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Review: KAAS – T.A.F.K.A.A.Z.: D

veröffentlicht: Sonntag, 24.05.2009, 23:25 Uhr
Autor: pollyssima





01. Lovemovement Anthem
02. Amok Nachtrag
03. Straßenrap
ist sexuell erregt dank Kool Savas
04. Über Sie/An Dich mit Vasee
05. Nichtsnutz 09
06. Der beste Tag meines Lebens bis jetzt
07. Das große Fest
08. Märchenwald
09. Sam Cooke und so
10. Haruki
11. Für Uwe
12. Wunderschöne Welt
Bonustrack: Die Geister der Liebe


Es ist tatsächlich da. Kaas releaste vergangenen Freitag sein Soloalbum über das Stuttgarter Label Chimperator. Kaum ein Album des Genres "Deutschrap" hat schon vor seinem Erscheinen so für Furore gesorgt wie "T.A.F.K.A.A.Z.: D", "The Album formerly known as Amok Zahltag : D", wie es nun in bereits dritter Pressung heißt. Die Schlagzeilen dazu waren nicht besonders erfreulich. Ich werde an dieser Stelle nicht näher auf den Amoklauf und die damit verbundenen Änderungen am Album – die ersten beiden Tracks wurden ausgetauscht – eingehen, denn es soll bei dieser Review lediglich und endlich um eines gehen: Um Kaas' Musik. Deshalb denke ich, wird in dieser Hinsicht später "Amok Nachtrag" für sich sprechen. Die Erwartungen, oder besser gesagt Vermutungen, die ich bezüglich des Albums habe, sind: Es wird anders sein. Aber ob dieses "Anderssein" allein reicht, um sich positiv aus der breiten Masse des für meinen Geschmack oft zu schlicht dahin plätschernden Deutschrapflusses abzuheben und ob Kaas endlich mit diesem Album auch als eigenständiger Künstler, fernab von Crews und Formationen, eine klarere Kontur bekommt, sind gleichzeitig die wichtigsten Fragen, die damit aufgeworfen werden.
Logisch ist es deshalb auch, dass sich Kaas nicht nur bei den Beats auf zwei Produzenten – Tua und Christyle – beschränkt, sondern auch die Featuregästeliste streng limitiert auf zwei Plätze ist. Diese gehen, naheliegenderweise, an den Reutlinger Sänger Vasee und an keinen Geringeren als den King of Rap, Kool Savas.
Schon das Intro "Lovemovement Anthem" ist äußerst musikalisch, nicht nur durch den anmutigen Beat, sondern auch durch die teilweise gesungenen Parts, die im krassen Kontrast zu Kaas' eigenwilligem Rapstil und trockenem, etwas sperrigem Flow stehen. Außerdem liefert es quasi eine Gebrauchsanweisung zu dem Movement, das schon vor einiger Zeit von Kaas ins Leben gerufen wurde, die sich weniger kompliziert anhört als die zu jedem Ikea-Billy-Regal.

"Die Welt braucht süße Liebe in Herz und Bauch/
Wenn du jemanden liebst, dann sag's ihm jetzt und sag' es ganz laut/
"

Nun folgt der Track, auf den ich – womit ich vermutlich nicht alleine bin – wirklich gespannt war: "Amok Nachtrag". Natürlich werden hier unzählige Diskussionspunkte rund um die Ereignisse von Winnenden und "Amok Zahltag" aufgegriffen, aber vor allem spiegelt Kaas auch seine Gefühle auf eine sehr reflektierte Art und Weise wieder. Dabei gelingt es ihm, sich nicht in eine Disposition drängen zu lassen und sich im Track nicht darauf zu beschränken, gegen die Anschuldigungen der Medien, aber auch von Seiten der Rapfans auszuteilen.

Wirklich nervig ist Kaas' hoch- und runtergepitchte Stimme auf "Straßenrap" (ist sexuell erregt mit Kool Savas). Dies betrifft zum Glück nur Teile der Hook – ansonsten beweist sich Kaas hier wieder einmal als großartiger Geschichtenerzähler. Savas steuert zwar nur zwei Zeilen bei, doch diese zeigen: Er ist längst Teil des Lovemovements.

"Ich glaub' daran/
Du und ich, wir beide haben das, was man sich für keine Kohle der Erde kaufen kann: Aura/
"

Tief berührt hat mich "Über Sie/An Dich" mit Vasee, eine Form des persönlichen Storytellings, zu der Kaas' Rapstil und sein sehr trockener Flow, der weniger auf Reimen als auf akzentuierter Betonung der Wörter und Sätze basiert, sehr gut passt. Hier wird sehr klar deutlich, dass Kaas mehr ist als der zwischen rosa Herzen und Regenbögen schwebende, von Liebe predigende, oft nicht ernst genommene Träumer, für den er oft gehalten wird.
Vasees Gesang erinnert mich in seiner getragenen Art etwas an einen Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer. Thematisch interessant bleibt es auch in folgendem "Nichtsnutz 09". Wer kennt das nicht? Man hängt in einem Job, wahlweise der Schule, der Ausbildung oder einem Studium, fühlt sich eingesperrt und völlig fehl am Platz. In Gedanken spielt man damit a) den Chef, Lehrer, Professor auf grausame Art umzubringen, oder b) einfach die Kündigung auf den Tisch zu knallen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Dazu kommt das Gefühl des Versagens, der Gewissheit, dass man zum einen seinen Platz im Leben noch nicht gefunden, und sich zum anderen aber auch noch nie wirklich angestrengt hat. Für mich ein Highlight der Platte, trotz der mittelmäßig gesungenen Hook.

"Der einzige, der seinen Traum lebt hier, ist mein Chef, dieser Bastard/
Und jetzt schau' ich zu ihm rauf, voll zerfressen von Neid/
Ich würde auch gerne sagen, ich liebe das, was ich hier mach'/
Aber nicht das, was ich hier mach', Mann, weil ich das hier hass'/
"

Der Song "Märchenwald" festigt das Bild von Kaas als rappendes Rumpelstilzchen auf Weichspüler vor meinem inneren Auge. Denn in der wiederkehrenden Hook wechselt Kaas' Flow in rasanter Berg- und Talfahrt zwischen übertriebener Fröhlichkeit und einem cholerischen Wutanfall. In den Verses dazwischen erzählt er ganz im Stil eines guten Märchenonkels und ganz im Stile des Gutmenschen Kaas, wie wir ihn schon auf dem Orsons-Album erlebt haben, ein... Märchen. Mit Happy End natürlich. Und dieser Track ist vom Album so wenig wegzudenken, dass er mir beinahe wie ein Déjà-vu vorkommt.

"Ich bin ein Träumer und Poet/
Komm' mit in meinen Märchenwald/
Hier passiert alles, von dem du je geträumt hast/
Natürlich nur das Gute/
"

Sein Traummädchen besingt Kaas auf "Sam Cooke und so". Klar, "sieisgutesmädchen, kein Bushido-Fan" und Kaas erstaunlich romantisch – weniger auf Einhorn-und-Regenbogen-Basis, sondern auf zwischenmenschlicher Ebene. "Sam Cooke und so" erinnert mit Gesang und Halb-Gesang von Kaas stark an einen Deutsche-Liedermacher-Song, mit souligen bis jazzigen Ambitionen, aus den 80er Jahren, was mich fast etwas wehmütig stimmt und durchaus zum Mitsummen verleitet. Auf eine andere Art und Weise tiefgründig wird Kaas auf den nächsten Tracks seines Albums. "Haruki" und "Für Uwe" beschäftigen sich einfühlsam mit dem Tod eines geliebten Menschen, einer Tochter oder Freundin. Dabei blickt er aus verschiedenen Perspektiven auf die traurigen Tatsachen und schafft es wirklich, mit beinahe kindlicher Hoffnung, Trost zu spenden. Betrachtet man sie aus Kaas' Blickwinkel, ist es eben doch eine "Wunderschöne Welt".

Zusammenfassend ist "T.A.F.K.A.A.Z.: D" ein sehr musikalisches und auch vielseitiges Album. Kaas wagt sich oft in die Welt des Gesangs, der bei ihm manchmal auch vom Titelsong einer Zeichentrickserie aus den 90er Jahren stammen könnte. Oder eben an deutsche Liedermacher wie Rolf Zukowski erinnert. Wirklich nervig sind dabei nur die immer wiederkehrenden Effektspielereien. Allerdings hält sich das insgesamt dennoch in einem erträglichen Rahmen. Am Beatgerüst haben Tua und Christyle ganze Arbeit geleistet. Durchgängig schöne, zum Teil extravagante, verspielte und außergewöhnliche Beats bedienen Kaas' speziellen Rapstil bestmöglich und schaffen allein schon eine weit mehr als solide Grundlage.

Hört man sich das Album an, muss einem klar sein, dass man etwas Außergewöhnliches bekommt. Scheint "T.A.F.K.A.A.Z.: D" auf den ersten Blick auch so knuffig, dass man ihm am liebsten in die Backe kneifen würde, wird beim zweiten Blick klar, dass in diesem Werk noch soviel mehr steckt: Kaas ist weit mehr als ein hervorragender Geschichtenerzähler mit rosaroter Liebes- und Gütebrille. Besonders im Vergleich zu seinen früheren Werken, erschließt sich Kaas als reflektierter und nachdenklicher Mensch, der seinen Platz im Leben und seinen Seelenfrieden wohl inzwischen ein Stück weit gefunden hat. Er kann genauso ambitioniert und speziell über ernste Themen, wie auch über einen Märchenwald rappen. Die musikalische und raptechnische Umsetzung des Ganzen sticht aus der Masse hervor, doch strapaziert teilweise die Nerven des Hörers. Man hat das Gefühl, er befindet sich, gerade die Gesangsparts betreffend, streckenweise noch in einer Experimentierphase. So werde ich nicht jeden einzelnen Track des Albums täglich hören können, doch spätestens mit "T.A.F.K.A.A.Z.: D" schafft sich Kaas einen eigenständigen Platz in der deutschen Raplandschaft – und mehr Platz für Liebe auf der Welt.


(Pollyssima)



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