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Review: Haftbefehl – Blockplatin

veröffentlicht: Samstag, 23.02.2013, 18:59 Uhr
Autor: Florginal





CD 01 ("Block"-Seite):
01. Intro
02. Chabos wissen wer der Babo ist feat. Farid Bang
03. Money Money feat. Veysel, Celo & Abdi
04. Generation Azzlack
05. Locker easy feat. Veysel, Capo, Celo & Abdi
06. Azzlack Motherfuck
07. Stoppen Sie mal, Officer
08. Ja Ja Ve Ve 2

09. Blockparty feat. Veysel
10. Ich ficke dich feat. Xatar & Massiv
11. Mein Wort
12. Crackfurt

CD 02 ("Platin"-Seite):
01. Welcome to Alemania
02. Du weißt ich weiß feat. Capo
03. Ba Ba
04. Traurig aber wahr feat. Shack
05. Mann im Spiegel
06. Erst der Himmel ist Limit
07. Player Hater
feat. Veysel & Habesha
08. Late Checkout
09. Zwischen Raum und Zeit feat. Marsimoto
10. Nur du bist der Baba
11. Einmal um die Welt und zurück
12. Á la Elvis Presley


Haftbefehl. Ein Name, der nun schon seit einigen Jahren für Furore im Deutschrap sorgt. Die einen halten ihn für einen untalentierten Straßenjungen mit mangelhaften Deutschkenntnissen, die anderen für den Rapper, der dem deutschen Straßenrap-Genre durch seine bewusst-akzentvolle Sprache neues Leben einhaucht. Parallel dazu herrschen quasi unter jedem YouTube-Video von Baba Haft neben dem Glaubenskrieg der HipHop-Hörerschaft noch Konflikte zwischen religiösen Gruppen oder sogar zwischen verschiedenen Völkern. Auf einen sachlichen Umgangston wird hierbei, typisch Internet, fast gänzlich verzichtet. Für seine Fans, für die Hater aus Prinzip und für alle, die es sonst noch interessiert, bringt Haftbefehl nun sein drittes Studioalbum "Blockplatin". Und das sogar in Doppelalbum-Länge. Zwei CDs. 24 Lieder. Eine harte "Block"-Seite und eine poppigere "Platin"-Seite sollen es sein. In diesem Sinne: "Album Nummer drei ist da – Psh! Alle leise!" (Haftbefehl auf "Intro").

"Wen du kennst, das ist mir scheißegal/
Ich fick' deine Ma' zehn Mal, Haftbefehl – Bam/
Ich hau' dich Vegetarier zum Pflegefall/
In Offenbach fällst du auf wie Weiße in Senegal/
"
(Haftbefehl auf "Intro")

Da ist es wieder. Das typische Haftbefehl-"Intro". Dieser Mann schafft es bei jedem seiner Alben, direkt mit einem Track einzusteigen, der vor Power und Druck nur so strotzt. Ob "Ja Ja Ve Ve" vom ersten Album oder der Titeltrack von "Kanackis". Jedes Mal ein Track, den man so laut aufdrehen möchte, dass er die Boxen sprengt. So auch hier. Der Beat, verbunden mit Haftbefehls einzigartigem Flow, animiert meinen Kopf von Beginn an zum Nicken. Hinzu kommt noch ein dickes Grinsen, wenn Hafti darüber rappt, wie er mit Obama pokert, wobei sein Einsatz lediglich ein Kilogramm Kokain ist, der des Präsidenten aber gleich ganz Amerika. Also wenn das nicht Gangster ist, dann weiß ich auch nicht ... Ist ja auch der Einstieg in die "Block"-Seite. Thematisch heißt das vor allem: Ghetto, Waffen, Drogen, Geld und Konflikte mit dem Gesetz. Doch wie diese Elemente umgesetzt wurden, ist eine Kunst für sich. Denn auf der "Block"-Seite von "Blockplatin" befinden sich fast ausnahmslos perfekte Straßenraptracks wie zum Beispiel "Money Money", auf dem Haftbefehl zusätzlich von seinen Labelkollegen Celo, Abdi und Veysel unterstützt wird. Auf einem Beat mit gepitchtem Orient-Sample zeigen die Azzlackz-Jungs, was sie drauf haben. Alle fahren dieselbe Schiene, aber ähneln sich doch kaum. Jeder Part hat seinen einzigartigen Style. Alle drei passen sich perfekt dem Beat an. Dies äußert sich vor allem durch die Verbindung des orientalisch angehauchten Instrumentals mit der eigenwilligen und akzentdurchzogenen Sprache der Interpreten. Abgerundet wird das Ganze von einer stimmigen Hook des Ex-Knackis Veysel, der durch seine raue und harte Stimme heraussticht. Fast dasselbe ist bei "Locker Easy" der Fall. Hier ist sogar das gesamte Azzlackz-Camp am Start, auch Capo steuert einen Part bei. Der ist so gar nicht wie der alte "Atom-Flow-Capo", sondern versucht eher in eine poppigere Richtung zu gehen. Silben werden lang gezogen, man könnte es fast schon Gesang nennen. Das hört sich zwar ungewohnt an, klingt auf dem Synthie-geladenen Beat aber dennoch stimmig. Nur Veysel hinkt hier im Vergleich zu seinen Kollegen etwas hinterher. Liegt vielleicht auch daran, dass er mir in seinem Part weismachen will, dass alles im Leben zurückkommt, "so wie ein Frisbee".

"Ob Fünfer-Bündel oder am Stück in gelb/
Money makes me funny in the rich man's world/
Ich will Geld wie á la Kies, Para/
In Millen schwimmen – wie im Miramar/
"
(Abdi auf "Money Money")

Auch die Solotracks von Hafti auf der "Block"-Seite überzeugen. "Stoppen Sie mal, Officer", "Crackfurt" oder auch "Ja Ja Ve Ve 2" sind allesamt Bretter. Flowtechnisch übertrifft sich Haftbefehl jedes Mal selbst. Auch instrumental sind alle Tracks perfekt untermalt, wofür Beats von unter anderem Reef, Cönigs Allee oder M3 sorgen. So klingt Haftbefehl sowohl auf einem schnelleren Beat wie bei "Ja Ja Ve Ve 2" als auch auf einem langsameren wie bei "Locker Easy" harmonisch und durch seine eigenwillige Aussprache und Nutzung von Jargon bildet sich eine authentische Straßen-Atmosphäre. Der zweite Teil von "Blockplatin", die "Platin"-Seite, stellt einen kleinen Kontrast zur "Banger-Atmosphäre" des ersten Teils des Albums dar. Hier ist alles ein bisschen softer. Es werden sogar ernste und persönlichere Seiten des Babos aufgezeigt. In "Mann im Spiegel" erzählt ein deutlich gereifter und resignierter Haftbefehl aus seinem Leben; von Enttäuschungen und Leid, das ihm widerfahren ist. Das hierbei verwendete, extrem minimalistische und atmosphärische Instrumental und Haftbefehls ruhige Stimmlage ergänzen sich perfekt. Gänsehaut-Stimmung pur. Er kann also auch anders, wenn er will. Aber natürlich ist die "Platin"-Seite nicht nur ruhig und depressiv. Die meisten Tracks heben sich von der "Block"-Seite eher dadurch ab, dass sie nicht so düster sind. "Welcome to Alemania" zum Beispiel, wo sich Haftbefehl in der Hook wieder als Sänger versucht, was dem Track eine weniger düstere und gefährliche Atmosphäre verleiht. Oder auch das Feature mit Marsimoto ,"Zwischen Raum und Zeit", das besser funktioniert, als ich es erwartet habe. Auf einem extrem smoothen Beat rappen ein lockerer Haft und ein higher Marsi und mit der Thematik des Drogenrauschs kommen sie auf einen perfekten gemeinsamen Nenner. Selbst stimmlich klingen der hochgepitchte Marsimoto und Haftbefehl harmonisch, was die gemeinsam gerappte Hook beweist.

"Viel zu lang glaubtest du an die Liebe/
Das war dein Untergang, Mann im Spiegel/
Guck dich an, du bist alt, krank und müde/
Wurdest allein gelassen, sogar von Familie/
"
(Haftbefehl auf "Mann im Spiegel")

Man kriegt auf "Blockplatin" also alles geboten: Straße und Ghetto, Party und Drogen, tiefgründig und traurig. Leider ist das Werk dann doch nicht ganz so rund, wie es scheint. Einige der Features kratzen etwas am Gesamtbild. Farid Bang zum Beispiel. Der schafft es nämlich tatsächlich, "Chabos wissen wer der Babo ist" kaputt zu machen. Er bringt nicht nur mit "Du bist wie mein Schwanz beim Wichsen – ich spuck' auf dich" den verstörendsten Vergleich, den ich seit langer Zeit gehört habe, nein, er quatscht auch noch einfach sinnlos in die Hook rein. Glanzleistung! Und auch der ein oder andere Veysel-Part stört, da er raptechnisch einfach nicht mit Hafti mithalten kann. Zu oft wird der Hörgenuss durch einen zu flachen Vergleich oder einen zu unsauberen Reim getrübt. Kleiner Tipp an dieser Stelle: einfach nur noch Celo & Abdi featuren, dann wird nichts falsch gemacht.

Fazit:
So, das war es nun, das Doppelalbum "Blockplatin". Große Erwartungen standen im Raum. Wurden sie erfüllt? Auf jeden Fall! Haftbefehl schafft es, mit "Blockplatin" ein nahezu perfektes Straßenrap-Album abzuliefern. Die bisherigen Hafti-Hater werden auch hier nicht auf ihre Kosten kommen. Aber alle anderen, die sich darauf einlassen, werden es feiern, da bin ich mir sicher. Die harte und raue Seite eines "Azzlack Stereotyp" ist genauso vorhanden wie die etwas musikalischere und poppigere Seite eines "Kanackis". Nur kleine, verzeihbare Schwächen sind vorhanden, ansonsten ist das Album ein Feuerwerk an dem, was man sich von einem Haftbefehl wünscht. Verrückte Lines, einzigartige Flows und scheppernde Beats. Alles richtig gemacht also. Oder wie Azzlackz-Kollege Celo sagen würde: aaalles rrrrasiert.


Florian Peking (Florginal)




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