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Review: Kollegah – Hoodtape Vol. 1

veröffentlicht: Samstag, 14.08.2010, 13:38 Uhr
Autor: Philipp_





01. Intro
02. Fanboy
03. Nachmittag
04. Kokshändlerbusiness
05. Hotelsuite
06. Monte Carlo Kokasession
07. Vorbei
08. 2010 Bonnie und Clyde
09. Sexxx
10. Frank Miller
11. Überfall
12. Ostblocknutten
feat. Haftbefehl
13. Putzfrau
14. Hagelkörner
15. Drogenfachchinesisch
16. Briatore
17. Ridermusic
18. Meine Lady
19. Für immer Player
20. Powerschwanz
21. Überfall 2
22. 44er Bizeps
23. Testomusic
24. Sohnemann
25. Taj Mahal Kokasession


Veränderung ist die wichtigste Konstante künstlerischer Produktion. Alles Neue und Innovative verliert mit der Zeit an Besonderheit und wird im besten Fall irgendwann zum kollektiven Erinnerungsgut einer Szene, wenn nicht gar einer ganzen Musikrichtung. Als Kollegah 2005 das erste "Zuhältertape" veröffentlichte, war das durchaus eine kleine Sensation. Unvergessen die ersten Interviews, wo Journalisten verblüfft den Geschichten eines angeblich echten Zuhälters lauschten. Was danach folgte, war die von Release zu Release fortgeführte Inszenierung der musikalischen Eigenmarke Zuhälterrap, zuletzt in immer enger getakteten Veröffentlichungszyklen. Nach dem mäßig spannenden Kollaboalbum mit Farid Bang im Juli 2009 folgte im gleichen Jahr noch das "Zuhältertape 3" und wenige Monate später schiebt der Halbkanadier bereits das "Hoodtape Vol. 1" nach, als Quasi-Beilage der auf 1111 Exemplare limitierten "Zuhältertape"-Trilogiebox. Die Produktivität ist zweifelsohne hoch bei Kollegah, der als einziger Selfmade-Act diszipliniert ohne Dauerverschiebungen Release nach Release folgen lässt.

Ganze 25 Tracks umfasst das erste "Hoodtape", dessen Inspiration sich wesentlich auf den drei "Hoodtales"-Folgen des letzten "Zuhältertapes" (Vol. 3) zurückführen lässt. Das Prinzip: Prägnantes Storytelling vermischt mit zugespitzten Punchline-Abfolgen in einem formell unreglementierten Rahmen ohne klassische Bridges und Hooks. Das gab es schon auf früheren Releases; erinnert sei an dieser Stelle an das süffisante "Star (Afterlude)" auf dem ersten Album "Alphagene". Dessen ironisch versetzte Dialogstruktur mit einem naiv-netten Kollegah-Fan wird denn auch gleich auf dem zweiten Track "Fanboy" wieder aufgegriffen. Darin wird die Entwicklung Kollegahs der letzten Zeit in aller gebotenen Kürze rekapituliert. Wichtigste Erkenntnis: Die Drogenkarriere ist endgültig vorbei.

"Doch Mama sagte mir, 'So wirst du nie was erreichen!'/
Also ließ ich es einfach, wie mittlerweile, Beamer und Maybach/
Wurde schließlich gesignt, statt/
Weiterhin auf Risiko zu dealen mit dem Weißen/
Rap' ich jetzt darüber, was schief lief in der Zeit/
Tja... und so schließt sich der Kreis dann/
"
("Fanboy")

Auf dem Rest des Tapes wird dann allerdings doch wieder in gewohnter Routine das gemacht, was sich ohnehin durch die letzten Releases gezogen hat: Raubüberfälle ("Überfall" 1 und 2), Koks ticken ("Kokshändlerbusiness"), Damen flachlegen ("Powerschwanz") und vor der Polizei flüchten ("Frank Miller"). Es ist immer noch die alte, aus amerikanischen Mafia- und Gangster-Filmen geborgte Welt voll Kriminalität und Pimp-Attitüde, in der sich der unzerstörbare Kollegah-Charakter fehlerlos und abgebrüht seinem Lifestyle huldigt. Gemäß dem alten "Scarface"-Motto "Everyday above ground is a good day" zählt allein das Hier und Jetzt. Liebe ist verschwendete Energie ("Vorbei"), Frauen eignen sich bestenfalls zum Schwängern, Putzen und Kochen ("Sohnemann") oder als Bettvorlage ("Sexxx"). Geld bringt Macht, Macht bringt Befriedigung und was zwischenmenschlich von Wert sein könnte, bringt nur Probleme angesichts der permanenten Bedrohung durch Staat und Neider. Man erinnert sich an dieser Stelle nicht zu Unrecht an Neil McCauley in Michael Mann's "Heat": "Do not have any attachments, do not have anything in your life you are not willing to walk out on in 30 seconds flat if you spot the heat around the corner". Eine sehr schöne Spiegelung dieses Klischee-Potpourris bietet das von Chrizmatic produzierte "Hotelsuite", unterlegt von einem dezent an Hengzts "Schmetterlingseffekt" erinnernden Beat:

"Geh' nach dem Frühstück angeln im Pazifischen Ozean/
Auf 'ner riesigen Hochseeyacht, die ziemlich viel Knoten macht/
Wie die Crew beim vertäuen, bis sie die riesige Hochseeyacht/
Schließlich am Bootssteeg hat/ [...]
Wir fahren die Gegend erkunden, nach entlegenen Buchten/
Wo eine der kleinen Ladies dann meinen Penis in' Mund nimmt/
Und sie macht es gut, hat's im Blut, muss nicht mal würgen/
Obwohl ich den da tief drin' hab' wie ein Grammatikbuch/
"
("Hotelsuite")

Beim Lesen dieser Zeilen wird deutlich, wie sehr das erste "Hoodtape" in der Tradition der älteren Kollegah-Werke steht. Es ist immer noch der alte "Zuhältertape"-Wortschatz, es sind immer noch die charakteristischen Doubletime-Passagen ("Nachmittag"), es sind immer noch die alten Themen. Auf ein durchgehendes Storykonzept hat Kollegah verzichtet. Stattdessen sind einzelne Geschichten episodenhaft auf inhaltlicher Ebene ("2010 Bonny & Clyde" und "Sexxx") oder durch sprachliche Kommentierung formal ("Hagelkörner" und "Drogenfachchinesisch") verbunden. Die gerade im Vergleich zu Szenegrößen schlechte Sound-Abmischung fand ebenfalls den Weg auf das Tape. Auch die Producer sind bekannt aus früheren Releases: Chrizmatic avanciert mit 13 Produktionen langsam zum Kollegah-Hausproducer, daneben sind auch wieder unter anderem B-Case, Vizirbeatz, SixJune & Yoshi Noize und Rizbo vertreten. Positiverweise wurde nicht ausschließlich auf die von Kollegah präferierten "Wohlfühlbeats" zurückgegriffen und so darf zum Beispiel Freshmaker mit einem eindrücklich-schönen Gitarrenbeat ("Hagelkörner") ein melancholisches Highlight beisteuern und SixJune & Yoshi Noize verwandeln das pumpende "Ridermusic" in einen düster-atmosphärischen Autoritt durch regennasse Nächte. Den pauschalisierten Vorwurf einer Auswahl von B-Produktionen wie er bei alten Releases gerne erhoben wurde, findet auf "Hoodtape Vol. 1" keine Berechtigung, auch wenn sich ein paar sehr nervige Ausnahmen eingeschlichen haben (zum Beispiel "Meine Lady", produziert von Vizirbeatz oder "Taj Mahal Kokasession", produziert von Rizbo). Features wurden gestrichen mit der Ausnahme Haftbefehls, der auf "Ostblocknutten" einen für seinen speziellen Stil typischen Gangster-Verse kicken darf und neben Kollegah eher wie ein Rapschüler in seinen ersten Gehversuchen wirkt. Man erhält immer mehr den Eindruck, dass Kollegah seine Features danach aussucht, dass sie ihm möglichst wenig den Schneid abkaufen.

Im Endeffekt also alles perfekt, da alles wie immer? Das kann so gesehen werden. Muss aber nicht. Jede Karriere durchgeht Reifephasen und jede künstlerische Entwicklung braucht Veränderung. Das muss nicht etwa in Reggae-Anleihen oder hemmungsloser Mainstream-Attitüde enden. Aber es macht nachdenklich, wenn beispielsweise der "Intro"-Text bei aller technischer Stärke und hohem Spaßfaktor beliebig auf jedem bisherigen Kollegah-Release enthalten sein könnte:

"Kid, und während deutsche Rapper Flows kicken/
Siehst Du mich bei Nacht im Schein der Mondsichel Koks ticken/
Kollegah der Mac, ich mache Tapes für Gees, die Yayo zieh'n/
Bis ihr Herz durch das weiße Pulver rast wie 'n Schneemobil
/"
("Intro")

Was dem ersten "Hoodtape" möglicherweise fehlt, ist künstlerischer Mut. Kollegah verbleibt als Rapper ausschließlich auf der Schiene, die er ohnehin schon auf "Zuhältertape 3" perfektioniert hat. Das geht solange gut, wie innerhalb dieses Konzeptes Platz für Originalität und Kreativität bleibt. Aber es besteht gleichermaßen auch die Gefahr einer stilistischen Stagnation, da eben dieser spezielle Kosmos nicht beliebig erweiterbar ist, um in sich geschlossen und glaubwürdig zu bleiben. Was sich im ersten "Hoodtape" andeutet, ist die potenzielle Gefahr, an die Grenzen des eigenen Stils zu kommen. Das ginge wiederum fast zwangsweise einher mit einem hohen Anteil von Selbstzitaten und Wiederholungen. Die Frage nach der Halbwertszeit des Konzeptes stellt sich zunehmend verbindlich und auf die Frage, wie dieses Dilemma aufzulösen wäre, bietet das erste "Hoodtape", bei aller Qualität, leider keine Antwort.


(Philipp_)



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