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Review: Kay One – Kenneth allein zu Haus

veröffentlicht: Donnerstag, 24.06.2010, 14:15 Uhr
Autor: Phukkin





01. Intro
02. Kenneth allein zu Haus
03. Sexy Teens
04. Irgendwann
05. Style & das Geld
feat. Sonny Black
06. Verzeih mir feat. Philippe Heithier
07. So allein
08. Bis die Polizei kommt feat. Frauenarzt
09. Tierheim Skit
10. Ich brech die Herzen
11. Rockstar feat. Nyze & Benny Blanko
12. Bitte vergiss mich nicht feat. Philippe Heithier
13. Du fehlst mir feat. Bushido
14. Deine Zeit kommt feat. Fler
15. Ein guter Tag
16. Bushido
17. Noch zu lernen
18. Nichts ist für immer feat. Philippe Heithier
19. In Liebe, Dein Bruder
20. Nie vorbei feat. Philippe Heithier
21. Outro

Man kennt sie ja, diese Rapper, die eigentlich schon zu lange ihrem Handwerk nachgehen, um als Newcomer bezeichnet zu werden. Die MCs, die oft über Jahre hinweg zwar keine unbeschriebenen Blätter sind, jene aber scheinbar doch zuhauf in ihrem Reimbuch haben. Führt man sich einmal vor Augen, dass Kenneth Glöckler aka Kay One als 17-Jähriger zu Beginn des neuen Jahrtausends bereits beim Bunker unter Vertrag stand und dann durch den Umweg über Ekos German Dream bis an die Spitze der deutschen Labels zu ersguterjunge kam, ist es doch verwunderlich, dass man bis Mitte 2010 auf ein Debütalbum warten musste. Seit jeher unbestreitbar ist jedoch, dass der Herr Glöckler vom Bodensee rappen kann. Egal, ob Doubletimespittereien oder konventionelle Rap-Disziplinen wie Freestyle; Kay One kann das – da gibt's keine zwei Meinungen. Die Frage ist viel mehr, ob der Schützling des wohl erfolgreichsten deutschen Rappers überhaupt von seinen Fähigkeiten Gebrauch machen möchte. Ist "Kenneth allein zu Haus" ein Skill-Manifest geworden oder lediglich eine kommerzielle Gewinnspannenerweiterung von Papa Anis' Labelbilanz? Und warum ist der gute Kenneth überhaupt allein zu Haus?

Die letzte Frage ist schnell geklärt: Wie in einigen Skits beschrieben wird, muss Hauseigentümer Bushido kurzfristig weg und überlässt Hitzkopf Kay die Luxusbude. Erwartungsgemäß hält sich ein Lebemann von dessen Format natürlich nicht an Regeln und Pflichten, sondern haut ordentlich auf die Kacke und baut eine ebensolche nach der anderen. Das ist eigentlich genauso lustig und unterhaltsam, wie es sich anhört, für die konkreten musikalischen Inhalte der Platte aber kaum relevant. Diese hingegen lassen sich problemlos in zwei Subkategorien einteilen: Auf der einen Seite macht Kay One prollige, asoziale Rüpel-, Sex- und Partysongs, auf der anderen Seite mimt er den reflektierenden Denker.

Erstere sind im Prinzip recht unterhaltsam und fetentauglich, wenn auch nicht sonderlich innovativ. Klar kann man als ersguterjunge-Rapper auf den ohnehin auf der Überholspur fahrenden Atzen-Zug aufspringen und mit "Bis die Polizei kommt" in Kollaboration mit Frauenarzt einen weiteren Elektro-Rap-Schlüpferstürmer bringen, der nach dem x-ten Longdrink zum Mitgrölen animiert. Wieso denn auch nicht unter den Fittichen des großen, hier für den Refrain zuständigen Sonny Blacks auf "Style & das Geld" dem verführerischen Materialismus huldigen und Bitches, Markenklamotten oder Bonzenuhren gleichermaßen zelebrieren, wie Bildung oder Jura-Studenten als schwul bezeichnen? Das geht noch alles klar. Aber wenn uns unser sturmfrei habender Frauenheld, der ja mittlerweile auch schon fast 26 ist, über seine Vorliebe für "Sexy Teens" aufklärt, darf man das dann doch irgendwo auch ein wenig unangenehm infantil finden. Der 14-jährige HipHop-Bravo-Abonnent kann einen solchen Fetisch vielleicht noch eher nachvollziehen. Da wir hier jedoch rappers.in sind und nicht pubertäts.in, können wir solche Zeilen dann doch irgendwo anprangern beziehungsweise peinlich lächerlich finden:

"Midlifecrisis, eine Milf, sie ist achtunddreißig/
Und sie denkt, sie ist echt so süß/
Doch ich steh’ auf sexy Teens/
Fresh und clean, explosiv/
"

Doch zwischen all den besamten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, den unzähligen Leberschändungen und pompösen Selbstinszenierungen mit teuren Autos und adretter Kleidung macht sich Kay One auch Gedanken über das Leben. Lieder wie "So allein", auf dem er Emotionen der Einsamkeit, Trauer und Enttäuschung beschreibt, funktionieren durchaus und klingen ehrlich und unaufgesetzt. Auch die Sauftour auf "Ein guter Tag", die dem Vergessen aller Probleme dienen soll, ist nachvollziehbar und authentisch:

"Saufe Jack, ich saufe Gin, brauch' 'nen Drink/
Ich scheiß' heut drauf, wie blau ich bin/
Zu Hause sind die scheiß Probleme, Alkohol lässt mich vergessen/
Alkohol, da steckt der Teufel drin, und jetzt bin ich besessen/
"

Leider ist diese Formel nicht auf den Großteil der restlichen Tracks anwendbar. Meist erzählt Kay One nichts, was nicht schon etliche Male an anderer Stelle breitgetreten wurde. Obligatorische Ex-Freundinnensongs wechseln sich ab mit oberflächlichen "Scheiß drauf, wir hatten Spaß"-Gedanken ("Irgendwann"). Absolut unerträglich kitschig und schmalzig sind die vier Songs, auf denen Ex-DSDS-ähm-"Star" Philippe Heithier den Refrain trällern darf. Selten konnte man bei einem Rapper auf derart widerliche Weise ein sich der präpubertären Fraktion kleiner Mädchen Anbiedern beobachten. "Bitte vergiss mich nicht" klingt tatsächlich als wäre Oli.P mit Yvonne Catterfeld in der Gesangskabine gewesen.

Abgesehen von solch nach Bohlen-Pop klingenden Schmachtfetzen ist die akustische Sounduntermalung, für die hauptsächlich Beatzarre und Djorkaeff verantwortlich sind, zwar grundsolide, hört sich jedoch kein Stück anders an als die von früheren ersguterjunge-Releases.

Nein, "Kenneth allein zu Haus" ist wahrhaftig nicht das Debütalbum geworden, das Kay One aus raptechnischer Sicht hätte machen können. Auf eine wahre Kostprobe seiner Fähigkeiten als MC im Albumformat muss man weiterhin warten. Aufgrund eines gewissen Unterhaltungswertes kann man zwar nicht von einem Totalausfall sprechen, muss aber dennoch feststellen, dass Businessplan und Marketinganalysen hier über ernsthafte Rapambitionen und Liebe zum Sprechgesang gesiegt haben; zu ausgetüftelt wirkt der bunte Mix aus aktuellen Trends und die konsequent betriebene Häkchenpolitik im Hinblick auf das Nachfrageverhalten der Generation Spaß- und Prollraphörer. Im Outroskit wird Kay One von Bushido zur Rechenschaft gezogen, weil "Kenneth allein zu Haus" alles gemacht hat, nur das nicht, was angebracht war, und flüchtet dann zum Bodensee. Diese Anschuldigung trifft – wenn auch in anderem Zusammenhang – sehr gut das Resultat von Kays Arbeit an "Kenneth allein zu Haus". Vielleicht sollte er tatsächlich mal wieder eine gewisse Zeit lang in den ruhigen Süden zurück und über Missetaten und sein zweifellos vorhandenes Potential nachdenken.


Phukkin (Benni Wannenmacher)



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