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Review: K.I.Z. – Urlaub fürs Gehirn

veröffentlicht: Montag, 20.06.2011, 16:37 Uhr
Autor: johnnydieratte





01. Küss mir den Schwanz
02. Urlaub fürs Gehirn
03. Doitschland schafft sich ab
04. Heiraten
05. Raus aus dem Amt
feat. MC Motherfucker, Wolfgang Wendland, Bärbel & Drama Kuba
06. Abteilungsleiter der Liebe
07. Fleisch
08. In seiner Mutter
09. Fremdgehen
10. Lauf weg
feat. Drama Kuba, Kannibal Rob, Vorkkkone & Jesse MC
11. Tsetsefliegenmann (Skit)
12. Mr. Sonderbar
13. H.I.T.
14. Der durch die Scheibeboxxxer
15. Lach mich tot
16. Koksen ist scheiße
feat. Said, Mach One, Tony D., Kalusha, Kannibal Rob, Defi, King Orgasmus One, Smoky, Drama Kuba, Flexis & MC Basstard
Bonus-Track:
17. Biergarten Eden

Ich schreibe in einfachen Sätzen über das Album "Urlaub fürs Gehirn" von K.I.Z.. Dann muss sich keiner beim Lesen anstrengen. Der Niveau-Unterschied ist dann auch nicht so groß, wenn man später in die CD reinhören möchte. Wichtig ist nur, dass man dazwischen kein Kreuzworträtsel macht oder Sudoku oder sowas.
Die Rapgruppe aus Berlin hat das neue Album über Universal veröffentlicht. Es heißt "Urlaub fürs Gehirn" und das Cover ist lustig. Da sind die Mitglieder von K.I.Z. mit so offenen Köpfen drauf. In schwarz-weiß und immer ein anderer. Es gibt auch ein paar Features auf dem Langspieler. Alle aufzählen wäre aber zu anstrengend für einen Urlaub jetzt. Die meisten sind sowieso nicht so klasse und stehen alle oben in der Tracklist drin. Wichtig ist noch, dass Tai Jason voll viel produziert hat auf dem Album. Das sagte auch DJ Craft mal in einem Interview. Die Interviews mit K.I.Z. sind eh witzig. Die sagen immer nur Quatsch und nie was Wichtiges. Meistens sind die Jungens aber voll gelangweilt und tun so, als ob sie keinen Bock haben. Da hat cool sein noch was mit Müdigkeit zu tun. Ein bisschen retro ist das schon. Jetzt aber zum Album.

Ganz am Anfang kommt "Küss mir den Schwanz". Das ist ein Track, der total schlecht gemacht ist, aber mit Absicht. Damit zeigen sie, dass sie wieder so Musik machen wollen wie bei "Hahnenkampf". "Hahnenkampf" war auch mal ein Album von K.I.Z. und voll weit oben in den Charts. Das hat die vier Jungs gefreut damals. "Sexismus gegen Rechts" war aber auch gut in den Charts. Vielleicht hatten Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft eben grad keine Lust auf Denken. Weiß man nicht so genau.

"Das ist der Sound für die echten Männer/
Die das hier hören wenn sie Presslufthämmern/
Für Nutten und Hausfrauen/
Das hier ist Mucke zum Staubsaugen/
Gähnende Leere hinter meiner Stirn/
Das hier ist Urlaub, Urlaub, Urlaub fürs Gehirn/
"
(Tarek auf"Urlaub fürs Gehirn")

Die Zielgruppe der drei Klosterschüler im Zölibat wird somit schnell definiert. Saufende Haudrauf-Assitonis mit Hang zu Fäkalhumor, schwarzem Grillfleisch und erzwungenem Poposex mit deiner Mutter. Für jene wird ein kannibalistischer Imbiss-Zynismus kreiert, der sämtliche Lebenslagen von "Fremgehen" (jeder jedem) bis "Heiraten" (auf der Toilette) im Batteriesparmodus präsentiert. Und tatsächlich haben die Berliner Kriegsverbrecher in Zwangsjacken mit ihrem Albumslogan nicht zu viel versprochen: niemand wird von tiefsinnigen Lines zur Gehirnbetätigung genötigt, wenn er nicht möchte, darf trotzdem ab und zu ein bisschen kichern, dreckig lachen oder Lust auf Fleisch oder Ficken bekommen. Die insgesamt 17 Tracks (inkl. Bonus) unterscheiden sich primär im leicht abgewandelten Thema, das die Hookline vorgibt. Keine roten Fäden, an welchen man sich mühsam entlang hangeln muss, die Vergleiche amüsant, aber auch ähnlich gestrickt. Ein Album, bei dem man beruhigt weghören kann, ohne etwas zu verpassen. Auf mich macht das teilweise sogar den Eindruck, als ob die vier Balgen aus dem Bunker bewusst einfach irgendwas hinrotzen und dabei ganz genau wissen, dass sich die TAZ dann schon das richtige raussucht, um sie zu Künstlern im Zuchthaus zu adeln. Q.E.D. Dabei schreit man lediglich lauter als sonst und treibt dabei das ein oder andere Klischee ironisch so sehr auf die Spitze, dass es im Sarkasmus gipfelt. Man tötet HipHop ("H.I.T."), ist zwar "In seiner Mutter" aber dafür "Raus aus dem Amt" und pöbelt sich fröhlich und unterhaltsam durch die meisten Anspielpunkte.

"Ick häng' an de' Theke – nenn' mich den Undertaker/
Mach den Kopp zu, komma ran hier uff'n Meter/
Ick hab' jehört du erzählst rum, du würdest mich boxen/
Kann dir jern die Faust bis zur Schulter ins Jesicht stopfen/
"
(Nico auf "Der durch die Scheibeboxxxer")

Neben den Bratwürsten stecken aber auch noch ein paar Kaninchen im Zylinder. Also Tracks, die ganz antirechtssexistisch ein wenig Hintergrund besitzen. Jedoch, auch hier ist die Umsetzung weit vom intelligenten Augenzwinkern des Vorgängers entfernt, sondern geht eher in Richtung Holzhammer, der das Schnitzel klopft. Der "Abteilungsleiter der Liebe" hadert etwas plump mit seinen Gefühlen beim Outsourcen, der Pennermord in "Fleisch" wirkt nur fadenscheinig theatralisch begründet und "Lach mich tot" treibt auch nur ein bisschen Pipi in die Augen der Spaßgesellschaft – ob vor Lachen oder Heulen sei hier dahingestellt. Doch es gibt auch Höhepunkte des intelligenten Klischeebruchs, wie beispielsweise der "Biergarten Eden" aus dem WM-Sommer 2010 zeigt. Wunderbar polemisch karikiert K.I.Z. den Nationalstolz, den wir seit neuestem bei Fußballgroßereignissen empfinden und lässt den Hörer schmunzeln und aufhorchen zugleich. Auch "Doitschland schafft sich ab" ist aus ähnlichem Holz gestrickt. Alle Klischees der Frauenfeindlichkeit in drei 16ern ist kein Tabubruch, aber lässt jeden einmal kurz schlucken, wenn man sich vielleicht doch bei einschlägigen Denkmustern ertappt fühlt. Und die Idee der Homosexualität aus Angst vor dem anderen Geschlecht hatte bisher auch keiner; vielleicht helfen solche Einfälle ja auch in der politischen Arbeit von Nico und Maxim.

"Ich seh' da draußen Schlampen, die ihr Geld verdien'/
Und ich kann nicht mal meine Waschmaschine selbst bedien'/
[...]machen sich 'n Lenz am Herd/
Während der Mann nach Afghanistan zum Kämpfen fährt/“
(Maxim auf "Doitschland schafft sich ab")

"Urlaub fürs Gehirn" ist auf weiten Strecken Urlaub fürs Gehirn. Eine phänomenale Quatschanhäufung aus Nonsens, Unfug und schlechten Witzen, die eigentlich schon ziemlich witzig ist. Mit Sprachwitz und der Erfahrung aus 4 Alben präsentieren sich K.I.Z gewohnt in Grillschürze, Schweinekopfmaske und Riesenglied. Sie erfinden sich zwar nicht neu, aber schwanken leicht weg vom masochistischen Geldesser hin zum kannibalischen Grillmeister. Das Ganze geschieht auf geordnet elektronischen und doch dreckigen Beats, die durchaus dem typischen K.I.Z.-Klangbild entsprechen, nach "Hahnenkampf" und modernem Rap zugleich klingen und dabei ebenso unsauber wie elegant wirken. Darüber gewohnt konstant geflowte Texte, die üblichen Ohrwurm- , Mitgröhl- und Pogo-Hooks inbegriffen. Ich weiß eigentlich selber nicht genau, warum ich das Album mag. Eigentlich mag ich es nicht. Eigentlich fand ich "Sexismus gegen Rechts" um Meilen besser. Aber eigentlich mag ich "Urlaub fürs Gehirn" doch. Sehr sogar. Wahrscheinlich schaffen es die Kannibalen in Zivil einfach, die Grundbedürfnisse des Mannes zu decken. Mit schwarzem Humor, diversem Männergedöns und dem Hang zur Unbesiegbarkeit. Sie reißen uns aus dem Alltag und rechtfertigen für uns all den Quatsch, der hinter unserer Stirn herumspukt: "Ich bin sowas wie Batman und Bruce Wayne – tagsüber Familienvater, abends in den Puff gehen." ("H.I.T.") Oder so. Verwirrend jetzt. Ach, wendet euch einfach an Torch, wenn ihr noch Fragen habt. Oder macht Kreuzworträtsel. Oder Sudoku. Oder eben Urlaub.


(Benedikt Dirschl)



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