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Review: Kendrick Lamar – untitled unmastered.

veröffentlicht: Mittwoch, 23.03.2016, 14:51 Uhr
Autor: Sanchyes





01. untitled 01 08.19.2014
02. untitled 02 06.23.2014
03. untitled 03 05.28.2013
04. untitled 04 08.14.2014
05. untitled 05 09.21.2014
06. untitled 06 06.30.2014
07. untitled 07 2014 - 2016
08. untitled 08 09.06.2014


Rap ging schon immer mit gesunder Competition zwischen den Künstlern einher, weswegen es auch nicht verwunderlich ist, dass in HipHop-Communitys fast täglich Diskussionen darüber geführt werden, wer generations- und stilübergreifend der beste Rapper aller Zeiten ist. Namen, die dort typischerweise genannt werden, sind Tupac, Biggie, Eminem, Lil Wayne und seit kurzem auch Kendrick Lamar. Denn spätestens mit der Veröffentlichung von "To Pimp A Butterfly" etablierte sich der Kalifornier im Kreis der bedeutendsten MCs unserer Zeit. Nicht nur knackte er mit dem Langspieler binnen kürzester Zeit eigene Verkaufs- und Streamingrekorde, sondern strich ebenfalls hohes, universelles Lob von Kritikern ein und sorgte mit den Themen, die er auf diesem ansprach – die Probleme und Situation der schwarzen Bevölkerung – für viele Diskussionen. Jüngst weitete sich diese Erfolgswelle auch auf die Grammyverleihungen aus, bei denen er alle HipHop-Kategorien für sich entscheiden konnte und ebenfalls, wie zu erwarten, mit seinem dortigen Auftritt für Aufmerksamkeit sorgte: So gab es erneut Anspielungen auf die Sklaverei und einen Vergleich zwischen Afrika und Compton, der Heimatstadt des Künstlers, zu sehen. Bereits eingeschworene Fans von Kendrick durften sich auch über einen bis dato ungehörten Vers freuen, der sich zu den beiden anderen, lediglich live präsentieren Tracks aus den vergangenen Jahren einreihte. Diese drei wurden nun zusammen mit fünf weiteren Titeln als EP unter dem Namen "untitled unmastered." veröffentlicht – für Fans eigentlich ein Grund zur Freude, denn deren Wunsch nach Studioversionen der bereits bekannten Songs war groß. Doch mit einem Blick auf die Tracklist fällt auf, dass alle Tracks bis auf "untitled 07" zeitgleich mit dem Erfolgsalbum "To Pimp A Butterfly" entstanden sind. Handelt es sich hier wirklich um ein vollwertiges Kendrick-Release oder vielleicht nur um ein paar halbgare "TPAB"-Leftovers?

"What have you did for me?"
I fell to my knees, pulled out my resume
That dated back to June 17th, 1987
My paperwork was like a receipt
I was valedictorian, I was fearful of judgment
But confident I had glory in all my past endeavors
Close my eyes, pray to God that I live forever

(Kendrick Lamar auf "untitled 01")

Unsere Reise durch die neueste Veröffentlichung des Comptoners beginnt am 19. August 2014, denn genau an diesem Tag wurde dessen erster Track aufgenommen. Auf "untitled 01" erwartet den Hörer jede Menge stark religiös geprägte Metaphorik über den Verfall der Welt und einen möglichen nahenden Untergang. Besonders wird dieser Titel, wenn man ihn im Kontext von "good kid m.A.A.d city" betrachtet, dem Vorgänger von "To Pimp a Butterfly", auf welchem Kendrick seinen Weg vom Jugendlichen, gefangen zwischen der Armut und der Gangkriminalität amerikanischer Großstadtghettos, hin zu dem Rapper, der über den Glauben die Problembezirke überwinden konnte. Die Religiosität spielt neben dem Intro auch durch das Release hinweg immer wieder eine tragende Rolle – und das wesentlich dominanter, als sie es letztendlich auf "To Pimp a Butterfly" tat. Logischerweise kommt aber auch das eigentlich zentrale Thema von Lamars letztjährigem Erfolgslalbum, die systematische gesellschaftliche Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, vor. Vor allem "untitled 03", der mit Abstand älteste Track des Werks, welcher bereits live bei einer Ausgabe von The Colbert Report präsentiert wurde, setzt das Ganze stimmig um: In Kollaboration mit Anna Wise erzählt Kendrick eine Parabel, in der er Menschen verschiedener Herkunft um Rat bittet. Der weiße Mann gibt ihm hierbei einen eigennützigen Rat und will, dass der Rapper ihm sich verkauft – eine Idee, die später auf "Wesley's Theory" von "TPAB" eine wichtige Rolle spielt, wo der weiße Mann allerdings in Form der Kultfigur Uncle Sam auftritt. Auch andere Ideen und Konzepte von "untitled unmastered." wurden auf "To Pimp a Butterfly" in anderer Form umgesetzt: So erinnert "untitled 08" stark an "King Kunta" und die ständigen Pimp-Pimp-Hooray-Chants, die hier auf verschiedenen Titeln vorkommen, wirken wie ein Vorgänger der Gedichtsidee, die im letzten Jahr ihren Platz auf dem Langspieler fand.

What if I compromise? He said it don't even matter
You make a million or more, you living better than average
You losing your core following, gaining it all
He put a price on my talent, I hit the bank and withdraw

(Kendrick Lamar auf "untitled 03")

Dennoch sollte man sich von diesen vielleicht ernüchternd klingenden Worten nicht abschrecken lassen. Denn dass sich auf einem solchen Release viele der endgültigen Ideen von "To Pimp a Butterfly" finden, ist nur logisch. Und ja, "untitled 08" ist "King Kunta" wirklich ziemlich ähnlich, strahlt dabei aber einen derart mitreißenden positiven Vibe aus, dass man dies gerne vergisst. Hinzu kommt noch eine grandiose, einprägsame Hook, die einen noch tagelang unterbewusst "Blue Faces!" rufen lässt. Denn eins ist sicher: Zwar sind die oben genannten Konzepte auf anderen Werken bereits in besserer Form realisiert, das bedeutet aber keinesfalls, dass sie hier nicht ebenfalls stark umgesetzt wurden. Hinzu kommt eine fantastische, kunstvolle Instrumentierung, die durchweg jazzy klingt und sowohl mit poppigen Funk-Sounds spielt als auch Elemente aus den Bereichen Avantgarde- und Free-Jazz implementiert. Zudem präsentiert der Kalifornier auf "untitled unmastered." ebenfalls bislang ungesehene Facetten. Da ist zum Beispiel "untitled 02", ein für Lamar unüblicher Representer mit Lyrics über Geld, Frauen und seine Labelheimat TDE, der mit einem gewohnt jazzigen Instrumental beginnt, zum zweiten Vers hin aber in ein minimalistisches Drumset übergeht, auf welchem Kendrick fast schon gelangweilt klingende, trappige Flows zum besten gibt, die trotzdem oder möglicherweise erst deswegen fesselnd sind. Dann muss noch "untitled 07" Erwähnung finden, der längste Track des Releases und der einzige, der Material aus diesem Jahr enthält. Denn wie kein anderer verkörpert er den Titel "untitled unmastered.": Im Grunde genommen besteht dieser aus drei einzelnen Songs. Der erste sprüht vor Euphorie und behandelt das Glücksgefühl des Rappers über seine Erfolge; hieraus geht der zweite Part des Track hervor, auf dem Lamar einen selbstbewussten, battlelastigen Vers präsentiert, der an seinen legendären "Control"-Part erinnert, welcher die US-Szene einst aufwirbelte. Zum Schluss mündet das Ganze in eine Jamsession, in welcher der spätere Track "untitled 03" konzipiert wurde.

You niggas fear me like y'all fear God
You sound frantic, I hear panic in your voice
Just know the mechanics of making your choice and writin' your bars
Before you poke out your chest, loosen your bra
Before you step out of line and dance with the star
I could never end a career if it never start

(Kendrick Lamar auf "untitled 07")

Fazit:
"untitled unmastered." ist ein durchweg außerordentlich gelungenes Werk, dessen Nähe zu "To Pimp a Butterfly" nicht nur verständlich, sondern aufgrund der musikalischen Qualität auch keineswegs störend ist. Lyrisch bewegt sich Kendrick Lamar zwischen der ausgeprägten Religiosität von "good kid m.A.A.d city" und politischen Texten wie auf seinem letztjährigen Erfolgsalbum. Musikalisch überzeugt das Release durch die großartige jazzige Instrumentierung, die stimmige Umsetzung althergebrachter Stärken und das geschickte Einfügen einiger neuer Facetten.

Why so sad?
Walking around with them blue faces

(Kendrick Lamar auf "untitled 08")


(Sanchyes)



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