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Review: K.I.Z. – Ganz Oben

veröffentlicht: Freitag, 02.08.2013, 18:46 Uhr
Autor: Die Robbe





01. Duhastaufdeinenkokaturndeinebehinderteschwestergef icktmucke
02. Ein Affe und ein Pferd
03. Ich bin Adolf Hitler
04. Da geht was
05. Ich steh auf Frauen (Ich schwöre)
06. Unfall auf der Achterbahn
07. Folla me
08. Ich könnte deine Mutter oder deine Schwester sein
09. Fledermausmann Remix
10. Ficki Ficki
11. Oskar der Elefant
12. Jimi Blue
13. Verpisst euch
14. Stirb wenn du kannst


So wirklich eine Ahnung, was die Berliner Maxim alias MC Bleistift und Tarek alias MC Flowbodda – die zusammen mit DJ Ratzefummel das Verbale Stylekollektiv bilden – durch ihre vermeintlichen Treuebekenntnisse zur Goldenen Ära vor einigen Wochen sagen wollten, hatte eigentlich niemand. Klar, das war irgendwie lustig. Die haben da andere Namen und verstellen die Stimmen so komisch, als würden sie so rappen wie etwa ein Toni-L. Tarek sinniert im Hamurger Dialekt über familiären Zusammenhalt jener alter Zeiten, während Maxim Respekt für die Goldene Ära einfordert. Dass uns jetzt diese, bereits etliche Male neu aufgekochte, HipHop-Brühe der 90er auch von K.I.Z. auf Albumlänge erwartet, hätte mit Sicherheit jedem treuen Anhänger der Berliner vor den Kopf gestoßen. Im Nachhinein heißt es jedenfalls tief durchatmen, denn spätestens seit Oliver Polak im ersten und einzigen exklusiven Video "Ich bin Adolf Hitler" selbigen mimt, ist klar, dass uns mit dem angekündigten Mixtape mehr Kannibalen in Zivil als Verbales Stylekollektiv Heidelberger Machart erwartet und zugleich blitzt schon im Titel des Videos sowie des Mixtapes die provokante Haltung zu heiklen Themen der drei auf: "Ganz Oben" – eine Parodie auf Günter Wallraffs Klassiker "Ganz Unten"?

Vielleicht, wahrscheinlich schon, eigentlich egal. Denn das Mixtape knüpft ohne weiteres an das letzte Album "Urlaub fürs Gehirn" der Klosterschüler im Zölibat an. Niemandem wird zugemutet, seine grauen Zellen übermäßig zu strapazieren. Selbst der Track zum vorab veröffentlichten Video ist in seinem vermeintlich tieferen Sinn genauso trivial. Hitler zieht immer. Der Hauptdarsteller ist durch ein Zeittor geflogen, um die "Party" zu stürmen. Als prominentester, erster Österreicher, der auf einem Spiegel-Cover war, wird er aus seinem 70 Jahre währenden Mittagsschlaf geweckt. Die Kannibalen in Zivil vereinen den damaligen Führerkult mit heutigen Trends und kreieren so den "AH-Effekt" – man beachte die Initialen. Eine auf den ersten Blick sehr plumpe Idee, die in ihrer Umsetzung nichtsdestotrotz oft Grund zum Schmunzeln bietet. Und gerade das Video zum Track hatte in den letzten Wochen nicht umsonst enorm polarisiert.

"Ladys finden meinen Quadrat-Bart perfekt/
Sie lieben Adolf Hitler – nenn es AH-Effekt/
Denn die Jeans sind so eng, dass man sieht, was ich denk'/
Spann' die Muskeln an und die Knöpfe fliegen vom Hemd/
"
(Maxim auf "Ich bin Adolf Hitler")

Mit dem fröhlichen Parodieren geht es munter weiter und zwar namentlich mit MC Flowbodda, der steht für "HipHop to the fullest" und diesem Prinzip folgend ist ein verwöhnter Flegel wie "Jimi Blue" ein willkommenes Opfer, auf den wegen seiner Privilegien und der medialen Dauerpräsenz geschossen wird. So wird er kurzerhand zur gottgleichen Nervensäge erklärt: "Du bist ein Mensch – ich bin Jimi Blue Ochsenknecht!" Dass sich der Teenie-Schwarm auch als ein gerngesehenes Opfer auf der Bühne präsentiert, etwa auf dem Red Bull Soundclash, auf dem er mit Tarek gemeinsam ebenjenen Track performte, könnte vielleicht daran liegen, dass er alle aufgeführten Vorwürfe bestätigen möchte, an einem ungesunden Maß an Selbstironie leidet und/oder alles daran setzt, in der Deutschrapszene Fuß zu fassen. Ebenfalls um etwas Fett erleichtert wird Tocotronic; Maxims Parodie "Oskar der Elefant" hört man nicht ohne breites Grinsen im Gesicht. Ob Dirk von Lotzow, der Frontmann der Band, daran ebenfalls gefallen findet, wage ich zu bezweifeln. MC Bleistift verspottet hier höchstwahrscheinilch die oft abwegigen Texte von Tocotronic, indem er seinen eigenen in K.I.Z.-typischen Humor hüllt und ihn vollkommen ins Absurde zieht. Die nächste Kandidatin auf der Abschussliste ist Pipi Langstrumpf, die als weitere Zielscheibe der Kriegsverbrecher in Zwangsjacken dient. Abgesehen von einzelnen Zeilen und der Hook, haben die eigentlichen Parts der drei doch nur wenig mit dem rothaarigen Waisenkind gemein: "Ich war in der Schule und habe nichts gelernt" (Maxim) – joa, soll's geben. "Nimm ein Glas von mein' Urin und entspann dich" (Tarek) – äh, okay. "Vom Speed sieht uns're Pisse mittlerweile aus wie Sangria" (Nico) – okay ... da schließt sich ja wieder der Kreis! Ganz egal, ob auf Ich-fick'-dich-auf-eine-Weise-die-du-nicht-kennst-Thematik das sinnentleerte Getöse vom Typus "Leck mir den Champus vom Po", oder einfach "Duhastaufdeinenkokaturndeinegeistigbehinderteschwe stergeficktmucke" folgt ... vielmehr zu hören im Sinne von Zuhören ist dann auch nicht. Die Beats sind laut. Snare, Drum, Kick, Hi-Hat und sowas ist auch dabei. Tarek ließ verlauten, die Instrumentals seien von seinen Brudis, den Flitzpiepen, Nico, Gee Futuristic und Kevin beigesteuert worden. Money Boy-Adlibs, hier und da gepitchte Stimmen lassen das trapig klingen.

"Ich rasiere mein Äffchen und lass' es anschaffen/
Tret' so lange auf dein' Kopf, bis vier und drei acht machen/
[...]
Durch meine Nasenlöcher seh' ich mein Hirn/
Und führe Selbstgespräche, um den BND zu verwirr'n/
"
(Maxim auf "Ein Affe und ein Pferd")

Der "Durchdiescheibeboxer" erfährt auf "Folla me" ein begrüßenswertes Revival, dem folgen pubertärer Fäkal-Humor, "Aufschrei"-würdiger Sexismus und ... noch irgendwas mit ficken. "Folla me", also "Fick mich", karikiert den deutschen Mallorca-Urlauber und seine ungeliebten Angewohnheiten. Tarek erlaubt sich einen vollständigen 16er in Spanisch, der sich so anhört, als hätte man einen seiner alten Parts ins Spanische übersetzt oder Verscherbeltes resteverwertet. Das Highlight: "Die geh'n mir aufn Sack, verschwindos ihr Panchos!/ Keine Augen im Kopf? Da liegt doch mein Handtuch!" (Nico). Ja ja, ich weiß, das hätte ich für mich behalten können, aber warum einen Höhepunkt aussparen, nur weil er sich nicht als solcher liest, aber so anhört? Es ist so dermaßen stumpf, gleichzeitig Party-tauglich und schier zum Brüllen. Weiter geht es mit schrägen, wahlweise auch sodomistischen Sexfantasien und prolligen, teils dümmlichen Punchlines. Aber das ist nunmal der K.I.Z.'sche Humor, der darauf ausgerichtet ist, sich dabei die Hucke vollzuhauen, ohne zunehmende geistige Anstrengungen zu unternehmen, auf mehr als das Gebrumme der Beats zu hören. Ja, die drei sind irgendwie gesellschaftskritisch, politisch intelligent und verpacken das auf eine clevere Art. Völlig einerlei, ob sie das (wie hier) überhaupt nicht sind, ist es vollkommen ausreichend, zu glauben und zu behaupten, dass es so ist, um ihnen eine vermeintlich tiefere Bedeutung beizudichten. K.I.Z. sind als untypische Rapgruppe für Partyhits ohnehin unlängst legitimiert. Wozu dann noch zuhören, fürs Crumpen brauche ich jedenfalls keine sozialkritischen Tracks. Knallt auch so. Und der Humor steht sowieso für sich und ist auf Anspielstationen wie "Verpisst euch", "Ficki Ficki", "Folla me", "Ich steh auf Frauen (Ich schwöre)" oder "Ich könnte deine Mutter oder deine Schwester sein" oder die – manche unterstellen beabsichtigt – vollkommen schief geträllerte Nummer auf "Unfall auf der Autobahn" ausgeprägter denn je, er beansprucht die gesamte Spielzeit für sich. Einen hab' ich aber noch: Nicos Backup auf "Ich steh auf Frauen (Ich schwöre)" setzt der vorangegangenen Line stets die Krone auf, indem er sie gekonnt dümmlich kommentiert. Bitte sehr:

"Ich bin so hetero, ich schlag' auch meine Frau (Meine Frau!)/
Und geh' mit stolzgeschwellter Brust in den Bau (Yeahhh!)/
Ich bin so hetero, man, ich bin der Hammer (Bin der Hammer!)/
Bin so hetero – ich fick' auch meine Mama (Hallo Mama!)/
"
(Nico auf "Ich steh auf Frauen (Ich schwöre)")

Fazit:
Und du fragst dich nach dem Durchhören, warum ergibt das alles keinen Sinn und steht in keinem Zusammenhang? Dann ... hast du womöglich zu gut zugehört. "Fans warten auf das Album wie Kranke auf ein Spenderorgan" – da ist durchaus was dran, denn ein Mixtape, das ausschließlich auf der bereits ausgeschlachteten "Ficki Ficki"-Thematik basiert, ist nicht enttäuschend, ja, noch nicht mal ernüchternd, sondern immer noch unterhaltsam. Das gelingt nur den Künstlern im Zuchthaus, wage ich zu behaupten. Trotzdem würde ich ein Album, das sich eher neben "Sexismus gegen Rechts" einordnen ließe, mehr begrüßen denn "Urlaub fürs Gehirn 2" oder das Verbale Stylekollektiv auf Albumlänge. Dann vielleicht wirklich mit sozialkritischen Tracks und satirisch angestimmten Themen, denen zurecht unterstellt wird, auf eine intelligente Weise behandelt worden zu sein. Solange das nicht so ist, darf man sich zu den quarkigen, jedoch herrlich bescheuerten Party-Hits um einige Hirnzellen erleichtern.


(Die Robbe)



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