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Review: Fler – Flersguterjunge

veröffentlicht: Donnerstag, 15.07.2010, 20:39 Uhr
Autor: ProRipper





01. Intro
02. Neues Ich
03. Los, lauf!
04. Alles gefickt
05. Blaulicht bei Nacht
feat. Bushido
06. Flersguterjunge feat. Bushido
07. Das alles ist Deutschland feat. Bushido & Sebastian Krumbiegel
08. Alles ist vergänglich
09. Schwer erziehbar 2010
10. Halt mich fest
feat. Reason
11. Ich spiel, um zu gewinnen
12. Kopfgefickt
feat. Silla
13. Russisch Roulette
14. Gewaltbereit
15. Labelboss Skit
16. Bis zum Hals in der Scheiße
17. Wer hätte das gedacht?


"Flersguterjunge, guter, guter Junge..." Wer hätte das noch bis vor einem Jahr gedacht? Der Proletenrapper, der sich über beide Arme ein großes, verschnörkeltes "Aggro Berlin" hat tätowieren lassen, wechselt quasi zum Label-Erzfeind! Und auch, wenn das Heimkind in letzter Zeit allerlei Diss-Attacken aus sämtlichen Richtungen der Deutschrapszene einstecken musste, lässt sich der gute Frank White nicht beirren und steht mit einem neuen Album in den Startlöchern – mit einem neuen Album und mit einem 3er BMW, versteht sich. Doch ob es Fler musikalisch voranbringt, wieder mit seinem neuen alten Kumpel Bushido im Studio abzuhängen? Nun ja... Manch ein eingefleischter Rapper ist selbst nach knapp zehn Jahren noch in der Lage, sich neu zu erfinden.

Doch wer ist dieser Fler überhaupt? Eines macht er im "Intro" des neuen Longplayers schnell deutlich: Nicht mehr der Alte! Nachdem er sich auf melancholische Art und Weise eine Kugel in den Kopf jagt, stellt er im Opener "Neues Ich" in einem kurzen Rückblick auf seine Karriere klar, dass er mit seiner Vergangenheit ein für alle Mal abgeschlossen hat. Überraschenderweise erzeugt er für mich dabei eine solch nostalgische Atmosphäre, dass ich unweigerlich selbst an die gute alte Zeit zurückdenken muss, als dieses legendäre Raplabel "Aggro Berlin" gerade frisch gegründet wurde.

"Ich nahm das Mic, wollte rappen, wollte die Rapper zerfetzen/
Bushido gab mir eine Chance und danach was zu essen/
Mann, wir war'n Aggro for Life, war'n Aggroberliner/
Ich musste mich entscheiden: Maler, Rapper. Was ist dir lieber?/
Ich war von Herzen ein Rapper und kein Maler, Lackierer/
Ich hatte nix – nur ein paar meiner Lieder/
"
(Fler auf "Neues Ich")

Ich muss zugeben: Ich bin gerührt! Gut, mit wirklicher Innovation haben wir es hier nicht zu tun, da Fler dem Hörer bereits mehrere Songs dieser Art bescherte, aber dennoch: Mir gefällt der Track trotz allem! Leider folgt hierauf eine unangenehme Überraschung. Genau das ist quasi das einzige Thema, das Fler so wirklich abhandelt. Er schwelgt in Erinnerungen an die Gosse und sein Ach-so-hartes-Leben dort und erklärt dem Hörer, dass er unglaublich froh sei, es bis an die Spitze geschafft zu haben. Und genau das ist schade! Denn jeder Track, der ein anderes Thema aufgreift, gehört quasi zu den Toptiteln auf "Flersguterjunge". Da hätten wir zum Beispiel den Song "Russisch Roulette", bei dem es sich um einen Storyteller über Liebe und Betrug handelt, der leicht an Bushidos Klassiker "Drecksstück" von dessen ersten Album erinnert. Oder der Titel "Alles gefickt", mit dem Fler auf sämtliche Sticheleien der letzten Monate antwortet – egal, ob Ex-Kollege Sido oder der Düsseldorfer Farid Bang, jeder kriegt sein Fett weg. Und auch der Track an die Eltern, denen Fler vorwirft, dass sie sich nicht genügend um ihren Sohn gekümmert haben, verspricht Abwechslung – vor allem Patricks Mutter bekommt hier doch einiges zu hören.

"Ich bin krank! – Warum? Du hast mich krank gemacht/
Und wenn ich nachts geträumt hab', dann immer nur von Angst und Hass/
Was du getan hast? Du hast nur an dich gedacht/
Für andre Typen schick gemacht, doch für mich hast du nichts gemacht/
Ein paar Geschenke, doch Liebe geben kannst du nicht/
Erzähl mir nichts von 'Bitte, Patrick, ich hab' solche Angst um dich'/
"
(Fler auf "Schwer erziehbar 2010")

Was Fler sonst noch an Themen behandelt? Nun ja, da hätten wir... Wie hart war noch gleich das Leben auf der Straße? Selbst in seiner Hymne an Deutschland, auf der er gemeinsam mit Bushido, nebenbei bemerkt, ein Prinzen-Sample leicht verhunzt, geht es mehr oder weniger darum, wie hart das Leben in der Unterschicht ist. Kombiniert wird dieser wahre Segen an Themenvielfalt mit Hooks, in denen der Protagonist größtenteils unter Beweis stellt, dass er zwar nicht singen, die heutige Zeit dieses Problem aber mittels einer ganz einfachen Retuschiermethode gut überdecken kann: dem Autotune-Effekt. Gut ein Fünftel aller Chorusse werden mit Hilfe dieses umstrittenen Effekts geträllert – zum Leidwesen des Hörers. Und wenn die Hook nicht gerade von Fler selbst gesungen wird, dann bietet sich Bushido netterweise an, immer wieder ein und dasselbe Wort zu wiederholen ("Flersguterjunge"). Danke! Leider hat der gute Anis auch schon bessere Tage am Mic erlebt. Zumindest entsteht nicht gerade der Eindruck, dass er sich für seine Parts verausgabt hätte ("Blaulicht bei Nacht" feat. Bushido). Doch auch wenn Bushido als Featurepartner nicht ganz überzeugen kann, schaffen das dafür Silla und Reason umso mehr. Denn deren Parts gehören zu den besten des kompletten Albums – selbst wenn die betreffenden Tracks sich wieder einmal nicht wirklich um ein originelles Thema bemühen. Am originellsten erscheint da eher der Track "Gewaltbereit", der ein wenig an Favorites "Besserer Mensch" erinnert. Hier wird die in Wahrheit verkorkste Kindheit des Ex-Aggroberliners mit einer großen Portion Ironie in ein besseres Licht gerückt, das die Straße wiederum nicht ganz akzeptiert.

"Noch schlimmer: Junge, ich hab' Mathe studiert/
Bin ein Fan von Fettes Brot und hab' die Platte signiert/
Yeah, das ist meine Kindheit, alles war paletti/
Überall Konfetti, da läuft der kleine Patti/
"
(Fler auf "Gewaltbereit")

Was die Beats betrifft: Meckern kann man wahrlich nicht! Aber bei welchem Fler-Release kann man das schon?! Natürlich erfreut sich auch sein neuester Longplayer wieder an einer sehr guten Instrumentalisierung, der es aufgrund von orchestralen Beats über Chor-Samples bis hin zu orientalisch angehauchten oder auch mal ganz schlichten Stücken an nichts fehlt. Einziger Störfaktor: Dieser eine gewisse "Banger", den man normalerweise auf jedem Fler-Album vorfindet, fehlt. Dennoch haben Beatzarre und Djorkaeff ganze Arbeit geleistet.

Fazit:
Etwas mehr Themenvielfalt, dafür etwas weniger Autotune – das wäre ein Kompromiss gewesen, der, wäre man darauf eingegangen, dazu geführt hätte, dass mich Fler tatsächlich nach langer Zeit mal wieder von sich so richtig hätte überzeugen können. Was bleibt, sind ein paar nette Phrasen über das Ghetto und die Verwirklichung eines Traums sowie einige wenige Perlen, die sich zwischen diesen Phrasen versteckt halten. Klingt "Flersguterjunge" so, als sei es vor allem auf Charterfolg ausgelegt? Oh ja, tut es! Hat "Flersguterjunge" noch etwas mit der Vergangenheit und der Gegend zu tun, aus der Frank White abstammt? Wohl eher nicht. Dennoch bleibt "Flersguterjunge" ein grundsolides Album – aus dem man noch einiges mehr hätte rausholen können.


Pascal Ambros (ProRipper)



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