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Review: Kaas – Zucker

veröffentlicht: Dienstag, 27.02.2018, 17:19 Uhr
Autor: KDePa





01. König in der Disko
02. Gift
03. Der Pastor
04. Maskenball
05. Gute Nachrichten


Als Kaas im Sommer 2016 zusammen mit dem Produzentenduo Jugglerz seine Jamaica-EP veröffentlichte, waren rund fünf Jahre vergangen gewesen, als der Paradiesvogel der ohnehin schon bunten Orsons seine Fans mit einem ebenso experimentellen wie ausgereiften Mix aus Reggae, Dancehall und HipHop überraschte. Nun sind es hingegen gerade einmal anderthalb Jahre und mit "Zucker" steht bereits die nächste Veröffentlichung des Hooligan of Love bereit, wobei es sich auch hier erneut um eine EP mit verhältnismäßig kurzer Spielzeit handelt. Auf fünf Songs verlässt Kaas nicht nur thematisch die sonnigen Strände und staubigen Straßen der Karibikinsel, sondern möchte auch musikalisch in neue Gefilde aufbrechen.

Wie es der Name der EP suggeriert, geht es um die süßen Versuchungen des Lebens. Dabei zeigt sich der Reutlinger Rapper, der in der Vergangenheit oft mit klamaukiger Attitüde auffiel, von einer ungewohnt ernsten und persönlichen Seite. Der Eingang in die Platte erfolgt mit "König in der Disko", einer Cover-Version des Songs "Sukkel Voor De Liefde" der niederländischen HipHop-Combo The Opposites, die sich textlich nahe an der Vorlage orientiert und mit melancholischen Gitarrensounds beginnt. Zu diesen zeichnet Kaas das Bild eines Nachhausewegs nach einer langen durchtanzten und durchzechten Nacht, auf dem die zuvor unterdrückten und betäubten Gefühle wieder durchbrechen. Zu rockigen Riffs besingt der "Verlierer in der Liebe" sowie "König in der Diskothek" das Schwanken zwischen wechselnden kurzlebigen Frauenbekanntschaften und der Trauer um die verflossene Ex-Freundin. Motivisch knüpft der Folgesong "Gift" unmittelbar an den Opener an und thematisiert das Glücksstreben der Menschen. Jeder suche sich im Alltag sein persönliches Gift, etwa die Flucht in Bücher, das Zocken mit Bitcoins oder etwa eigenes Kunstschaffen. Zentral ist auf dem Track jedoch die toxische, weil sinnbetäubende und berauschende Liebe.

Das schwarze Loch in meiner Seele lässt mich leer sein/
Deswegen tauch' ich nachts in das Partymeer ein/
Voller Stolz, mit stolzer Brust/
Ich vermiss dich nicht, miss dich nicht, miss dich nicht/
Mit jedem Schritt, den ich geh, denke ich an dich/
Doch du blickst es nicht, blickst es nicht

(Kaas auf "König in der Disko")

In der Mitte der Platte steht der längste, sperrigste und sicherlich auch interessanteste Song auf "Zucker". Schummrig-dunkle Synthies bauen zu Beginn von "Der Pastor" eine bedrohliche Atmosphäre auf, woraufhin sich in zwei Parts eine nicht gänzlich durchschaubare Dreieckskonstellation zwischen dem sprechenden Ich, einem angesprochenen Du sowie der dubiosen Figur eben jenes Pastors entfaltet, deren Zusammenhang mit Bridge, Hook und Outro sich erneut nicht ganz eindeutig zu erschließen vermag. Im Ganzen geht es um das "Verderben" als allgegenwärtige Bedrohung sowie als Folge von Sünde und Hochmut. Hierbei bedient sich der Rapper nicht nur einiger theologischer aufgeladener Motive, sondern wechselt zwischen Gesang und hysterischem Schreien sowie zwischen lakonischer und pathetischer Stimmlage hin und her. Wie schon im Opener der Platte setzt sich Kaas im Kontext von Sündhaftigkeit auch mit den Gefahren und Schattenseiten des Künstlerdaseins auseinander.
"Maskenball", eine Werbung um eine begehrte Frau, welche sich trotz Maskierung vom Rest der berappten Tanzgesellschaft abhebt, ist wiederum etwas weniger kryptisch, kommt Trap-lastig daher und überzeugt mit starkem Stimmeinsatz, der an einzelne Songs der Jamaica-EP erinnert. Und schließlich endet die musikalische Süßigkeit mit einem gewohnten Kaas-Song voller positiver Vibes und heiterer Stimmung, in dem er einem angesprochenen Du fröhlich-erleichtert "nur noch gute Nachrichten, nur noch gutes Karma" wünscht. Auch der Sound von "Gute Nachrichten" kommt dementsprechend lockerer daher und unterhält mit klanglichen 80er-Referenzen.

Die harten Zeiten sind vorbei, die dunkelste Phase ist die vor'm Sonnenaufgang/
Ein Hunderttausend-Kilo-Stein fällt dir vom Herzen direkt in den Ozean rein/
Alles wirkt hier immer leicht, die Herzen sind den Kindern gleich/
Wenn man in der Mitte teilt, wie Zugvögel folgen wir dem goldenen Schein

(Kaas auf "Gute Nachrichten")

Die Platte kommt mit wie schon die Vorgänger-EP mit einem eigenen Soundteppich daher und versteht sich sicherlich erneut als kurzes Experiment, auch wenn hier der Wiedererkennungs- sowie Eigenständigkeitswert nicht mehr ganz so groß ist. Thematisch sowie musikalisch zieht sich ein roter Faden durch die fünf Tracks. Die Beats sind eher elektronisch gehalten. Geprägt von kühlen Synthies, Drums und vielerlei Sound-Effekten, kommen sie zwar verspielt daher, doch treten an keiner Stelle in den Vordergrund. Den also eher ruhig gehaltenen Instrumentals, für die sich vor allem Produzent TrueLyes verantwortlich zeigt, begegnet Kaas mit passionierten Rap sowie viel melodischem und verzerrtem Gesang. Dabei schlagen seine Kreativität und die Vielfalt der Einflüsse aber stellenweise in ein überladenes Gesamtpaket um, das in manchen Momenten anstrengend und etwas wirr scheint. Lyrisch kann er mit einer bildreichen Sprache überzeugen, die jedoch manchmal auch Gefahr läuft, ins Kitschige oder in Phrasendrescherei abzurutschen.

Fazit:
Auch "Zucker" ist wieder einmal eine Absage des quirligen Rappers an Konventionalität, die sich dieses Mal weniger im Überschreiten von Genregrenzen manifestiert und vielmehr zum Ausprobieren neuer stilistischer Elemente führt. So ist der zumindest bis zum letzten Song durchgehaltene melancholisch und düster gehaltene Grundtenor für Kaas ebenso ungewohnt, wie er dennoch authentisch wirkt. Der Mix aus nachdenklichen Inhalten und synthetisch-poppigen Beats klingt eigen, doch durchaus interessant. Dabei ist vor allem die Balance zwischen alltäglichen und abstrakten Themen gelungen, auch wenn die Grenze zum Kitsch stellenweise überschritten wird. Das Konzept der kurzen EPs mit jeweiligen Stilausflügen birgt zumindest großen Unterhaltungswert und darf gerne mit einem in naher Zukunft erscheinenden Release fortgesetzt werden.


Maximilian Lippert



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