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Review: Juse Ju – Shibuya Crossing

veröffentlicht: Freitag, 22.06.2018, 12:10 Uhr
Autor: KDePa





01. Kirchheim Horizont
02. 7Eleven
feat. Fatoni & Edgar Wasser
03. Propaganda
feat. Danger Dan
04. Fake It 'Till You Make It
05. Lovesongs
06. Justus BWL
07. Bordertown
08. Knete teilen
09. Pain Is Love
10. Milka Tender
feat. Luko
11. Shibuya Crossing
12. Cloudrap


Juse Ju rappt bereits seit einer gefühlten Ewigkeit. Er fing schon als Jugendlicher an, seine ersten Texte zu schreiben, gab später seine Skills auf Freestyle-Jams und Battle-Turnieren zum Besten und veröffentlichte 2005 sein erstes Solo-Release. Mittlerweile ist er nicht nur DLTLLY-Host und moderiert eine wöchentliche HipHop-Show beim Radiosender Fritz, sondern dringt auch mit seiner eigenen Musik zu immer mehr Rap-Hörern im ganzen Land durch. Nach seinem letzten Album "Angst & Armor" aus dem Jahr 2015, das bei Fans und Kritikern sehr gut aufgenommen wurde, ließ der MC aus dem Süden sich nicht nur einige Zeit, um an seinem neuen Projekt zu feilen. Er verriet außerdem, dass er bei diesem zum ersten Mal auch beruflich seinen Fokus hauptsächlich auf die Musik legte. Passend dazu ist "Shibuya Crossing", Juses Neuling, der nach der berühmten Straßenkreuzung in Tokio benannt ist, auch das erste Release des Rappers, welches nicht kostenlos als Download zur Verfügung steht. Ob sich jene Umstände auf den Klang der Platte auswirken und ob diese sich qualitativ von den drei Vorgängeralben abhebt, bleibt an dieser Stelle abzuwarten.

Das Cover-Artwork des Albums, welches wie die der beiden letzten Juse Ju-Alben von Wischnik stammt, zeigt eben jenen berühmten Platz in Tokio, darauf einen jungen Mann, vermutlich Juse selbst, der zwischen hin- und hereilenden Menschenmassen ruhig dasteht und nostalgisch in die kunterbunten Hochhausschluchten blickt, welche von lauter Rückblenden an prägende Erlebnisse aus seiner Jugend flankiert sind: die Shōnen Jump, ein berühmtes Manga-Magazin aus Japan, das Skateboarden, Rap-Battles oder auch ein sich überschlagendes Auto auf der Straße einer Wüstenstadt. Dies sind die Erinnerungen eines jungen Mannes, der bereits früh auf drei Kontinenten gelebt hat. Geboren im schwäbischen Kirchheim unter Teck, verlebte Justus Hütter, so der bürgerliche Name des Rappers, fünf Jahre seiner Kindheit in Tokio, bevor es für ihn wieder zurück nach Süddeutschland, dann für zwei Jahre nach El Paso in Texas an der Grenze zu Mexiko und schließlich wieder zurück in die schwäbische Provinz ging. Dass "Shibuya Crossing" also zumindest einige autobiographische Züge aufweisen wird, scheint hiermit schon gesichert zu sein und gleich der Opener soll dies auch bestätigen.
"Kirchheim Horizont" handelt von Juses persönlichem Kirchturmhorizont: betrunken Moped fahren, mit Kumpels auf der Wiese chillen, schwäbischer Dialekt und Vetternwirtschaft innerhalb der Dorfgemeinschaft. Neben den Heimatklischees sorgen aber auch jugendliche Minderwertigkeitskomplexe und das ambivalente Heimatgefühl, welches den Rapper in Kirchheim beschleicht, dafür, dass der Song thematisch keineswegs abgenutzt und vielmehr authentisch wirkt. In der Mitte der Scheibe greift dann der gelungene Storyteller "Bordertown" Juses Erlebnisse in El Paso Ende der 90er Jahre auf. Detailverliebt und mit unmittelbarer Bildlichkeit schildert er das Leben als Jugendlicher in der Grenzstadt und den tragischen Unfall seines Freundes, welcher den Song mit Nüchternheit und Betroffenheit enden lässt. Schließlich trifft der Hörer mit der vorletzten Anspielstation auf den Titeltrack des Albums. Die Kreuzung in Shibuya fungiert in der Hook desselben als immer wiederkehrender Sehnsuchtsort des Rappers, während darum herum die Eindrücke eines kleinen Jungen in der größten Stadt der Welt, geprägt von Unsicherheit, Angst, aber auch Aufbruchsstimmung und Mut, sowie die Beziehung zu seinem großen Bruder berappt werden. Wie schon die beiden anderen autobiographischen Tracks ist "Shibuya Crossing" von einer klimatischen Struktur sowie einem ruhigen Beat und nachdenklichem Flow geprägt.

Und ich laufe diese Straßen wie auf Silber/
Und die Blüten da im Park sehen aus wie Schnee/
[…]
Überqueren diese Kreuzung in Shibuya/
Über uns da leuchten tausend LEDs/
Und mein Bruder legt die Hand auf meine Schulter/
Er sagt: "Komm, lass uns geh'n/

(Juse Ju auch "Shibuya Crossing")

Diese persönliche Seite ist eine, die man von Juse Ju nicht unbedingt gewohnt gewesen ist. Auf "Lovesongs" geht er ebenfalls mit sich selbst hart ins Gericht, kritisiert nicht nur sexistisches Rappergehabe, sondern auch die eigene Emotionslosigkeit und Beziehungsunfähigkeit. Und ebenso "Milka Tender" mit Gastsängerin Luko in der Hook scheint zwar erst von der Katerstimmung nach einer durchzechten Nacht zu handeln, entpuppt sich am Ende jedoch als Kritik am eigenen Umgang mit einer Trennung.
Doch auch die Battle-Attitude, eine bereits hinlänglich bekannte Stärke des Rappers, kommt auf der Scheibe nicht zu kurz. "7Eleven" ist der obligatorische Track mit den Kumpels Fatoni und Edgar Wasser. Dass die drei die "beste Kombination" sind und super zusammen harmonieren, stellen sie mit haufenweise Representer-Punchlines, Wortwitz und Sarkasmus gelungen unter Beweis. Selbiges gelingt Juse auch solo auf "Justus BWL". Mit Skits und Scratches von DJ Flashcat sowie unterhaltsamen Adlips teilt der MC gegen die hiesige Rap-Szene aus und nimmt sich genauso selbst auf die Schippe. Nicht weniger humorvoll ist die Herangehensweise auf "Propaganda", wenn auch das Thema ein politisches ist und dazu viel aktuellen Zeitgeist in sich trägt. Auf derbem Trap-Beat karikiert Juse überspitzt und zynisch den modernen Medienkritiker, der dabei doch selbst gänzlich unreflektiert Russia Today konsumiert, ernsten Debatten aus dem Weg geht und obendrein meint, er habe das große verschwörerische weltpolitische System erkannt und könne sich deshalb geistig über dieses sowie alle vermeintlich Systemhörigen erheben. Seine perfekte Ergänzung findet das ganze durch eine poppige Hook von Danger Dan, der sich dort ebenfalls anmaßt, "das große Spiel zu durchschauen".

Meine Freundin fragt mich: "Schatz, wie war dein Tag?" (hallo!)/
Ich sag: "Gut, ich hab' MCs gefickt mit harten Parts!" (yüah!)/
Sie sagt: "Was, Denise gefickt? Du blöder Arsch!" (du Arsch!)/
Ich sag: "Nein, MCs sind Rapper, was man halt so sagt."/
Das ist das Schwere am Erwachsenwerden (was denn?)/
Es fällt immer schwerer Quatsch zu reden/
Ohne dabei wie ein dummer Spast zu wirken (huh!)/

(Juse Ju auf "Justus BWL")

Weniger stark fallen andere Songs wie "Fake It 'Till You Make It" oder "Knete teilen" auf, die sich humoristisch mit Juse Jus Standing in der deutschen HipHop-Szene auseinandersetzen, oder auch "Cloudrap", der eben diese Szene karikieren und abwatschen will. Letzteres Songkonzept kann zwar unterhaltsam sein, ist aber keinesfalls innovativ. Zudem entsteht der Anschein, dass der Weltenbummler Juse, der außerdem auch klare politische Ansichten vertritt und es versteht, diese mit jeder Menge Witz zu vermitteln, in gesellschaftlich nicht gerade ruhigen Zeiten wie diesen lieber noch das ein oder andere Thema mit mehr inhaltlicher Schwere hätte aufgreifen können.
Die Beats auf "Shibuya Crossing" entstammen einer ganzen Liste von unterschiedlichen namhaften Produzenten, darunter Torky Tork, Dexter, Provo oder Yourz, und dementsprechend abwechslungsreich sind sie auch gehalten. Ob langgezogene Synthies, hartes Trap-Brett, klassischer BoomBap oder Auto-Tune – hier geben sich verschiedene Styles, welche an verschiedene Zeiten und Subgenres des HipHops erinnern, die Klinke in die Hand und ergeben nichtdestotrotz ein stimmiges Gesamtklangbild. Dabei passt der Sound stets zu den jeweils vermittelten Emotionen. Und auch Juse selbst versteht freilich ebenfalls sein Handwerk, rappt routiniert, unverkrampft und locker, ab und an auch stakkatisch oder druckvoll, wobei doch niemals Einbußen in Sachen Verständlichkeit hingenommen werden müssen.

Fazit:
"Shibuya Crossing" lässt sich natürlich nicht als das erste richtige Album von Juse Ju bezeichnen, dennoch ist ein qualitativer Unterschied zu seinen bisherigen Releases hörbar. Dieser liegt vor allem in der persönlichen, autobiographischen Seite, die man vorher vom Künstler noch nicht gewohnt gewesen ist und die sein musikalisches Schaffen damit um eine neue Facette bereichert. Bissige Ironie, Humor und Battle-Attitüde werden deshalb jedoch keineswegs über Bord geworfen. Insgesamt ist die Platte also weniger verspielt und ernster als ihre Vorgängerinnen, besticht zwar durch ein breites Themenspektrum, verliert aber manchmal auch ihren roten Faden und weist zudem kein einheitliches Niveau der Songs auf. Angesichts der wunderbar bebilderten Erzählungen hätte man sich vielleicht mehr Festhalten am Konzept gewünscht, welches das Album mit Titel und Aufmachung suggeriert. Doch am Ende mag man gespannt sein, ob Juses Entwicklung hier weitergeht und seine kommenden Projekte vielleicht noch persönlicher werden. "Shibuya Crossing" verspricht in dieser Hinsicht auf jeden Fall bereits einiges.


Maximilian Lippert



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