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Interview: Haiyti: "Die Leute können nicht begreifen, dass meine Songs aus dem Nichts entstehen"

veröffentlicht: Dienstag, 23.01.2018, 11:09 Uhr
Autor: InsertPointlessName


Major-Deal eingetütet, Covermotiv auf JUICE und Intro sowie Dauergast in den Feuilletons der hiesigen Tages- und Wochenpresse: Der Hype um Haiyti hat sich in den letzten Wochen verselbstständigt. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass sich die Hamburgerin Interviews komplett verweigerte. In unserem Gespräch nimmt sich Haiyti vor jeder Antwort lange Zeit und offenbart, warum sie es so schwer hat, ihre Musik zu erklären.



rappers.in: Hallo, Haiyti! Es ist Dienstagabend und du gibst Interviews zu deinem neuen Album. Was hättest du an so einem Dienstag vor drei Jahren gemacht?

Haiyti: (überlegt lange) Vor drei Jahren … Da war ich wahrscheinlich auf der Reeperbahn oder auf dem Schulterblatt (Straße des popkulturellen Schanzenviertels in Hamburg, d. Red.). Oder hätte einfach in meiner alten Wohnung gehangen.

rappers.in: Und Texte geschrieben wahrscheinlich?

Haiyti: Nee, ich schreibe ja keine Texte zuhause. Um zuhause irgendwelche Skizzenbücher zu füllen, ist meine Aufmerksamkeitsspanne nicht groß genug.

rappers.in: Nun veröffentlichst du mit "Montenegro Zero" dein erstes Album mit Major-Vertrag. Hat sich die Arbeit daran deswegen anders angefühlt?

Haiyti: Hmmm, naja. Also vorher musste ich ja nicht. Und jetzt hab ich 'nen Vertrag und jetzt muss ich. Und das ist der Unterschied, die Arbeit bleibt gleich. Was dazukommt, sind Interviews und die ganze Presse um mich herum.

rappers.in: Fühlst du dich dadurch unter Druck gesetzt?

Haiyti: Nein, ich spür keinen Druck. Ich – muss nur (lacht). Auf einmal musst du um 15:00 Uhr irgendwo sein. Ich hab mein Leben ja so gelebt, dass ich nie irgendwo sein muss, das war ja ein Luxusleben. Und jetzt ist das Luxusleben vorbei. Weil jetzt muss ich ackern. Ich war gerade bei Universal und die haben zu mir gesagt "Du bist jetzt im Unterhaltungsgeschäft, wusstest du das noch nicht?" (lacht).

rappers.in: Du lässt auf auf deinem Album wieder persönliche Gedanken und Emotionen durchblitzen, rappst aber auch wieder viel über absurden Luxus und Glamour. Kann man trennen, was davon wahr ist und was nicht? Wie gehst du beim Schreiben vor?

Haiyti: Also das wird ja kombiniert. Neulich saß ich im Auto bei einem Kollegen, da wurde mir so 'ne Rolex mit ganz vielen Glitzersteinen durchs Fenster reingegeben und der Typ meinte so: "1000 Euro". Aber die Rolex kostet eigentlich 6000. Dann hatte ich eben diese Luxusuhr um meine Hand und fühlt sich gleich ganz anders. Und damit spielt man ja. Nur weil man mal 'so nen kleinen Artikel hat, den man irgendwo ergaunert hat – ich hab die Uhr ja dann nicht gekauft – fühlt man sich gleich, als hätte man diese ganze Welt. So ist es ja immer. Man hat ein bisschen und macht daraus … etwas.

rappers.in: Einen Haiyti-Text, zum Beispiel.

Haiyti: Ich sag ja in anderen Texten auch, dass ich ein Haus in Monaco hab. Da weiß doch jeder, dass das nicht stimmt. Aber an anderer Stelle rappe ich ja auch "Es war nur ein American Dream". Also so weit hole ich dann auch wieder nicht aus.

rappers.in: Die Rolex ist also auch sinnbildlich gemeint.

Haiyti: Ja, total. Bei dieser Rolex ist es zum Beispiel so: Du hast etwas, aus der High Society, aber es ist nur ein halbes Prozent von dem, was die Leute haben, die wirklich Rolex tragen. Du berührst diese Welten immer wieder in deinem Leben, bist aber eigentlich kein Teil davon.

rappers.in: Was mir auf deiner Platte noch aufgefallen ist, ist dieser Widerspruch: Auf der einen Seite glorifizierst du den Luxus, auf der anderen Seite stellst du fest, dass dieser im Endeffekt bedeutungslos ist.

Haiyti: Aber das ist doch kein Widerspruch! Es ist einfach nur die Sicht aus zwei Seiten. Du kannst ja einen Song aus verschiedenen, emotionalen Ebenen machen. Und manchmal macht man eben einen Glamoursong, da geht's gar nicht um Emotionen.

rappers.in: Schreibst du dann viel durcheinander oder setzt du dir vorher das Ziel, jetzt einen Song über beispielsweise Glamour zu schreiben?

Haiyti: Dazu muss ich sagen, dass es jetzt das erste Mal ist, dass ich mich mit meinen Songs in Interviews auseinandersetze. Die Leute fragen mich immer, wie ich das und das mache, aber sie können einfach nicht begreifen, dass meine Songs aus dem Nichts entstehen. Es gibt zum Beispiel so einen jamaikanischen Song, in dem im Refrain die ganze Zeit "I'm so special" wiederholt wird. Dann hab ich gestern auch einen Song gemacht, der so geht. Warum ich den jetzt gemacht hab – keine Ahnung. Ich steh im Studio vor dem Mikro und dann passiert einfach was. Wie oder warum, kann ich eigentlich nicht beantworten, es ist einfach das, was in dem Moment in meinem Kopf ist. Die Reflexion kommt dann erst im Interview.



rappers.in: Du bist in den vergangenen Wochen öfter im deutschen Feuilleton aufgetaucht und spielst regelmäßig vor szenefremdem Publikum. Letztes Jahr bist du zum Beispiel bei "Rock am Ring" aufgetreten. Verunsichert dich das, wenn du in Kontexten auftauchst, wo man vermutlich erstmal gar nichts mit deiner Musik anfangen kann?

Haiyti: Es ist alles so dermaßen crazy. Ich lerne ja meine Texte nicht und stehe dann auf so Bühnen, da denke ich dann schonmal gar nicht nach. Ich weiß, dass ich irgendwo ein Konzert habe und mache das dann einfach. Ob die Leute da HipHop feiern oder nicht, ist mir dann egal. Bei "Rock am Ring" muss man allerdings noch dazusagen, dass sich am Ende schon recht viele Leute versammelt haben. Die Zeit, wo da nur die Hardcore-Metaller rumlaufen, ist ja auch vorbei.

rappers.in: Machen dich große Crowds überhaupt noch nervös? Auf dem letzten Splash! hast du bereits viel souveräner gewirkt als noch vor zwei Jahren.

Haiyti: Da bist du der Erste, der mir das sagt. Viele Leute fanden meinen Auftritt dieses Jahr total unprofessionell, weil ich da mit 'nem iPad auf der Bühne rumgelaufen bin und teilweise meine Texte nicht konnte. In dem Moment macht mich so ein großes Publikum dann schon nervös, klar.

rappers.in: Hmm, warum lernst du deine Texte dann nicht einfach?

Haiyti: Ich weiß nicht. Weil's keiner organisiert (lacht).

rappers.in: Neben der Musik studierst du immer noch Kunst. Wie kam es zu der Entscheidung und beeinflusst dich das auf irgendeine Weise in deinem Schaffen?

Haiyti: Mir ist es wichtig, weil ich immer noch das Gefühl habe, so lost im System zu sein. Ich hab jetzt dummerweise wieder vergessen, mich für den Master zu bewerben. Aber das Kunststudium fällt mir eigentlich leicht. Wo sich andere Leute abmühen, was zu erschaffen, das schüttel ich so aus dem Ärmel. Ich setze mich dann drei Wochen hin, male ein Bild und die theoretische Arbeit mach ich auch noch irgendwie nebenher. Wieso soll ich eingebildet auf Rockstar machen, wenn mir auch noch einen Master krallen kann? (Kurzes Schweigen) Ich brauch 'nen Titel, ich bin von unten.

rappers.in: Und wenn es irgendwann tatsächlich nicht mit mehr mit der Musik laufen sollte, was machst du dann?

Haiyti: Ich hab gar keine Zukunftsangst, ich wird immer irgendwie überleben. Und wenns nicht klappt, hol ich mir 'nen Millionär.




(Friedrich Steffes-lay)

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