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Review: KC Rebell – Banger rebellieren (Limited Edition)

veröffentlicht: Dienstag, 28.05.2013, 22:40 Uhr
Autor: Die Robbe





01. Intro
02. Anhörung
03. Banger rebellieren
04. Kanax in Paris
feat. Farid Bang
05. Raprebellizzzy
06. Skit Freestyle
07. Weißt du noch
08. Größenwahn
feat. RAF Camora
09. Skit
10. Sky is the Limit
11. Entscheidung
12. Skit Traum
13. Alle Blicke auf uns
14. Falsche Schlangen
feat. Schwesta Ewa
15. Es tut mir Leid
16. Kopfkino
feat. Vega & PA Sports
17. Erst hassten sie

Bonus-Tracks:
18. 600Benz Remix
19. Morgen


Mehr als nur ein paar verwunderte Blicke erntete Hüseyin Köksecen alias KC Rebell, als er die Namensgebung seines damals neuen Langspielers "Rebellismus" damit begründete, dass es ein "kreativer Neologismus", seine "ganz eigene Rebellion" sei. Der 25-Jährige wurde kürzlich von Farid Bang für dessen Label "Banger Musik" angeworben. Und der begnadete Rebell ließ sich anlässlich des Signings einen loyalen Titel für sein neues Album einfallen: "Banger rebellieren". So konnte der rebellische Banger ein weiteres Mal verdutzte Blicke auf sich ziehen. Und der Chef-Banger im Pushwersweater? Er muss ein schmackhaftes Angebot unterbreitet haben; hätte KC Rebell durch seinen Bekanntheitsgrad doch auch ein eigenes Label gründen können. Ausschlaggebend, den Essener zu signen, könnte neben dem Money Boy-Diss der vor einem Jahr publizierte Track "Rotblaues Licht" gewesen sein. Hier ermahnte Farid Bangs Neuzugang noch einen semi-interessierten Greis, seine Tochter vor dem Strich und seinen Sohn vor der Staatsgewalt zu bewahren. Auf seinem neuen Album muss sich KC Rebell auf dem autobiografischen Track "Anhörung", der auch visuell verewigt wurde, selbst vor Gericht verantworten. Die martialisch vorgetragenen Anklagepunkte lauten: Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Gewaltverherrlichung. Erklärungsversuche:

"'Stimmt es, dass man sagt, sie vergiften die Jugend?'/
Klischee! Ich nehme lediglich den Stift und ich blute/
[...]
'Man sagt, sie seien schwulenfeindlich, es wird so geredet'/
[...]
Rap-Rebell ist 100 Prozent Schwanz in die Scheide!/
"
(KC Rebell auf "Anhörung")

Einsam und allein und dennoch tapfer vertritt sich der angeklagte Hüseyin Köksecen und versucht, sich zu erklären. Linksautonome Gruppierungen könnten ihm Formulierungen wie die, dass man zu 100 Prozent auf Vaginal-Verkehr aus sei, allerdings übel nehmen. Aber soweit wollen wir es nicht kommen lassen und auch "Mr. Louis Vuitton" weiß sich zum Ende der Verhandlung zu helfen und verweigert das richterliche Urteil, indem er Gott zum alleinigen Henker erklärt. Ob es seine sprachlichen Fertigkeiten nicht zugelassen haben oder er es tatsächlich darauf abgesehen hat, einfältig zu klingen, ist einerlei: Bei einer derartigen Inszenierung sollten die Argumente zumindest überzeugend sein. Deshalb suggeriert "Anhörung" vor allem eines: Hüseyin Köksecen weiß leider kaum, wovon er spricht. Nachdem sich der Essener erfolgreich in Opfer-Rhetorik und ichbezogenen Jubeleinlagen wähnte, ist es an der Zeit, dass "Banger rebellieren". Dazu ist Label-Oberhaupt Farid Bang eingeladen worden, der – wen wundert's? – auf "Kanax in Paris" mehrdeutige Wortspiele und versteckte Sticheleien gegen Berliner Untergrundgrößen in petto hat. Der Rebell fügt dem Ganzen wenig zusammenhängende Zeilen hinzu; ich kann mich nur noch an "Rebell", "Sperma in dein Maul" und Vergleiche erinnern, die sich nach dem ersten Mal hören aufgebraucht haben. Wahrhaftig real gebärdet er sich auf "Skit Freestyle": KC Rebell einigt sich mit seinem Produzenten nach einem kurzen Zwiegespräch zwischen Aufnahmekabine und Mischpult darauf, "Skit Freestyle" zunächst vollkommen ohne Beat einzuspielen. Außerdem verspricht er, dass dies kein Ghetto-Lied sei, nur um nach einer Minute von Folter und Mord zu sprechen – das ist KC Rebells gewöhnungsbedürftige, ungewollte Unberechenbarkeit. An der Idee ist grundsätzlich nichts auszusetzen, hätte man es nicht für jeden Hobby-Producer ersichtlich gemacht, dass hier getrickst wurde. Peu à peu lässt Produzent Juh-Dee Bass, Melodie, Kick, Snare, Clap und Dubstep-Elemente einfließen und gibt so eine von Realness behaftete Freestyle-Session vor, die natürlich keine ist. Zerschmetternde Hi-Hats, drückend-klatschende Claps sowie latent verbrauchte Synthies und solide Dubstep-Einflüsse tragen sehr zu einem Soundbild bei, das man gefühlsmäßig bereits etliche Male von seinen Kollegen und Anhängern des asphaltierten Raps gehört hat. Wirklich durch und durch gelungen ist die Hook auf "Größenwahn", die eher RAF 3.0 als RAF Camora zuzuschreiben ist. Doch wir haben ja noch unseren Rebellen! Der versorgt uns wieder mal mit einer textlichen Rarität, die keiner weiteren Umschreibung bedarf:

"Spurte, wenn du uns in der Hood siehst, 'Brr', Uzi, Schniedelwutzi/
RAF macht 'Bang, Bang, Boogie' mit deiner Mutti/
[...]
Wenn ich komme, trifft es dich hart, Donnerwetter, Blitzschlag/
Und du denkst nur: 'Üff, rattenscharfer Part'/
"
(KC Rebell auf "Größenwahn")

Wieder mit seinem Produzenten abgesprochen, beschließen die zwei "auf den Putz zu hauen", dafür braucht KC Rebell von Juh-Dee allerdings auch einen Beat, "wo er jetzt richtig auf den Putz hauen kann". Der sodann folgende Track kündigt nur das Unheil an, das noch vor uns liegt – doch der Reihe nach. "Sky is the Limit" handelt von "brum brum", "ratatata" und "boom" – und ja, das sind Zitate. Das Ganze wird stolze acht Mal – ich habe mitgezählt – von einem von Autotune bearbeiteten "Yeah, Sky is the Limit!" "abgerundet". Wen hat sich der Stiernackenkommandeur da ins Haus geholt? Kommen wir nun zu dem Teil, der für den Nachwuchs-Banger zum Verhängnis wird. Gegen einige Autotune-Einlagen ist nichts einzuwenden und die vereinzelt misslungenen Satzstellungen – geschenkt! Die allenthalben unglaubwürdige Romantik-Attitüde – wen juckt's? Die Summe dessen entspricht nicht dem Bild eines aufsässigen "Raprebellizzzy". Ich möchte von einem selbsternannten Rebell, dessen bisherige Tracks so etwas wie Fingerspitzengefühl nicht kannten, keine seichten, durch und durch soften Lieder der Vergebung, Liebe oder der Reue hören. Zumal das Leitbild des Hauses Banger Musik vorsieht, Künstler mit Hang zu gefühlvoller Musik stets ins Lächerliche zu ziehen.

Fazit:
Es ist im Normalfall unbedeutend, was die Journaille im Allgemeinen über HipHop bezüglich Sexismus, Homophobie und Gewaltverherrlichung schreibt. Allerdings hat KC Rebell auf "Anhörung" der gesamten Szene einen Bärendienst erwiesen. "Banger rebellieren" will Rebellion, Zärtlichkeit und Realness und erschöpft sich letztlich im Versuch, mehr sein zu wollen. KC Rebell ist kein Allrounder, weshalb Ausflüge à la "Entscheidung" und "Weißt du noch" das zuvor offenbarte Rebellentum entkräften, ad absurdum führen und einen Hüseyin Köksecen zeichnen, der sich nicht sicher ist, ob er nun rebellieren oder seiner Herzensdame ein Liedchen trällern soll. Die Instrumentals, die überwiegend Juh-Dees und Joshimixus Handschriften tragen, stehen dem bangenden Rebellen nicht nach und wollen durch Dubstep-Einlagen, elektronischen Elementen sowie einschlagenden Hi-Hats Vielfältigkeit demonstrieren, ohne dass man sie am Ende als solche bezeichnen könnte. Die Rebellion des neuesten Mitglieds der Banger-Familie ist nicht geglückt, sondern vermisst die obligatorische Vehemenz, die nunmal unabdingbar ist.


(Die Robbe)



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