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Review: JokA – Augenzeuge

veröffentlicht: Mittwoch, 30.09.2015, 19:20 Uhr
Autor: KDePa





01. Moin Moin
02. Immer noch MC
feat. Sido & MoTrip
03. Wayne
04. Drecksjob
05. 24/7
feat. Lenny Morris
06. Einmal um die Welt feat. Megaloh
07. Geschenk feat. Flo Mega
08. Augenzeuge
09. Himmelspforte
10. Pechtag Pt. 2
11. Polaroid
12. Freundeskreis
feat. Sebastian Hämer
13. Gestern Nacht hab ich wohl geträumt feat. MoTrip
14. Leb' wohl
15. Nostalgie
feat. Nyasha Mudo

Richtig still geworden ist es um den Bremer Rapper JokA, den man nicht zu Unrecht als alten Hasen im Game bezeichnen kann, auch in den letzten Jahren nie so richtig. Immer mal wieder tauchte er als Featuregast bei diversen namhaften Rappern in der Trackliste auf oder stand auf der ein oder anderen deutschen Bühne. Nun, nach vollzogenem Wechsel vom Berliner Label I Luv Money hin zu distri, fünf Jahre nach seinem letzten Release "JokAmusic" und ganze sieben Jahre nach "Gehirnwäsche", steht der MC jedoch auch endlich wieder mit einem neuen, seinem dritten, Soloalbum "Augenzeuge" in den Startlöchern und erfüllt damit nicht wenigen HipHop-Fans einen lange ersehnten Wunsch. Ob der angehende Deutschlehrer sein lyrisches Potential auch auf Albumlänge nicht verloren hat und wie der mittlerweile 30-jährige JokA sich 2015 anhört, gilt es nun zu entdecken.

"Moin Moin", der Einstieg in die Platte, kommt frech und voller Elan daher. JokA marschiert über einen druckvollen Beat von Hauptproduzent Sinch, auf dem er sich auch jenen Hörern vorstellt, welche bis dahin noch nicht allzu vertraut mit dem Bremer MC gewesen sind, und dazu so enthusiastisch wie selbstbewusst die gesamte HipHop-Szene grüßt, die er mit "Augenzeuge" gleichsam auf ein Neues entern und für sich gewinnen möchte. Dass er "Immer noch MC" ist und nichts an früherer Energie eingebüßt hat, stellt JokA gleich auf dem nächsten Track klar. Zusammen mit MoTrip und Sido entstand hier ein typischer, solide gerappter Representer, auf dem auch die Featuregäste, beide ihre individuellen Stärken ausspielend, zu überzeugen wissen. Und zuletzt erinnert sich der Künstler auch auf dem letzten Song der Platte namens "Nostalgie" seiner Beziehung zur Rapmusik und HipHop-Kultur, reflektiert seinen musikalischen Werdegang sowie jenen als Rapfan und die große Bedeutung, welche HipHop für sein Leben besitzt. Nyasha Mudo rundet das Ganze mit einer Adaption von Neil Youngs "My My, Hey Hey" in der Hook ab und sorgt für viel Ohrwurmpotential.

"Es ging los, ich fuhr mit mein' Jungs damals zu jeder Show/
Und konnte von den Großen so viel lernen auf meinem Weg hier hoch/
Mach dich frei, denk zurück und sag mir, was du siehst/
Ich mach das alles nur im Namen der Musik (im Namen der Musik)/
"
(JokA auf "Nostalgie")

So viel zum "Rap über Rap", doch die großen Stärken des Bremers liegen sicherlich im Storytelling. Und wie er auch auf dem Titeltrack ankündigt, seien diese Storys real. Denn wenn sich JokA auf "Augenzeuge" zu kühlem, düsteren Sound damit brüstet, er brauche "keine Geschichten zu erfinden", dann steht das sicherlich für die Lebensnähe seiner Tracks, dafür, dass jeder Hörer irgendwo sich, seine Wünsche oder Sehnsüchte wiederfinden wird. Das Leben im Allgemeinen ist hier der "Tatort", denn freilich haben die meisten Songs auf "Augenzeuge" keinen direkten autobiographischen Hintergrund. Ob er diese Ansprüche zur Gänze erfüllt, ist auf Albumlänge besehen allerdings fragwürdig. Auffallend ist in jedem Fall der Titel "Leb' wohl" – sicherlich ein Highlight des Albums –, auf dem die ergreifende Geschichte eines Krebskranken erzählt wird, die den Hörer immer wieder direkt anspricht sowie in die schweren Entscheidungen des Kranken und gleichzeitig auch wahrhaft Liebenden einbindet und schlussendlich voller Rührung und Trauer zurücklässt. Schmal an der Grenze zum Kitsch, schafft JokA hier ein Stück Musik, welches derart ergreifend ist, wie es in deutschem Rap zwar oft versucht, aber leider eher selten gekonnt umgesetzt wird. "24/7" hingegen verfährt nach einem ähnlichen Muster wie schon MoTrips "Mathematik", während sowohl von JokA als auch von Featurepartner Lenny Morris jeweils eine kleine Geschichte erzählt wird, wobei die Lyrics jedoch an vielen Stellen aufgrund der ganzen untergebrachten Zahlen etwas konstruiert wirken und darüber hinaus inhaltlich auch nicht sonderlich innovativ überzeugen können, worunter die Qualität des Songs, mit dessen Konzept gerade JokA sicher mehr hätte anstellen können, insgesamt etwas leidet. Interessanter ist dagegen schon "Himmelspforte", ein Dialog zwischen dem heiligen Petrus und jeweils drei eben frisch gestorbenen Männern auf ruhigem Instrumental, welcher nach dem ersten Part eine stereotypische Pointe erwarten lässt, die dann zwar auch aufwartet, allerdings daraufhin noch um einen weiteren Strang der Erzählung erweitert wird.

"[...] Sie hätte nachts mit mir geweint/
Hätte gesagt, dass meine Haare wieder wachsen und gedeihen/
Doch ich kann das nicht mit ansehen, ihre Tränen, ihren Schmerz/
Und wäre sie nicht glücklich, wäre auch mein Leben nichts mehr wert/
Sie hat bis heute nicht versucht jemanden kennenzulernen/
Wie hättest du entschieden, wenn du an meiner Stelle wärst?/
"
(JokA auf "Leb' wohl")

Dass er nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch vielseitig ist und verschiedene Stile bedienen kann, beweist JokA auf Augenzeuge zu guter Letzt ebenfalls, was unter Umständen dazu führen mag, dass nicht immer alle Geschmäcker hierbei konstant bedient werden. Der elektronisch-progressive Track "Wayne" überzeugt statt mit doper Lyrik eher mit einer clubtauglichen Hook, während der darauffolgende Titel "Drecksjob" vielmehr rockig daherkommt und auch die Musikalität des Bremers unter Beweis stellt. Auf "Geschenk" hat JokA den Soulsänger Flo Mega zu sich ins Boot geholt, woraufhin die beiden zu einem schnellen, flippigen Beat sofort gnadenlos losflowen und jene, durch die eigentlich beste Freundin, hervorgerufenen Schmetterlinge im Bauch berappen beziehungsweise besingen, die vielleicht so mancher Hörer ebenfalls bereits hatte erfahren dürfen. Und wenn man sich nicht gerade an eine ähnliche aufregende Situation erinnert fühlt, ist zumindest dennoch der Drang zum Tanzen vorprogrammiert. Die nächste ruhige, vielleicht jedoch etwas zu glatt-poppige, Gesangshook auf Augenzeuge liefert Sebastian Hämer, wenn es in "Freundeskreis" um den Halt, die Treue und die gemeinsamen Erinnerungen, die JokA mit seinen Nächsten teilt, geht. Auf "Gestern Nacht hab ich geträumt" erhält dann schließlich MoTrip seinen zweiten Gastauftritt, denn die beiden können einfach miteinander rappen. Stimmen, Flow und Atmosphärie der aufeinander eingespielten MCs wechseln sich fortwährend ab, ergänzen sich harmonisch und präsentieren so einen runden, gelungenen Track über die Träume vom Vergangenen, Vorgenommenen und Unmöglichen, "weil man Dinge, die man am liebsten tut, in seinen Träumen sieht".

"Lass uns jetzt bloß nicht auf die anderen hören/
Komm, lass uns verschwören, wir haben nichts zu verlieren/
Dieser eine Moment ist wie ein Geschenk/
Komm, wir lassen es passieren/
"
(Flo Mega auf "Geschenk")

Fazit:
Als Konzeptalbum kann man "Augenzeuge" trotz der Andeutungen auf dem Titeltrack und dem Titelcover, welches JokA in 70er-Jahre-Detektivoutfit zeigt, nicht verstehen. Dennoch liegt der Fokus hier zweifelsohne auf Geschichten, die eben das Leben schreibt, ob es um Liebe, Träume, die Arbeit oder doch einfach HipHop geht. Der Sound ist in den meisten Songs nicht sehr auffällig, aber stets liebevoll ausproduziert und bietet zwischen funky, düster-kalt oder energisch-treibend reichlich Vielfalt auf. Neben einigen Songs, die eher weniger auffällig sind und sicher nicht allzu oft auf den Repeat-Button verweisen, muss sich noch zeigen, ob JokAs Storys auch nach einem längeren Zeitraum ebenso unterhalten wie beim ersten Hören. Doch sollte bereits feststehen, dass dieser mit seinem Release den Schritt auf neue, für ihn richtige, Wege eingeschlagen hat, ohne dabei alte Qualitäten vergessen oder eingebüßt zu haben. Hoffen wir, dass wir auf das nächste Album nicht erneut allzu lange warten müssen.


Maximilian Lippert



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