Angemeldet bleiben?

Review: Fler – Vibe

veröffentlicht: Dienstag, 27.09.2016, 11:01 Uhr
Autor: Cuttack





01. Vibe
02. Junge aus der City
03. C.R.E.A.M.
04. Lifestyle der Armen und Gefährlichen
05. Episch
06. Attitude
feat. Bushido & Shindy
07. Hätte nie gedacht
08. Bündel
feat. Jalil
09. Famebitch feat. Laas Unltd.
10. Bewaffnet & Ready feat. Jalil
11. Sophia Thomalla / Slang kriminell
12. Skit
13. Unsichtbar
14. Mercedesstern
15. Du hast den geilsten Arsch der Welt
16. Moderne Sklaverei Acapella
17. Unterwegs
feat. Sentino
18. Infrared

Sprechen wir über Fler. Sprechen wir darüber, dass der grobschlächtige Muskelprotz mit Berliner Urgesteinstatus in etwa einem Jahr eine Reputationskehrtwende vom lebenden Deutschrapmeme wider Willen zum gefeierten Innovator des Mainstreamsounds hingelegt hat, ohne dabei irgendetwas an seinem Verhalten zu ändern. Natürlich können wir darüber reden, dass "Vibe" vermutlich sein bestes Album ist, großartige Produktion mit stilsicher integrierten Südstaatenflows verknüpft und dabei Charme und Persona des "Maskulin"-Oberhaupts wunderbar in Szene setzt. Aber ich glaube, dass das den Kern des Albumerfolgs weit verfehlen würde. Denn wie bei jedem Album hängt die Resonanz von "Vibe" allen voran vom Momentum ab, von der Peripherie und der Eigendynamik, die es umgeben. Und diese sind gar nicht mal so einfach zu verstehen:
Zum einen erleben wir zur Zeit vermutlich einen deutlichen Schwerpunktwechsel in der Konsumentenwahrnehmung der Deutschraphörer: Sound, Musikalität und Feeling lösen Wortspielerei und Technik ab, es ist fast so, als hätten Flers Aussagen aus dem letztjährigen epischen Interview selbst bei der "Hihi, Lol"-Fraktion subtile Früchte getragen, die darauf ihre Freunde in den Facebookkommentaren verlinkten und ihnen die Frage stellten, ob da denn jemand Kollegah mit Rakim verglichen hätte. Doppelpunkt D dafür, Fler, solltest du das als bewusstes Marketing verwendet haben, bin ich tatsächlich froh darüber, dass du Niko nicht hast ausreden lassen.
Zum anderen ist da ein weitaus weniger subtilen Marketingzug, der Fler derzeit immens in die Karten spielt. Und auch wenn wir ihn nicht mit Rakim vergleichen wollen (Semikolon, Klammer Auf), müssen wir an dieser Stelle über Kollegah sprechen. Denn dass "Fanpost 2" ein ordentlicher Schuss in den Ofen war, haben wir ja schon diskutiert, aber in welchem Ausmaß es eventuell sogar symbolisch für den Wandel im Deutschrapkosmos 2016 hätte werden können, hätte vermutlich niemand geahnt. Seien wir nämlich mal ehrlich: Nicht einmal ich als bekennender Kollegah-Hater, selbst zu den Zeiten, als er eigentlich noch gut war, hätte in Frage gestellt, dass Kollegah in der Deutschrap-Hierarchie über Fler stehen müsste. Dieses Stigma war seit "Fanpost" eigentlich in Stein gemeißelt. Und nun kommt Kollegah zurück und sucht den Vergleich ein zweites Mal und siehe da – was er uns zeigt, ist lediglich, dass dieses Stigma eventuell zu Unrecht bestehen könnte. Denn lässt man Punchlines und Wortspielereien beiseite, musikalisch überbietet Fler einen Kollegah um Längen. Und plötzlich scheint diese Erkenntnis endgültig in der breiteren Masse anzukommen. Perfektes Fahrwasser für einen Fler, der dementsprechend mit "Vibe" im Rücken momentan ein absolutes Karrierehoch erlebt, das ihm vor einem Jahr noch wohl niemand zugetraut hätte. Doch all dieses Drumherum beiseite – was kann das Album denn jetzt eigentlich?

Chille in Milano/
Fashion? Ihr habt keine Ahnung/
Ghetto wie der Wu-Tang-Clan/
Ich werd observiert, wenn ich am Ku’damm häng'/

(Fler auf "Lifestyle der Armen und Gefährlichen")

Allen voran kann das Album gut klingen. Die fast schon psychedelisch im Raum hängenden Synth-Spiralen levitieren auf Bass-Fundamenten, die so gigantisch, glänzend und monumental im Raum stehen, dass es in all ihrer Hochwertigkeit an ein Wunder grenzt, dass sie dennoch so raw und ungestüm klingen. Dazwischen zucken 808-Drumcomputer mit Snarerolls und rasselnden Hats mit akribischer Genauigkeit, sodass ein Sound entsteht, der Flers bisherigen Straßenrapvibe in eine Südstaatenkulisse hüllt, um genau die besten Elemente von beiden Seiten in perfekte Harmonie zu bringen. Als hätten wir es hier mit einem Drake zu tun, der dich halt verprügelt, statt dir deine Freundin zu stehlen. Ist ja auch nicht verkehrt. Doch abseits von all dem Lob, das der Produktion in diesem Maße definitiv zusteht, ist da noch ein anderes Element im Mixdown gelandet, das man vielleicht nicht überhören sollte. Und genau hier kommt der Punkt, an dem ich aufgreife, warum ich meine Einleitung einmal mehr komplett ausufern haben lasse: Denn wenn ein negativer Hype plötzlich in einen positiven Hype umschlägt, haben wir mehr denn je eine Situation, in der die Faktenlage gerne erst einmal über den grünen Klee gelobt wird. Das ist wichtig zu verstehen, denn trotz all des Feierns steht da immer noch ein Faktum im Raum: Fler. Ein so wahnsinnig guter Rapper ist der Kerl nun leider Gottes einfach nicht.

Habe ich im beim Sound noch den Vergleich zu Drake bemüht, weiß ich bei den Vocals nicht so recht, wer er eigentlich sein will. Bei seinen zumeist recht bemühten Versuchen, amerikanische Flowpatterns aufzugreifen und sich zu eigen zu machen, wirkt er auf fast jedem Song mindestens einmal deutlich deplatziert. Viel zu grobmotorisch, viel zu unsensibel geht er mit den Beats um, seine Vocals bewegen sich zu klotzig und ungelenk, um smooth zu sein, seine Stimme ist aber zu melodisch und mild, um raw oder abgedreht zu klingen. Was bleibt, ist ein Mittelding, das nicht unbedingt schlecht ist, aber doch nicht zu hundert Prozent den Standards der Produktion gerecht wird. Am coolsten klingt es eigentlich immer dann, wenn er nicht so viel versucht, sondern einfach einen ganz simplen, stringenten Flow vom Stapel lässt. Dann legt er nämlich den Fokus auf seine durchaus wohlklingende Stimme und seine Persona, welche wiederum eine klare Stärke der Platte ist. Selbstreflektiert, mit einem überraschend subtilen Humor und viel zu Erzählen gibt sich Flizzy maskulin, selbstsicher und wissend. Dass er dabei selten mehr zum Besten gibt als lauwarme Gangsterklischees, ist egal oder eigentlich sogar gut, denn die pure Kredibilität zu besitzen, ein derartiges Album zu delivern, sagt eigentlich schon genug. Fler ist authentisch, er wirkt glaubhaft, selbst wenn er Dinge sagt, die bei anderen sinnentleertes Geprotze wäre.

Jede zweite Nacht in Polizeigewahrsam/
Und zuhause wieder Cornflakes mit Leitungswasser/
Bei mir gab's keinen Urlaub an der Ostsee/
Deshalb musst' ich meine Runden hier am Block drehen/

(Fler auf "Junge aus der City")

Fazit:
In diesem Sinne ist "Vibe" ein gutes Album. Vielleicht sogar ein sehr gutes. Es ist unglaublich schön, jemanden wie Fler in der modernen deutschen Musikkultur zu wissen, denn trotz seiner Schwächen weiß er sein ästhetisches Gespür und seine Berliner Erfahrungen perfekt Hand in Hand gehen zu lassen, um einen der wenigen Musiker seines Milieus zu schaffen, der auf eigene Art und Weise am Zahn der Zeit agiert, ohne sich ihm zu unterwerfen. Demnach verdient er auch jeden Hype, jeden neu gewonnenen Respekt, sei es von den Kollegahfans, den Facebookonlinkommentareschreibern, den Musikjournalisten aus dem Allgäu oder den Gangstern aus dem Berliner Untergrund. "Vibe" ist ein starkes Album, "Vibe" ist ein wichtiges Album, und auch wenn man seine Schwächen nicht komplett vergessen sollte, kann man es doch als das möglicherweise relevanteste Projekt des Jahres bezeichnen. Wie es jetzt weitergehen wird mit diesem deutschen Rap, das kann wohl keiner sagen, aber ich denke, wir können uns darauf einigen, dass Flizzy dabei eine Rolle spielen wird. Und das ist eine gute Sache.

Merkst du nicht, ich vibe gerade?
(Fler auf "Vibe")


(Yannik Gölz)




Bewerte diese CD:

Diese Review wurde 12740 mal gelesen
24 Kommentare zu dieser Review im Forum