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Review: Kendrick Lamar – DAMN.

veröffentlicht: Sonntag, 16.04.2017, 20:40 Uhr
Autor: Cuttack





01. Blood.
02. DNA.
03. Yah.
04. Element.
05. Feel.
06. Loyality.
feat. Rihanna
07. Pride.
08. Humble.
09. Lust.
10. Love.
feat. Zacari
11. XXX. feat. U2
12. Fear.
13. God.
14. Duckworth.


New Kung Fu Kenny!
New Kung Fu Kenny!

(Kid Capri auf "YAH.")

Kid Capri stimmt die Worte mit der Autorität eines altgedienten Zirkusdirektors an, der sich darauf verlassen kann, dass die folgenden Ereignisse auf der Manege ein atemloses Publikum zurücklassen werden. Nach einem surrealen Vorspiel und dem furiosem Opener "D.N.A." röhrt die Stimme des legendären Bronx-DJs mehrmals zwei Sekunden durch einen luftleeren Raum, dann droppt ein Beat und der Vorhang öffnet sich. Eine ganze Szene hat sich Freitag auf den Rängen versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen, doch auch Schreiberlinge aus allen Kreisen der Musikindustrie und des Feuilletons sitzen gefesselt an den Seitenrängen. Und nach ein paar Sätzen tobt das Publikum: Cornrow Kenny liefert wieder. Doch statt konventionellen Showtricks, statt Nebel und Dampf, brennenden Ringen, pompösen Outfits und opulenten Lichtershows steht da ein unscheinbarer Mann im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein paar Schritte hinter ihm ein improvisierter Altar, unmittelbar vor ihm ein Mikrophon. Sein Name: Kendrick Lamar Duckworth. "DAMN.": ein Album über die Rolle von Spiritualiät und Religion im schwarzen Amerika. Gleichzeitig ist "Humble." letzte Woche auf Platz 2 der Billboard Hot 100 eingestiegen. Ein Conscious-MC. Ein Rapper, der im weißen Haus auftreten durfte. Und doch ein kommerzielles Schwergewicht. Eine der lautesten Stimmen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Einer der Anwärter auf den Titel des besten Rappers aller Zeiten. Ja, Cornrow Kenny liefert wieder.

Everything I do is to embrace y'all/
Everything I write is a damn eight ball/
Everything I touch is a damn gold mine/
Everything I say is from an angel/

(Kendrick Lamar auf "GOD.")

Um zunächst eines klarzustellen: Wir müssen ja vermutlich nicht darüber sprechen, dass das Album gut ist. Die eigentliche Frage, über die ganze Welt gerade unisono grübelt, ist viel mehr: Wie gut ist "DAMN."? Das Vorgängeralbum "To Pimp a Butterfly" liefert dahingehend immense Fußstapfen, in die es zu treten gilt. Denn inzwischen scheint sich die Szene tatsächlich einigermaßen einig darüber geworden zu sein, dass dieses Projekt auf dem Podest der besten HipHop-Alben der Dekade, ja vielleicht sogar aller Zeiten stehen darf. Konzeptuell, innovativ, hochbrisant, weitreichend politisch und fantastisch im Klang. Wohin bewegt man sich von hier? Und auch wenn sich bereits an Tag drei nach Release des Nachfolgers Texte über Texte in den Magazinen dieser Welt stapeln, die allesamt attestieren, dass Lamar definitiv ein weiteres großartiges Album geschaffen hat, ist der generelle Ton für die Musikpresse ungewohnt verhalten darüber, wie das Projekt im berüchtigten Big Picture einzuordnen ist. Das mag unter anderem daran liegen, dass es doch ein Stück schwerer zugänglich ist als sein Vorgänger. Erneut adressiert K.Dot eine Breitseite an Themen und baut dabei ein vielschichtiges Konzept um die Grundkomplexe auf. Es geht um Glauben, stellenweise um Rassismus und Darstellung seiner Community in den amerikanischen Gesellschaft, dann aber auch über weite Strecken um Themen wie Liebe, Treue und Angst. Dennoch lässt sich all dies in einem roten Faden verstehen. Dröseln wir das Projekt Stück für Stück auf:

I'm a Israelite, don't call me Black no mo'/
That word is only a color, it ain't facts no mo'/
My cousin called, my cousin Carl Duckworth/
Said know my worth/
And Deuteronomy say that we all been cursed/
I know he walks the Earth/
But it's money to get, bitches to hit, yah/
Zeroes to flip, temptation is, yah/

(Kendrick Lamar auf "YAH.")

Um zumindest eine zusammenfassende Interpretation zu wagen – ich verstehe das Album für meinen Teil folgendermaßen: "DAMN.“ ist eine Darstellung der postmodernen Konflikte. Der gravierendste schwelgt zwischen dem Individuum und dem Kollektiv. Genauer erklärt lässt sich dieser Gedankengang schon im Titel finden: "Damnation", also Verdammnis, beschreibt im Christentum die Strafe für die Sünden. Zentraler Punkt dieses Glaubens besteht also darin, benannter Sünden Herr zu werden und ein rechtschaffendes Leben zu führen (man betrachte hier besonders den zweiten Verse auf "Pride"). Vertraute Thematik für K.Dot, stellte die Ambiguität des guten Menschen in der verdorbenen Welt bereits auf seinem früheren Werk "Good Kid, M.a.a.d. City" eine zentrale Rolle dar. Doch dies sollte nicht missverstanden werden: Zwar ist dieser Konflikt ein Thema, das häufig und in verschiedenen Religionen behandelt wurde, es ist allerdings kein exklusiv religiöses Thema. So verwendet Kendrick die Religion hier unter anderem als beispielhafte Instanz, um Raum für das Gute in den Menschen zu schaffen, wodurch der Glaube aber fast in einen sich selbst entlarvenden Eskapismus mündet:

He said: "K-Dot, can you pray for me?/
It's been a fucked up day for me/
I know that you anointed, show me how to overcome."/
He was lookin' for some closure/
Hopin' I could bring him closer/
To the spiritual, my spirit do no better, but I told him/
"I can't sugarcoat the answer for you, this is how I feel:/
If somebody kill my son, that mean somebody gettin' killed."/

(Kendrick Lamar auf "XXX.")

Immer wieder kontrastiert er daraufhin Situationen, in denen das Individuum mit dem Kollektiv konfrontiert wird, ein Kollektiv wie es verschiedenster Natur sein könnte: So werden mehrfach die Umstände der schwarzen Bevölkerung thematisiert, sei es der Konflikt mit den amerikanischen Medien, sei es die Rettung in den Glauben oder die Abdrängung in die Bandenkriminalität. Im Wechselspiel zwischen benennender Ansprache und feinfühligem Storytelling zeichnet Lamar Bildnisse ab, wie der Einzelne in der amerikanischen Realität vom rechten Weg abkommen könnte, hält dabei aber nie einen predigenden Tonfall, sondern erkennt die Komplexität und Verworrenheit der Wirklichkeit an, wie sie ist. Und da das Leben in dieser soziokulturellen Momentaufnahme seiner Heimat noch nicht vielschichtig genug wäre, lässt er sich auf Tracks wie "Loyalty" den Raum, über den Stellenwert von Beziehungen zu reflektieren oder um auf Tracks wie "Humble., "Fear." und "Pride." seine eigenen Ängste und Versuchungen Revue passieren zu lassen. Unterm Strich ergibt sich ein immens breit gefächertes, stellenweise fast etwas überladenes Bild, das die Perspektive des Protagonisten der Voralben sehr logisch weiterführt und nach einer sprunghaften Narrative in einem Outro mündet, das – antithetisch zum Intro, das die Absurdität der Sterblichkeit in den Fokus gerückt hat – das Leben zelebriert und aufzeigt, wie trotz aller Versuchungen und Schwierigkeiten nicht nur das Schlechte in die "Damnation" führt, sondern auch die guten, rechtschaffenden Taten Früchte tragen werden, selbst, wenn diese nicht immer direkt ersichtlich sein mögen.

Musikalisch befindet sich das Tape auf einem interessanten Mittelgrund zwischen seinen beiden Vorgängern, die Produzentenrige um 9th Wonder, Alchemist, Mike Will Made it, Cardo und Badbadnotgood arbeitet oftmals minimalistisch, häufig werden Gesangspassagen und Soulsamples gegen harte, etwas elektronischer als üblich anmutende Oldschool-Drumloops kontrastiert, sodass sich immer wieder rohe, dreckige HipHop-Passagen und himmlische Gesangseinlagen zwischen klassischem Jazz und Alternative-RnB die Klinke geben. Auch dieser Kontrast ein gelungener Wink auf das Ambivalenzmotiv des Albums. Darüberhinaus schafft es die faszinierende Sampleauswahl, auch die typischen Oldschool-Passagen modern und zeitgemäß wirken zu lassen. Zwar kriegen wir unseren gewohnten Schlag Chops aus der Soul-Train-Ära der Sechziger und Siebziger, gleichzeitig befinden sich aber immer wieder akustische Neuinterpretationen von Indie- und Rocksongs der aktuellen Dekade auf dem Album. So basiert zum Beispiel "Feel." auf O.C. Smiths "Stormy" aus 1968, gleichzeitig verwertet es aber auch die Indie-Ballade "Don't let me down" von Fleurie, die erst 2016 erschienen ist. Darüber hinaus werden die Punknummer "Knock Knock Knock" von Ratboy aus 2015 und tatsächlich auch "24k Magic" von Bruno Mars gesamplet. Kein Scherz.

Tell me when destruction gonna be my fate/
Gonna be your fate, gonna be our faith/
Peace to the world, let it rotate/
Sex, money, murder—our DNA/

(Kendrick Lamar auf "D.N.A.")

Fazit:
"DAMN." erfüllt in Kendricks Diskographie eine andere Rolle als alle vorherigen Alben. Während er sich bislang Stück für Stück vorgearbeitet und mit jedem Album eine weitere Entwicklung seiner Musik aufgezeigt hatte, erreichte er mit "To Pimp a Butterfly" fürs Erste einen Zenit seines Schaffens. Das sage ich nun aber nicht, um den Nachfolger herunterzuspielen, sondern schlichtweg um die soziokulturelle und musikalische Wucht hinter dem Vorgänger zu betonen. Mit seinem Zenit hat er einen Punkt erreicht, einen Gipfel, von dem aus es absolut legitim ist, ihn als einen der Besten, wenn nicht sogar den besten seiner Generation zu bezeichnen. Nun zementiert er mit "DAMN." seinen Status und setzt einen Maßstab, den es für seine kontemporären Conscious-Rapper erst einmal anzustreben gilt. Das Album bringt die Energie, die Frustration in den typischen, vielschichtigen Gedankengängen, für die K.Dot gekannt und geliebt wird. Darüberhinaus weicht es etwas vom Jazz-Spirit des letzten Projekts zurück, um eine fast perfekt gespielte Darstellung von Oldschool-HipHop, perfekt subtil integrierten Trap-Nuancen und einer experimentierfreudigen Zeitgeistaffinität zu schaffen, die gerne auch als Normwert für aktuelle HipHop-Produktionen dienen kann. Insgesamt könnte dies ein Album darstellen, das für die Szene an sich relevanter sein könnte als für die eigene Diskographie: Denn im Vergleich zu bisherigen Projekten fühlt es sich doch ein wenig so an, als würde Kendrick einmal mehr seine Staples ausspielen, wodurch schlicht der Überraschungsmoment fehlt, um behaupten zu können, "DAMN." sei sein bestes Album bisher. Das ist es nämlich nicht. Doch am Ende des Tages könnte im Affenzirkus der Popmusik ein Projekt mit derartiger Vielschichtigkeit und Raffinesse genau das sein, was wir auf der Manege brauchen könnten. Immerhin hat der Comptoner nun mit "Humble." den größten Hit seiner Karriere in der Hand und die nächsten Wochen werden zeigen, ob wir vielleicht auch noch U2 oder Rihanna in den Top 10 begrüßen dürfen. Bis dahin bleibt zu sagen, dass "DAMN." definitiv eine der HipHop-Pflichtlektüren des Jahres darstellt und wir können mit Freude festhalten: Cornrow Kenny liefert wieder. Gott sei Dank.


(Yannik "Cuttack" Gölz)



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