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Review: Juicy J – Highly Intoxinated

veröffentlicht: Samstag, 30.09.2017, 17:25 Uhr
Autor: Cuttack





01. Intro
02. Highly Intoxicated
03. Show Time
feat. XXXTentacion
04. Bitch From The Gram
05. That Ain’t You
06. Freaky
feat. A$AP Rocky & $uicideboy$
07. Dope Fiend
08. D’Usee and Ciroc
feat. Smokepurpp
09. Big Tymer
10. Kamasutra
feat. Cardi B
11. Dats What I Thought
12. Call My Lawyer
13. Up There
feat. YKOM
14. Watch Money Fall feat. Rick Ross & Project Pat
15. Always High feat. Wiz Khalifa
16. Petty feat. Project Pat
17. Get Back feat. T Shyne & Slim Jxmmi
18. What Did I Do

Seit einer ganzen Weile streiten sich in Amerika Musiker und HipHop-Outlets darüber, wem die Erfindung von Trap eigentlich wirklich zuzuschreiben sei. T.I zum Beispiel rückt nach wie vor nicht von seiner Ansicht ab, dass er mit dem gleichnamigen Album 2003 die Fahrbahn für die Sparte eröffnet habe, gleichzeitig werden immer wieder Gucci Mane, Jeezy oder deren ehemaliger Labelchef Coach K zitiert. Dabei geht die Legung der Fundamente nach aktuellem Konsens bis in die Neunziger zurück: Die Three 6 Mafia könnte wohl den solidesten Anspruch haben, nicht nur Pate für Trap, sondern für den modernen Atlanta-Sound generell zu stehen. Lord Infamous popularisierte Ende des Jahrtausends den Triplet-Flow, auf dessen Welle heute von Migos bis zu Young Thug fast jeder Szene-Act schwimmt.

Dass die verbliebenen Gründerväter dabei selbst gar nicht so sehr im Auge der Öffentlichkeit stattfinden, verwundert fast ein wenig. Zwar hat Juicy J mit seinen Zusammenarbeiten mit Pop-Acts Anfang der 2010er eine solide Mainstream-Kredibilität aufgebaut (sogar ein Oscar steht irgendwo auf seinem Schrank), aber im Grunde im Rahmen der musikalischen Entwicklung der Szene nichts mehr hinzugefügt. Tatsächlich fand seit dem zweiten Karrierehoch eher eine Zurückorientierung in Richtung Untergrund statt. Point in Case: "Highly Intoxinated", ein Mixtape mit stilechter DatPiff-Weltpremiere, Horden an Features und absolut keinen Crossover-Experimenten.

You welcome to hustle and serve/
That's if you keepin' your word/
If you run off with them packs/
You gon' get what you deserve/

(Juicy J auf "That Ain't You")

Achtzehn Titel lang gibt es hier Trap-Banger, die in ihrer Geradlinigkeit fast ein wenig hängen geblieben wirken. Positiv gemeint: Ab dem Intro spittet Juicy J hier Parts über Parts, suhlt sich im tiefsten Untergrundgefühl und weidet die Substanz in grimmiger Trap-Mentalität aus. Im Grunde variiert über die Länge des Tapes gar nicht so viel, was es um so überraschender macht, dass es sich absolut kurzweilig durchhören lässt. Der Protagonist selbst setzt subtile wie offensichtliche Flow-Variationen gegen die Instrumentals, findet immer die richtigen Chants, um hier und da mal eine eingängige Hook vom Stapel zu lassen und falls man doch mal von seiner Stimme müde werden sollte, sind die Features genau richtig übers Tape verteilt: Verses von XXXTentacion, A$AP Rocky, Cardi B, Rick Ross und Slim Jxmmy von Rae Sremmurd ergänzen eine Blütenlese der aktuellen Rapgeneration, brechen aber auch zu keiner Stelle aus dem bewährten Konzept aus. Vielmehr ergänzen die frischen Persönlichkeiten Facetten und bringen an den richtigen Stellen frischen Wind. Einzig und allein der Auftritt von Wiz Khalifa sorgt für einen melodischen, zurückgelehnteren Moment auf der Platte – wie man es von der Konstillation der Beiden eben auch erwarten sollte. Interessant ist hier dennoch, dass es sich statt um die sonst eher Single-orientierte Mixtapekultur tatsächlich um ein kohärent in einem Hördurchgang konsumierbaren Longplayer handelt. Man könnte zwar verhandeln, dass Titel wie "Freaky", "Show Time", "Kamasutra" oder "What Did I Do" durchaus Potential für sich mitbringen, aber die Linie durch das Tape fühlt sich zu sichtbar und stimmig an, als dass sie purer Zufall sein könnte. Denn die subtilen Nuancen in der Ausführung der eindimensionalen Trackideen kommen gerade im letzten Drittel von "Highly Intoxicated" immer deutlicher zu tragen, insbesondere im verdammt starken Closer. Diese Dramaturgie leistet mit Sicherheit ebenfalls einen Beitrag zum sehr stimmigen und kurzweiligen Hörerlebnis des Tapes.

Want to put the tip in/
You got me doing the moves that I used to do/
Back in the days when I was strippin' (woo)/
Baby, I'm hot, I'm fresh out the kitchen/
Won't you come put your key in my ignition? (ah)/

(Cardi B auf "Kamasutra")

Dass diese Eindimensionalität so gut funktioniert, muss aber natürlich auch der Produktion zu Gute gehalten werden. Die größte Geschichte findet sich in der Inklusion der $uicideboy$, die weißen Untergrund-Typen, die selbst eigentlich eine relativ offensichtliche Reinkarnation der Three 6 Mafia sein wollen, sich aber mit grimmigem, zeitgemäßen Material in der Szene bewährt haben. Hier nun einmal den vollen Kreis zu gehen und von den Vorbildern selbst dermaßen inflationären Cosign zu erhalten, wärmt natürlich das Herz – und bewährt sich auch musikalisch: Klassisch minimale, mit dissonanten und eigenwillig verzerrten Samples bestückte Trap-Sample-Beats ziehen sich wie ein roter Faden durch das Mixtape. Dafür sorgt aber nicht nur das Duo, sondern auch Altmeister wie TM88 und Crazy Mike. Dass hier sehr zielstrebig gearbeitet wurde, zeigt sich nicht zuletzt im beeindruckend kohärenten, im Motiv aber vielseitig und sinnvoll sortierten Klangbild auf dem Tape.

I'm gettin' better with this fame/
Tell me what I did to make these niggas act so lame/
All I did was give 'em all the sauce and all the game/
The players always change, but the bosses stay the same/

(Juicy J auf "What Did I Do")

Dieses Zitat fasst eigentlich recht gut zusammen, was "Highly Intoxinated" liefert: Es demonstriert die absolute Sparten-Kredibilität von Juicy J als Abgesandter der Pioniere seines Genres. Dabei wird weder das Rad neu erfunden noch ein Gedanke daran verschwendet, es weiterzuentwickeln. Lieber wird mit allen zeitgenössischen Szenegefährten eine ausgiebige Runde abgefeiert, was ohnehin schon da ist und dabei achtzehn Titel grimmiges Auf-Die-Kacke-Hauen dargeboten. Wird Trap-Gegner genauso wenig umstimmen, wie es Trap-Fans nicht irritieren wird. Juicy J liefert schlicht ein rundes, musikalisch perfekt in der Zeit liegendes und handwerklich grundsolides Tape ab, das den Status Quo des derzeitigen Untergrund-Sounds gleichzeitig zementiert sowie mit dem Mainstream der Szene in Einklang bringt. Und das ergibt sehr viel Sinn in einer Zeit, in der die Mauern zwischen Mainstream und Untergrund schon lange eingerissen sind.


(Yannik Gölz)



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