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Review: Fler – Flizzy

veröffentlicht: Donnerstag, 05.04.2018, 14:06 Uhr
Autor: Cuttack





01. Flizzy
02. Timing
03. Pfirsich
04. Big Dreams
feat. Rick Ross
05. AMG feat. Farid Bang
06. Late Check Out
07. Keine Träne
feat. Azad
08. Doughboy
09. Interstellar
feat. Nimo
10. High Level Ignoranz
11. Rolies & Lambos
feat. Shen
12. Ice Cream feat. Jalil
13. Subkultur feat. Prinz Pi
14. Real Madrid feat. Remoe
15. Wayyy feat. Sinan G
16. Stapel
17. Tag Eins
feat. Remoe

Wirklich niemand hatte damit gerechnet, als Fler 2016 mit "Vibe" das zweifellose Album des Jahres nach Hause geholt hat. Kühle, subversive Banger mit eleganter, nokturaler Ästhetik und einem sichereren und zielstrebigeren Frank White ließ ein absolutes Formhoch genau mit dem Zeitgeist zusammenlaufen. Im zweiten Karrierehoch nun an der Speerspitze des Trap-Highlife gestaltete sich allerdings der Follow-Up schwieriger als erwartet; nach einem bereits weniger aufregenden "Epic" mit Jalil unterliegt Fler auf "Flizzy" endgültig den fehlenden Ideen.

Dabei scheitert es prinzipiell nicht am Fundamentalen. Die Autotune-Hooks klingen dank der ruhigen, aber ausstrahlungsschweren Stimme weiterhin eingängig und druckvoll, die Flowpattern bleiben servierfähig und auch die Produktion gibt sich gewohnt hochkarätig, die flimmernden Synth-Arpeggios strahlen einen mattschwarzen Glanz über den schroffen 808-Klangteppichen aus. So weit, so gewohnt. Dass diese Formel über das 17 Tracks starke "Flizzy" jedoch leider Gottes in gähnender Langeweile endet, unterstreicht viel mehr die Tatsache, dass "Vibe" aus mehr als dem Lucky Punch von kontemporären Produktionshighlights und soliden Rapparts bestand. Der Hunger und die fruchtbarere Inspiration der amerikanischen Vorbilder geht "Flizzy" nämlich komplett verloren.

Trag' den Guccischal bestimmt nicht, weil es kalt ist/
Und Flizzy datet nicht mit dir, weil er verknallt ist/
Meine Homies trinken Lean nicht wegen der Sprite/
Trag' die Roli an mei'm Arm nicht wegen der Zeit/

(Fler auf "Timing")

Fast ein wenig ironisch, das Tape dann nach dem klassischen Drake-Spitznamen zu benennen, denn wenn er auf den Vorprojekten noch nach "Drake Type Beats" gesucht haben dürfte, scheint er hier YouTube nach "Fler Type Beats" abgegrast zu haben. Nahezu alle Titel gehen in ähnlicher Manier über die Bühne, manchmal geht es konkreter ums Vögeln ("Pfirsich", "Late Check Out"), manchmal nur um das Geld und den einschlägigen Lifestlye ("Rollies & Lambos", "Stapel", "Real Madrid"). Risikofreudige Zeitgenossen mögen jedes mal das Glas heben, wenn Flizzy irgendetwas über die Rolex rappt. Und auch wenn hier und da mit Aussagen über Bushido oder dem Farid Bang-Feature "AMG" zumindest ein wenig Gossip-Ausgangsmaterial geliefert werden soll, brüllt die Trockenheit und radikale Unpointiertheit der Texte durch die Bank regelrecht, dass den Lyrics eigentlich gar keine Aufmerksamkeit geschenkt werden soll.

Das ist jammerschade, denn ironischerweise bleiben Flers (teils grenzwertig misogynistischen, aber well) Schilderungen von Highlife und Sex Appeal mit am meisten im Gedächtnis. Neben dem eindrucksvollen Azad-Feature und einem überraschend druckvollem Prinz Pi-Verse ist es Franks nihilistischer Superstar-Zynismus (meistens auf Kosten von Frauen und Hatern), der beim Hören der Platte regelmäßig aus dem Halbschlaf weckt. Denn die Musik holt auch im Trap-Bronzezeit-Land Deutschland keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Besonders markante instrumentale Momente fehlen gänzlich, ein Groß des Albums verlässt sich auf das selbe Tempo und die selbe Energie. Und wo Flers hölzerner Vortrag Spaßfaktor und Lockerheit im Keim ersticken, gibt auch die Produktion im drägen Midtempo-Bereich wenig Anhalt, zu dem man viben oder tanzen könnte. Und das ist gewissermaßen ein Problem. Hätte Fler nämlich ein wenig genauer auf seine Vorbilder geguckt, wäre ihm womöglich aufgefallen, dass Trap aus Atlanta oder Florida, der offensichtlich für viele musikalische Ideen Pate steht, eigentlich Spaß machen sollte. Und weder wird hier die launige Energie von Maybach Music oder Denzel Curry, noch die bedrohliche Ausstrahlung von Night Lovell oder 21 Savage erreicht. Das dürfte übrigens auch der Grund sein, warum das angedeutete Lil-Pump-Feature nicht zustande gekommen ist: Nichts Preis oder Prestige, der siebzehnjährige Vollblut-Punk hätte trotz des Fakts, dass er kaum geradeaus rappen kann, auf dieser Platte in puncto Energie und Charisma den Boden mit Flizzy gewischt. Stattdessen gibt es einen Rick Ross, der in den Trott des Vergessenswerten und Belanglosen einfällt, als wüsste er, dass seine einzige Funktion hier das Prestige eines Ami-Features darstellt. Dass der gemeinsame Track dann ausgerechnet "Big Dreams" heißt, macht die Ironie geradezu perfekt; immerhin scheint Fler selbst nicht mehr ganz genau zu wissen, wo seine Träume und Ambitionen heute noch liegen. Geld und Fame hat er ja schon. Bleibt also nur noch die Stagnation? Das würde auf diesem Tape immerhin so einiges erklären, denn kleinere und weniger waghalsige Brötchen wurden selbst im Schrebergarten-Wunderland des Deutschrap-Mainstreams selten gebacken.

Du bist im Fokus, Baby/
Du und die Louis-V-Logos, Baby/
Nach dem Batida de Côco, Baby/
Sind wir im Modus, Baby/

(Fler auf "Real Madrid")

Ein wenig fühlt es sich an, als hätte Fler all die richtigen Zutaten gekauft und die richtigen Geräte, um sie zu kochen, aber absolut keine Ahnung, was für ein Gericht überhaupt entstehen sollte. "Flizzy" ist ein dröges, viel zu sicher und repititiv gespieltes Machwerk, dass auf der Welle von "Vibe" mitschwimmen will, aber trotz des klaren Versuchs, das Werk einfach zu wiederholen, den Hunger und die Energie seines Vorgängers komplett vermissen lässt. Ja, handwerklich mag alles in bester Ordnung sein und bekannte Qualitäten des Protagonisten wie charismatische Delivery und kultige Persönlichkeit bestehen weiterhin. Trotzdem fühlt es sich an wie ein endloser Strang der zur Absurdität polierten B-Seiten, das von mal mehr, mal weniger interessanten Gastbeiträgen irgendwo um das Mittelfeld herum getragen wird. Ein wenig albern wird es dann, wenn die Platte sich damit rühmt, ja eine so hochkarätige und aufwändige Mixing- und Produktionsqualität mitzubringen. Fragt Soundcloud, denn jeder weiß, dass 2018 glatter und überproduzierter Sound in jedem Fall innovative Ideen und eingängige Motive aussticht. Lachkick darauf und hört Euch lieber einfach nochmal "Vibe" an, statt zu viele Hoffnungen in "Flizzy" zu versenken. Das bekommt ein gähnendes, mittelmäßiges "ganz okay".


(Yannik Gölz)



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