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Interview: Harry Quintana: "Es ist immer für das Mindset ganz gut, den Namen zu wechseln"

veröffentlicht: Sonntag, 27.01.2019, 22:28 Uhr
Autor: No My Name Is Maxi


Keine Pressebilder, keine Video-Auskopplungen, kaum Social-Media-Präsenz: Harry Quintana meldet sich im besten Fall mal alle sechs Monate mit einem neuen Track zurück und verschwindet dann wieder, gilt aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – unumstritten als Untergrund-Legende und nimmt nicht umsonst sowohl für Kollegah als auch für LGoony Features auf, obwohl beide Rapper musikalisch kaum entfernter voneinander sein könnten. Wir haben uns mit ihm über seinen Namenswechsel, seine kommende EP namens "Raro" und die Deutschrap-Szene unterhalten.



rappers.in: Du hast kürzlich überraschend ein Best-Of als erstes Projekt von dir auf den gängigen Streaming-Diensten veröffentlicht. Warum hast du dich nach jahrelangem ausschließlichen SoundCloud-Grind dazu entschieden, einige deiner Songs auch auf Spotify und Co. bereitzustellen?

Harry Quintana: Ich hab auf SoundCloud nur noch relativ wenige Hörer erreicht, weil es einfach tot ist. Die meisten Benutzer haben inzwischen auf Spotify gewechselt. Auf Rap-Foren wurde sich dann häufiger mal gewünscht, dass ich meine Musik auch auf Spotify bereitstelle. Ich hab mich mit den Abläufen nie wirklich beschäftigt, aber die Dudes von Vinyl Digital kamen dann auf mich zu und haben sich jetzt erstmal darum gekümmert.

rappers.in: Nachdem du jahrelang komplett independent warst, hast du jetzt mit Vinyl Digital einen Vertrieb gefunden. Hattest du diesen Schritt schon länger geplant oder war das eine spontane Entscheidung, als auch der Wunsch nach Musik auf den Streaming-Diensten aufkam?

Harry Quintana: Vertrieb klingt vielleicht zu hochgestochen, mir ging es erstmal darum, dass jemand die Sachen auf Spotify und Co. hochlädt. Ich hätte das auch sicher selbst machen können, aber Vinyl Digital hat mir das halt angeboten. Ob ich jetzt in Zukunft auch meine anderen Sachen auf den Weg rausbringen werde, weiß ich noch nicht. Ich bin, was die ganze Sache mit Business angeht, recht naiv und hab mich damit erst in den letzten Wochen intensiver beschäftigt.

rappers.in: Du hast vor kurzem die "Raro EP" angekündigt. Ist das erstmal eine lose Ankündigung oder ist das Projekt schon in einem fortgeschrittenen Status beziehungsweise fertiggestellt?

Harry Quintana: Die EP ist eigentlich so gut wie fertig. Ich warte zwar noch auf einen Part von einem befreundeten Rapper. Wenn der da ist, muss es noch zum Master, aber dann kann es losgehen.

rappers.in: Nach dem Release deiner letzten EP, "El Camino", die auch schon über drei Jahre alt ist, hast du nur hin und wieder mal auf SoundCloud einen Freetrack releast. Hattest du schon länger geplant, mal wieder ein Projekt zu machen?

Harry Quintana: Meistens ist das bei mir eine Zeitfrage. Bei mir hat sich beruflich ein bisschen was geändert, weshalb ich dann auch mal ein paar Wochen Zeit hatte, einfach rumzugammeln, was natürlich die Kreativität deutlich steigert. Es ist ja nicht damit getan, sich hinzusetzen und zu sagen: "So, ich mache heute 'ne EP!". Manchmal hast du halt Tage, an denen du Bock hast und inspiriert bist, aber dann gibt es halt auch welche, an denen man sich nach zwei Stunden denkt: "Scheiß auf Rap". Es war so, dass ich mehr Zeit hatte, um auch mal für eine Woche Beats zu sammeln, und dann kamen halt immer wieder mal lichte Momente. So ist erst ein Track, dann der zweite, dann der dritte und so weiter entstanden. Irgendwann hab ich mir dann eben gedacht, dass daraus eigentlich auch eine EP werden könnte.

rappers.in: Hast du vor, jetzt über Vinyl Digital die EP auch mal physisch zu releasen?

Harry Quintana: Da ist noch nichts spruchreif. Ich will die EP erstmal ganz fertiggestellt haben und dann schaue ich weiter. Eventuell gucke ich auch mal, was video-mäßig geht, aber ich bin immer ganz froh, wenn die Sachen dann auch veröffentlicht sind und ich das Rap-Ding wieder aus meinem Leben hab. Ich bin schon jemand, der sich immer nur auf eine Sache fokussieren kann, zumindest hobby-mäßig. Ich hab dann zum Beispiel ein Jahr, in dem ich mich intensiv mit Sportwetten beschäftige, und die letzten Monate war es dann eben wieder Rap, wo ich viel Zeit reingesteckt hab. Nach der EP ist dann aber auch erstmal wieder gut.

rappers.in: 2015 hast du deinen Namen von Prinz Harry in Harry Quintana geändert. Gibt es für dich elementare Unterschiede zwischen der Musik, die du unter den beiden verschieden Namen veröffentlicht hast?

Harry Quintana: Das Soundbild hat sich auf jeden Fall ein bisschen verändert, das geht alles mehr in die Cloud-Rap-Sparte. Thematisch hat sich aber nicht viel geändert. Rap-technisch ist vielleicht alles noch mal ein bisschen chilliger, aber thematisch ist es eigentlich so wie immer.

rappers.in: Also war es keine Namensänderung, die bewirken sollte, dass die Musik, die du als Harry Quintana releast, strikt von deinem älteren Output getrennt wird?

Harry Quintana: Ja, es ist immer für das Mindset ganz gut, den Namen zu wechseln. Ein ganz profaner Grund ist erstmal, dass man neue Reime auf den Namen hat. Man kann sich irgendwelche Reime auf Quintana ausdenken – bei Prinz Harry hatte ich schon alle möglichen Reime ausgeschöpft. Die ersten Tracks unter dem Namen fangen deshalb ja auch alle mit "Harry Quitana" und verschiedenen Reimen darauf an (lacht). Der Name klingt meiner Meinung nach aber auch einfach schöner und das Südamerika-Thema, das ich davor ja auch schon hin und wieder einfließen lassen habe, hat damit natürlich auch was zu tun. Das war genauso wie jetzt mit der EP – ich hatte damals auch Zeit, mal drei Monate lang was zu recorden, und wenn ich Zeit hab, dann entsteht meistens auch neue Musik.

rappers.in: Du hast eben deine Südamerika-Affinität angesprochen. Woher kommt deine Faszination für diesen Kontinent?

Harry Quintana: Puh, der Ursprung liegt ziemlich weit zurück. Ich war 2008 zum ersten Mal in Kolumbien und habe da viele Freundschaften geschlossen. Ich bin in den Folgejahren durch verschiedene Praktika auch häufiger nach Kolumbien gereist und hab da mit Unterbrechungen insgesamt fast zweieinhalb Jahre gelebt. Das ist natürlich prägend und es war für mich eine ganz andere Welt. Wenn du damals noch gesagt hast, ich fliege nach Kolumbien, haben dich deine Freunde und Familie erstmal gewarnt und gedacht, du kommst nie mehr wieder, und inzwischen ist es ja ein recht beliebtes Reiseziel geworden.
rappers.in: Viele Rap-Fans sehen dich als Untergrund-Legende. Fühlst du dich in der Rolle wohl oder gab es doch mal den Wunsch nach Mainstream-Erfolg?

Harry Quintana: Wenn es den Wunsch danach gäbe, hätte ich die letzten Jahre wohl etwas mehr dafür gemacht (lacht). Die Frage beantwortet sich deshalb eigentlich selbst. Es gab nie den Wunsch danach, ich mache das mehr für mich, wenn ich Bock hab. Aber so einen richtigen Business-Plan zu erstellen, sich ein Netzwerk von Leuten aufzubauen, zu schauen, wann die und die Single releast wird und so – darum hab ich mich nie gekümmert, was vielleicht auch ein bisschen schade ist, aber ich bin zufrieden, wenn ich ab und zu was machen und das die 200, 300 Leute, die sich dafür interessieren, auch hören.

rappers.in: Du löschst ab und zu Songs nach ihrem Release und veröffentlichst sowieso nur recht sporadisch neuen Output. Hängt das damit zusammen, dass du perfektionistisch bist, wenn es um die eigene Musik geht?

Harry Quintana: Das ist vielleicht ein bisschen paradox. Perfektionist – auf der einen Seite schon. Manche Sachen kann ich nach einiger Zeit nicht mehr hören und auch jetzt bei der EP gibt es Tage, an denen ich
die Lieder höre und finde, dass alles scheiße klingt. Solche Selbstzweifel hab ich auf jeden Fall. Aber Perfektionist? Ich mische zum Beispiel meine Songs immer noch mit der rappers.in-Anleitung (lacht). Ich hab mich mit Sachen wie Mischen nie richtig beschäftigt. Was das anbelangt, kann man wirklich nicht sagen, dass ich ein Perfektionist bin, nein.

rappers.in: In der Zeit von 2012 bis 2015 warst du besonders inaktiv. Es gab nur vereinzelte Features und dein Facebook-Account war gelöscht. Hattest du zu dieser Zeit keine Lust und Zeit auf HipHop?

Harry Quintana: Ich war damals viel im Ausland, hatte viel mit dem Studium zu tun und deshalb keine Zeit und Bock. Ich hab dann auch mal mein Equipment verkauft und gesagt: "Einen Track mache ich noch und dann nie wieder". Aber irgendwie kam es doch immer wieder dazu, dass ich Bock darauf bekommen habe, aber zu dieser Zeit war es wirklich eine Zeit- und Ortsfrage.

rappers.in: Du spielst recht wenig Shows und bist auf sozialen Medien sehr inaktiv. Bist du öffentlichkeitsscheu?

Harry Quintana: Ne, es ist einfach so, dass ich mich selbst, was das Rap-Ding angeht, nicht so ernst nehme und ich mich auf die Musik beschränken will. Klar, es ist heutzutage so, dass 50% die Musik und der Rest der Twitter-Grind und so ist, aber ich bin halt in der komfortablen Situation, dass ich damit nicht mein Geld verdienen muss, also kann ich auf das ganze Twitter-Ding scheißen.

rappers.in: Wo liegen deine musikalischen Einflüsse?

Harry Quintana: Ich bin vor allem von Leuten in der RBA wie Kollegah, Mr. Chissmann und Klubking inspiriert worden, vor allem die letzten beiden sind, was die deutschen Einflüsse angeht – zusammen mit dem alten Berliner-Zeug wie Rhymin Simon und Aggro Berlin – extrem prägend. Aus Amerika hab ich vor allem Nas gehört, wobei das eigentlich noch mal was anderes ist; vielleicht ist es vom Sound her mit meiner Musik vergleichbar. Der Memphis-Sound kam eigentlich erst später dazu. Bei mir waren mehr deutsche Einflüsse wichtige Inspirationen. Aber Fabolous und Young Jeezy hab ich auch sehr viel gehört.

rappers.in: Deine neueren Songs haben häufiger auch mal ein melancholischeres Soundbild. Ist das alles Teil der Kunstfigur?

Harry Quintana: Nein, die deepen Sachen sind natürlich, wie Kunst halt ist, übertrieben und spiegeln den Moment wider, aber ich würde nicht sagen, dass meine neuen Sachen realer als das Battle-Zeug oder meine Musik als Prinz Harry sind. Wobei natürlich auch bei meinen älteren Songs immer wieder mal Lines vorkamen, die sozialkritisch sind.

rappers.in: Wie viel haben deine Texte als Harry Quintana mit der Person dahinter zu tun?

Harry Quintana: Es ist natürlich viel übertriebenes Punchline-Gelaber dabei, aber es sind immer Sachen, die ich in abgeschwächter Form selbst erlebt habe und hinter denen ich stehen kann. Wenn ich jetzt sage, dass ich mit 180 über die Leopold fahre, dann fahre ich natürlich nicht mit 180 über die Leopold, aber vielleicht mit 70 oder 75.

rappers.in: Du hast in den letzten Jahren sowohl mit LGoony als auch mit Kollegah zusammengearbeitet. Glaubst du, dass in der ganzen deutschen Cloud-Rap- und Trap-Szene die Zukunft liegt, oder findest du auch noch einfachen Punchline-Rap zukunftstauglich?

Harry Quintana: Ich glaube schon, dass die Sachen, die Goony so gemacht hat und auch andere Leute in dem Kosmos, frischen Wind rein gebracht haben und das ist auch musikalischer als die Dinge, die in den Jahren davor kamen. Wenn der reine Punchline-Rap gut gemacht ist, dann feiere ich das nach wie vor. Aber in welche Richtung ich selber gehen soll, ist schwer zu sagen, da ich einfach eingeschränkt bin, weil ich selbst keine Beats mache und mit wenigen Produzenten connectet bin. Ich kann nur durch meine Lyrik was Eigenständiges schaffen, aber durch die musikalische Untermalung nur bedingt, weil ich darauf keinen Einfluss hab. Ich kaufe halt einfach meistens Type-Beats von irgendwelchen Ami-Rappern. Aber generell finde ich es echt gut, was die letzten Jahre so passiert ist. Es ist zwar viel aus den Staaten inspiriert, aber besonders im Untergrund findet man viele Schmuckstücke.

rappers.in: Verfolgst du die Deutschrap-Szene selbst aktiv?

Harry Quintana: Auf jeden Fall! Mein Social-Media, was Rap angeht, ist das Mzee-Forum, da bin ich meistens am Grinden und höre mir die Sachen an, die rauskommen. Dadurch hab ich in den letzten Jahren ein paar Künstler wie Haiyti oder Yung Hurn entdeckt. Letztens hab ich zum Beispiel Donvtello, der macht diesen Memphis-Trap, und Skinny Finsta gehört, das finde ich auch gut. Das sind Leute, die man nicht so auf dem Schirm hat, aber wenn man ein bisschen gräbt, findet man schon viele gute Künstler.

rappers.in: Du hast bisher nur vereinzelt mal Shows gespielt. Hast du in Zukunft vor, mal häufiger aufzutreten?

Harry Quintana: Wenn mich jemand bucht, mache ich das schon. Eine Tour ist jetzt utopisch, aber wenn mich jemand anfragt,dann trete ich auch auf. Das Problem ist vor allem die Logistik: Ich bräuchte zum Beispiel einen Back-Up, der mitkommt, und einen DJ. Deshalb hab ich das bisher nicht so intensiviert. Es war eigentlich immer okay, wenn mich jemand, mit dem ich ein Feature hatte, eingeladen hat und dann bin ich auch aufgetreten. Aber richtig den Drang, den Leuten meine Musik live zu zeigen, hab ich auch nicht wirklich. Wenn du auf die Bühne gehst, musst du deine Musik halt auch richtig feiern und das ist bei mir nicht immer so. Dann hab ich gar keinen Bock, das allen zu zeigen.

rappers.in: Danke für Das Interview! Hast du noch letzte Worte?

Harry Quintana: Ihr solltet alle in diesem Winter Vanilleplätzchen probieren!

(Maximilian Krupp)

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