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Review: Herzog – Eine drogenlose Frechheit

veröffentlicht: Sonntag, 27.04.2014, 17:19 Uhr
Autor: Max





01. Gott sei Junk
02. D.R.E.A.M.
03. DrogenProdukt
04. Coffee Shop Mafia
05. Dagobert Dax
feat. Varak
06. Zur Nachahmung empfohlen feat. PTK
07. Herzurabi feat. Dr. Surabi
08. Konsumverhalten (Skit)
09. High vom Leben
10. Tash'N'Geld
feat. Tayler
11. Die üblichen Verdächtigen feat. Mosh36
12. Liebe auf den ersten Trip
13. Alles Gute kommt von Drogen
feat. AchtVier
14. Pädagogisch wertlos feat. Dr. Surabi
15. Rettungsschirm
16. Junkytum (Skit)
17. Alte Muster


Herzog ist ein Mann voller Kontroversen. Während er einerseits über Konsum, Handel und Ansehen von Drogen rappt, kritisiert er andererseits Gesellschaft und Politik. Während er sich auf der einen Seite eindeutig für die Legalisierung von Rauschmitteln und verschreibungspflichtigen Medikamenten ausspricht, startet er auf der anderen Seite bemerkenswerte Spendenaktionen, um Suchtopfern zu helfen. Nach "Ein Herz für Drogen" und einer damit einhergehenden Unterstützung, bei der für jede verkaufte CD ein Euro an das Drogentherapiezentrum Berlin gespendet wurde, steht nun "Eine drogenlose Frechheit" in den Elektronik- und Musikfachläden dieses Landes zum Verkauf. Mit dem Titel wird schon deutlich: Wieder einmal dominieren die Rauschmittel den Rap des Berliners. Fraglich bleibt diesmal nur, ob der Inhalt über die alleinige Thematik hinausgeht und Herzog auch einmal andere Seiten von sich zu zeigen vermag.

"Ein Herz für Drogen, mittlerweile hat das jeder/
Doch ich nehm' kein Blatt vor 'n Mund, bis auf meine eigenen Paper/
Herzog Original, ganz egal, was ihr erzählt habt/
Durch Zufall und Verräter passe ich genau ins Täter-/
Profil/
"
(Herzog auf "Gott sei Junk")

Betrachtet man nur einmal die Titelliste des Albums, so finden sich zahlreiche Wortspiele mit und Erwähnungen von Suchtmitteln in jeder Form und Größe. Und dieser rote Faden zieht sich ebenso durch den Inhalt des Albums – Herzog ist wohl einer der Letzten, dem Konzeptlosigkeit vorgeworfen werden kann. Die Frage, ob er es damit auf Albumlänge übertreibt, erübrigt sich. Denn was auf dem Cover steht, bekommt man letztlich auch. So ist nicht nur der Interpret wie im gleichnamigen Song ein "DrogenProdukt", der gesamte Langspieler dreht sich um dieses Thema. Thematische Abwechslungen sind in "Dagobert Dax", einer politischen Verdrossenheitshymne, "Zur Nachahmung empfohlen" oder "Rettungsschirm" zu finden. So präsentiert sich der Protagonist öfter als auf dem vorangegangenen Album politischer und nachdenklicher; das doch so ausgeschöpfte Themenfeld wird immer mehr beiseite gedrängt, denn Systemfeindlichkeit und -kritik sind andere dominierende Themen in den Liedern. Sowohl politische als auch soziologische Wortspiele sind in den Albumtiteln zwar in der Minderheit zu finden, dennoch ebenso vorhanden wie die Wortspiele mit Drogen. Speziell "Rettungsschirm" zeigt auf einem minimalistischen Beat die inhaltliche Finesse und auch den Intellekt, der hinter einem sonst so einseitig fokussierten Künstler steckt. Denn Drogen bestehen nicht nur aus dem positiven Bild, das der Protagonist auf dem Album schafft. Dessen ist dieser sich auch bewusst und zeigt so mit "Rettungsschirm", wie man in ein Loch fallen, sich aber auch wieder herausarbeiten kann.

"Arbeite für dein Geld, auch wenn's nicht viel ist/
Und gönne jedem alles, auch wenn's ihm besser als dir geht/
Das spielt keine Rolle, du musst aufsteh'n und kämpfen/
Struktur in dein Leben reinbringen und beenden/
Was dich runterzieht/
"
(Herzog auf "Rettungsschirm")

Schaut man zudem auf die technischen Fähigkeiten des Berliner Rappers, steht das Gesamtbild noch einmal grundsätzlich in einem anderen Licht da: Flowvariationen, Reimketten ohne Ende, Taktgenauigkeit – Herzog beherrscht das Spiel mit dem Sprechgesang und raptechnisch ist ihm nahezu nichts vorzuwerfen. Ob Doubletime-Parts in "Dagobert Dax" oder durch die deutliche Aussprache in ihrer Wirkung verstärkte Reimketten, beispielsweise auf "Zur Nachahmung empfohlen". Die Theorie vom Masterplan und Intellekt, der hinter diesem Werk steckt, scheint sich auch hier zu bestätigen: Nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch scheint jede Zeile durchdacht platziert und umgesetzt. Das Konzept Herzogs wird knallhart und mit einer Konsequenz, die es selten auf einem Rapalbum der letzten Jahre gegeben hat, durchgezogen. Dank rauer Betonungen und der gewohnt rauchigen Stimme des Interpreten wirkt dieses Mal auch der Inhalt derart glaubwürdig vermittelt, dass man sich glatt in einer Shisha-Bar oder einem Dealer-Viertel wiederfinden könnte. Hinzu kommen die gekonnt gewählten Features. Auf Gesangshooks wurde vollständig verzichtet, Herzog hat sich allein auf Rap-Ebene Unterstützung gesucht. Obwohl Dr. Surabi, ebenfalls Bombenprodukt-Signing, mit seinem unangenehm aufdringlichen Flow auf dem entspannten Album etwas nach unten ausweicht, sind weitestgehend Leute wie AchtVier auf "Alles Gute kommt von Drogen" oder Mosh36 auf "Die üblichen Verdächtigen" so eingesetzt worden, dass sie raptechnisch und inhaltlich dem Gastgeber in nichts nachstehen. Somit sind weder zu spezielle Ausbrüche nach unten noch nach oben vorhanden, was die Featuretracks letztlich äußerst homogen, wenn auch etwas flach werden lässt. Herzog wird stets auf einem Niveau begegnet, was dem Langspieler auf den 54 Minuten Spieldauer gut tut. Dennoch hätte noch etwas an der Eintönigkeit geschraubt werden sollen: Hier und da ein bisschen Gesang, ein völlig überraschendes Feature oder ein komplett anderer Herzog hätte dem Werk auf zwei, drei Tracks mehr äußerst gut getan.

"Manchmal frag' ich mich: Was, wenn ich wieder in alte Muster verfallen wäre?/
Ganz ehrlich, ich hab' keine Ahnung, aber/
Ich kann auch glücklich sein mit dem, was ich habe/
Ich hab' gute Leute um mich rum, ein eigenes Label, kann Mucke machen und das Leben genießen/
"
(Herzog auf "Alte Muster")

Fazit:
Mit diesen Worten lässt Herzog sein Album ausklingen und so ist es auch gut. Denn obwohl der Großteil des Albums geprägt ist vom massiven Aushöhlen der Drogenthematik, deutet sich in einigen Teilen immer wieder ein ganz anderer Herzog an, der so manchen Hörer auch für die Zukunft binden könnte. Schließlich könnte es mit diesem Album mit den Drogen weitestgehend vorbei sein und dazu sei ihm von meiner Seite aus auch zu raten – dieser nachdenkliche, erfahrene Herzog ist nämlich ein Künstler mit einer thematisch weitaus breiteren Zukunft und einem größeren Fundament. Herzog hat uns bezüglich seines altbekannten Fokus' technisch und inhaltlich alles gezeigt und mit "Eine drogenlose Frechheit" ein äußerst solides Album geliefert. Doch auf lange Sicht wird es eintönig und die Zielgruppe schrumpft, sodass der Langspieler stellenweise über das Ziel hinausschießt. "Pädagogisch wertlos" ist das Ganze an einigen Stellen letztlich dann doch nicht so sehr – und so darf es auch gern weitergehen.


(Max)



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