen Vorgänger an: Punchlines werden abgefeuert, man verherrlicht sich selbst und degradiert die Rapkonkurrenz, wo es nur geht. Auch wenn die Frequenz an Punchlines etwa im Vergleich zu Kollegahs Debütalbum "Alphagene" hier relativ klein ausfällt, festigt der Boss mit Zeilen wie "Ich geb' deiner fetten Mum mit voller Power 'ne Schelle/ denn die Bitch verputzt mehr Gänge als ein Maurergeselle" nur noch mehr sein Standing in der Szene, das ihm wohl kaum jemand plausibel abschreiben kann: das des mitunter größten Wortakrobats der deutschen Rapgeschichte. Punkt. Wie dieser junge Mann skurrile Wortspiele in vielsilbigen Reimen verpackt punktgenau auf den Takt schleudert, bleibt nach wie vor einzigartig; daran ändert auch die Tatsache, dass auf diesem Release der Fokus mehr in Richtung Asozialität verlagert wurde, nichts. Mehr noch klingen Kollegahs Flow und Aussprache hier so sauber wie nie zuvor.

"Ey, für mein' Stiefvater ist deutscher Rap ein lustiger Haufen Lappen, das war's/
Ein Haufen Lappen wie Kaas und das geht unter anderem auf die Kappe von Laas wie'n Autogramm von Savas/
"
(Kollegah auf "Gangbanger 2")

Farid Bang will auch hier in denselben Disziplinen überzeugen wie der Jura-Student. Und klar: Rein technisch ist er ihm in allen Belangen hochgradig unterlegen. Dies fängt mit vorhersehbaren Spits an, äußert sich ferner in teils arg unsauberen Doubletimes und hört mit stellenweise recht billigen Wortspielen auf. Zwei Beispiele aus ein und demselben Track, namentlich "Welche deutsche Crew ist besser?": Hier hätten wir zum einen die dritte Person Singular von "sein" und "essen", die erste je entdeckte Homophonie seit der Entstehung der deutschen Sprache, in Form von "Farid ist Gangster wie Kannibalen in Harlem" im Angebot. Zum anderen dürfte es niemanden sonderlich überraschen, dass Farid auf "Jungs, die auf der Street 'nen hohen Einsatz wagen" selbstverständlich "Einsatzwagen" reimt. Auf "Discokugeln" folgt "Disco Kugeln" und so weiter. Semi-kreativ.
Es ist alles eine Sache der Verpackung. So ist "trauen" im Sinne von "wagen" und "heiraten" alleine für sich stehend mitnichten die in Worte gefasste Genialität schlechthin. Wenn Kollegah davon Gebrauch macht und zu "Das Internet ist wie Pakistan: Da trauen sich die Kids" ausformuliert, sieht die Sache aber bereits ganz anders aus. Farid hätte womöglich eine Line im Stile von "Im Internet trauen sie sich wie in der Kirche" niedergeschrieben. Die Auseinandersetzung mit Farids Qualitäten mag bisher vielleicht sehr einseitig geklungen haben, was so jedoch nicht ganz richtig wäre. Die erwähnten Zitate sind mehr oder weniger seltene und negative Ausnahmen, die ein oder andere durchdachte Zeile hat auch er in petto und sein Unterhaltungswert toppt den von Kollegah mit seiner Plumpheit und kompromisslosen Gnadenlosigkeit hin und wieder sogar. Part für Part betrachtet ist seine Strophe auf "Kriminell & breit gebaut" eventuell die kurzlebigste des ganzen Albums. So schießt er erst provozierend in Richtung der Stadt, in die er keinen Fuß mehr zu setzen wagt, lässt sich zu einer Verbalattacke in Richtung Marteria und Marsimoto hinreißen, imitiert die Pitchstimme des Zweitgenannten, um den 16er schließlich mit einer Reduzierung der denkbar unschuldigen Sängerin Miss Platnum auf ihre Figur ausklingen zu lassen:

"'Kannst du noch was anderes außer dissen?' – Na ja, weniger/
Scheiß' auf Marsimoto, ich ficke Marteria/
Du gehst Big Macs und Chips essen/
Ich Gewichtstemmen wie der Four Music-Aufzug bei Miss Platnum/
"
(Farid Bang auf "Kriminell & breit gebaut")

Besonders positiv anzumerken ist die mittlerweile fast filmreife Inszenierung der beiden Charaktere Banger und Boss. So scheint es, dass sich die gute, alte Realness nun wirklich weit hinten anstellen muss: Nie zuvor wurde das Proletenimage der beiden so gnadenlos überspitzt dargestellt wie jetzt, was sich in Zeilen wie "Meine Jungs spritzen sich Testo aus Stierhoden" (Kollegah auf "Steroidrap") oder "Ich weiß, dass du Muckis liebst/ doch trainier' Beine nicht, weil man sie im Club nicht sieht" (Farid Bang auf "Stiernackenkommando") besonders deutlich abzeichnet. Auch die Indizierung des ersten Teils scheint glücklicherweise weniger als Abschreckung denn vielmehr als Motivation für die schnellere Durchsetzung eines Verkaufsverbots an Minderjährige Wirkung gezeigt zu haben, wie bereits im Interview mit uns zu Protokoll gegeben. Wer Sätze wie "Zeig mir deine Mum, ich smack' diese Vollblutschlampe/ und sie nimmt in Zukunft statt der Treppe die Rollstuhlrampe" von sich gibt (Kollegah auf "Kriminell & breit gebaut"), der scheint sich auf einen bevorstehenden Konflikt mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien fast zu freuen. Mutig, mutig.
Beattechnisch wurde einiges richtig gemacht, einiges allerdings auch arg verbaut. Die elektronischen Klänge auf "Kriminell & breit gebaut" und die eindrucksvollen Chöre auf "Dynamit" sind als exzellente Produktionen von Selfmade-Neuzugang Johnny Illstrument hervorzuheben, die knallharten Drums auf "Steroidrap" wurden von Cristal und United Hustlers für das Thema würdig und passend in Szene gesetzt. "Town, die nie schläft" überzeugt mit seinem eingängigen, düsteren Sample und hartem Bass, produziert von KD-Beatz und Cubeatz, vom Sound her am meisten und auch der Beat von "Gangbanger 2" wurde von Shuko äußerst markant gebastelt, bei "Drive-by" – ebenfalls Shuko, in Zusammenarbeit mit Freedo – gilt dasselbe. Die meisten restlichen Instrumentals fallen nicht weiter groß auf, gehen zwar meistens druckvoll nach vorne, sind allerdings gänzlich austauschbar. Für beattechnische Nullnummern sorgt dann überraschenderweise der eigentlich von mir geschätzte Brisk Fingaz. Dieser ist mit vier Instrumentals beteiligt, darunter sind die drei gitarrenlastigen Beats "Jung, brutal, gutaussehend 2013", "Dissen aus Prinzip" und "Du liegst". Einflüsse aus fremden Genres: an sich nicht verkehrt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die verwendeten Elemente auch im beheimateten Genre funktionieren müssen. Offenbar gedankenlos, ungraziös und ungeschickt auf Saiten einschlagen wird allerdings in keiner Musikrichtung als Anzeichen für Qualität gesehen. "Du kennst den Westen" macht durch den schlaffen, unmelodischen Beat wenig Lust, weiter zu hören. Was war mit Brisk Fingaz los, für dessen Niveau diese Produktionen ernthaft beschämend ausfallen?

"Kollegah baut sich ein Schloss, es ist unglaublich teuer/
Dein Dad haust in der Gosse, grillt 'ne Maus im Feuer/
Friert und baut sich Häuser aus Kartons/
Und wär' froh, wenn da Heizungen drin wär'n wie in Raubfischmäulern/
"
(Kollegah auf "Ey Yo Pt. 2")

Fazit:
"Jung, brutal, gutaussehend 2" hält im Grunde genau das, was versprochen wurde und was man erwarten konnte. Lustige Sprüche unter der Gürtellinie ("Wie F.R.s Schwanz, wenn er steif ist") en masse, eine über-normal hohe lyrische und raptechnische Qualität vonseiten Kollegahs, ein weitaus unterhaltsamerer Farid als auf dessen letztem Album, geballte Härte und ein vakuumartiger Themenbereich. Hier und da geht mal eine Line von Farid daneben und es hätte vielleicht noch ein Quäntchen Action mehr nicht geschadet, die Beats hätten großteils gerne ein wenig individueller ausfallen können, doch im Großen und Ganzen steht "JBG2" seinem Vorgänger in nichts nach, hebt sich, was Battlerap angeht, deutlich positiv vom Rest der Szene ab und zeigt als Produkt an sich, wie man die soziale Marktwirtschaft bestenfalls zu seinen Gunsten nutzt: möglichst viel Aufmerksamkeit erregen, aber dann auch ein ansprechendes Produkt anbieten.


(TonySunshine)



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