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Interview: Jeffrey ("Zigeuner", Sido, G.M.C) – Text

veröffentlicht: Montag, 06.03.2017, 16:12 Uhr
Autor: kollin


Als die Anfrage reinkam, ob ich ein Interview mit Jeffrey führen möchte, musste ich zugegebenermaßen erst einmal überlegen, wer das nun ist. Aber das ist auch halb so schlimm, ich höre mir gerne neue Musik an. Nachdem ich die Hälfte der Platte durch hatte, ist mir dann auch endlich klar geworden, woher ich die Stimme kenne. Hinter dem Name verbirgt sich nämlich GMC, der unter anderem Zusammenarbeiten mit Casper vorweisen kann. Mit "Zigeuner" ist er nun nach einigen Jahren endgültig zurück. Grund genug, um ein kleines Gespräch mit ihm über die vergangenen und kommenden Jahre zu führen.


rappers.in:
Hallo Jeffrey! Du hast vor einigen Jahren bereits unter dem Namen G.M.C Musik gemacht: Dort konntest du unter anderem auch ein Feature mit Casper vorweisen. Was war der Grund für deine lange Pause?

Jeffrey:
Ja, das ist korrekt. Das nichts mehr kam stimmt allerdings nicht so ganz. Ich hatte zwar kein Release mehr im Sinne von Album oder Mixtape gehabt, aber dennoch habe ich weiter Musik gemacht. Es kam noch meine "Wände EP" mit meinem Cousin Jers. Außerdem gab es dann zwar nicht mehr unter dem Namen G.M.C Muisk, sondern unter meinem Bürgerlichen Namen, Jeffrey. Ich habe in der Zeit dann hin und wieder einzelne Videos veröffentlicht. In der Zeit zwischen dem Mixtape "Seelenfrieden" und meinem jetzigen Album "Zigeuner", habe ich sehr viel für andere Künstler geschrieben und weiterhin an der Platte gearbeitet, welches am 17.02.2017 über Distri erscheint.

rappers.in:
Wie sieht dein Alltag aus? Planst du, bald von der Musik leben zu können?

Jeffrey:
Mein Alltag sieht gut aus. Meine Familie und ich sind gesund, unser Kühlschrank ist voll und wir haben ein Dach über dem Kopf. Wenn ich fallen sollte, bin ich krankenversichert. Was will man mehr? Wenn ich es eines Tages schaffen sollte von der Musik zu leben, freut mich das. Wenn nicht, lebe ich trotzdem weiter und kann Musik machen... Alles super also.

rappers.in:
"Zigeuner" wirkt sehr melodisch und kann einige eingespielte Instrumente nachweisen. Ich finde auch, dass es sich gar nicht an den aktuellen Trends orientiert. War dir das wichtig, einen eigenen Sound auf dem Album auszupacken?

Jeffrey:
Ich hatte schon immer eine ganz eigene Interpretation von der Musik, die ich machen wollte. Ich wollte nicht auf einer Hype-Welle mit schwimmen, sondern etwas eigenes erschaffen, wozu ich in zehn Jahren noch stehen kann. Mir war es sehr wichtig, meine Träume und Visionen umzusetzen. Ich bin ein sehr großer Fan von Straßenrap und Trap, nur war es mir wichtig dem Hörer etwas zu präsentieren, hinter dem ich stehen kann. Da ich weder Koks, noch sonstige Drogen verkaufe und mir Statussymbole wie Auto nicht wirklich was bedeuten, war es für mich völlig klar, wie ich mich präsentieren möchte. Mir was bei dieser Platte wichtig, dass viel Livemusik in Form von echten Instrumenten einfließt. Ich wollte im gleichen Atemzug Raum für die Musik schaffen und nicht jemanden ohnmächtig schlagen durch enorm viel Text, sondern dass es immer noch Raum für die Musik bietet und sie dadurch immer etwas Zeit haben um auf den Text zu hören und vielleicht etwas mitzunehmen. Ich liebe es Live mit Band zu spielen, daher wollte ich so ein Album auf die Beine stellen.

rappers.in:
Ich hab eben schon mal in die Platte rein gehört und mir sind die vielen Thementracks aufgefallen. Legst du Wert darauf, den Zuhörern durch verschiedenen Thematiken etwas mitzugeben?

Jeffrey:
Zu 100%. Mir ist es wichtig, etwas zu hinterlassen. Ich möchte meine Geschichte erzählen und Themen vermitteln, die mich privat beschäftigen.

rappers.in:
Bist du zufrieden mit dem Album? Falls ja, warum? Falls nein, was hättest du gerne anders gemacht?

Jeffrey:
Ich bin total zufrieden. Natürlich könnte man im Nachhinein immer noch etwas anders oder sogar besser machen. Dafür reift man als Mensch einfach mit der Zeit. Aber im großen und ganzen bin ich total zufrieden mit dem Ding und werde einfach das, was ich anderes hätte machen können beim nächsten Album umsetzen. Ich bin so zufrieden wie es jetzt ist, andere Feature hätten zum Beispiel einfach nicht zu dem Konzept des Albums und zum Album selber gepasst. Alles cool also.

rappers.in:
Sido hat in der Promophase zu seinem letzten Album den Titel "Geuner" als Videosingle veröffentlicht. Da du dich selbst als ein "Zigeuner" verstehst und die Platte so genannt hast, würde mich mal interessieren, ob du dich in dem Song auch widerspiegeln konntest.

Jeffrey:
Absolut nicht. Es gibt mehrere Punkte, warum ich mich nicht richtig dargestellt fühle. Ich habe mein Album nicht ohne Grund "Zigeuner" genannt. Durch dieses Album und dem Namen kann ich im besten Fallgleichzeitig etwas Aufklärung leisten. Mir ist es wichtig, den Menschen ein anderes Bild zu zeigen als das des Kriminellen und asozialen Zigeuners. Es geht mir nicht darum, diese Klischees zu bestätigen, welche Sido in seinem Video gezeigt hat. Aber nun zu der eigenen Frage: Erstens ist das Wort "Sinti" plural und steht für die eigentliche Volksgruppe und nicht für die einzelne Person. Ich hätte erwartet, dass ein Kübstker wie Sido das weiß, wenn er in der Öffentlichkeit preisgibt, dass er aus der Gruppierung der Sintis stammt. Zweitens hat er es in dem Video geschafft, sämtliche Aufklärungsarbeit die in den letzten zehn Jahren von Organisationen die für Rechte der Sinti kämpfen, mit Füssen zu zertreten. Drittens hat er Klischees, gegen die wir seit Jahrzehnte kämpfen bestätigt und bestärkt. Gerade jemand wir er, hätte wissen müssen, dass das nicht der richtige Weg ist. meiner Meinung nach hätte er seinen Einfluss besser dafür nutzen können. Er redet in seinem Video darüber, dass er ein Sinti sei. Dann frage ich mich ernsthaft, warum er Menschen aus Osteuropa zeigt. Eigentlich müsste er wissen, dass ein Sinti und ein Roma zwei völlig verschiedene Volksgruppen sind und miteinander nichts zu tun haben. Wir schlafen nicht in Wellblechhütten und auch nicht auf verdreckten Matratzen. Wir stammen nicht aus Bulgarien oder anderen Osteuropäischen Ländern. Jetzt kommt aber das, was mich noch so richtig ankotzt. Er benutzt diese armen Menschen dazu um der Öffentlichkeit an falsches Bild zu geben und sämtliche negative Gedanken zu bestätigen. Geht man so mit Menschen um? Ich glaube nicht. Wenn er das Bild eines sogenannten Zigeuners hätte zeigen wollen, verstehe ich nicht, warum er das nicht richtig macht. Mit diesem Video hat er mir einfach gezeigt, dass er von meiner Kultur nicht die geringste Ahnung hat. Für mich war das einfach nur nach dem Motto "Ich weiß nicht mehr was ich machen soll, also bin ich jetzt mal der böse und asoziale Zigeuner". Das finde ich traurig, da ich wirklich ein sehr großer Sido Fan bin.


rappers.in:
Kommen wir mal wieder zu deinem Album: Welche Erwartungen hast du an dein kommendes Release? Peilst du zum Beispiel eine Chartplatzierung an o.ä?

Jeffrey:
Ich habe keine großen Erwartungen. Mich würde es schon sehr freuen, wenn die Menschen mein Album und das Konzept dahinter verstehen würden. Natürlich würde es mich auch freuen, wenn wir mit der Platte etwas erreichen können. Charts sind mir da total egal. Mich macht es traurig, dass heute nur etwas als gut empfunden wird, wenn es genug Klicks hat oder ganz oben in den Charts steht. Aber auf das gebe ich keinem Wert. Wenn es passiert, freue ich mich und wenn nicht kann ich trotzdem weiter Musik machen. Ich weiß, für was meine Musik steht und vielleicht erkennt- und gefällt es dem einen oder anderen da draußen.

rappers.in:
Was hat dich bei deinem neuen Album Inspiriert und vor allem nach der langen Pause motiviert?

Jeffrey:
Wie ich oben schon geschrieben habe, hatte ich ja nicht wirklich eine Pause, sondern habe im verborgenen weiter Musik gemacht. Ich habe mich in der Vergangenheit viel mit meiner Herkunft und warm mich Menschen als anders empfinden beschäftigt. Die Motivation war, dass man auf dem Album keinen Zigeuner findet, sondern dass ich ein Album mache, welches gleichzeitig Aufklärung leistet. Ich wollte einige Umrisse bieten.

rappers.in:
In der Single "Fremd" mit Samson Jones sagst du, "Er sagte: mich hat man wohl vergessen zu vergasen". Hat das wirklich jemand zu dir gesagt? Falls ja: Wie reagiert man auf solche Äußerungen?

Jeffrey:
Richtig. Diese Zeile hat tatsächlich einen Hintergrund und basiert auf einer Tatsache .Ein Direktor meiner Schule hatte mich damals mit dieser Zeile beschimpft. Meine Reaktion auf diesen Wutausbruch war erst mal Sprachlosigkeit. Das schlimme war, dass dies im Beisein meiner Mutter passiert war. Ganz ehrlich, wenn meine Mutter nicht dabei gewesen wäre, hätte ich ihm wahrscheinlich auf die Nase gehauen. So habe ich dann aber einen anderen Weg gewählt und wir haben rechtliche Schritte gewählt .

rappers.in:
In dem Grund thematisierst du, dass du dich überall fremd fühlst. War diese Situation ausschlaggebend für den Song?

Jeffrey:
Ich fühle mich nicht fremd und habe mich auch noch nie so gefühlt, sondern die Gesellschaft hat mir das Gefühl gegeben, nicht dazu zugehören. Ich kannte dieses Gefühl vorher nicht und bin auch von Zuhause nicht so erzogen worden. Ich sehe mich selbst als Deutscher und fühle mich auch als Teil der Gesellschaft. Nur war mein Gefühl leider so, als würden sie mich nicht mit den gleichen Augen sehen. Ich fühlte mich manchmal wie eine Hauptattraktion in einem Zirkus.

rappers.in:
Wie sieht die Zukunft bei dir aus? Machst du nun wieder zehn Jahre Pause oder wirkt direkt nachgelegt?

Jeffrey:
Ich werde ab März direkt ins Studio gehen und mit der nächsten Platte anfangen. Ich möchte nicht von Album zu Album denken, lasst Euch überraschen.

rappers.in:
Vielen Dank für das Interview! Hast du noch irgendwelche Abschlussworte an die Leser?

Jeffrey:
Blieb wie du bist. Versuche nicht anderen Menschen zu gefallen, sondern sei so wie du sein willst. Ich würde mich freuen, wenn Ihr Leser in mein Album mal rein hören würdet. Gibt dem ganzen eine Chance. Bleibt alle Gesund und erreicht Eure Ziele. Wie Blaze mal in einem Song sagte "Ich bin nicht anders als du – Ich geh den Weg hier nur mit anderen Schuhen." Vielen Dank!



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Autor: Lukas Kollin

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