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Review: Kollegah – Zuhältertape 3

veröffentlicht: Freitag, 25.12.2009, 18:43 Uhr
Autor: Philipp_





01. Intro
02. Endlösung
03. Millennium
04. Westside
05. Rotlichtmassaker
feat. SunDiego
06. Hoodtales I
07. Lovesong Reloaded
08. Zuhälterrap
09. Amsterdam
10. Hoodtales II
11. Selfmade Kings
feat. Favorite
12. 180 Grad
13. Angeberprollrap 2
14. Hiroshima
15. Fahrenheit
16. Hoodtales III
17. Internationaler Player
18. Outro


"In this country, you gotta make the money first. Then when you get the money, you get the power. Then when you get the power, then you get the women": Das Motto von Tony Montana in "Scarface" und eine passende Überschrift für das dritte "Zuhältertape". Nach dem Selfmade-Labelsampler und dem Collabo-Album "Jung, brutal, gutaussehend" hatte eigentlich niemand mehr mit einem dritten Release des selbsternannten "Boss der Bosse" gerechnet. Es kam anders und trotz Feature-Absagen, verzögertem Releasetermin und neuartiger Vertriebswege hat der dritte Teil noch das Licht der Welt erblickt.

Thematisch steht das dritte "Zuhältertape" klar in der Tradition der Vorgänger: Achtzehn Songs im typischen Zuhälterrap-Stil, von Kriminaldelikten, Drogenhandel und Prostitution handelnd. Das Motto: "Ehrliches Geld ist wie dieser 'Wind of Change'-Song %uFFFD darauf wird gepfiffen" ("Millennium"). Prollhaft in der Attitüde, aber jederzeit ironisch durchsetzt und durch Sprachspielerein aufgelockert. Die Punchline-Dichte dabei nach wie vor unerreicht im deutschen Rapzirkus:

"Deine Ma', sie war Angestellte des Monats in meinem Rotlichtbordell/
Doch sie war wie Winnie Pooh: Bei der Arbeit hatte die Hoe nich' zu essen/
Also echt unverschämt, das kann ja wohl nich' angehn/
Wie'n Elektrogerät, wenn die Steckdose fehlt/
Und jetzt liegt sie vor mir und ihr Körper is' leblos denn/
Das hat sich bei der Arbeit nich' gehört, so wie Beethoven/
"
("Angeberprollrap 2")

Wenn Kollegah im so kurzen wie mittelmäßigen Intro den Zuhälterrap als Berichterstattung charakterisiert, so ist damit die Grundstilistik des Tapes bereits treffend beschrieben. Echte Themen gibt es keine, braucht es auch nicht. Mehr als Statusgeprale, Gewalt und Zuhälterei gibt diese Welt nicht her und wenn Kollegah im Vorfeld davon sprach, dass es auf "ZHT 3" "in jedem Track um das Gleiche geht", so ist dies durchaus wörtlich zu nehmen. Das war auf dem mäßigen "Jung, brutal, gutaussehend" nicht anders, nur um Einiges weniger eloquent und sprachgewaltig. Auf "ZHT 3" folgt die definitive Wiedergutmachung. Eines von vielen möglichen Beispielen ist "Internationaler Player":

"Lad' die Vollautomatik, komm' auf die Party in Giorgio Armani/
Fahr' nach nur ner Viertelstunde davon im Ferrari/
Deine besoffene Ma', die ist voll mitgefahren/
Wie der unberührte Dschungel/
"

Die wahnwitzigen Vergleiche der früheren Alben und Tapes sind auch auf "ZHT 3" reichlich vorhanden und von im deutschen Rap selten gewordenem Sprachwitz. Im Vergleich zu "Kollegah" fallen die Vergleiche und Wortspiele nochmals ein Stück komplexer aus. Das geht von gewohnt souveränen Seitenhieben ("Wenn Rapper mich sehen, dann laufen sie vor Schreck %uFFFD wie dieser sprechende Esel", "Amsterdam") über aberwitzige Wortverdrehungen ("Du hast sächsischen Dialekt, der Boss nicht: Er hat sechs Ischen, die er leckt" auf "Hoodtales II") bis hin zu popkulturellen Anspielungen ("Frauen mit Armreifen, Ohrringen und Ketten, die brillantbesetzt sind, wie dieser Clown in 'The Dark Knight'", "Zuhälterrap"). Im Grunde ist der gesamte Stil nochmals wortreicher und vielschichtiger geworden, was es beinahe unmöglich macht, ohne mehrmaliges Hören dem Sprachgehalt gerecht zu werden. Das ist leider zu einem gewissen Teil auch dem mäßigen Mixing zu verdanken.

Technisch ist wieder alles im alten Stil. Ob Flows, Vergleiche, Doubletimes, Wortspiele, Übertreibungen %uFFFD auf souveräne Art und Weise fährt Kollegah das komplette Spektrum sprachlicher Finessen auf. Die angenehm-sympathische Brechung des expliziten Inhalts bleibt dabei jederzeit erhalten. Die "Hoodtales"-Trilogie erzählt beispielsweise in chronistischem Anstrich aus dem Leben des Zuhälters Toni: Da werden Polizisten vermöbelt (Teil 1), Töchter geschwängert (Teil 2) und auch mal ohne schlechtes Gewissen Eltern überfahren (Teil 3). Storytelling der anderen Art, das nicht ansatzweise ernst genommen werden will, aber dafür umso mehr Spaß macht.

Ironischerweise ist der Track mit dem plakativsten Titel ("Zuhälterrap") der einzige, der die unablässigen Punchlines-Exzesse emotional unterwandert. Angelehnt an "Rauch" vom "Boss der Bosse"-Tape und untermalt von einem großartigen Beat von Hookbeatz & Cristal, spiegelt der Track einprägsam jene melancholische Verlorenheit wieder, die schon "Sommer" und "Herbst" veredelte:

"Und die Jahre geh'n ins Land wie ein Immigrant/
Ich sitz' abends auf dem Dach, zieh' am Blunt/
Bis ich irgendwann die Welt verlasse/
Ist noch 'ne Menge Geld zu machen/
"

Wenn das Leben nichts bereit hält außer unerbittliche Selbstbehauptung, warum sollte man dann noch eine aufgesetzte Sinnhaftigkeit hinein interpretieren? Oder steckt vielleicht wesentlich mehr Sinnhaftigkeit im Zuhälterrap-Genre, als man ihm zugestehen möchte? "Irgendwann hat alles Gute ein Ende %uFFFD das Leben ist 'ne Bitch und das ist Zuhälterrap" ("Zuhälterrap") rappt Kollegah und überrascht jedes Mal wieder durch die intelligente Nachdenklichkeit, die auf den wenigen, quer über die letzten Releases verstreuten deepen Tracks zum Tragen kommt. Im typischen Zuhälter-Tonfall geht es dann auch durch die verbleibenden Tracks, von denen die Drogenhymne "Amsterdam", das atmosphärische "Millennium" und "Internationaler Player" zu den Highlights eines qualitativ durchgehend hohen Mixtapes gehören. Von den Produzenten setzen SixJune, B-Case und Hookbeatz die Glanzpunkte. Rizbo steuert drei Beats mit hohem 80er-Flair bei. Vom Stil her sind es die typischen "Wohlfühl-Beats" (O-Ton Kollegah) geworden, eine Mischung der ersten beiden Tapes mit leichter Tendenz zu "Boss der Bosse". Da alle Beats exklusiv sind, kann auch kaum von einem Mixtape im klassischen Sinn gesprochen werden: "ZHT 3" ist ein vollwertiges und kohärentes Album.

Die inhaltliche und stilistische Geschlossenheit des Tapes bringt allerdings auch Probleme mit sich, zum Beispiel jenes der Kohärenz: Wenn Favorite in "Selfmade Kings" Kitty Kat dissen muss und SunDiego im unterhaltsamen "Rotlichtmassaker" mitsamt Zuhälter-Vokabular den Kollegah-Doppelgänger gibt, dann wirkt das schon wie ein Stilbruch. Stilistische Konsequenz geht in vielerlei Hinsicht mit thematischer Selbstbeschränkung und über die Maßen erschwerter sinnvoller Feature-Einbindung daher. Solange es Kollegah gelingt, sich in diesem Stil so sicher und technisch brillant zu bewegen wie er es in "Zuhältertape 3" praktiziert, solange funktioniert das Konzept. Noch. Denn beim Hören des Tapes wird allerdings auch deutlich: Die Zuhälter-Reihe ist mit dem dritten Teil definitiv abgeschlossen.

"ZHT 3" bündelt nochmals alle Stärken der beiden Vorgänger, ist nochmals ein gutes Stück eloquenter geraten und perfektioniert letztendlich den Zuhälterstyle. Der beste Tracks des Albums, "Zuhälterrap", könnte schon den Weg für die kommenden Veröffentlichungen weisen: Die Kombination des bisherigen, sprachtechnisch-perfektionistischen Stils mit mehr inhaltlicher und persönlicher Tiefe. "Ich habe da ein paar Pläne, wie ich meine nächsten Releases gestalte", gab Kollegah in einem Interview jüngst bekannt. "Da wird [sich] mehr über meine Person im Rap widerspiegeln, nicht nur das oberflächliche Zuhältergelaber, sondern auch mehr Persönliches." Damit ist der Abschluss der Zuhältertrilogie quasi besiegelt. Das "Zuhältertape 3" ist eine letzte, große künstlerische Selbstvergewisserung vor der kommenden inhaltlichen Neuorientierung. Als solche wird sie Bestand haben.


(Philipp_)



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