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Review: Genetikk – Fukk Genetikk

veröffentlicht: Sonntag, 11.12.2016, 20:17 Uhr
Autor: Der Aepp





1. Intro
2. Peng Peng
3. Jordan Belfort
4. Cash oder Liebe
5. TeenSpirit
6. Fukk Genetikk
7. Mata Cobra
8. Tote Präsidenten
9. C'est la fukkin' vie
10. Trill
11. Goyard
12. Spicy Tuna
13. Diamant
14. Zombies
feat. A$AP Nast
15. Saint Laurent
16. Luzifer
feat. Joy Denalane

2016 – du bist echt nicht mein Jahr. Selten wurde ich so oft musikalisch enttäuscht, von Rappern, Rapperinnen und etlichen Bands diverser Musikgenres. Und jetzt also Genetikk. Mit "D.N.A." lieferten sie 2013 einen absoluten Höhepunkt der letzten Deutschrap-Releases ab, mit Beats, Flow und Lines, die man sich auch heute noch begeistert anhören mag. Als sie 2015 dann jedoch mit "Achter Tag" aufkreuzten, versetzte dies meiner Euphorie für das Duo einen gehörigen Dämpfer. Der Versuch der musikalischen Weiterentwicklung ging mit einigen Brüchen des zum Kult gewordenen Soundbilds des vorherigen Albums einher. Anstelle von Klassiker-Kandidaten erschienen Titel, die sich besonders zum Wegskippen eigneten. Wird diese Platte genauso? Wird es ein würdiger Nachfolger oder bestätigen Genetikk ihren musikalischen Abwärtstrend?
Ich habe es mir an meinem Schreibtisch gemütlich gemacht, die Boxen aufgedreht, die Schlange auf den Schultern (jeder hat ein Hobby), den Kaffee vor mir auf dem Tisch: Es wird eine lange Nacht werden. Gespannt wird das Album geöffnet, ich drücke genauso gespannt auf Play. Es ertönt zunächst ein unnötiges Intro. Normalerweise schätze ich derartige Gimmicks, sie zeugen oft vom Selbstvertrauen der Künstler, das heißt, das Gesamtkunstwerk braucht also eine Ouvertüre. Nur entpuppt sich dieses Intro (wie auch das Outro) als wirklich dermaßen belanglos, dass es beim nächsten Durchlauf einfach geskippt wird. Nicht der beste Einstieg für einen der Hoffnungsträger 2016.

Peng peng, peng peng/
Schüsse in die Luft, Schüsse, Schüsse in die Luft/
Und das macht peng peng, peng peng/
Finger an den Trigger, ich muss tun, was ich muss/
Und das macht peng peng, peng peng
Schüsse in die Luft, Schüsse, Schüsse in die Luft/
Und das macht peng peng, peng peng/
Amerika tief, tief in meiner Brust/

(Karuzo auf "Peng Peng")

Während ich sinnierend im Kaffee rühre, ertönt "Peng Peng". Das kenne ich schon – und bin sehr gespalten. Das Video ist gut produziert; da wird Vietnamkriegsoptik mit Indianerkriegen gemischt, Karuzo zeigt, warum ich ihn auf "D.N.A." so gefeiert habe, und auch wenn ich den pathetischen Kinderchor in den siebten Kreis der Vice-Redaktion wünsche, auch wenn der oberflächliche Inhalt im Jahre 2016 einfach unpassend anmutet, gibt mir die erste Anspielstation die Hoffnung, ein besseres Album als "Achter Tag" zu hören. Nur diese Hook … die hätte bei Kraftklub bleiben dürfen. Ganz im Ernst.
"Jordan Belfort" huldigt dem Geld und dem schnellen Leben und entpuppt sich auf musikalischer Ebene als relativ beliebige Trap-Klamotte. Auch wenn man ohne Autotune auskommt (!), hier ist es Sikk, der seinen Freund vor dem Absturz bewahrt. Das Problem bei derartigen Beats scheint für deutsche Rapper zu sein, einen eigenen Flow anzubringen, das seit Jahren totgeleierte Pattern abzulegen und sich musikalisch weiterzuentwickeln. Karuzos abwechslungsreicher Flow wird hier in enge Kisten gesperrt und verkümmert mit seinem Talent zum Texten, während Sikk rettet, was eben noch zu retten ist.

Weil ich die Verbindung gekappt hab'/
Ihr seid fucked up – nur copy und paste/
Ich bin kein Bäcker, doch ich mache Cake/
Bleifuß mit 300 über die Klippe/

(Karuzo auf "Jordan Belfort")

Davon aufgeschreckt klicke ich mich durch die Scheibe und entdecke "Jordan Belfort"s Geschwister: "Saint Laurent" und "Zombies" featuring A$AP Nest bedienen sich aus der gleichen Trickkiste, aus welcher auch begabte Musiker wie Sikk und Karuzo nur noch eine abgenutzte Hasenpfote anstatt eines Kaninchens zücken können – viel Glück beim nächsten Mal. "Mata Cobra" schlägt in die gleiche Kerbe, hier rettet das Outro vor dem vernichtenden Crash. Woher das Duo seine Inspiration bezieht, ist zu jedem Zeitpunkt der Scheibe eindeutig zu bestimmen, zu meiner persönlichen Freude: sie lassen sich nur inspirieren, anstatt des Copy-Paste-Ansatzes etlicher anderer Deutschrapper. Da werden von Sikk diverse Musikstile untergemengt, zur Favela und Gassen-Romantik passende Samples arrangiert und das Ganze als eigenständiger Stil unter gleichem Anteil von Karuzo zur Geburt gebracht. Zumindest die Synergie der beiden hat nicht nachgelassen; geht doch.

Komm schon, kill deine Idole mit Pistolen/
Genetikk ist so gerade nicht in Mode/
Nicht on Vogue, Micky Maus ist broke/
Das Weiße Haus ist weiß, aber meine Haut ist rot/

(Karuzo auf "TeenSpirit")

Während ich mir den dritten Kaffee genehmige, beginnt "TeenSpirit" und schon bin ich wieder hellwach – das ist der Sound, auf den ich lange gehofft hatte: Der Beat mit markantem Sample und Genetikk, die mich wieder in "D.N.A."-Euphorie versetzen. Das können sie einfach am besten. Textlich wird sich mäßig kreativ am amerikanischen Traum gerieben, der Sound lässt es schnell verzeihen. "Tote Präsidenten" spielt im alltäglichen Rap-Kosmos: Geld, Bitches, exzessive Selbstinszenierung. Und Lines zum Fremdschämen. Glaubt Ihr nicht? "Ich hab mehr Kobe-Fleisch als Kobe Bryant", "Ich kenn' mehr Gangster als die Polizei", "Nein, ich bin nicht ABBA, doch die Bitches schreien: Mamma Mia!". Jeder Bad-Bars-Rapper würde vor Neid erblassen oder mit krampfhafter Dauererektion eingeliefert werden. "C'est la fuckin' vie" und "Trill" fließen einfach durch (wie mein Kaffee!), hinterlassen weder Beats zum Erinnern noch Lines, die kleben bleiben. Sogar meine Schlange beginnt sich zu langweilen und wird in die bedeutend spannendere Umgebung ihres still daliegenden Terrariums entlassen. Es ist halb 4, die Motivation erreicht langsam ihren Tiefpunkt. Dieses beständige Auf und Ab geht mir zunehmend auf die Nerven. Auch innerhalb der einzelnen Anspielstationen bleibt man davon nicht verschont; meistens im Wechsel zwischen So-lala-Parts und guten Hooks (oder eben umgekehrt!), zwischen überragenden Beat-Passagen und absoluter Belanglosigkeit. Aber siehe da! Mit "Goyard" und "Spicy Tuna" geht es endlich wieder bergauf. Da werden Flows ausgepackt und von Sikk Beats zum Mitnicken abgeliefert.

So ein teurer Ring, sie muss doch ja sagen/
Denkt er sich und kniet vor ihr/
Aber nein/
Und so steht er allein noch eine Weile am Bug/
Schaut auf den Ozean und schmeißt mich rein/

(Karuzo auf "Diamant")

Die im Snippet von vielen hochgelobten Storyteller-Fähigkeiten von Seiten Karuzos auf "Diamant" sind im Gesamten betrachtet ganz okay, können jedoch zum Beispiel nicht mit denen eines JAWs konkurrieren. Da fehlt Karuzo auf lange Sicht anscheinend die Fähigkeit, Emotionen und Durchrappen in Einklang zu bringen, auch textlich scheint es seine Möglichkeiten zu überschreiten. Mit "Luzifer" endet diese Berg- und Talfahrt, das talentierte Stimmchen Joy Denalanes verklingt genauso schnell wie die Erinnerung an den Text und der Rest des fünften Kaffees ist abgestanden, es ist 6 Uhr morgens.

War es das wert?/
Habt ihr jetzt mehr?/
Wer wird euch ernähren?/
Glaubt ihr, dass euer Glück währt?/
Ist das ein Scherz?/

(Berechtigte Fragen von Karuzo auf "Fukk Genetikk")

Fazit:
Leicht ermattet kratze ich mich am Hinterkopf. Das war sie also, die große Platte von Genetikk. Irgendwie tut es mir selbst leid, permanent Vergleiche zu "D.N.A." zu ziehen. Künstler auf einem überragenden Werk festzunageln, wird diesem talentierten Duo eigentlich nicht gerecht. Die von den beiden forcierte Weiterentwicklung, vom Labelchef bereits zu "Achter Tag" angepriesen, führt jedoch nicht zu neuen Gefilden, sondern verirrt sich in der Einöde aktueller Trends. Trap(artige)-Beats, die sich zwar von der Masse abheben, aber dennoch keine neuen Akzente setzen, gepaart mit den ewig gleichen Flow-Patterns, die ich so satt habe. Auch Ansätze wie die Kritik an Amerika und dem aktuellen Weltgeschehen sind sicherlich gut gemeint, kommen aber über die bereits von Generationen von Musikern abgenutzten Metaphern nicht heraus. Sich selbst stellen die beiden auch immer gerne ins Zentrum ihrer Kritik, aber zwischen Füll-Lines und Ghetto-Favela-Kids-Beiwerk kommt wenig durch die Boxen, was einer Erwähnung bedürfte. Die mitreißenden Sample-Beats auf "D.N.A.", der abwechslungsreiche, weil von Zwängen gelöste Flow von Karuzo, das ist es, was diese Jungs am besten können. Eine Spielwiese, auf der für tatsächliche musikalische Weiterentwicklung mehr als genügend Freiraum zur Verfügung stünde.


Andreas 'Aepp' Haase



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