Angemeldet bleiben?

Review: K.I.Z. – Sexismus gegen Rechts

veröffentlicht: Donnerstag, 16.07.2009, 00:05 Uhr
Autor: johnnydieratte





01. Rohmilchkäse
02. Lass die Sau raus
03. Halbstark
04. Rauher Wind
05. Einritt
06. Ohrfeige
07. Straight outta Kärnten
08. Selbstjustiz
09. Scheiterhaufen
10. Hurensohn Episode 1
11. Preisschild
12. Auch Nutten wollen Pendlerpauschale
13. Ringelpiez mit Anscheißen
14. Das System
feat. Sido
15. Klopapier
16. So alt
17. Töten
18. Halbstark (Tai Jason RMX)


Nico sagt, ich soll' mir "Sexismus gegen Rechts" nicht runterladen, sondern von Media Markt klauen, damit denen das schadet und nicht K.I.Z. Das ist zwar Selbstjustiz, aber wenn ich das nicht mache, bin ich ein Schwuli, der auf'n Arsch tätowiert ist. Ich ziehe mir also meine Metzgerschürze über, stürme in den Laden und knalle mein Riesenglied auf die Kasse. Als die nette Verkäuferin fragt, ob sie mir helfen könne, stöhne ich ihr ein "Ich habe Hunger" entgegen und beginne, andere Kunden zu massakrieren. Während ich den Media Markt auseinandernehme wie eine Dorfjugendherberge, brülle ich "Hurensohn" oder "Spasst" und werfe mit Kot und Schweineköpfen um mich. Schließlich gibt mir die nette Verkäuferin die CD.
Zuhause bin ich etwas verblüfft. Nach dem "RapDeutschlandKettensägenMassaker", "Böhse Enkelz" und "Hahnenkampf" macht auf "Sexismus gegen Rechts" plötzlich vieles einen Sinn. Die Kannibalen in Zivil sind zu Künstlern im Zuchthaus mutiert. Man hat das Gefühl, dass sie nach ihrem endgültigen Durchbruch 2007 gemerkt haben, wie viele Leute ihnen eigentlich zuhören. So fokussieren sie ihren Zynismus nicht mehr nur noch auf andere Rapper, sondern weiten sich auf eine Gesellschaft aus und sind dabei manchmal sogar richtig sozialkritisch. Ich schäme mich jetzt ein bisschen, dass ich eben so grundlos gemein war.

K.I.Z. töten und ficken auf ihrem 18 Tracks starken Neuling eben nicht mehr grundlos, sondern mit Hintergrund. So verhöhnen die Klosterschüler im Zölibat auf "Selbstjustiz" eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne der Meinung ist, er hätte die Moral mit Löffeln gefressen. Bei "Straight outta Kärnten" wird der Medienhype um den verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider persifliert und "Rauher Wind" weht ab jetzt um alle Luxus-Wehwehchen von reichen Leuten.

"Hier oben weht ein rauher Wind/
Keiner hört uns, wenn wir traurig sind/
Ich verkauf' noch dieses Wertpapier/
Mach' den Computer aus und spring' aus dem Fenster/
"
("Rauher Wind")

Und während die Kreuzritter in Zentralasien früher von Frauen nur beim dreckigen Sex geschlagen wurden, kriegen sie heute schon eine "Ohrfeige", wenn sie nach dem Morgenkuscheln lieb um ein Frühstück bitten oder ihnen "schöne Augen [machen] wie Chris Brown". Vielleicht war aber auch einfach der Penis zu klein. Oder der Analverkehr zu tiefsinnig.

"Ich fick' in dein Arschloch/
Bis mein Herz in deinem Darm pocht/
Oh mein Gott, ist das romantisch/
Ich spür' deine Bandscheibe/
"
("Ringelpiez mit Anscheißen")

Bis jetzt klang das ja eigentlich so gar nicht nach den Kriegsverbrechern in Zwangsjacken, doch eben das ist nicht der Fall. Klar, ihre Mordattentate werden in einen sinnvollen Rahmen genagelt, aber ihre Musik bleibt die gleiche. Schlechte Coverversionen in einem musikalisch makellosen Kleid aus Menschenhaut, ausgereifte und vielseitige Raptechniken, melodiöse Hooks und Texte nah am Abgrund, alles wunderbar einwandfrei abgemischt. Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft schaffen es, neu und alt gleichzeitig zu sein, dabei vielseitig und doch berechenbar. So überraschen sie zwar mit einem relativ persönlichen(?) Lied wie "So alt", doch bestätigen mit "Einritt", dass es auf die Fresse gibt; laden auf "Lass die Sau raus" ganz selbstverständlich zum Pogen ein und entschuldigen sich dann auf einmal dafür, dich einen Hurensohn genannt zu haben ("Hurensohn Episode 1"). Humoristisch "Töten" sie und zwinkern dir dabei zu: "Ach komm, auch wenn du auf Hartz IV bist, die Welt wird doch nicht dadurch schlechter, dass man darüber Witze macht."

"Mantafahrer-Opfer, quatsch' mich nicht voll/
Ich gebe der Sonne Nackenklatscher, wenn es Nacht werden soll/
Sitz' im Kettenkarussell und fang' ein Drive-by an/
Auf dem Rummel flüchten Monster aus der Geisterbahn/
"
("Halbstark")

K.I.Z. wirken auf "Sexismus gegen Rechts" zwar etwas geplanter, aber das macht sie nur besser. Ja, sie sind vielleicht politischer, vielleicht nachdenklicher, vielleicht nicht mehr ganz so kannibalisch, aber sie halten ihr Niveau und stoßen dabei noch in neue Sphären. Das Album hat eigentlich alles, was die Hatz begehrt, sogar einen Sommerhit 2009 ("Ringelpiez mit Anscheißen"). Die Pogo-Provokateure schaffen die perfekte Balance zwischen Radikalität und Sinngehalt. In derben Texten pinkeln sie zwar vielen ans Bein, schaffen aber gleichzeitig einen gelungenen Rahmen, ohne dabei zwanghaft moralisch zu wirken. Das ist Unterhaltung mit Anspruch. Gleichzeitig glänzen sie mit einer Raptechnik, die sich sehen lassen kann: abwechslungsreich, sauber und pumpend. Das ganze gekrönt mit durchwegs erstklassigen Hooks, die einmal nicht dämlich klingen. Nach dem Hören kann man sich schwer entscheiden, welchen Ohrwurm man haben möchte. Das kombiniert mit vielen gelungenen Beats, die mal zum Mitsummen, mal zum Abgehen einladen, dabei aber nie nervig klingen, sondern den Text gelungen unterstützen, macht das Album für mich zu einem Kunstwerk. Letztendlich kann man von den vier Berlinern schlecht behaupten, sie würden nicht ordentlich um sich schlagen. Sie schlagen vielleicht nur tiefer. Tiefsinniger meine ich. "Können wir sie ficken? – Yes we can." Change halt. So ein kleines bisschen zumindest. Deshalb habe ich mich immerhin leise bei Media Markt entschuldigt, auch wenn ich das Album trotzdem nicht bezahlen werde...


(Benedikt Dirschl)



Bewerte diese CD:


Diese Review wurde 15789 mal gelesen
113 Kommentare zu dieser Review im Forum