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Review: James Jencon 2017

veröffentlicht: Donnerstag, 21.12.2017, 21:11 Uhr
Autor: baurau





Darknet Connection:

1. Gewalt
2. Meine Uzi
feat. Yaesyaoh & Luis Lone
3. Mörserstyle
4. Höllenpforte
5. Axtmörder
feat. Matze Hund
6. 8 Meter
7. Karriereleiter
8. Zirkel





Alles ist der Zirkel:

1. Track X
feat. Coffeehouse
2. Alles ist der Zirkel feat. Luis Lone & Matze Hund
3. Renn feat. Saddam Bush
4. Munition feat. Headskin
5. Clips feat. Yaesyaoh




Horrorsexdungeon:

1. Intro
2. Pimpin mit der Glock
3. Die Pumpgun entscheidet
4. Chopper
feat. Matze Hund
5. DragEmFromTheRiver2017 feat. Yung Isvvc
6. Hinter Gittern
7. Spatenstich
8. Piratensender
feat. Lord Synysta
9. Stech Rapper ab
10. Luzifershirt
11. Schwarzer Chevy
12. Outro



Wuuuu, Sammelreview! Machen wir selten, hier passt es aber einfach: Rapper wenig bekannt, Output hochfrequent, Stil konsistent. Warum James Jencon aber zumindest in einigen Hinterköpfen vertraut widerhallen wird, liegt vermutlich an seiner Kollaboration mit Louis Lone aka LGoony und Yaesyoh als Uzi-Mob samt sehr gelungener LP "Schreie aus dem Keller". LGoonys Name zieht halt einfach Klicks, wobei man Jencon durchaus abkaufen darf, dass er an dem Fame kein Interesse hat, schließlich spuckt er seine Hasstiraden schon ein Weilchen kostenlos unter die Leute. Auf "Schreie aus dem Keller" überzeugte JJ vor allem, da er im Unterschied zu Lone und Yaesyoh nicht nur über tolle Skills oder einen sehr eigenen Rapstil verfügt, sondern beides vereint. Manche Parts, man höre zum Beispiel "Stechen" oder "Doppelmord", liefen selbst einige Wochen nach Release noch bei sich ritzenden 15-Jährigen (und mir) auf Dauerrotation und bis heute freut man sich, wenn der wie irre bellende James dran ist, da er die Songs maßgeblich trägt. Um ihn für diese verdiente Leistung zu würdigen und um zu überprüfen, ob bei Herrn Jencon, erfolgstrunken durch den Mob, eine Verweichlichung im Spätwerk à la Tocotronic erkennbar ist, widmen wir uns an dieser Stelle seinen Veröffentlichungen des Jahres 2017 mit den dreiviertelpeinlichen Namen "Horrorsexdungeon", "Darknet Connection" und "Alles ist der Zirkel".

Einmal musst' ich mich entscheiden zwischen Rap und einer Frau/
Aufgrund von mangelnden Beweisen bin ich heute nicht im Bau/
Deine Flows finden höchstens Taubstumme gut/
Ich hab' nur 'n Spotlight auf mir, bei 'nem Ausbruchsversuch

(James Jencon auf "Munition")

James entspricht insofern dem sehr klassischen Battlerap-Verständnis, als dass seine Texte nur äußerst selten gegen bestimmte Personen beziehungsweise andere MCs gerichtet sind, sondern ein lyrisches Du angreifen. Dieser Angriff ist letztlich der einzige Bestandteil sämtlicher seiner Lyrics, was leider eine gewisse Dosierung der Hörgewohnheiten verlangt; wie das mit ewigem "du" nun mal so ist, geht der effet du réel verloren, die Beleidigungen büßen ihre ursprüngliche Bedeutung ein. Allerdings ist nicht der eigentliche Inhalt, sondern die Originalität und der Charme der zumeist völlig überdrehten Schmähungen und Drohungen sowie der Wortwitz das Salz in der Jenconschen Suppe, er schafft es dadurch, sich seinen eigenen Kosmos aus Morddrohungen zu basteln, in dem man als Hörer dann mit der Zeit differenziertere Nuancen wahrnehmen kann und ein Song ganz ohne Messerstechen schon lieblich anmutet; er vermeidet auch eindimensionalen Horrorcore-Splatter, es geht immer um das "was" des Angriff, selten um das "wie". Was allerdings, gleich auf welcher Metaebene man sucht, fehlt, ist Inhalt oder Erzählung, man muss sich mit den guten Reimen an sich abfinden, deshalb auch der doch merkliche Abnutzungseffekt bei zu langem Hören.

Du wurdest zu Seyed gezeugt, du geborener Verlierer/
Schwuchtel, komm mich battlen/
Meine Straße ist der Kriegspfad/
Ich mach keine Features, mit irgendwem, den du feierst/
Denn die sind alle schwul, Alter

(James Jencon auf "Gewalt")

Apropos Abnutzung und schmerzende Ohren: Ein gewisser Widerspruch besteht zwischen der Wichtigkeit der Texte, ohne die Jencons Stil nicht funktioniert, und der ganz beschissenen Abmischung und vermutlich auch Aufnahmequalität, wobei die Produktion sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Am bedenklichsten ist in dieser Hinsicht "Horrorsexdungeon", aber auch "Darknet Connection" spart nicht mit beträchtlichen Unterschieden in der Lautstärke und Qualität, obwohl komplett von Lars Lichtgestalth produziert. Außer diesem illustren Herrn produziert meist der anschaulich benannte DJ Cruzifix, der aber allem Anschein nach auch nur über ein Laptop mit einer raubkopierten Version eines Aufnahmetools verfügt. Nichts gegen Lo-Fi, aber hier trägt das Drumherum weniger zum Charme bei, es hindert den MC eher, gerade da sein Flow sehr wuchtig und verspielt ausgeprägt ist und schwache Beats zwar tragen kann, aber bei starker und wahrnehmbarer instrumenteller Unterstützung erst brilliert, siehe das tolle "Mörserstyle".
Wenn wir bei Jencon als MC sind, müssen wir kurz zurück zu den Lyrics gehen: Die aggressiven Texte sind ganz elementar, da sein Stimmeinsatz sonst schräg wirken würde, denn wie schon beim Uzi-Mob keift er sich durch die Parts. Dabei wirkt er wie ein Pubertierender vor dem Stimmbruch, der mit falsch eingestelltem Stimmfilter Dälek und All Pigs Must Die gleichzeitig mitsingen will. Der Witz daran ist, dass sich das richtig gut anhört, was vor allem am ausgeprägten Gespür des MCs für Flow liegt. Wie oben schon gesagt, ist sein Flow aufgrund seiner hohen, kindlich wirkenden Stimme nicht nur außergewöhnlich und kommt mit sehr wenig Bedacht auf eine stringente Darbietung aus, er ist auffallend druckvoll vorgetragen. So ist seine Stimme meist das tatsächliche Rhythmusinstrument und ersetzt oftmals die furchtbar abgemischte Instrumentierung, die noch dazu meist sehr simpel gehalten ist und sowieso kaum Grip entwickeln kann, nachzuhören unter anderem auf "Alles ist der Zirkel", "Karriereleiter" und "Schwarzer Chevy". Teilweise erinnert Jencon an alte Royal-Bunker-Tapes, als alle Beteiligten noch nach vorne gerappt hatten, vulgo bevor sie sich, wie sagen die jungen Leute, "ganz ganz billig" verkauft haben.

Was sehr angenehm ist und hoffnungsfroh stimmt, ist die Entwicklung, die man ohne große Suche bei James feststellen kann. Innerhalb nur eines Jahres hat er nicht nur seine Stärken nicht eingebüßt, so der Druck hinter der Stimme und der Wortwitz, sondern sogar insbesondere beim Tempogefühl dazugelernt, weshalb seine Delivery auf "Alles ist der Zirkel" deutlich variabler ist als "Horrorsexdungeon". Ein kleiner Wermutstropfen sind die Features, die zum einen meist noch beschissener aufgenommen sind als Jencons eigene Parts, zum anderen fehlt den Kollaborateuren mit Ausnahme von Lone und Coffeehouse einfach Talent oder Originalität. Bei dem offenkundigen Aufwand, den er in seinen Rap steckt, wird sich unser MC bald entscheiden müssen, ob der Schritt in die Professionalität mit einer teilweisen Abkehr vom Umfeld erfolgen soll oder nicht, denn die Eindimensionalität im Sound wird sich anders nicht brechen lassen, und das wäre bei allen Untergrund-Credentials einfach vergeudetes Talent.


Ich hab' mit schwulen Strichern Beef/
Lass' gucken, wie du Nuttensohn mit Kugeln im Gesicht aussiehst/
Ich bin ein Untoter wie Jesus/
Deine Crew besteht aus schwulen Punks und 'n paar Emos/

(James Jencon auf "Hinter Gittern")


Fazit:
Vielleicht sollte jemand in die Höhle der Löwen gehen und vorschlagen, ein Label zu gründen, um diesen Typen zu signen und seinen Buddies Ableton-Lizenzen zu schenken – könnte was für die Wöhrl sein. Ich jedenfalls habe richtig Bock darauf, noch ein paar Dutzend von JJs Tapes zu hören, bin mir aber unsicher, wie ohne Tour und kostenpflichtige Verkäufe Kohle für bessere Produktionen organisiert werden soll. Neben diesem Kritikpunkt bleibt nur anzumerken, dass der vermutlich recht junge MC seine zweifellos vorhandene Intelligenz nutzen sollte, vom reinen clownesken Wortwitz etwas in die Tiefe zu gehen – wenn es schon sonst kaum jemand im Deutschrap schafft, der hier könnte es. Neben der Originalität, den für sich betrachtet hervorragenden Texten und dem gottgegebenen Naturtalent für Flow verblassen diese Kritikpunkte aber und vor allem mit Lois Lone hat James sogar schon starke Unterstützung im Gepäck. s/o für die Cover, hätten Vinyl verdient.


Franz Xaver Mauerer



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