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Review: KAAS – Liebe, Sex und...Twilight Zone

veröffentlicht: Sonntag, 22.05.2011, 12:55 Uhr
Autor: Nikepa





CD 01
01. Von mir geliebt
02. Frau in Tansania
03. Geiles Leben
04. Liebe, Sex und Zärtlichkeit

05. Love vs. Hate feat. Kamp & Casper
06. Relax feat. Lean
07. Vergeben & Verzeihen feat. Doreen
08. Crips, Bloods & Hollywood feat. Moe Mitchell
09. Mach dir keine Sorgen feat. Glasperlenspiel
10. Rendezvous mit einem Engel feat. Vasee

CD 02
01. Join the lovemovement
02. Jesus loves me feat. Nana
03. Planet of Love
04. Amelies Rhapsody
05. Master of Seduction
06. Der Chef der Bank
07. Tonight
08. The Puppet Master
09. Real Love
10. Agatha Secret
11. Sweet Mango Summer (SMS)


Aaaaah! Wo bin ich denn hier? Kaum mache ich die Augen auf, da fliegt ein Einhorn über einen farbenfrohen Regenbogen hinweg an mir vorbei. Ich befinde mich auf einer großen Wiese voller Immergrün und Löwenzahn, neben mir sitzt ein breit grinsender KAAS mit Gänseblümchen im Haar. Na ja, gut, ganz so schlimm ist es hier auch nicht. Aber eben die typische Umgebung, die ein Rapfan wohl in den letzten Jahren mit KAAS verbindet. Im Gegensatz zu Frank Plasberg und Co., die ihn einst als gewaltverherrlichend abstempelten, spaltet Lukas Michalczyk die Rapfans wohl eher aus anderen Gründen. Sein "Lovemovement" ruft Berührungsängste im vor Testosteron triefenden Rapgame hervor, und zugegebenermaßen war auch ich mir anfangs doch etwas unsicher, inwiefern mich diese Steigerung von "T.A.F.K.A.A.Z. : D" in den Bereich homophober Ängste bringen würde.

KAAS beweist dabei auf "Liebe, Sex und..." direkt zu Beginn auf wunderbare Art und Weise, dass Tua nicht der einzige Reutlinger ist, der etwas von Storytelling versteht. Über romantische ("Liebe, Sex und Zärtlichkeit"), traurige ("Frau in Tansania") und persönliche Geschichten ("Von mir geliebt") führt KAAS den Hörer an sein Hauptanliegen: mehr Frieden, mehr Liebe! Nicht nur im Rap – oder in der Musik –, sondern überall auf der Welt. Seine Gesangsdefizite fallen hierbei zwar auf, jedoch bemerkt man schnell, dass dieser Mann mit vollster Überzeugung hinter seinen Idealen steht. Doch reicht dies für gute Musik? Für wieviele Künstler steht die eigene Musik im Mittelpunkt ihres Lebens, sie produzieren im Endeffekt aber doch nur Mittelmaß? KAAS ist da anders. Ob man seine Musik nun mag oder nicht – dass es etwas ganz anderes darstellt, kann man nicht abstreiten. Die Themen, die er über das Album hinweg angeht, umfassen die komplette Bandbreite möglicher Liebesbeziehungen, Verlust und Selbstzweifel, welche er per Appell an sich selbst auf "Geiles Leben" thematisiert.

"Halbleer, wie ein junges Gehirn, du bist kurz vor dem Aufgeben/
Doch dann hörst du im Traum 'ne sauschöne Frau reden/
Und sie sagt zu dir: 'Spast, hör mal auf mit dem/
Selbstmitleid, dein Leben ist geil!'/
"
(KAAS auf "Geiles Leben")

Und wer Toleranz und Freundlichkeit predigt, der sollte auch nicht vergessen, vor der eigenen Tür zu kehren. Das Spektrum der Produzenten reicht von Dirty Dasmo, Whizz Vienna und 7inch bis eben zu einem gewissen Jimi Blue Ochsenknecht, dessen Beats es jedoch nicht auf das Endprodukt schafften. Dieser ist wohl, wie KAAS selbst neulich im Interview verlauten ließ, die meistgehasste Person im deutschen Rap. Der Reutlinger weiß spätestens seit der Brisanz um sein "Amokzahltag"-Video, wie es ist, plötzlich angefeindet zu werden. Anspielungen darauf kommen über das Album verteilt öfters vor. Aber es ist auch typisch für ihn, dass man ihm da nicht einmal Absicht unterstellen will. Selbst Kamp lässt sich zu einer Anspielung darauf auf dem Song "Love vs. Hate", einem durchweg überzeugenden Track mit Casper und KAAS über die extremsten Gefühle des Menschen, hinreißen. Diese werden auch in "Vergeben & Verzeihen", welcher sich mit Beziehungsstreits auseinander setzt, in den Fokus gerückt. Für mich zwar lyrisch wieder einmal mit schönen Verbildlichungen, doch durch eine sowohl gesangstechnisch als auch inhaltlich mittelmäßige Hook von Doreen verliert der Track etwas an Klasse.

"Dass der Countdown immer noch tickt/
In roten Digitalzahlen, kann mir jemand sagen, woran's liegt?/
Beide wollen Frieden, aber nicht/
Als Erster die weiße Flagge hissen am Gazastreifen der Liebe/
"
(KAAS auf "Vergeben & Verzeihen")

Einen derartigen Ausrutscher hat sich KAAS meiner Meinung nach auch mit dem Chorus zu "Rendezvous mit einem Engel" geleistet, welche Vasee ebenfalls nicht besonders kreativ herüberbringt und sich textlich schon sehr nahe am Kirchenchor befindet. Ein absolutes Highlight dagegen stellt für mich der Track mit Moe Mitchell dar, der allein durch dessen Gesang auf "Crips, Bloods & Hollywood" die passende Atmosphäre zu erzeugen weiß. Das Ganze ist aber eine originelle Anlehnung an Friedrich Schillers weltberühmtes Gedicht "Die Bürgschaft", umgeformt auf die Neuzeit – und wie das Original eine Ode an die Freundschaft.

"Sie nennen ihn Damon, er kommt straight out of Compton/
Aufgewachsen zwischen Bloods, Crips und Palmen/
Und er schleicht in der Nacht zu dem einen/
Gangsterboss, um seine Hood von Gewalt zu befreien/
"
(KAAS auf "Crips, Bloods & Hollywood")

Kommen wir zum wohl schwierigsten Teil; denn das neueste Werk aus dem Hause Chimperator ist ein Doppelalbum. Die zweite CD beinhaltet zwar auch weitere Rapparts von KAAS, jedoch kategorisiert sich diese Musik zu "Eurodance". Soundtechnisch wirkt es, als würde der Liebesmissionar auf der ersten Platte einen Versuch wagen, seinen Zuhörern die richtigen Werte zu vermitteln, um auf der zweiten dann mit den neugewonnenen Jüngern tanzen zu gehen. Auch der begleitende Gesang erinnert teilweise an Bands wie Cascada. Textlich jedoch braucht die "Twilight Zone" sich keineswegs zu verstecken. KAAS spricht unter anderem über den "Planet of Love", über die Kraft eines armen Mädchens ("Amelies Rhapsody") und einen Banküberfall ("Der Chef der Bank"). Quasi zur Perfektionierung der komplett skurrilen Art und Weise dieser Platte leitet KAAS, oft kontextlos, viele seiner Parts einfach mal mit einer Tanzaufforderung ein.

"Dance, stell dir vor, sie nennen dich 'Sonderling', 'Depp des Dorfs'/
'Außenseiter', 'hässlicher Schmock', weil du immer schlecht bist im Sport/
Kannst nicht kicken wie Thomas Müller, dein Körper ist auch nicht so ein Knüller/
Plötzlich kriegen sie offene Münder, weil du hier auftauchst mit einer Traumfrau/

(KAAS auf "Master of Seduction")

Fazit:
Das ist richtig schwer auszudrücken. Normalerweise würde ich sagen, dass "Twilight Zone" nun mal Geschmackssache ist und wohl auf viel Abneigung stößt. Doch bei KAAS kann man das gar nicht verallgemeinern, denn sein gesamtes "Lovemovement" wird nun einmal von vielen sehr kritisch gesehen. Dabei sind die Botschaften von ihm grundlegend wichtig. Durch seine Ehrlichkeit weiß er zu überzeugen, auch wenn ich manchmal einfach mit dem Ausmaß der Andersartigkeit ein wenig überfordert bin. Doch KAAS will niemandem beweisen, dass er ein harter Rapper ist. Er traut sich, seinen eigenen Weg zu gehen. Das kann einem gefallen oder auch nicht. Doch wenn man sich auf diese Art der Musik einmal einlässt, erkennt man viel Potenzial und eine Lebensphilosophie, die in ihrer Positivität fast schon ansteckend und dazu mittlerweile im Rap so kaum noch anzutreffen ist.


(Nikepa)



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