Angemeldet bleiben?

Review: Joey Badass – ALL-AMERIKKKAN BADA$$

veröffentlicht: Freitag, 14.07.2017, 16:57 Uhr
Autor: baurau





01. Good Morning Amerikkka
02. For My People
03. Temptation
04. Land of the Free
05. Devastated
06. Y Don't You Love Me? (Miss Amerikkka)
07. Rockabye Baby
feat. Schoolboy Q
08. Ring the Alarm feat. Kirk Knight, Nyck Caution & Meechy Darko
09. Super Predator feat. Styles P
10. Babylon feat. Chronixx
11. Legendary feat. J. Cole
12. Amerikkkan Idol

Meiner Meinung nach einer der spannendsten Rapper der letzten Jahre, dieser Joey Badass (das Bada$$ kann man jetzt anscheinend mit oder ohne Dollarzeichen schreiben, aus Gründen der Lesbarkeit in dieser Review ohne). Denn seid mal ehrlich, welcher junge Rapper konnte in den letzten Jahren tatsächlich durch sich selbst und durch sein Songwriting als klassischer Rapper überzeugen? Ich meine keine nostalgische Oldsql-igkeit, sondern einen relativ frischen Rapper, der tatsächlich außerhalb eines eng definierten Soundschemas (wie Cloud oder ähnlichem) mit dem Vortrag selbst überzeugen kann, und der dazu noch Producer im Nacken hat, die ordentliche Songs schreiben und selber geistreiche Lyrics schreiben kann. Bishop Nehru? Mit Abstrichen vielleicht. Tyler, the Creator und Earl? Ja, schon eher – aber die beiden sind letztlich schon wieder Avantgardisten, weniger klassische Rapper. NoName genauso. Vince Staples? Gut, kann man gelten lassen. Aber von dem abgesehen, sehe ich da wenig im klassischen Rap, außer eben unserem Joey hier. Er hat seit "1999" auf konstant hohem Niveau abgeliefert, wenngleich der geniale Touch, der seiner Partnerschaft mit Capital Steez innewohnte, durch seinen neuen Adlatus Kirk Knight nicht komplett aufgefangen werden konnte. Sein letztes Werk, "B4.Da.$$", zeigte auf Songs wie "On & On" und "Belly of the Beast" bereits eine deutliche stilistische Entwicklung zu einem differenzierten Soundbild und einem neu entdeckten Willen zur Message, jedoch ohne klar erkennbaren Fokus. Gibt es diesen bei "ALL-AMERIKKKAN BADA$$"?

Bref: Ja, den gibt es. Im Sound ist eine ganz klare Orientierung zum Pop festzustellen, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein wird, dass Badass nur bei zwei Songs mit seinem Haus- und Hofproduzenten Statik Selektah zusammenarbeitet und ansonsten auf seinen MC-Buddy Kirk Knight, den bekannten Pop-HipHop-Produzenten DJ Khalil (der für "Recovery" und andere Schandtaten von mir aus gerne verrecken darf) und den relativ unbekannten RnB-Produzenten 1-900 vertraut. Das Ganze führt zu schmissigen, handwerklich gut gemachten Beats, die eine deutliche Leichtigkeit besitzen und in dieser Form zu einem Großteil auch als Ausgangspunkt für Katy-Perry-Songs geeignet wären, und das muss nichts Schlechtes sein, der Dame werden ja durchaus schmissige Lieder geschrieben.
Inhaltlich dagegen beschäftigt sich Joseph Maria Kellys Namensvetter nun vornehmlich mit der kontemporären US-Politik, warum auch nicht? Sieht man von den üblichen Verdächtigen wie Common ab, blieb US-Rap angesichts der doch bemerkenswerten Entwicklungen im Land vergleichsweise stumm oder sah zumindest keine Notwendigkeit für eine Auseinandersetzung auf Albenlänge. Joey war, seien wir ehrlich, bislang kein Rapper mit einer Message. Sehr jung sehr erfolgreich, nicht wirklich Unterunterschicht, so fiel die Rolle des politischen Rappers seinem Pro Era – Spezl Capital Steez zu, nach dessen Tod blieb die Stelle dann vakant. Schon am Albumcover wird offenkundig, dass sich das nun ändern soll. Der KKK-Bezug in Album- und Songtitel zeigt aber schon die Zweischneidigkeit dieses Schwerts: Einerseits ein hübscher Rückgriff auf Ice Cube, andererseits ist der Gag so flach wie die Brüste von Maya in GNTM 17.

Sorry white Amerikkka, but I'm about to black out/
Got a message for the world and I won't back out/
So turn the kid raps loud, I'm about to spazz out/
Watch out, another nigga runnin' in the White House

(Joey Badass auf "Amerikkkan Idol")

Wie haut das also alles in der Praxis hin? "For My People" ist ein etwas verquerer Song, da der seichte Beat nicht recht zur Message des MC passen will: Vom angeblichen Überlebenskampf aller Afro-Amerikaner zu einem beschwingten Beat zu erzählen und dabei auch relativ entspannt zu rappen, das wirkt einfach schräg. Ein Song weiter, schon wieder dasselbe Problem, denn die Instrumentierung von "Temptation" hätten auch Laid Back bei einem ihrer Feelgood-Sommersongs verwenden können. Der ist gar nicht schlecht, wenngleich schlicht, bei Lines wie "Oh Lord, can you help me?" wirken fröhliche Hintergrundbläser aber wie Satire und machen den Song letztlich kaputt. Erst ganz zum Schluss kommt kurz ein gospelhaftes Element hinzu, das vielleicht die eigentliche Grundidee beim Songwriting war, aber bei der Produktion verloren ging. Hinzu kommt eine leider fast schon lächerliche Oberflächlichkeit der Lyrics, die sich durch das ganze Album zieht: Joey rappt über Politik, ja, allerdings auf FOX-News-Niveau. Ein bisschen BLM, ein bisschen Verschwörungstheorie, Trump ist scheiße, das war's dann aber auch. Für einen so intelligenten Rapper ist das einfach zu wenig und für ein Album 2017 auch. Die Sprache an sich beherrscht der New Yorker nach wie vor, auch wenn er weniger Wert auf komplexe Reimketten und Wortspielereien legt als auf früheren Werken, was seinem Flow aber manchmal auch gar nicht schadet.

Can't change the world unless we change ourselves/
Die from the sicknesses if we don't seek the health/
All eyes be my witness when I speak what's felt/
Full house on my hands, the cards I was dealt

(Joey Badass auf "Land of the Free")

Nun ist die Formel selbst ja nicht schlecht, wie "Y Don't You Love Me? (Miss Amerikkka)" eindrucksvoll beweist, zumal, dazu kamen wir bislang gar nicht, Joey selbst natürlich nach wie vor gut rappt. Wahrscheinlich könnte er unter Wasser rappen und es wäre noch gut, sein sehr lebendiger Flow, seine facettenreiche Stimme und seine Fähigkeit, karibische Betonungen wie Krokant auf einen Eisbecher zwischen die Lines zu streuseln ist nach wie vor Weltklasse. An dieser Stelle sei jedem der Besuch eines seiner Live-Konzerte empfohlen (November), er hat das Bi Nuu schon einmal abgerissen. Zurück zu "Y Don't You Love Me? (Miss Amerikkka)": Auch der ist sehr poppig, allerdings wunderbar verschachtelt und komplex; man hat den Eindruck, dass der MC sich herausgefordert fühlt und deutlich mehr Kraft und Aufwand in seinen Part legt als beispielsweise im wie eine Auftragsarbeit wirkenden "Devastated", das leider recht erfolgreich war als Sommerhymne für 15-jährige Kathis, die in ihrer Provinzdisco gerne in die "Black-Area" gehen.

Kurz noch zu den Features: Wie von Joey gewohnt eine sehr interessante Auswahl, Schoolboy Q und J. Cole haben eh noch keinen schwachen Part aufgenommen, die beiden Songs "Rockabye Baby" und "Legendary" sind dann auch mit die besten Songs, vor allem, weil ihnen die gewollte Poppigkeit abgeht – textlich sind Badass' Parts leider auf beiden inhaltlich ultraseicht. Die Zusammenarbeit mit Chronixx war schon auf dem Vorgängeralbum lohnend und er bereichert "Babylon" ganz ausgesprochen. Er impft dem Song konzeptuellen Mut und Verve ein, die auch Joey zum besten Part des Albums zu motivieren scheint, der, bei mangelnder thematischer Auseinandersetzung, immerhin echte Wut über die politischen Bedingungen erkennen lässt – mehr verlange ich von einem so jungen Burschen ja gar nicht.

You more like damagin' and hurtin'/
And letting off shots 'til you motherfuckers certain/
He ain't breathin', you made it clear/
"Fuck your breath, nigga," don't even deserve air

(Joey Badass auf "Babylon")

Fazit:
"ALL-AMERIKKKAN BADA$$" ist ein gutes Album, das muss man an dieser Stelle festhalten. Es ist kein Album, das in einigen Monaten noch auf Eurem Walkman sein wird, es ist keines, von dem Ihr Euren Enkeln erzählen werdet. Aber es ist ein gutes Album mit einigen merklichen Schwächen in der Umsetzung seiner Ideen. Besorgniserregender ist die Entwicklung, die Joey Badass hier vollzieht, sie führt ihn nämlich in die Irre. Es muss nicht alles düster und/oder extravagant sein, aber es muss stimmig sein, es muss sich richtig anfühlen. Und das hier fühlt sich nicht richtig an, sondern wie die Vergeudung eines enormen Potentials. Dazu gehört für den Rapper dann die bittere Erkenntnis, dass nicht jeder J. Cole , Tyler oder K-Dot sein kann und seinen Sound organisch und trotzdem gewollt weiterentwickeln kann. Vielleicht sollte er dieses Klassischer-Rap-Ding erst noch ein bisschen machen und dann schauen, wo die Reise hinführt und so seinen Sound an seine Interessen anpassen, statt künstliches Pop-Appeal entwickeln zu wollen.


Franz Xaver Mauerer



Bewerte diese CD:

Diese Review wurde 4345 mal gelesen
6 Kommentare zu dieser Review im Forum