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Review: K.I.Z. – Hurra die Welt geht unter

veröffentlicht: Montag, 10.08.2015, 20:08 Uhr
Autor: Claude Gable





01. Wir
02. Geld
03. Glücklich und satt
04. Boom Boom Boom
05. AMG Mercedes
06. Freier Fall
07. Ariane
08. Käfigbett
09. Verrückt nach Dir
10. Ehrenlos

11. Superstars feat. Sefo
12. Was würde Manny Marc tun feat. Audio88, Yassin & Manny Marc
13. Hurra die Welt geht unter feat. Henning May

Nach einem durchwachsenen Mixtape, Trennungsgerüchten und einer langen Pause leitete "Das Kannibalenlied" die Promo- oder passender Propagandaphase von K.I.Z. ein. Die Inszenierung der Kannibalen in Zivil als Diktatoren des Takatukalandes weckte dabei Hoffnungen auf ein bemerkenswertes Konzeptalbum, die erste Singleauskopplung "Boom Boom Boom" versprach einen Stil, der direkter und politischer sein würde als je zuvor. Scheinbar haben die Jungs damit alles richtig gemacht, denn "Hurra die Welt geht unter" chartete jüngst auf Platz 1. Ob die hohen Erwartungen erfüllt werden, oder ob für die Fans der Berliner eher die Welt unter geht, steht auf dem Prüfstand.
Mit einem imposanten "Intro" melden sich K.I.Z. also zurück und reagieren auf die Entwicklung in ihrer Abwesenheit: Der Stilisierung ihrer Kollegen zu Kings und Babos setzen Nico, Tarek und Maxim ihren eigenen Aufstieg entgegen und beanspruchen den Götterstatus für sich. Ein typischer K.I.Z.–Track eben, der neben dem passenden Beat eine monumentale Hook parat hält und textlich keine Wünsche offen lässt. Die Thematik wird in ihrem alt bewährten Humor verpackt und größtenteils durch Wortspiele und Andeutungen transportiert.

"Ich bin von eurer Sterblichkeit angeekelt/
Und versteh' kein Wort, wenn ihr alle durcheinander betet/
Hab' Originalaufnahmen vom Holocaust/
Denn ich hatte meine GoPro auf/
"
(Tarek auf "Wir")

Nach dieser vielversprechenden Eröffnung flacht die Spannungskurve zunächst ab, denn mit "Geld" folgt einer der schwächeren Tracks des Albums, der zwar mit einigen witzigen Lines punkten kann, aber durch die immer wiederkehrende Phrase "Das ist Geld" und die Hook seltsam repetitiv wirkt. Auf diesen Skip-Track folgt mit "Glücklich und satt" das erste Tarek–Solo. Hier wird das Leben der Unterschicht in all seinen Facetten beleuchtet: Von häuslicher Gewalt über Diebstahl zu Einsamkeit und Drogenmissbrauch hangelt sich Tarek mit beachtenswertem Storytelling über den treibenden Beat und liefert damit ein ansprechendes Gesamtwerk ab. Überzeugend ist vor allem die Tiefe im Text, die verhindert, dass die Unterschichtenthematik zur Aneinanderreihung von Klischees verkommt. So wird beispielsweise neben der Tatsache anschaffen gehen zu müssen auch das innere Zerwürfnis des Partners aufgegriffen, der zusehen muss, wie seine Frau im "wackelnden Mercedes" die Haushaltskasse füllt.
K.I.Z. bleiben bei einem einstigen Unterschichtenproblem, welches sich in der aktuellen politischen Lage durch die gesamte Gesellschaft frisst. Auf "Boom Boom Boom" werden der offene Rassismus, die Xenophobie und die Ablehnung von Asylanten in Deutschland thematisiert. K.I.Z. lassen hier beinahe jede Form der Ironie bei Seite und gehen fast schon in "Zeckenrap-Manier" auf "Partypatrioten", "Hakenkreuzidioten" und "Barbaren, die tun was die Bildzeitung ihnen sagt" los. Diese ungewohnte Direktheit wurde von eifrigen Springer-Schreiberlingen sogar als Aufruf zum Terrorismus ausgelegt. Wie auch immer dieser Wandel zur direkten Sprache weg von Interpretationsspielräumen aufgefasst werden mag, ist er letztendlich nur logisch, denn wo K.I.Z. bisher unterschwelligen gesellschaftlichen Phänomenen wie Ausländerfeindlichkeit und Sexismus den Spiegel vorgehalten haben, wird dem inzwischen gesellschaftsfähigen Rassismus der Spiegel ins Gesicht geschlagen.

"Glaubt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen/
Mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?/
Keine Nazis, ihr seid brave Deutsche/
Die sich nicht infizieren lassen mit der Affenseuche/
"
(Tarek auf "Boom Boom Boom")

"AMG Mercedes" bietet einmal mehr Storytelling aus dem Lehrbuch, wobei die drei Berliner die Jugendzeit mit falschen Freunden aufleben lassen und damit zwar an "so alt" erinnern, doch thematisch als auch in der musikalischen Umsetzung individuell bleiben. In alten Zeiten verhaftet ist auch Tarek auf seinem Solo "Freier Fall", der die verschiedenen Phasen der Einsamkeit nach einer Trennung thematisiert. Ohne kitschig zu wirken wird dabei das Vermissen der Ex beschrieben, sodass der Track zu keinem Zeitpunkt zu einem "Herz-Schmerz-Song" verkommt. Entsprechend verheißt auch das Ende des Tracks lediglich die leise Hoffnung sich irgendwann für die neue Beziehung des ehemaligen Partners freuen zu können, ein Ausblick auf bessere Tage wird nicht gegeben. Ebenso experimentell fällt der Solotrack von Nico aus, "Ariane", der durch seinen Kontrast von Eskalation am Wochenende mit Sex in der Disco mit Minderjährigen, Mord und Totschlag und dem Gang am Montag zum Job nach Schema F auffällt. Das Maxim-Solo "Käfigbett" erzählt die Geschichte eines desillusionierten Neugeborenen, das bereits die Grausamkeit der Welt erkannt hat. Insgesamt recht schwere Kost, die beim ersten oder oberflächlichen Hören auch aufgrund der Instrumentierung, die die Thematik entsprechend düster untermalt, zunächst keine Begeisterung auslöst.
Es stimmt: K.I.Z. bedienen sich auf "Hurra die Welt geht unter" einer wesentlich direkteren Sprache und hier und da geht dieser Wandel durchaus auf Kosten des Wortwitzes. Die Gesellschaftskritik muss anders als sonst auch nicht zwischen den Zeilen gesucht werden, dennoch dreschen die Kannibalen keine Phrasen, vielmehr wird auf Storytelling gesetzt. Auch die Atmosphäre der vielseitigen Instrumentals, an deren Produktion Nico durchweg beteiligt war, verkörpert den Wandel, da kaum ein K.I.Z.–Album trotz der Variation der Genres je so homogen geklungen hat. Von oldschooligen Samplebeats mit scheppernden Drums bis zum ausgefeilten Trapsound tragen die Instrumentals letztendlich alle die gleiche Handschrift und fügen sich perfekt ineinander.
Mit "Verrückt nach dir", "Ehrenlos" und "Superstars" gehen die Jungs dann aber doch nochmal zurück zu den Wurzeln und stalken, prügeln im Club Gäste und Barfrauen und feiern ihren Jahrestag mit einer Geiselnahme. Zwar hat es bereits mit "Ariane" ein kontrastreicher Track auf das Album geschafft, doch bevor "Hurra die Welt geht unter" das Album fulminant beendet, wird dies in "Was würde Manny Marc tun" in genialer Form auf die Spitze getrieben: Während Nico und Maxim mit den Featuregästen Audio88&Yassin mit Themen von Kindesmissbrauch über die Pflege Demenzkranker Angehöriger bis zum Tod im Flüchtlingsboot die Stimmung drücken, dreht Manny Marc in der Hook mit dem typischen Atzensound in der "Rummelbumms–Disco" auf.

"Papa verlor ich im Krieg, Mama und Schwesterherz ans Meer/
Ihre durstigen Schreie wollte der Schlepper nicht mehr hören/
Ich sei der Nächste, würd' ich nicht aufhören zu heulen/
Seitdem weine ich nicht mehr doch sehe ihn in meinen Träumen/
"
(Yassin auf "Was würde Manny Marc tun")

Fazit:
"Hurra die Welt geht unter" überrascht den Hörer, wird die durch die Promophase geweckte Erwartungshaltung doch fürs Erste nicht bestätigt. K.I.Z. präsentieren kein Konzeptalbum mit Weltuntergangsthematik und sich selbst nicht in gewohnter Art und Weise. Somit könnte auf den ersten und möglicherweise auch noch auf den zweiten Blick der Eindruck entstehen, es handele sich um eines der schwächeren Releases der Berliner. Doch lässt man sich auf die beschriebene Wandlung ein, ergibt sich ein durchaus konstantes Album, dass letztlich nichts von dem vermissen lässt, wofür die Jungs bisher zurecht gefeiert wurden. Neben Themen von gesellschaftlicher Relevanz, die an dieser Stelle ungewohnt direkt behandelt werden, wird nach wie vor übertriebener Schwachsinn in humorvolle Lines verpackt. Musikalisch vielseitig ist der Mix dennoch homogen und vor allem durchweg hochwertig. Wie "Hurra die Welt geht unter" irgendwann in der Diskographie gesehen wird, kann jetzt noch nicht beantwortet werden, aber für den Moment liegt uns ein solides und relevantes Album vor, das zwar weniger auf Entertainment setzt, aber dem Hörer definitiv viel Freude bereitet.


(Claude Gable)



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