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Review: Kay One – Der Junge von damals

veröffentlicht: Mittwoch, 05.10.2016, 13:21 Uhr
Autor: KDePa





01. Paff Paff Pass
02. Shake that
feat. Brandon Beal
03. Lookalikes
04. Der Junge von damals
05. Herr Reichert
06. Lederjacke
07. Das Öl wurde zu Blut
feat. Michelle Mendes
08. Believe feat. Faydee
09. Baller feat. Manuellsen
10. Beverly Hills feat. Michelle Mendes
11. Irgendwann feat. Michelle Mendes
12. Mile High Club
13. Unsterblich
feat. Philippe Heithier
14. GTA
15. Eingetauscht
feat. Michelle Mendes
16. One Day (feat. Faydee)
17. Dagobert Duck
18. Denkmal
feat. Michelle Mendes

Der Sommer neigt sich langsam dem Ende, die meisten Côte-d’Azur-Partys sind ausgefeiert und Belvedere-Flaschen geleert. Zeit für Kay One, aus dem Champagnerkoma aufzuwachen und ein neues Album zu releasen. Das letzte Werk "Jung genug um drauf zu scheißen" sollte weg vom Mainstream und poppigem Sound hin zu harten Flows führen, doch konnte dies nicht wirklich einhalten. Und auch noch 2016 verbinden die meisten Rapfans Kay eher mit mäßig erfolgreichen Casting-Shows im Privatfernsehen, medial ausgetragenen Rosenschlachten mit alten Freunden oder gesperrten Disstracks. Unter "Der Junge von damals" ließe sich nun also verstehen, dass vom Bodensee stammende Rapper wirklich einen erneuten Anlauf starten möchte, um uns wieder frech-witzigen Battle-Rap mit komplexen Flowvariationen zu servieren. Doch hören wir uns lieber an, wie viel "Junge von damals" Kay One heute noch zu sein vermag.

Zunächst ist doch alles wie gewohnt. Im Intro "Paff Paff Pass", in dem der Titel und ein Teil der Hook sich auf den jungen Kay zu Schulzeiten beziehen, geht es dann doch hauptsächlich nur um Klamotten, Geld, alkoholische Getränks, Geld, Frauen und Geld. Es wird "krass Cash" gemacht und danach "wie ein Reicher" gefeiert. Auch "Lederjacke", wo Kay One mit seinem Benz in Richtung Solarium braust oder sich mit Models trifft, schlägt in dieselbe Kerbe. Die meiste Zeit prahlt er nur so herum, vergleicht sich mit "Dagobert Duck", wobei keine Designermarke, kein Statussymbol ungenannt bleiben darf. Ein bisschen abwechslungsreicher gelingt ihm das auf "Herr Reichert", einer musikalischen Retourkutsche an den wohlhabenden Vater und einer Ex-Freundin aus Zeiten, als Kay noch nicht exorbitant verdiente und als Rapper erfolgreich, sondern ein mittelloser Junge vom Dorf war – alles nach dem Motto: "Wie du mir, so ich dir."
Wo das Album punkten kann, sind die Songs, die mit bass- und synthielastigen Beats überzeugen können. Dies ist, was Kay One schon früh als eines seiner Markenzeichen etablierte und was ihm liegt: clubtaugliche Banger mit prolliger Attitüde und bodenloser Arroganz schreiben. "Lookalikes" und "Miles High Club" drehen sich wieder rund um Partys, Luxus und "Bitches", die Kay allesamt zu Füßen liegen. Kays Eingeständnis, er wisse "selber nicht, was die erste Strophe mit der Hook zu tun hat", kann man hier – immerhin ist es wahrscheinlich nicht einfach, sich gute Songkonzepte auszudenken, wenn man zeitgleich in einer Flugzeugkabine in über einer nautischen Meile über der Erde fliegend Geschlechtsverkehr genießt – noch einmal durchgehen lassen. Das gilt leider nicht uneingeschränkt für den Rest der Platte. "Shake that" sollte wohl auch etwas tanzbarer angelegt sein, doch kommt der Ami-Flavour mitsamt RnB-Hook von "Brandon Beal" etwas gezwungen und der Zeit hinterher rüber.

Reich und schön, Digga, ich bleib' ein Prototyp für diesen Lifestyle/
Jette nach Bangkok ins beste Hotel und den Nutten geb' ich im Jacuzzi ein' Highfive/
Du willst dabei sein? Kein Problem! Jede der Bitches ist eine 10/
In meinem Auto sitzt mein Emblem, so viel' Diamanten, die Zeit bleibt stehen/
(Kay One auf "Miles High Club")

Mama, du musst dir nie wieder Sorgen machen/
Schwarze Regenjacke an mit einem Porschewappen/
Kann es nicht in Worte fassen, Gott hat mich gesegnet/
Ohne mein Talent säß' ich wie ein Opfer heut im REWE/
(Kay One auf "Paff Paff Pass")

Auch ansonsten scheint die Feature-Wahl nicht so ganz gelungen zu sein. Allein Michelle Mendes, nach Philippe Heithier und Emory nun Hook-Sängerin No. 1, trällert gleich fünfmal eine solche ein. Bevorzugt handelt es sich dabei um die "deepen Hits" der Platte, die bei Kay-One-Alben niemals unterrepräsentiert sein dürfen und zumeist prototypisch mit melancholischem Piano eingeläutet werden. Was bis zu einem gewissen Grade an unter dem Label "Abwechslungsreichtum" durchgeht und auch bei Kay schon mal besser funktioniert hat, nimmt hier teilweise schizophrene Züge an. Natürlich bringt ein Leben mit vielen Affären gewisse Sehnsüchte nach verflossenen Beziehungen mit sich, die dann sporadisch durchblitzen können ("Irgendwann", "Eingetauscht") und freilich kann es auch vorkommen, dass man bei einem Leben voller Reichtum schließlich ab und an doch die alten Tage vermisst, an denen man noch für einen Nike-Pulli sparen muss, und "gern die Zeit zurückdrehen" ("Der Junge von damals") würde. Doch dass nach fünf Tracks voller materialistischer und empathieloser Phrasendrescherei auf "Das Öl wurde zu Blut" Machtgier, die für Kriege und Krisen auf der Welt verantwortlich gemacht werden, soziale Ungleichheit und Ignoranz angeprangert wird, wirkt einfach zu widersprüchlich, um nicht zu sagen heuchlerisch. Die Moralkeule verfehlt ihr Ziel und könnte dabei lieber dem Schwinger selbst auf den Fuß fallen. In dem Song wird so ziemlich jeder Krisenherd und alles Verderbliche abgeackert, sodass die Lines am Ende doch etwas zusammengewürfelt wirken. Denn es muss ja schließlich Platz geschaffen werden, um sich wieder Themen wie "Beverly Hills" zuwenden zu können, wo Michelle zu einem poppigen Instrumental die nächste Hook liefern darf.

Abgelenkt durch die Werbespots, Instagram, Snapchat/
Gehirnwäsche durch die Medien, das Internet lässt/
Uns keine Zeit zum Schlafen, wir sind nur beschäftigt mit dem Müll/
Während die Mächtigen nur Waffen bau'n und Frau'n und Kinder kill'n/
(Kay One auf "Das Öl wurde zu Blut")

Ein Highlight der Platte ist "Baller" mit Manuellsen. Dieser kontrastiert Kay hinsichtlich Flow und Stimmfarbe, sodass beide zusammen ein gelungenes Duo auf einem Beat, der an BMW-Zeiten erinnert, bilden. Kay spuckt zu einem progressiven Instrumental rotzige Punchlines ins Mic und bekommt mal wieder das Gefühl, stilechten, schnörkellosen Rap zu hören. Dass Kay Potential hat, zeigt er nicht nur in den Passagen, wo seine technischen Skills voll zur Entfaltung kommen können. Auch die poppige Schiene kann der gebürtige Friedrichshafener fahren und kreiert auf "Believe" zusammen mit gelungenen Gesangparts von Faydee und sauber ausproduziertem Beat ein Justin-Bieber-ähnliches Soundbild.
Doch zu oft kommen einfach wenig durchdachte Lines, kitschige, uninnovative, platte oder viel zu protzige Zeilen vor, die dafür Humor oder besonderes Charisma vermissen lassen. Schließlich macht sich auch nicht beliebter, wer REWE-Kassierer als "Opfer" bezeichnet.

Fazit:
"Der Junge von damals" ist ein Kay-One-Album, wie man es gewohnt ist. Neben Party-Tracks, welche wie immer eine tragende Rolle spielen, kommt der obligatorische Kopf-Hoch-Song, Songs an die Ex, an den verstorbenen Freund – und das alles nicht wirklich in neuen Gewändern. Für sich genommen können sogar viele der Songs überzeugen, nicht zuletzt, weil Kay an vielen Stellen zeigt, dass er raptechnisch auf allerhöchstem Niveau mitspielen kann. Doch dennoch bleibt da dieses Gefühl, dass auch mehr drin gewesen wäre: ein bisschen mehr Innovation, humorvolle Battle-Elemente oder Storytelling, dafür weniger Kitsch, undurchdachtes Aufzählen von Kleidermarken und von monetärem Denken durchtränktes Geprotze. Vielleicht müssen es beim nächsten Album auch nicht wieder achtzehn Anspielstationen sein und Kay One kehrt etwas mehr den Jungen von damals raus. Denn der wusste, wie man neue innovative Bars ins Rapspiel einbringt.


Maximilian Lippert





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