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Review: Gzuz & Bonez MC – High & Hungrig

veröffentlicht: Freitag, 27.06.2014, 14:49 Uhr
Autor: Florginal





01. Intro
02. Scheiß Tag
feat. Olexesh
03. Geld
04. Wer wir sind
feat. Sa4
05. Krass
06. Guck mich um
07. Mit uns
feat. Maxwell & Sa4
08. Klack 1830
09. Immer noch
10. Auf Tour
11. Ferrari
12. Dagegen
13. Hektik
feat. Omik K.
14. Leggaschmegga feat. Maxwell
15. Dieses Boot feat. Capuz

Die 187 Strassenbande konnte sich in den letzten Jahren durch ihren überzeugenden Straßensound eine recht große Fanbase im deutschen Sprechgesang erschließen, insbesondere durch einige klickstarke Musikvideos auf YouTube. Die Authentizität der Bande kommt aber nicht nur vom bösen Blick in die Kamera. 187-Member Gzuz saß sogar im Gefängnis ein, ist nun aber wieder auf freiem Fuß und veröffentlicht mit seinem Kumpel und 187-Chef Bonez MC ein erstes Kollabo-Album namens "High & Hungrig". Das Rezept lautet wie eh und je: beinharte Raps auf drückenden Beats. Ob sie es damit schaffen, im gerade florierenden Straßenrap-Genre herauszustechen und ein Zeichen zu setzen?

"2010 in meinem Anwaltsbüro/
Der Scheiß war am Kochen, merk' das an seinem Ton/
Wie 'ne Lawine, 'ne Anzeigenflut/
Da wurd' der Gazi plötzlich ganz klein mit Hut/
"
(Gzuz auf "Intro")

Schon im "Intro" des Albums wird klar, dass Ex-Knacki Gzuz seine Zeit im Gefängnis nicht einfach hinter sich lassen kann. In acht Zeilen lässt er Revue passieren, wie er im Jahre 2010 die Nachricht über seine Haftstrafe bekam. Gleich zu Beginn des darauffolgenden Tracks hört man den Schlüsselbund klirren, als die Zellentür von Gzuz geöffnet wird. Das Thema des Tracks ist aufgrund seines Titels "Scheiß Tag" nicht schwer zu erraten. Während also Gzuz den Knastfraß nicht mehr sehen will, geht es in den Parts von Bonez MC und Featuregast Olexesh um die Probleme von "draußen": Geldnot, Familienstress und Stress auf der Straße. "Gute Laune"-Musik sieht anders aus, doch wirkt das Gesamtpaket durchaus. Überzeugend berichten die Rapper von ihren Nöten und durch den verbissenen Stimmeinsatz und die harten Betonungen wird die Unterwelt-Thematik abgerundet.

"Meine Tochter ist seit zwei Wochen krank/
Meine Frau ist überfordert und wir schreien uns nur an/
Keine Karte für den Bus – ich fahr' schwarz, weil ich muss/
Und mein Kopf ist am Arsch – die ganzen Tage nur Suff/
"
(Bonez MC auf "Scheiß Tag")

Die Authentizität von Gzuz und Bonez MC ist die wohl größte Stärke der beiden Hamburger. Denn die Themen, die auf "High & Hungrig" behandelt werden, sind nicht neu: Mit hartem Gangsterrap auf deutsch ist der gemeine Rapfan in letzter Zeit regelrecht überhäuft worden. Doch die beiden 187er können sich trotzdem von der grauen Masse abheben. Die Gewalt, die ihren Alltag bestimmt, spürt man auch als Hörer, wenn sie ihre Ghettostorys und Knastgeschichten mit aller Härte auf den Beat pressen. Auf "Hektik" etwa findet sich neben den üblichen Drogen- und Gewaltschilderungen nicht viel, doch die Art, wie die Thematik vorgetragen wird, ist dennoch mitreißend. Neben ihren stimmlichen Vorzügen, welche dafür sorgen, dass man das Gefühl hat, die beiden würden die Straße geradezu ausatmen, ist auch der Rap selbst technisch gesehen auf einem hohen Level. So werden die Hoodstorys in fesselnden Flows und nicht enden wollende Reimketten verpackt, sodass am Ende die meisten Tracks eine beeindruckende Power innehaben, die das Prädikat "hungrig" aus dem Albumtitel durchaus treffend beschreibt. Etwa auf "Mit uns", bei dem Bonez und Gzuz noch von den beiden 187 Strassenbande-Kollegen Maxwell und Sa4 unterstützt werden. Hier schaffen es alle vier Rapper, mit ihrer Verbindung von Rapskills und Glaubwürdigkeit technisch versierten Straßenrap mit reichlich Punchlines in den Takt zu drücken und so einen regelrechten Banger zu schaffen. "Hungrig" sind die Hamburger also allemal. Wer aber aufgrund des Albumtitels gleichermaßen entspannten Stonerrap erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. Fast alle Tracks auf "High & Hungrig" sind entweder straighter Straßenrap oder selbstreflektierendes Storytelling. Lediglich auf "Leggaschmegga" wird dem gepflegten Graskonsum gefröhnt. Dafür aber dann so richtig – inklusive einer Hook, die man nicht anders als "total verplant" beschreiben kann. Die Atmosphäre wird trotzdem – oder gerade deswegen – auch hier gut getroffen und eine willkommene Abwechslung zum sonst so betongrauen Streetrap geschaffen.

"Jeden Tag auf der Jagd nach dem Hasen, so wie bei 'Alice im Wunderland'/
Jeden Tag high, sonst kann ich nicht schlafen – unter meinem Bett liegen 100 Gramm/
Nicht mehr witzig, ich muss kiffen, sonst schwitz' ich/
Diese Knollen sind giftig – Digga, voll überzüchtet/
"
(Bonez MC auf "Leggaschmegga")

Leider gesellen sich zu diesem positiven Ersteindruck schnell auch negative Seiten. Da wären zum einen die schiefen Gesangshooks von Bonez MC, insbesondere jene auf "Ferrari" und "Dagegen". Diese klingen unroutiniert und reißen einen als Hörer komplett aus dem Track – mit der Tendenz in Richtung Fremdscham. Die Diskrepanz zwischen der Güte der Raps und diesen Hooks ist so groß, dass es den Hörgenuss kaputtmachen kann. Ein weiteres Manko an "High & Hungrig" ist die fehlende Abwechslung. Thematisch fügt das Album dem Feld des Straßenraps keine weitere Facette hinzu, der Stoff der Tracks wirkt meist wie schon einmal gehört. Hier ein Banger für die Hood, dort ein etwas deeperer Track mit einem Hauch Gesellschaftskritik und dieses Muster zieht sich fast komplett durch das Album. Auch die Beats haben ein ähnliches Problem. Das Album wurde komplett von jambeatz produziert, was dem Ganzen zwar einen einheitlichen Sound verleiht, aber auch einen großen Mangel an Abwechslung. Die Beats klingen wenig individuell und stechen kaum aus dem Gesamtwerk hervor. Düstere Synthie-Banger, hohe Pitch-Samples – auch instrumentell wirkt "High & Hungrig" ein bisschen wie schon einmal gehört.

Fazit:
"High & Hungrig" mag für viele Rap-Hörer auf den ersten Blick nicht viel richtig machen: Die Beats klingen wie von vor ein paar Jahren, die Themen wirken wie schon einmal gehört. Doch Bonez MC und Gzuz schaffen es trotzdem irgendwie, dem Gangstarap ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Dies liegt zum einen an ihren durchaus ordentlichen Rapskills, zum anderen aber auch daran, dass sie als Team einfach gut funktionieren. Ihre Stimmen und Flows harmonieren miteinander, was meistens zu einem stimmigen Gesamteindruck führt. Zum Schluss kommt dann noch der Sympathiefaktor hinzu. Denn auch wenn die beiden MCs meist sehr gefährlich rüberkommen, fühlt man sich beim Hören oft wie ein Teil der Gang und kann sich sicher Schlechteres vorstellen, als mal einen Tag mit der Strassenbande am Block zu chillen.


Florian Peking (Florginal)



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