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Review: Fler - Fremd im eigenen Land

veröffentlicht: Montag, 04.02.2008, 18:59 Uhr
Autor: lupa





CD 1
01 Intro
02 Berlin
03 Deutscha Bad Boy
04 Mein Jahr feat. Nadja Benaissa
05 Fler vs. Frank White feat. Patrice
06 Alles was ich brauch
07 Warum bist du so?
08 Chefsache feat. Sido
09 Hurensohn Skit 1
10 Pass auf feat. Godsilla und She-Raw
11 Ich bin Deutscha
12 Wie wir sind feat. MC Bogy
13 Mein Mädchen
14 Hurensohn Skit 2
15 Nacht und Nebel Aktion feat. Godsilla
16 Roll auf Chrome feat. B-Tight
17 Ghettodrama
18 Clubbanger feat. Massiv
19 Ich kann dich sehen feat. Shizoe

Premium Edition
CD 2
01 Therapie feat. Sido
02 Geld oder tot feat.Godsilla
03 Nutte bounce
04 Südberlin Maskulin feat. Godsilla
05 Was weisst du schon?
06 Alles meins feat. Godsilla
07 Mein Sound


Nachdem Aggro Berlins „Deutscha Bad Boy“ im Vorfeld seines dritten Solowurfes verlauten ließ, das technische Niveau des Vorgängers „Trendsetter“ und die provokanten Inhalte des (in Zahlen ungleich erfolgreicheren) Vorgänger-Vorgängers „Neue Deutsche Welle“ unter einen Hut bringen zu wollen, ist das Ergebnis dieser Bemühungen nun – eine Vorab- sowie eine tatsächliche Single, ein paar falsche Titel und Erscheinungstermine und ein medienwirksames „Biggie vs. Tupac“ für Arme später – seit dem 25.01. käuflich zu erwerben.
Ein „Fremd im eigenen Land“ ist es am Ende geworden; 19 Anspielpunkte schwer und zumindest in kommerzieller Hinsicht aller Voraussicht nach auch noch recht gesund.
Als Geburtshelfer standen Fler dabei neben den Kollegen Sido und B-Tight nicht nur MC Bogy, Godsilla, She-Raw, Shizoe, der breit gebaute M-A-S und Nadja von den No Angels, sondern darüber hinaus auch die fleischgewordene Fremdscham aus den heiligen Hallen der Propagandamaschinerie seines Vertrauens – kein Geringerer als MTV-VJ Patrice – zur Seite. Für den zu berappenden Klangteppich schließlich zeichnen Djorkaeff, Desue und Shuko verantwortlich. So viel zur Statistik. Showtime!

Nachdem uns ein als Intro fungierender Auszug aus einem mir unbekannten Film sicherheitshalber noch mal daran erinnert hat, dass wir es mit einem verdammt gefährlichen Jungen zu tun haben, eröffnet eben jener das Album mit einer Hymne auf seinen Wohnsitz Berlin, die „Ich-fick-deine-Mutter-Stadt“. Gut, Innovation geht anders. Aber die ein oder andere technisch versiertere Line traf mich zugegebenermaßen dann doch recht unvorbereitet.


„Das’ nicht Dolce Gabbana, nein, denn der Teufel trägt Prada!“


Netter Reim, netter Punch – kann man machen. Da scheint jemand geübt zu haben. Im Anschluss dann die Single „Deutscha Bad Boy“, die sich irgendwo zwischen „Sonnenbank Flavour“-Gedenkflow und Dirty South-Anleihen anschickt, die nach dem mittlerweile ja schon gut dreieinhalb Minuten zurückliegenden Intro eventuell verblassten Erinnerungen wieder aufzufrischen. Merke: Fler ist deutsch und stolz drauf. Trotzdem ist Fler unter Ausländern aufgewachsen (das sind die finsteren Gestalten, die im Video im Hintergrund stehen und böse gucken) und überhaupt so ein richtiger Gangster. Schließlich kommt er ja auch aus Berlin, dem rausten Pflaster diesseits des Atlantiks. Ein deutscha Bad Boy eben. Schön, dass wir da mal drüber sprechen konnten.
So, und jetzt wird’s richtig eklig: Zeit, die ersten hochkarätigen Features aufmarschieren zu lassen! „Mein Jahr“ mit Nicht-Engel Nadja Benaissa klingt wirklich haargenau so wie man sich „Mein Jahr“ mit Nadja Benaissa so vorstellt und damit sollte eigentlich alles gesagt sein.
In direkter Nachbarschaft wartet dann auch schon der gönnerhafte Patrice, der sich, nachdem er unserem deutschen bösen Jungen bereits eine imaginäre Vendetta mit Bushido in die Köpfe der TRL-Zuschauer verpflanzt hat, nun noch schnell auf dem so gepushten Tonträger selbst verewigt.
Und, als hätte sein Name auf dem Backcover alleine nicht schon genügt, jedweden Kaufpreis für „Fremd im eigenen Land“ zu rechtfertigen, darf man der schwarzen Antwort auf Dieter Thomas Heck dann auch noch bei der Moderation eines im Rahmen einer – wie könnte es anders sein – TRL-Sendung angesiedelten Battles zwischen Mainstream und Untergrund lauschen. Für beide Seiten steigt übrigens Fler in den Ring – nur, dass er einmal nicht Fler, sondern wieder Frank White heißt und irgendwie kein Geld zu haben scheint. Darin erschöpfen sich die Unterschiede zwischen den beiden aufs Blut verfeindeten Lagern dann scheinbar auch schon. Wieder was gelernt. Danke, Fler.
Und wem ob solch allzu oberflächlicher Betrachtungsweise das Kotzen kommt, der befindet sich in guter Gesellschaft: Den Auftakt der Pro-Jugendalkoholismus-Sause „Alles was ich brauch“ begeht der ehemalige Trendsetter nämlich stilecht mit dem Kopf über der Kloschüssel. Was dann folgt, ist eine knapp vierminütige Liebeserklärung an die systematische Vernichtung von Gehirnzellen, die ihren peinlichen und zugleich entwaffnend ehrlichen Höhepunkt in den Worten „du machst mich männlich“ findet. Real Talk vom Bad Boy.
Weitere Perlen solchen Kalibers hält da allenfalls noch die Liebeserklärung an „Mein Mädchen“ bereit – allen voran natürlich „Du bist in meim' Handy unter ‚Traumfrau’ gespeichert“. Wow! Kinder, das muss wahre Liebe sein!
Aber wenigstens bieten derlei Ausflüge in die reale Welt jenseits der Mauern von Patrick Losenskys Luftschloss ein wenig Abwechslung in der sonst so monotonen Aneinanderreihung von Battletracks und Representern, die sich thematisch für gewöhnlich im schon im Intro umrissenen Spektrum erschöpfen.
Die zahlreichen weiteren Gastbeiträge jedenfalls vermögen dies nicht. Allenfalls Aggro-Zugpferd Numero Uno Sido vermag den ein oder anderen Akzent zu setzen, denn Humor ist auf einem Fler-Langspieler ansonsten ja gemeinhin Mangelware.

Kommen wir langsam zum Ende. Es bleibt festzuhalten: Rein technisch gesehen hat sich Fler mittlerweile zum akzeptablen Rapper gemausert. Hörbare Musik entsteht dabei in letzter Konsequenz dennoch nur in Ausnahmefällen. „Fremd im eigenen Land“ bietet den selben stumpfen Einheitsbrei wie schon die beiden Vorgänger und wird so aller Voraussicht nach kaum einem Käufer außerhalb der eingeschworenen Aggro-Fangemeinde groß Freude machen. Aber all jenen, deren Kaufentschlossenheit trotz alledem ungebrochen ist, sei zumindest noch die mit 7 Bonustracks ausgestattete „Premium Edition“ ans Herz gelegt. Dort findet sich nämlich neben einigen zusätzlichen Gemeinschaftswerken mit G-Hot-Lückenbüßer Godsilla (mit dem fürs Frühjahr dann noch das Kollabo-Album „Südberlin Maskulin“ angedacht ist) der vielleicht größte Hit der ganzen Unternehmung: „Therapie“. Denn, wenn Sido und sein Gastgeber über einen geradezu hymnischen Brecher Drohgebärden austauschen, will zu guter Letzt dann doch noch so etwas wie Atmosphäre aufkommen. Vielleicht kein Kaufgrund, nein. Aber zumindest ein wenig Schadensbegrenzung.


lupa (Florence Bader)



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