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Review: Haftbefehl – Unzensiert

veröffentlicht: Dienstag, 22.12.2015, 16:55 Uhr
Autor: Play70





01. Brudi namens Fuffi
02. Skit 2.1
03. 069
04. Aus Hater werden Fans
feat. Moses P.
05. Frisch aus der Küche feat. Capo & Ufo361
06. CopKKKilla
07. Alles dreht sich
08. Skit 2.2
09. Wo ich herkomm
feat. Milionair & Hanybal
10. Depressionen im Ghetto
11. Rolle auf Chrom feat. Celo & Abdi
12. Chabos feat. Milionair, D.O.E., Celo, Soufian, Hanybal, Enemy, Abdi, Brate Azzlack, Nimo, Bausa, Diar & Capo
13. Kalash feat. Soufian, D.O.E., Enemy & Diar
14. Golden Brown feat. Xatar
15. Odyssee feat. Bausa & D.O.E.
16. Hang the Bankers feat. Olexesh

Zu Beginn seiner Karriere war Haftbefehl wohl einer der umstrittensten Rapper Deutschlands und erfuhr sowohl von Rapfans als auch von Kritikern große Ablehnung. Heute, knapp sechs Jahre später, sieht das Ganze anders aus: Inzwischen ist der Azzlack-Sound, nicht zuletzt wegen "Blockplatin" und "Russisch Roulette", salonfähig geworden, der Konsens unter Deutschraphörern und Musikmedien hat sich zum Positiven gewandelt und so langsam kommt der Künstler auch im Mainstream an, was man an seiner Teilnahme an Veranstaltungen wie dem "Red Bull Soundclash" erkennen kann. Am Ende jenes Events wurde mit "Unzensiert" überraschend ein neues Mixtape von Haftbefehl angekündigt, welches gute Voraussetzungen für einen qualitativen Erfolg mitzubringen scheint: So bewies er auf seinen letzten beiden Langspielern Konstanz und ein starkes Gespür für eingängige, zeitgenössische Soundbilder. Zugleich zeigt sich mit Bazzazian ein fähiger Produzent für die Instrumentals verantwortlich, der ihm schon bei früheren Projekten zur Seite stand. Aber gerade wegen dieser aussichtsreichen Bedingungen und der angesehenen vergangenen Werke lastet womöglich ein gewisser Erfolgsdruck auf dem Offenbacher. Ob er diesen bewältigen und den hohen Erwartungen gerecht werden kann, gilt es nun herauszufinden.

"Polizei im Einsatz, O-F, Mainpark Punkt Null Uhr/
Sie prügeln Leib und Seele aus dem Bruder – plus Kultur/
Wir leben hier nur auf Duldung, Integration blasen/
Seit ich denken kann, schikanieren die Bullen uns/
"
(Haftbefehl auf "Alles dreht sich")

Beim ersten Blick auf das Release sticht das Cover ins Auge: Haftbefehl posiert, wie einst Malcolm X, mit Waffe im Anschlag am Fenster. Ungeachtet der Unterschiede zwischen dem Azzlack-Rapper und der führenden Kraft der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sind auf "Unzensiert" einige Parallelen zwischen beiden zu erkennen: Auf dem neuesten Werk des Rappers ist eine deutliche Frustration über die aktuellen Zustände, namentlich das Leben von Migranten und deren Nachkommen in Deutschland, zu erkennen. Auch auf früheren Veröffentlichungen war diese Wut über Ungleichheiten vorhanden, aber nie wurde sie so deutlich wie hier: Immer wieder richtet Haftbefehl Zeilen oder ganze Tracks gegen Polizei und Staat und wie einst Malcolm X in jungen Jahren sieht der Künstler hier Gewalt als das einzige Mittel der Gegenwehr. Natürlich kann man diese Kritik als oberflächlich, einseitig und zu kurz gedacht bezeichnen, nichtsdestotrotz stehen diese Aussagen stellvertretend für die Gefühlslage einer Lebenswelt, die in diesem Land zwar existiert, den meisten seiner Bewohnern aber fremd sein dürfte. Zudem sind Lines wie diese durch ihre authentisch-aggressive Vortragsweise und einprägsamen Formulierungen aus künstlerischer Sicht äußerst unterhaltsam. Bedenklich ist in diesem Sinne lediglich die mehrfache Erwähnung der Rothschild-Theorie, die eine gewisse Nähe zu Verschwörungstheorien andeutet, wobei der Offenbacher selbst, anders als Featuregast Olexesh, nie deutlich darauf eingeht. Neben diesem aus gesellschaftspolitischer Sicht ziemlich harten Tobak, der dem Titel des Mixtapes alle Ehre macht, gibt es die üblichen Tickergeschichten und weitere Eindrücke aus dem Leben in deutschen Problembezirken. Diese sind glaubwürdig umgesetzt und wissen auch qualitativ zu überzeugen, da sie durch neue Inszenierungsformen frisch und unverbraucht wirken und ein deutliches, wenn auch stellenweise übertriebenes Bild vom Leben im deutschen Großstadtghetto kreieren. Hervorzuheben ist zum Beispiel "Ein Bruder namens Fuffi", auf dem der Rapper, angelehnt an Torchs "Blauer Schein", den Weg eines Geldscheins von der Zentralbank in die Frankfurter Unterwelt beschreibt. All das geschieht auf textlich höchstem Straßenrapniveau.

"Das ist für die Azzlacks, für die Straßenninjas (Woo!)/
Für die Mit-den-Skimasken-auf-dem-Motorrad-Ninjas (Woo!)/
Warum kommt Haft-Album denn schon wieder im Winter?/
Das ist Räubermusik und da wird's früher dunkel, was 'ne Frage, behindert?/
"
(Haftbefehl auf "069")

Nicht nur textlich besticht das Mixtape durch seine hohe Qualität: Haftbefehl gelingt es, durch eingängige und dennoch markante und individuelle Flows ein Werk zu schaffen, welches über die gesamte Spielzeit niemals langweilig wird. Erneut beweist der Künstler ein immenses Gespür für Betonungen, Formulierungen und Atmosphäre und diese mit seinen Texten in einen stimmigen und stringenten Zusammenhang zu bringen. Zusätzlich sorgen die Hooks stets für ein musikalisches Highlight und bleiben schnell im Kopf hängen. Auch an Vielfalt fehlt es nicht: Hier reihen sich die Featuregäste passend ein; gerade in der zweiten Hälfte von "Unzensiert" treten diese vermehrt auf und schaffen so ein fast amerikanisch anmutendes Mixtapefeeling. Bis auf wenige Ausnahmen liefern jene auch durchgehend hochwertige Beiträge ab, die dem Langspieler aus sowohl stilistischer als auch inhaltlicher Sicht neue Facetten verpassen. Ebenso gelingt das Zusammenspiel von Haftbefehl mit seinen Gästen: Kein Part wirkt deplatziert, sondern es wird ein stimmiges Gesamtwerk erzeugt. Lediglich der Massenkollabotrack "Chabos" hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack: Zwar ist dieser, wie auch die restlichen Titel, stilistisch stimmig umgesetzt, allerdings stellt der Track lediglich eine Promotion für das gleichnamige Modelabel des Offenbachers dar. Weiterhin bringt Haftbefehl selbst durch abwechslungsreiche Flowpassagen und Betonungen und einen gekonnten und durchdachten Aufbau Variation in das Release, ohne dabei den roten Faden zu verlieren – das ist musikalisch gesehen Deutschrap auf allerhöchstem Niveau. Tatkräftig unterstützt wird er über die gesamte Spielzeit hinweg von seinem Produzenten Bazzazian, dessen Anteil an der Qualität von "Unzensiert" in aller Deutlichkeit hervorgehoben werden muss: Nicht nur, dass der Kölner erneut durchweg erstklassige, perfekt auf Haftbefehl zugeschnittene Instrumentals produziert hat, auch wird stilistisch viel experimentiert: Neben dem klassischen Azzlack-Sound, der an den Zeitgeist angepasst wurde, werden zum Beispiel Trapbeats und Alles-oder-nix-ähnliche Kopfnickerelemente mit eingebracht, ohne dabei die düstere und raue Grundstimmung des gesamten Langspielers zu vergessen. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass dieses Mixtape produktionstechnisch zu den besten Veröffentlichungen der letzten Jahre gehört.

Fazit:
Haftbefehl präsentiert mit "Unzensiert" ein musikalisch absolut hochwertiges Endprodukt, welches durch exzellente Produktionen, treffsichere Flowpassagen, gekonnte Betonungen und markante Formulierungen zu glänzen versteht. Auch die vielen Gastbeiträge können sich größtenteils sehen lassen und schaffen es zum Teil sogar, das Release aufzuwerten. Die einzige wirkliche Kritik, die man hier anbringen kann, ist die angedeutete Nähe zu Verschwörungstheorien, wobei festgehalten werden muss, dass im Falle des Offenbachers nicht klar ist, ob er diese wirklich unterstützt oder nur als bewusstes Provokationsmittel einsetzt. Insgesamt schadet dies dem Mixtape deshalb nur geringfügig. Qualitativ ist das Mixtape, wie bereits erwähnt, ein ausgesprochener Erfolg und darf sich zu den besten Veröffentlichungen dieses Kalenderjahres zählen, auch wenn es für die meisten Toplisten wohl etwas zu spät erschienen ist.


(Sanchyes)



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