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Review: Haiyti – Montenegro Zero

veröffentlicht: Sonntag, 21.01.2018, 14:35 Uhr
Autor: El-Patroni





01. 100.000 Fans
02. Sunny Driveby
03. Gold
04. Mafioso
05. Berghain
06. Kate Moss
07. Bahama Mama
08. Serienmodell
09. Bitches
10. Haubi
11. Monacco
12. American Dream


Deutschraps Most Working Woman! In den letzten Jahren jagte ein Haiyti-Video das andere; die Frau schien keine Pausen zu brauchen und pumpte mit schockierender Regelmäßigkeit qualitativ hochwertige Songs in die Welt hinaus. Das ungewohnte Soundbild, die Ästhetik der Videos und eine Stimme, die Diskussionen lostrat, wie man sie Jahre zuvor bei Morlockk Dilemma schon geführt hatte, sorgten dafür, dass praktisch jeder Szenekenner von der Existenz der Hamburgerin mitbekommen hat. Kurz gesagt: Der Hype wurde größer und größer, die Anzahl von Fans wie Hatern stieg exponentiell an und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Haiyti mit ihrem ersten großen Release an den Start gehen würde:

Komm, ich kippe dir einen ein/
Drogendeals und Schlägerei/
Ich hab' vieles schon gesehen/
Doch wünschen tu' ich's keinem/

(Haiyti auf "Haubi")

Straßenhustle, schwärmen für die kleinen Freuden des Lebens, aber auch hin und wieder durchblitzende bittere Gesellschaftskritik geben sich in immer kürzer werdenden Abständen die Staffelstäbe weiter, dass es sich nach etwa einer halben Stunde schon anfühlt, als stünde man inmitten eines unüberschaubaren Pfeilhagels. Inhaltlich scheint es kaum möglich "Montenegro Zero" in eine Schublade oder auch nur in eine Kommode zu stecken: Haiyti fabriziert die Kombination aus dem besten ihrer letzten Releases, streut auch ihr Ganster-Alter Ego Robbery immer wieder ein und lässt es schlussendlich so zusammenfließen, dass ein undefinierbares, nicht einzuordnendes, mal pathetisches, mal ganz zwanglos wirkendes großes Ganzes entsteht. Hinter jedem Song der Platte verbirgt sich mehr als auf den ersten Blick erwartet, was vor allem klar wird, wenn zwischen den beiden eigentlich sehr simplen und den Lifestyle der finanziellen Elite mit leicht kritischem Unterton verherrlichenden Nummern Serienmodell und Monacco der triste Alltag am Hautbahnhof zum Thema gemacht wird. Hut ab für diese Anordnung der Songs.

Sage alles ab, hab' mein'n Bodyguad/
Schreibe einen Part, feier' mit den Stars/
Alles elegant, Gala, weißer Sand/
Millis auf der Bank, Brillies an der Hand/

(Haiyti auf "Monacco")

Haiyti treibt ihren Stil auf "Montenegro Zero" auf die Spitze: Den Hörer erwartet mehr melodischer Singsang als man bisher von ihr gewohnt ist, jedoch im Kontrast dazu auch Passagen, auf denen lauter, schriller und unangenehmer gekreischt wird als je zuvor. All das untermauert von einem Beatgerüst, das in seiner Einzigartigkeit und durch die Innovativen Ideen zu begeistern weiß. Hier mischen sich diverse Genres durcheinander und der leicht poppige Sound, den man schon immer vereinzelt auf Haiyti-Releases finden konnte, nimmt diesmal einen wesentlich größeren Bestandteil ein, als es bisher der Fall war. Die Instrumentals aus dem Hause KitschKrieg vermischen Trap, Pop und Dancehall mit fast schon kitschigen RnB Elementen, ohne zu irgendeiner Zeit deplatziert oder unharmonisch zu wirken und auch wenn es jetzt vielleicht so klingen mag, haben die Beats kaum etwas mit aktuellen Szenetrends wie Afrotrap zu tun.

Ich bin in der Trap, du in der Laubfalle/
Geh mal bitte weg, ich muss was aushandeln/
Ihr seid alle nichts und müsst den Baus fragen/
Jeder weiß: wenn ich komm', wird es ausarten/
Weil ich viel lieber in Geld statt in Schaum bade/
Du findest keinen Cent in meinem Bauchladen/
Du gibst alles zu, wenn wir dich ausfragen/
Weil die Jungs, mit den' ich hänge, lieber drauf schlagen/

(Haiyti auf "Mafioso")

Fazit:
In jedem Freundeskreis gibt es sie: Die Frau, die ihre männlichen Kollegen unter den Tisch trinkt, beim all you can eat Buffet mithält und sich meist so daneben benimmt, dass alle früher oder später ausblenden, dass sie es hier mit einer Frau zu tun haben. Neben all dem Sookeehaften Zeigefingerfeminismus, bei dem man sich als Mann fast schon genötigt fühlt, sich selbst für seinen Penis zu hassen, bildet Haiyti nicht nur die Speerspitze, sondern fast schon den halben Speer von unpeinlichem Deutschrap mit weiblicher Identität. "Montenegro Zero" zu bewerten, fällt tatsächlich etwas schwer. Die Suche nach klassischem Hörgenuss fällt, zwischen all dem Gekreische und den halligen Effekten auf der Stimme, eher erfolglos aus, dafür macht es einfach Spaß, den innovativen Soundentwürfen zu lauschen und zu versuchen, das Konzept oder einfach die Idee hinter dem Album zu verstehen, während Haiyti die Erwartungshaltung der Hörer ein ums andere Mal über den Haufen wirft.


El-Patroni (David)



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