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Review: JokA – JokAmusic

veröffentlicht: Montag, 25.10.2010, 19:45 Uhr
Autor: TonySunshine





01. Intro
02. Immer dann
03. Was wird aus mir?
04. I luv Money
05. Hart drauf feat. MoTrip
06. Dies und das, so und so
07. Schicksal
08. Ein guter Tag feat. Farid Bang & Summer Cem
09. Ich wollte nie sein wie ihr
10. Boden der Tatsachen feat. Raf Camora, Chakuza & Nazar
11. Rückblick
12. Ich muss hier raus feat. Baba Saad
13. Restefi****
14. Unzensiert feat. King Orgasmus One & Silla
15. Pechtag
16. Feuer feat. MoTrip
17. Weißt du noch? feat. Raf Camora
18. Danke

"Alarmstufe Rot"! ILM-Member JokA ist wieder zurück mit seinem schlicht betitelten zweiten Album "JokAmusic". Durch zahlreiche Trailer, die mit Unterstützung anderer Rapper entstanden sind, und das vorzügliche Debüt aus dem Jahre 2008 ist die Vorfreude und Spannung doch sehr groß geworden. Wie dem auch sei... Nun ist der neue Longplayer endlich da und steht bereit zum Hören. Wie schon bei seinem Vorgänger "Gehirnwäsche" leitet der Bremer Rapper auch sein neuestes Machwerk mit einem typischen Representer auf einem bombastischen Beat ein und stellt zur Schau, was er technisch so alles draufhat. Talent hat er! Aber "Talent ist nicht mehr alles" merkt er an dieser Stelle an. Recht hat er! Ob und wie er dieser Aussage auch folgt, werden die nächsten 17 Anspielpunkte zeigen. Man darf gespannt sein. "Immer dann" führt das Ganze weiter, weiß aber nicht so ganz, was es ist. Erst wird der Frau Mama Vertrauen bekundet, keine vier Takte später wird dem Game in die Visage gewichst – irgendwie will das nicht so recht passen. Der darauffolgende Track "Was wird aus mir" erweckt in mir den Eindruck, als ob JokA krampfhaft versucht, so viele Themen wie nur möglich abzuklappern, auch wenn sie in Form eines Songs noch so spannungslos wirken. Was ein Musiker von illegalen Downloads hält, kann man sich wohl denken, und auch JokA passt das Thema, wie nicht anders zu erwarten, nicht in den Kram, klar. Mit dem durchaus amüsanten Vergleich zwischen Autos und Musik und der Klarstellung, dass er Musik trotz dessen vor allen Dingen um der Kunst willen und nicht nur aus finanziellen Gründen produziert, kann er aber gerade noch die Kurve kratzen.

"Stell's dir vor wie ein Auto, das ist auch nicht umsonst/
Beats sind die Felgen, ohne Beats keine Songs/
Stell dir das Aufnahmestudio halt als Reifen vor/
Vier Songs an zwei Tagen, das ist Leistungssport/
"
(JokA auf "Was wird aus mir?")

Über das fehlende Geld wird auch weiter auf dem dem Heimatlabel gewidmeten Track "I Luv Money" gemeckert. Eine ziemlich einschläfernde Sache. Und dadurch, dass JokA dann auch noch den Lehrer spielt und – wenn auch wahre – Tatsachen nennt, zum Beispiel dass Gesundheit den Vorrang vor Geld hat, werde ich auch nicht wacher. Mit MoTrip scheint sich JokA wohl besonders gut zu verstehen; gleich zwei Mal ist dieser auf dem Album vertreten ("Hart drauf" und "Feuer"). Begeistern kann mich der vor allem durch Savas' dritten Teil der "John Bello"-Reihe bekannt gewordene Rapper jedoch in beiden Tracks nicht sonderlich. Mittelprächtige Reimketten in Überlänge und Vergleiche auf Teufel komm raus sind leider nicht meins, gut gemeint ist eben nicht zwangsweise gut. Wobei JokA das Ganze auf "Dies und das, so und so" wesentlich ansprechender macht und schon sehr eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er die deutsche Sprache deutlich über Bundesdurchschnitt beherrscht. Großes Kino, was der Herr da an Reimen auspackt – und das noch auf kompletter Strophenlänge. Technikfreaks kommen hier voll auf ihre Kosten. Langweilig und absolut nicht unterhaltend wird es auf "JokAmusic" meist dann, wenn JokA von seinem Werdegang, seinem Umfeld und persönlichen Erfahrungen berichtet. Geschichten über Kleinkriminelle ("Schicksal"), der übliche "Ich bin, was die Gesellschaft aus mir gemacht hat"-Kram ("Ich wollte nie sein wie ihr") oder das tausendfach zuvor gehörte Aufzählen von begangenen Straftaten ("Rückblick") gehören wohl einfach nicht zu dem, was ich hören will. Mit einem – wenn nicht dem – Highlight auf "JokAmusic" hat JokA selbst recht wenig zu tun. Titel Nummer acht ("Ein guter Tag") läuft nicht mal eine Minute und German Dreamer Farid Bang hat mir mit seinem Part ein dermaßen riesiges Lächeln ins Gesicht gezaubert, dass es gar nicht mehr verschwinden will. Einfach herrlich! Derart asoziales Rumprollen und "Mütterficken" ist zwar nichts Neues vom selbsternannten "Gangbanger", aber wieder einmal stellt der "Derendorfer Massenmörder" besonders imposant seine Entertainerqualitäten unter Beweis. Auch Summer Cem weiß auf dem Track ("Ey, wie war das noch mal, was ist deine Mama von Beruf?") zu gefallen, wenn auch lang nicht in dem Ausmaß seines Labelkollegen.

"Doch du kommst zu spät, weil ich Kugeln schieße/
Und deine Mutter macht die Beine breit wie Fußballspielen/
Ey yo, ich hole Nutten, und zwar hohle Nutten/
Die, nachdem ich komme, alles auf den Boden spucken/
"
(Farid Bang auf "Ein guter Tag")

Ähnlich überzeugend wie Ekos Signings setzen sich auch JokAs Labelboss King Orgasmus One und -kollege Silla in Szene. Hier wird aber eines besonders deutlich, was leider im Verlauf des ganzen Albums immer wieder zu beobachten ist: JokAs Mangel an Persönlichkeit. Klar, JokA ist, rein technisch betrachtet, locker doppelt so gut wie seine beiden Berliner Kumpels zusammen, aber während die "Schmutzige Euros"-Rapper mit ihren unverkennbaren Markenzeichen in der Hook einfach arschcool dastehen, nennt JokA an dieser Stelle seine Lesebrille und seine gute Rasur. Nun ja. Orgis sinn- und zusammenhangsloses Brüllen von Beleidigungen, Bezeichnungen weiblicher Geschlechtsmerkmale und Sexualpraktiken unterhalten zumindest mich einfach mehr als quasi gesichtsloser Rap mit astreiner Technik. Aber das betrifft nicht nur den Protagonisten. Auch die österreichischen Gastrapper Raf Camora, Nazar und Chakuza und, wie bereits genannt, MoTrip haben mit diesem Problem zu kämpfen – oder besser gesagt: deren Hörer. Ersterer macht zudem "Weißt du noch" und "Boden der Tatsachen" mit seinen in meinen Ohren grausamen Hooks für mich unhörbar. Zwei Mal versucht sich JokA mehr oder weniger im Bereich Comedy-Rap. Einmal erschafft er im Falle von "Restefi****" eine wahrhaftige Hymne. Ein jedem bekanntes, aber nicht ausgelutschtes Thema lustig umgesetzt mit Mitgrölhook macht Anspielpunkt 13 zum besten Solotrack des Albums und wird wohl noch lange bei mir im Loop laufen und sich in den Gehörgängen festsetzen.

"Resteficken! Resteficken! Keiner will es, jeder muss es/
Resteficken! Resteficken! Ihr müsst es am besten wissen/
Resteficken! Resteficken! Fetter Arsch, fette Titten/
Darf ich dich um etwas bitten, Kleine, heut' ist Resteficken/
"
(JokA auf "Restefi****")

Im Falle von "Pechtag" geht das Ganze aber leider vollkommen nach hinten los. Die Erzählung eines – wie sollte es anders sein – Pechtages ist auf ganzer Strecke mehr als unspektakulär und lockt bestenfalls einen kleinen Schmunzler, aber beim besten Willen keinen Lacher hervor. Was sich der Bremer bei diesem Totalausfall gedacht hat, weiß wohl nur er selbst. Eher unfreiwillig komisch ist einmal mehr EGJ-Rapper Baba Saad. Wenn dieser in "Ich muss hier raus" mit seinen pseudoschlauen Zeilen über Rap und primitivsten Reimen den vielleicht besten Beat des Albums kaputtnuschelt, dann weiß ich einfach nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Eins muss man ihm aber sogar zu Gute halten: Gelangweilt hat er mich zumindest nicht. Ob das jetzt positiv oder negativ ist, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. "Danke" ist zum Abschluss noch eine kleine Widmung an die geliebten Eltern. Der Track sorgt dann doch noch dafür, das Album in guter Erinnerung zu behalten. Mit diesem Thema dürfte sich eben so gut wie jeder identifizieren können, und Gedanken an seine eigenen Eltern und die dazugehörigen positiven Gefühle und Erinnerungen könnten die Folge sein. Eine richtig gewählte Dosierung Kitsch zur richtigen Zeit ist eben nie falsch und zieht immer. Spätestens an dieser Stelle fällt auf, dass der "gefühlvolle" JokA, der auf "Gehirnwäsche" mehrmals zum Vorschein kam, hier leider zu kurz kommt.

In puncto Beats gibt es nicht viel zu sagen, deswegen beschränke ich mich auf einige wenige Wörter und auch mal Lob für Raf Camora, seinerseits verantwortlich für den Großteil der Beats: Einwandfrei, voll ausproduziert, immer passend zum Thema, wo nötig, immer sehr musikalisch... Oder um es kurz und einfach auf den Punkt zu bringen: sehr gut!

Fazit:
Schade, die Enttäuschung ist doch nicht unbeachtlich groß ausgefallen. Um noch einmal auf das Zitat aus dem Intro zurückzukommen: "Talent ist nicht mehr alles". Und JokA das beste Beispiel dafür. Der Mann beherrscht unbestritten sein Handwerk, doch fehlt es ihm einfach an Ecken und Kanten, sodass man ihm auf Albumlänge nicht wirklich zuhören kann und will. Auch kommt "JokAmusic" nicht an seinen Vorgänger heran. Das Album ist keineswegs schlecht, mit zugedrücktem Auge geht es dank weniger, aber großer Highlights und der tadellosen Produktion sogar gerade noch als gut durch, nur kann es nicht wirklich aus der Masse herausstechen, oder mit wenigen Ausnahmen den gewissen Wow-Effekt auslösen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.


(TonySunshine)



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