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Review: Frank White – Weil die Straße nicht vergisst

veröffentlicht: Samstag, 26.09.2015, 14:54 Uhr
Autor: Antagonist





01. Intro / Ich mach Realtalk
02. Schon von klein auf
03. Rap wieder hart
04. Ich häng auf den Straßen ab
05. Zur selben Zeit
feat. Jalil
06. So wie Frank
07. Straßenstaub
08. CCN Kinder
09. HRSN Gesellschaft
feat. PA Sports
10. Weil die Straße nicht vergisst
11. Basstuning/Bordsteinfressen
12. Alles was ich kenne
13. Bild im Zement
feat. Kurdo
14. Mit dem BMW Part 2 feat. Shindy
15. Pallas
16. Pablo Escobar
feat. Jalil

Flers Albumpromotion erinnert an den Wahlkampf amerikanischer Präsidentschaftskandidaten: ganzjährig, kostenintensiv und mit medialer Dauerpräsenz ausgestattet. Und kaum ist das Release erschienen, die Wahl entschieden, steht schon die nächste Kampagne vor der Tür. Würde man den Berliner mit einem Bewerber für das Weiße Haus vergleichen, wäre die passende Wahl dafür Donald Trump. Ähnlich selbstherrlich präsentiert sich der Selfmade-Mann in seinen inzwischen legendären Interviews: Laut polternd, nicht darauf bedacht, sich durch besonders diplomatisches Verhalten Freunde zu machen und mit Ressentiments gegenüber fremden Einflüssen, so kennt man die Patriarchen. Der eine möchte Rap wieder hart machen, der andere die USA wieder groß und beide sind sie Männer der Tat, die ihre Projekte am liebsten komplett alleine schultern und gerne auf fremde Hilfe verzichten.

Nach Rückschlägen in der Vergangenheit sorgte die jüngste Platte "Keiner kommt klar mit mir" für die erste Nummer Eins in der bewegten Karriere des Rappers. Dieser enorme Zuspruch sowie die bisherigen Vor-Veröffentlichungen (gefühlt das halbe Album) lassen nicht erwarten, dass sich am Stil, der an seine ersten Erfolge erinnert, entscheidende Änderungen vorgenommen wurden. Auch der Name auf dem Cover ist der gleiche wie zu CCN-Zeiten, als Frank White heißt uns das Maskulin-Oberhaupt auf "Weil die Straße nicht vergisst" willkommen.

"Was das Thema meiner Texte? Ignoranz/
Deutscher Rap hängt an meinem dicken Schwanz/"

(Frank White auf "So wie Frank")

Auf einem von Streicherklängen und Klavierspiel untermalten Intro verschwendet Fler keine Zeit, um die Pomeranze einzukreiden, sondern schießt mit dem Queue direkt in die Vollen. "Ich mach Realtalk", damit ist er nach eigener Aussage in einer Szene, die aus "Clowns in Karnevalskostümen" besteht, ein absolutes Unikum. Die aggressive, fast bedrohliche Atmosphäre, die auch von der Instrumentierung ausgeht, funktioniert als Einführung exzellent und macht Lust auf 15 weitere Anspielstationen, die in Sachen Kompromisslosigkeit hoffentlich nichts einbüßen. In "Schon von klein auf" verteilt er lyrische Stiche gegen Studenten und alle weiteren "Einsen-Schreiber", zu denen er auch seine ehemaligen Crew-Mitglieder Animus und Silla zählt. Zeilen wie: "Ich trink Schampus und schieße auf dein Campus/ ihr Scheiß Veganer, eure Sneaker sind aus Bambus" bringen den Autor dieser Zeilen, der sich in seinen Birkenstock-Sandaletten nicht angesprochen fühlt, herzhaft zum Lachen. Garniert mit einer Hook, die zu den Stärksten des Albums zählt, liefert Frank White ein erstes Highlight, um allerdings kurz darauf mit "Ich häng auf den Straßen ab" einen absoluten Tiefpunkt darzubieten. Penetranter als der klingelnde Wecker im Song-Intro ist die dauerhafte Repetition des Track-Titels an jedem Zeilenende. Das kann Frank White gerne als Innovation aus Übersee betiteln, meiner Meinung nach bleibt es absolut unhörbar und Nerven raubend.

"Nenn mich El Negro Pablo, Bruder, braungebrannter Macho/
Bin der ignoranteste Schwarze, in der Szene, hier, seit Taktloss/
Ess' Carpaccio jeden Tag und lass Soldaten auf dein Arsch los/
Machst im Internet auf Banger, Face to face bist du dann sprachlos/
"
(Jalil auf "Pablo Escobar")

Mit Jalil gesellt sich auf "Zur selben Zeit" der erste Feature-Partner zum Zampano in die Manege und der Maskulin-Rapper enttäuscht seinen Labelboss nicht. Der reflektiert wirkende Hüne sinniert mit tiefer Bassstimme über seinen bisherigen Künstlerweg und bildet einen Gegenentwurf zu "Hitzkopf" Fler, der sich in seiner Strophe deutlich weniger diplomatisch gibt. Thema in Franks Part ist wie so oft der ihm nicht zugestandene Pionierstatus in Sachen Gangsterrap, der seinen Höhepunkt in "CCN Kinder" findet. Trap-Spezialist C-Wash zimmert dem tobenden Teutonen hier ein Brett zusammen, auf dem er mit "Messer statt Selfiestick" Mütter, Schwester und Lebensläufe nach allen Regeln der Kunst hart rannimmt. Dass hierbei die ein oder andere Zeile: "Doch bleibe Straße wie ein Fahrplan" Rap-Meme-Charakter hat, muss als Kollateralschaden der stimmungsvollen Wut-Arie gewertet werden. "HRSN-Gesellschaft" orientiert sich hingegen wieder mehr am Soundbild des früheren Frank White, ohne hingegen die aufgebaute Intensität abzuschwächen. PA Sports, der als "Eiskalter Engel" "das Abendland bedroht", reiht sich in die Liste der hervorragenden Gastbeiträge ein, deren dosierter Einsatz eine besondere Qualität der Platte ist. Sowohl die Ruhrpottler PA und Kurdo als auch Jalil verleihen dem Album durch ihre sehr unterschiedlichen Stile eigene Facetten, ohne allerdings das Haupt-Spotlight zu sehr von Fler selbst zu nehmen. Die bedauerliche Ausnahme bildet hier Shindy, dessen recycelte Hook auf "Mit dem BMW Pt. 2" durch die dutzendfache Wiederholung der Zeile "Sex im BMW" wahnsinnig anstrengend ist. Die Kollaboration dient einzig und allein dem Zweck, dass Fler mit dem erstguterjunge-Interpret noch einen prominenten Namen auf das Cover packen konnte.

"Scheiß mal auf die Punchline, scheiß mal auf dein Doubletime/
Dein Logo ist ein Boxhandschuh? Mein Logo ist ein Butterfly/
Hurensohn, sei leise - Gewinnerambition/
Komme von der Straße, mach aus nichts ein paar Millionen/
"
(Frank White auf "HRSN Gesellschaft")

Fazit:
Themenvielfalt gleich Null, Lines mit Fremdschamfaktor – durchaus vorhanden, ein stumpfes Einprügeln auf Genre-Fans und Vertreter, für viele Rapper käme dieses Urteil einem Verriss gleich. Seine zweifellos vorhandenen Schwächen, die er von seinen Kritikern regelmäßig aufgezeigt bekommt, lässt er jedoch durch herausragende Qualitäten in anderen Bereichen nichtig erscheinen. Hier wäre zum einen die traumwandlerische Sicherheit zu nennen, mit der Frank White die richtigen Beats auswählt. Dieses Gespür lässt sich exemplarisch an "Basstuning/Bordsteinfressen" (produziert von Iad Aslan und Cris Balloo) und "Pablo Escobar" (C-Wash), zwei der stärksten Album Titel, nachweisen. Ersterer ist ein Banger in bester Carlo Cokxxx Nutten-Tradition, während der Abschlusstrack einer der stärksten Trap-Tracks in Flers Oeuvre ist. Dass der Berliner nach der Kritik an den Elementen diese nicht in die Gifttonne gepackt hat, sondern überlegter einsetzt, erweist sich als kluger Schachzug, da die inhaltliche Monotonie durch abwechslungsreiche Untermalung aufgewertet wird. Trotz berechtigter Kritik ist auch textlich nicht alles schlecht: Der Schöneberger ist brutal unterhaltsam, seinen Humor, der ohne Pointen auskommt, bläst er seinem Gegenüber straßenstaubtrocken ins Gesicht und auch die Stringenz seines Vortrags mit zuvor in Interviews getroffenen Aussagen ist bemerkenswert. Dass der ehemalige Aggro-Act sein Herz auf der Zunge trägt, kommt seiner Authentizität logischerweise sehr zugute. Unterhalten fühle ich mich durch "Weil die Straße nicht vergisst" fabelhaft und das sollte bei einem Frank White-Album das Wichtigste sein. Fler muss keine komplexen Sachverhalte haarklein analysieren oder diplomatisch argumentieren, er ist immerhin kein Präsidentschaftskandidat, sondern ein sympathischer Rap-Proll.


(Lennart Gerhardt)



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