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Interview: Funkverteidiger

veröffentlicht: Mittwoch, 24.07.2013, 21:29 Uhr
Autor: Redaktion




Anfang August veröffentlicht die Rap-Formation Funkverteidiger, deren Mitglieder aus den verschiedensten Regionen Deutschlands stammen – darunter Leipzig, Magdeburg, Hamburg und Berlin – ihr bislang zweites Crewalbum unter dem Titel "FV". Die aus den MCs Pierre Sonality, The Finn, Mase, Maulheld, Katharsis, Lars vom Dorf, den DJs Ronny Montecarlo, Skala, Lukutz, Meta Zwo sowie den Produzenten Dextar, Odd Job, Mr. Lipster und Marcus bestehende Kombo konnte sich in den vergangenen Jahren bereits einen ordentlichen Ruf in der deutschen Untergrund-Raplandschaft aneignen. Pünktlich zum Album-Release trafen wir uns in Berlin mit den beiden Rappern Pierre Sonality und Maulheld und fragten sie ein wenig zur neuen Platte aus ...

rappers.in: Beginnen wir mal ...

Pierre Sonality: (unterbricht) Und, hast du in unser Album gehört? Was sagste?

rappers.in: Ähm ...

Pierre Sonality: Kannst gern ehrlich sein, wenn's zu ruppig ist.

rappers.in: Ich bin bei sowas grundsätzlich ehrlich. Es ist keine Hintergrundmusik. Manchmal klingt ein so harmloses Wort wie "Altpapierbündel" derart aggro ...

Pierre Sonality: Altpapierbündel, das war Mauli. "Gesindel wie Altpapierbündel".

rappers.in: Das ist eigentlich so harmlos und doch klingt es nach "In-die-Fresse". Du musst halt zuhören, um zu verstehen, worum es geht und kannst es nicht im Hintergrund laufen lassen.

Maulheld: Das Soundbild macht die Texte teilweise aggressiver als sie eigentlich sind. Wir haben hier und da ein paar härtere Phrasen mit drin, aber wir legen eigentlich keinen Wert drauf, dass die Texte an sich hart sind. Es muss halt zur Musik passen. Wenn der Beat hart ist, dann rappt man dazwischen nicht über Wattestäbchen. Wobei man daraus natürlich auch 'ne Punchline machen kann. Es ist alles relativ.

Pierre Sonality: Wir verbieten uns ja auch mehr oder weniger nichts. Es wurde noch nie so richtig ausgesprochen bei uns, aber wir legen Wert darauf, dass wir so ganz niedere Worte wie "Fotze" oder "Hurensohn" einfach nicht sagen in unseren Texten. Da versuchen wir, immer etwas Stil zu bewahren, weil das ist einfach unterste Schublade.

Maulheld: Manche Themen schließen sich automatisch aus. Wenn fünf Jungs zusammen Musik machen, ist die Wahrscheinlichkeit gleich null, dass wir Liebeslieder machen. Das wäre sehr schwierig.

Pierre Sonality: Nee, dafür sind wir auch nicht die Typen.

rappers.in: Muss das so sein? Könnt ihr die Texte nur deswegen so angehen, weil es sich mit dem Sound die Waage hält? Frei nach dem Prinzip: Wenn der Sound hart ist, muss es der Text nicht mehr sein?

Maulheld: Also, wenn der Beat soft ist und dieses "Gute, alte Zeit"-Feeling hat, dann rappen wir schon auch mal was – siehe "Es kommt wie es kommt, nichts ist umsonst". Dann brechen wir nicht über die Stange mit harten Texten, nur weil wir der Meinung sind, wir brauchen noch ein paar harte Texte.

Pierre Sonality: Wir hatten auf dem Album jetzt auch nicht den Bedarf, großartig sentimentale Geschichten zu erzählen. Nach der ersten Session, die wir gemacht haben, hatten wir so fünf Songs im Kasten. Da war uns schon klar, dass dieses Soundbild die Platte auch bestimmen wird. So wie wir es gemacht haben, von den Beats und Raps her. Dann haben wir gesagt, wir machen ein schönes, sportliches Representer-Album, das man auch mal laut aufdrehen kann. Auch für gewisse Stimmungen – sagen wir mal, wenn man morgens zur Arbeit fährt und es dann laut bumst, dann bist du nach dem dritten Lied wach. Ach was, nach den ersten zwei Takten. Und bei Liebesliedern hatten wir bisher selten Bedarf, sowas zu machen.

rappers.in: Ich bin ja schon immer glücklich, wenn Lieder ohne Frauenhass auskommen.

Pierre Sonality: Frauen sind doch was Tolles.

Maulheld: Ach, sowas würden wir nie machen.

Pierre Sonality: Dafür finden wir Frauen zu cool.

Maulheld: Da würden wir uns auch unter Wert verkaufen, intellektuell betrachtet.

rappers.in: So unpopulär ist das aber gar nicht. Ich denk' mir manchmal: Ihr habt alle 'ne Mutter.

Maulheld: Ich denke aber auch oft, wenn du manche 16- bis 23-jährigen "Rapper" siehst, mit Anti-Frauentexten oder diesem "Deine Mutter"-Tralala ... Das ist auf jeden Fall was, was denen in ein paar Jahren peinlich sein wird. Das feiern die jetzt, aber wenn die 30 sind oder 'ne feste Freundin haben und die dann sagt: "Du hast doch mal HipHop gemacht", dann werden die das nicht zeigen, weil genau das ihnen peinlich ist.

Pierre Sonality: Oder wenn die mal Kinder haben und die fragen: "Was hast du früher gemacht?", und du antwortest: "Ich hab' Musik gemacht." – "Ja, spiel mal vor!" ...



rappers.in: Was ist HipHop denn für euch? Jetzt bitte nicht Kunst oder das Prinzip Selbstverwirklichung oder so, sondern für euch.

Pierre Sonality: Um das mal auf ein paar Worte runterzubrechen: Das ist Freundschaft, ein gemeinsames Gefühl, gemeinsame Werte teilen und ganz stark Competition.

Maulheld: Auch Sport. Denksport klingt vielleicht doof, aber es ist am Ende 'ne Art Denksport.

Pierre Sonality: Wie Sudoku mit Wörtern, im Kopf. Also, wenn man es auf Rap bezieht.

Maulheld: Das stimmt. Mit Freunden Musik machen, das ist das, was ich so cool finde. Das Thema hatten wir in den letzten Interviews auch schon, aber ich sag's jetzt noch mal. Wenn ich allein Musik mache, macht das auf jeden Fall keinen Spaß. Also, da ist Spaß das falsche Wort. Ich zieh's durch und mach 'nen Song, das ist so meine Geisteshaltung, wenn ich allein was aufnehme. Aber wenn ich mich mit den Jungs treffe, dann ist das einfach geil, endlich wieder. Dann ist das keine Arbeit.

Pierre Sonality: Ja, und nach wie vor find' ich an HipHop toll – beziehungsweise hat es mich damals so angeturnt an der Kultur – dass man aus nichts alles machen kann. Du brauchst keine großartigen Mittel, um dich in der Szene hochzuarbeiten, du musst einfach nur was können. Ob es jetzt Graffiti, Breakdance, Rap, Beats oder DJing ist.

(Das Telefon unterbricht das Interview)

Maulheld: (nimmt Gespräch an) Das ist unser DJ Lukutz. Als wir in Schwerin waren, meinte er: "Da wohnen meine Eltern", und ist dann erst mal zu ihnen gefahren. Wir wollten gestern proben. Da haben wir uns übers Internet die Instrumentals schicken lassen, weil wir nichts hatten. Dann ist uns aufgefallen, dass wir keinen PC haben, um die runterzuladen, und keinen Ort, um zu proben. Da haben wir den Figub Brazlevic angerufen, der sofort meinte: "Ja, kommt vorbei." Wir haben also bei ihm geprobt und noch ein Lied mit ihm aufgenommen.

Pierre Sonality: ... und auf dem Heimweg von ihm zu uns haben wir gleich noch das Video für den Song gedreht.

rappers.in: Wie wichtig ist euch Respekt und dass mehr gefeiert als gehatet wird?

Maulheld: Mir ist das gar nicht so wichtig, weil ich zumindest gelernt hab', Internetresonanz nicht so ernst zu nehmen. Das sind für mich keine echten Menschen, in dem Sinn, dass die Teil meines Lebens wären. Wir kommen ja kritikmäßig ziemlich gut weg. Wenn du dir Aggro-Videos anguckst – sowas schreibt keiner bei uns. Da bewegen wir uns in einem sehr entspannten Kreis.

Pierre Sonality: Was auch zeigt, dass unsere Musik letztlich Liebhaber-Musik ist. Wir streuen halt nicht auf der größtmöglichen Bandbreite. Dieses "Respekt geben" steht außer Frage. Wer gut ist, bekommt auch die Props dafür. Dieses "Respekt zurückbekommen", das haben wir ja auch. Wir werden auch oft von Leuten angeschrieben, die dachten, deutscher HipHop ist fürn Arsch. Das ist Feedback, über das man sich derbe freut.

rappers.in: Es gibt ja Veröffentlichungen, die mich selber aggressiv machen, wegen verschenktem Talent. Man weiß, jemand kann es eigentlich besser, und dann kommen nichtssagende Texte.

Pierre Sonality: Man sollte das manchmal auch nicht so ernst nehmen, was Rapper sagen.

Maulheld: Man darf auch nicht vergessen, dass ein Rapper relativ viel Text schreiben muss, um eine relativ kurze Zeit im Lied zu füllen. Ein 16-Zeiler geht bei 90 beats per minute 40 Sekunden. Da musst du so viele Wörter reinpacken und darauf achten, keinen Scheiß zu schreiben, der den Text dann runterzieht.

rappers.in: Die Zeit dafür sollte man sich aber auch nehmen.

Maulheld: Das ist vielen nicht klar. Die haben einen Synthesizer-Beat mit 'nem krassen Refrain, die Zeit bis zum Refrain füllen sie mit irgendwelchem Dünnschiss, im Refrain wird dick aufgetragen und dann ist es schon cool für die. Nochmal zurück zum Respekt: Ich finde es persönlich gar nicht wichtig, wenn man ein Hobby wie HipHop hat, und dann dafür Respekt zu bekommen. Man macht das ja gerne. Denn das ist ja ein Hobby. Wenn jemand eine Modelleisenbahn im Keller hat und das seit 15 Jahren macht, gehst du ja auch nicht hin und sagst: "Wahnsinn, cool, Respekt!" Jemand, der Texte schreibt, leistet auch nichts Unfassbares.

Pierre Sonality: Na, aber wenn der mit der Modelleisenbahn in einen Modelleisenbahnclub geht und kommt an mit seinem grauen Jogginganzug und alle denken sich: "Was ist das denn für einer?!" Dann zeigt er seine Fotos mit seiner 15 Kubikmeter großen Eisenbahn und sagt: "Die habe ich in den letzten 15 Jahren gebaut." Dann entgegnen alle: "Krass, du bist ja ein Nerd!" In deinem Metier wird es immer Zuspruch geben. Wenn wir als Rapper jetzt zu einem Modelleisenbahnbauer gehen, ist es natürlich klar, dass er das nicht genug beachtet. Aber die Szenen, in denen sich die Leute bewegen, sind anders strukturiert.

Maulheld: Leute, die selber Rapmusik machen, haben ja auch einen anderen Zugang.



rappers.in: Viele Leute bezeichnen euch ja als "Oldschool". Ist das nicht eher ein fragwürdiges Kompliment?

Maulheld: Jeder Klick ist ein Lob, über das man sich freut. Das ist Fakt.

rappers.in: Für mich klingt ihr nicht Oldschool, sondern nach "Jetzt".

Maulheld: Wir rappen ja nicht Oldschool in diesem Sinne. Das ist nur unsere Ansicht von Rap. Aber ist ja topaktueller Rap. Ob er in der Ästhetik so klingt, wie es ihn in den 90ern schon gab, ist eben eine andere Frage. Das ist alles sehr relativ.

Pierre Sonality: Unsere Musik ist auf jeden Fall traditionsbewusste 2013er-Musik mit Bezug zu den Wurzeln. Mit Bezug auf das, was uns angeflasht hat. Traditionsbewusster Rap.

rappers.in: Das klingt ja schon beinahe nach Antithese.

Pierre Sonality: Inwiefern?

rappers.in: Hat Rap sich schon eine Tradition aufgebaut und über lange Zeit erarbeitet? Fehlt für Traditionsbewusstsein nicht eine Form endgültiger Kulturidentität?

Maulheld: Kann ich nachvollziehen, sehe ich aber anders.

Pierre Sonality: Da müsste man echt erst mal auseinanderklamüsern, wo etwas anfängt und wie lange es da ist, um sagen zu können, ob es etabliert ist. Eine sehr große Grundsatzdiskussion.

Maulheld: Wenn ich jetzt sage: "Ab heute esse ich kein Fleisch mehr", dann ist es ja theoretisch ab heute für mich Tradition, vegetarisch zu essen.

Pierre Sonality: Wenn es denn oft genug isst. Das ist ja die Frage. Ich wohne seit zwei Jahren in Hamburg und wenn die Jungs zu Besuch kommen, dann mach' ich was zu essen. Letztens hieß es dann: "Machst du dann diese Lauchcrèmesuppe, die hat ja Tradition bei uns." Mach' ich die jetzt schon lange genug, damit man sagen könnte, es ist traditionelle Lauchcrèmesuppe?

Maulheld: Es gibt ja im Deutschrap schon unzählige Traditionen. Es ist zum Beispiel Tradition, dass man amerikanischen mit deutschem Rap vergleicht. Ein Deutschlehrer beschäftigt sich natürlich anders mit mehrschichtigen Traditionsverhältnissen. Das ist echt schwer so zu sagen.

Pierre Sonality: Guck mal, so viele Popmusiker damals haben ja auch schon gerappt wie Falco oder Frank Zander.

Maulheld: Und jetzt stell dir vor, wir machen jetzt auf einmal ein Lied mit Frank Zander. Viele Leute würden dann sagen: "Oh Gott, jetzt machen die Musik mit einem Schlagermusiker." Dabei hat er doch früher auch schon "Ähnliches" gemacht.

rappers.in: Aber ist das dann nicht ein sehr subjektiver Oldschool-Begriff? Ich glaube, alle Leute der Jahrgänge 1978 bis '85 fänden die Idee erstmal geil. Muss man da nicht in etwa in dieselbe Generation fallen, um die gleiche Definition von Oldschool zu haben?

Pierre Sonality: Das könnte bestimmt funktionieren. Vielleicht nicht bei uns.

Maulheld: Das wäre auch auf unseren Sound machbar.

Pierre Sonality: Wäre das nicht schon recht albern?

Maulheld: Es kommt drauf an. Ich hab' seine Diskografie gerade nicht so parat. Aber er hätte mehr mit Rap zu tun als andere. Es wäre keine haarsträubende Kombination.

rappers.in: Was steht denn bei euch gerade noch so an?

Pierre Sonality: Odd Job hat sein Album "Preset" rausgebracht. Maulheld plant sein Soloalbum. Ich arbeite am zweiten Soloalbum. Es gibt dann auch ein neues Sendemast-Album mit viel basslastiger Musik und minimalen Samples – ein reines Representer-Album.

rappers.in: Warum ist eure neue Platte "FV" das perfekte Geschenk für jeden Liebhaber guten deutschen Sprechgesangs?

Maulheld: Die Sound-Ästhetik, die Dreckigkeit, die einfach ihresgleichen in Deutschland sucht. Das spiegelt sich auch in den Texten. Es ist hart eingerappt, kann auch anstrengend sein, aber das ist unsere Mission. Wer 90er-New-York-Rap zu schätzen weiß, kann das mögen.

Pierre Sonality: Wir haben nicht eine einzige Spur hin- und hergeschickt für das Album. Wir haben uns immer getroffen und zusammen alle Texte geschrieben, aufgenommen und uns gegenseitig gepusht. Das ganze Album ist ein riesengroßes Sessiongefühl. Wir sind nur soweit hart, wie wir es auch vertreten können. Flowversiert. Damit zeigen wir unser Level. Wir brechen alles runter auf die Essenz von Rap, auf den rohen Kern von Rapmusik.


(Jasmin N. Weidner)

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