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Review: Gzuz – Wolke 7

veröffentlicht: Freitag, 01.06.2018, 15:20 Uhr
Autor: Cuttack





01. Warum?
02. Was hast du gedacht?
03. Wolke 7
04. Über Nacht
feat. Bonez MC, Maxwell & Ufo361
05. Drück Drück feat. LX
06. Halftime
07. Träume
08. Bis dass der Tod uns scheidet
09. Neuer Tag neues Drama
10. Was erlebt
feat. Bonez MC
11. Niemals satt
12. Diskutieren?!
13. Nur mit den Echten
feat. Trettmann

Gzuz Handschrift ist eine schnörkellose. Für die Formation, die zur Zeit vielleicht neben Bausa und Capital Bra die größte Aufmerksamkeit in der Deutschrap-Landschaft genießt, kommt das neue Release fast ohne Promophase aus: Zwei Musikvideos via WorldstarHipHop, ein paar zehntausend Boxen besprayt, fertig. 187 ist ein Selbstläufer im wahrsten Sinne des Wortes geworden und Gzuz liefert das dementsprechende Album ab, so sicher scheint der Hamburger sich der Loyalität seiner Fans sein zu können. "Wolke 7" reflektiert diesen Zustand auf einem Tape, das kompromissloser und kaltschnäuziger kaum sein könnte.

So viel Weißgold an mei'm Arm und von Rolex das Emblem/ (ja)
Die Schlampen rufen an, sie könn'n ohne mich nicht leben/ (hahaha)
Wieder mal verfahr'n, zu viel Drogen im System/
Doch ich denk' mir nur, verdammt, vor dem Tod noch bisschen leben/

(Gzuz auf "Niemals Satt")

Inhaltlich kann man das Ganze dann recht schnell umreißen. Koks und Emma, Frauen im Backstage und in Saunaclubs, schnelle Autos und Schlägerein in Pauli dominieren eine Landschaft, die ein Klischee sein könnte, würde Gzuz' Delivery nicht genug Ausstrahlung mitbringen, auch zigfach gehörte Aussagen irgendwie frisch zu halten. Tracks wie "Warum?", "Diskutieren?!" und "Was Hast Du Gedacht?" folgen einem klaren Tenor. Es gibt nichts zu besprechen, Handlungen sprechen lauter als Worte, ein Schlag oder ein Stich sind da, wo Gzuz herkommt, schnell bei der Hand. Vielleicht ist der simpelste Appeal an der Musik die Undomestizierbarkeit, sprich: die Unangepasstheit des Ganzen. Egal, wie viele Thinkpieces und Einordnungen in Gangsta-Rap-Geschichte oder Punk passieren, Gzuz gehört und will nicht in eine Diskussion, nicht in den Feuilleton und will auch gar nichts aussagen, sondern den Soundtrack für Schlägereien auf Hinterhöfen der Reeperbahn liefern. Kommt mit allen Vor- und Nachteilen. Echtheit, Intensität und Authentizität, aber eben auch einer guten Kelle dumpfer und sexistischer Sprüche.

Bringst deine Alte zu 'nem Live-Konzert mit/
Und danach bläst sie unterm Beifahrersitz/
Ey, was hast du gedacht?/

(Gzuz auf "Was hast du gedacht?")

Entsprechend funktional bleibt die Platte auch musikalisch. Röhrende Synth-Arrpegios, scheppernde Drumkits und synthetische Bassläufe klingen nicht unzeitgemäß, springen aber auch nicht wirklich in die aktuellen Trap-Gefilde auf. Am ehesten erinnert es an die Chicago Drill-Schule, Rapper wie Chief Keef oder Fredo Santana könnten vermutlich mit der The Cratez und RAF Camora-Produktion eine Menge anfangen. Ein anderer direkter Referenzpunkt müsste die Aggro-Berlin-Ära sein, die damals einen ähnlichen musikalischen Spin auf anderes Ausgangsmaterial gegeben hat. Aber so, wie Fler oder B-Tight ihrerzeit Crunk aufgenommen haben, werden auch die Einflüsse der Beatmacher aus Memphis und Chicago in der Produktion zumindest ein Stück weit eingedeutscht.
Heißt: Die Instrumentals scheppern ziemlich stumpfsinnig geradeaus, klingen eben so, wie sie klingen müssen, um Zahnärzten und Bänkern Angst zu machen, wenn sie im Vorbeifahren aus dem Mercedes CL drücken. Logischerweise sind sie damit auch gutes Futter für Gzuz ziemlich animalische Stimme, die zwar im Laufe der Platte wenig Variation, dafür aber klare Kante zeigt. Auf "Bis dass der Tod uns scheidet" klingt die Gehässigkeit gegen die Polizei erdrückend glaubhaft durch, "Drück Drück" fängt intensiv ein, wie die Sucht nach Nervenkitzel und Adrenalinrausch in der Welt der 187er komplett aus dem Ruder laufen kann. Abwechslung ergibt sich wenn überhaupt mit den Gästen, bleibt in der Qualität aber unterschiedlich. Ufo361 und Bonez MC bringen auf "Über Nacht" zwar einen deutlich 808-lastigeren Trap-Vibe mit sich, nutzen ihn aber nur für eine der weniger spannenden "Ich hab jetzt Erfolg"-Nummern. Trettmann sorgt auf Outro "Nur mit den Echten" zwar für eine willkommene musikalische Abwechslung, bleibt als Vocalist aber eher unter seinen Möglichkeiten.

Bis dass der Tod uns scheidet/
Schieb' ich Hass auf die Polizei/
Denn bis dass der Tod uns scheidet/
Wird mit Brüdern das Brot geteilt/

(Gzuz auf "Bis dass der Tod uns scheidet")

"Wolke 7" ist kein hübsches, kein glattes Album, kein Projekt, das sich dem Mainstream oder Fans anderer Rap-Sparten auch nur einen Funken annähert. Was Gzuz auf diesem neuen Solo-Offering anbietet, ist im Grunde mehr Futter nach bewahrtem Rezept, aber vielleicht noch eine kleine Ecke animalischer, kaltschnäuziger und direkter als zuvor. Das Wissen, niemandem gefallen zu müssen, weil es im Hause 187 ohnehin von selbst läuft, gibt Gzuz sichtlich Sicherheit, sich noch einmal breitbeiniger im Deutschrap-Mainstream niederzulassen. Läuft insgesamt also logischerweise unter der Kategorie "muss man mögen", für Fans der Sparte wird "Wolke 7" aber ziemlich sicher wie ein Homerun klingen.

(Yannik Gölz)




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