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Review: Kamikazes – Kleiner Vogel

veröffentlicht: Montag, 05.05.2014, 14:02 Uhr
Autor: GameofMo





01. Kleiner Vogel
02. Nix muss
feat. Prezident
03. Fallen Summer
04. Schlüsselreize
05. Mythos
06. Antagonist
07. Folie a deux
08. Cousine des Todes
09. Origami Flip
feat. Prezident
10. Grandhotel Abgrund
11. Schneckenhaus


Jeder kennt diese Tage, an denen alles schief zu laufen scheint, an denen einem die Welt so zusetzt, dass man tief versunken durch die Straßen läuft, im Bus sitzt und pessimistisch durchs Fenster blickt. Der Deutschrap-Fan packt die Kopfhörer aus und sucht sich die richtige Hintergrundmusik für die gerade vorherrschende Stimmung. Es sollte kein Problem sein, etwas zu finden – vor allem, wenn man über die Grenzen des mittlerweile bekannten Teils der Szene hinausblickt und sich einem vielversprechenden Geheimtipp zuwendet. Album ausgewählt, ersten Track ausgewählt, los geht's: "Kamikazes – zurück aus der Versenkung" (Mythos auf "Kleiner Vogel").

"Kannst du mich verstehen, so nenn' ich dich bewandert/
Am Kap der gut gemeinten Ratschläge gestrandet/
Und ab geht der Weg zu Fuß in den Norden/
Wir leben von Pulverträumen und Lebkuchenworten/
"
(Mythos auf "Kleiner Vogel")

Wenn dieser erste Beat einsetzt, das Kopfnicken fast zeitgleich beginnt und die beiden Brüder Mythos und Antagonist loslegen, merkt der Hörer sofort, dass sich die Musik der beiden radikal von dem unterscheidet, was den aktuellen Deutschrap-Hype genießt. Man wird praktisch hineingesogen in die düstere Welt der beiden Whiskeyrap-Künstler. Die Kamikazes-Attitüde, ihre Außenseiterrolle und ihre Anti-Haltung nehmen den Hörer praktisch unmittelbar gefangen und durchziehen inhaltlich konsequent die elf Tracks starke Platte. Die beiden verzichten auf Thementracks oder Konzeptsongs, scheinen eher darauf zu setzen, ein Gesamtwerk zu schaffen, das als Ganzes funktioniert. Auf inhaltlicher Ebene gelingt ihnen dies zweifelsfrei. Jeder der Anspielpunkte steuert einen Teil bei und beleuchtet ein neues Detail der Weltsicht der Künstler, die keinen Hehl aus ihrer Haltung machen. Was genau diese denn ist oder worum es ihnen inhaltlich auf einem Track im Detail geht, verschließt sich dem Hörer manchmal noch nach längerer Auseinandersetzung mit diesem. Es ist ein Album, das Zeit bei der Rezeption braucht. Diese inhaltliche Komplexität ist jedoch keinesfalls als Schwäche zu sehen, sondern viel mehr als Demonstration der Stärke der Kamikazes. Die sprachliche Gewandtheit zusammengebracht mit tiefgehender Reflexion über alles und jeden ist eine sehr eindrucksvolle Kombination. Und wenn man in ein paar Wochen oder Monaten beim Hören des Albums plötzlich eine Passage völlig neu deutet, dürfen das die beiden Interpreten als Kompliment verstehen.

"Antagonist, noch immer jung und stur/
Oberalbern, du und deine dumme Kunstfigur/
Vielleicht ist es nur 'ne Laune der Natur/
Dass ich im Dauerrausch noch tausend Meilen weiter bin als du/
"
(Antagonist auf "Antagonist")

Auch die Tatsache, dass die meisten der Produktionen durch die Kamikazes selbst entstanden sind, ist beeindruckend. Beeindruckend vor allem deshalb, weil die Beats so unglaublich ausgereift und fein durchdacht klingen, dass sie das Werk noch einmal deutlich stärker machen. Es sind diese Kopfnicker-Beats, die alle ihre eigene Note haben: Durch unterschiedliche Melodien und Tonfolgen, langgezogene atmosphärische Klänge oder variantenreiche Feinheiten bei den Drums stellen sie die größte Stärke des Albums dar. Sie entwerfen die ungemein düstere Atmosphäre, in der sich die Künstler inhaltlich bewegen, ihren kritischen Blick auf alles Mögliche richten und dann dazu ihre Meinung kundtun. Dies erfolgt so, dass man ihnen einfach abkauft, was sie sagen und keine der Zeilen für inhaltslos hält. Ohne die Beats würde dieses Konzept auf keinen Fall funktionieren, die kreierte Stimmung ist essenziell, damit die Lyrics ihre volle Wirkung entfalten. Zudem haben sie einen weiteren Vorteil. Denn grundsätzlich ist das Album aufgrund der inhaltlichen Komplexität alles andere als geeignet zum Nebenbeihören, aber dank des musikalischen Reizes, den die Beats ausüben, ergibt sich eben doch diese zweite Art, das Werk genießen zu können: einfach als Hintergrund-Musik, während man den Blick schweifen lässt, sich gar nicht auf den Text konzentriert und sich den eigenen Gedanken widmet. Auch die regelmäßig eingebauten Cuts fügen sich gut ins Klangbild ein, welches aufs Wesentliche konzentriert, zugleich jedoch nie simpel oder eintönig wirkt. Das nächste Lob verdienen sich Mythos und Antagonist damit, dass sie es schaffen, die inhaltliche Vertracktheit so zu verbauen, dass Flow und Technik allgemein nicht darunter leiden. Es ist natürlich kein auf Reimketten und Doubletime-Passagen ausgelegter Technikrap, doch die inhaltlich komplexe Struktur wurde mithilfe von durchaus anspruchsvollen technischen Mitteln umgesetzt. Der Flow ist sehr abwechslungsreich, zugeschnitten auf die Beats – vermutlich einer der Vorteile, wenn man für beides, Produktion und Rap, verantwortlich ist. So überzeugen sie bei geringerer BPM-Zahl ebenso wie auf etwas mehr nach vorne gehenden Nummern. Die geschaffene Atmosphäre wird also gekonnt unterstrichen und weiter gefestigt. Als einziger Featuregast fungiert auf diesem Album Prezident, das Oberhaupt ihrer musikalischen Heimat Whiskeyrap. Die langjährige Zusammenarbeit merkt man den Künstlern insofern an, als dass sich die Gastparts perfekt ins Gesamtbild einfügen. Es ist eben ein Whiskeyrap-typisches Release, verkopft und trotzdem musikalisch sehr ausgreift – und auf ein solches passt Prezident natürlich wunderbar. Was an dieser Stelle betont werden muss, ist, dass sich die Kamikazes in keinster Weise hinter Prezident verstecken müssen. Sie bleiben nicht hinter ihm zurück, die zusammen berappten Tracks sind Arbeiten von Künstlern auf Augenhöhe.

"Mein gutes Kind, dein Wichsvertrag gilt hier nicht gerad als Ritterschlag/
Mach dein' Diener und dann zisch schon ab/
In Richtung Ruhmeshalle, in Richtung Ruhekissen/
'Kleiner Vogel' heißt, den Wahnsinn in die gute Stube bitten/
"
(Antagonist auf "Origami Flip")

Fazit:
Mit "Kleiner Vogel" haben uns die Kamikazes etwas geliefert, das in der großen Rap-Landschaft enorm positiv hervorsticht. Das Release ist ein Gesamtkunstwerk, dessen große Stärke entgegen der Erwartung nicht nur im Lyrischen liegt, sondern auch im Musikalischen, sprich: vor allem in den Beats. Da sie sich auch in technischer Hinsicht nicht zu verstecken brauchen, kann man nicht anders, als jedem dieses Release ans Herz zu legen, der bereit ist, sich auf diese Reise einzulassen. Es bleibt natürlich eine Nische, welche die beiden besetzen, aber ein Ausflug in diese wird definitiv belohnt werden. Das Einzige, was dem Album fehlt, ist dieser eine Wow-Effekt, damit das Album auch in Jahren noch in Erinnerung behalten wird. Diesen kleinen Funken vermisse ich noch. Aber vom Hören von "Kleiner Vogel" ausgehend, halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass die Kamikazes irgendwann einmal mit einem solchen Album um die Ecke kommen werden.


(GameofMo)



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