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Review: Fler – FLER

veröffentlicht: Mittwoch, 15.04.2009, 17:36 Uhr
Autor: lupa





01. Intro (FDM)
02. Check mich aus
03. Meine Straße
04. Ewigkeit
05. Ich sing nicht mehr für dich
(feat. Doreen)
06. Macht & Ruhm (feat. Sido)
07. Mein Haus
08. Usw.
09. 'Gangsta' Rapper
(feat. Godsilla & Reason)
10. Schulsong
11. Scheiss auf dich!
(feat. Bass Sultan Hengzt)
12. Rap Electroschock (feat. Godsilla)
13. Sag warum!?
14. Was ist Peace??!?!
(feat. Godsilla & Sera Finale)
15. Ich fick dich
16. Ich werde nie vergessen
(feat. Beatzarre)



Selfmade-Beef? Check! Aggro-Trennung? Check! Im Gespräch? Check! Baby, das neue Fler-Album ist da!

Und rappers.in che-checkt es aus: Nachdem sich Diskussionen zum Thema Frank White in jüngster Zeit mehrheitlich um Trivialitäten wie etwa alternative Verwahrungsmöglichkeiten für Supermarktgemüse drehten, soll nun endlich wieder die Musik im Mittelpunkt stehen. Dafür sorgen soll der mittlerweile vierte Solo-Langspieler des Berliners, schlicht mit "FLER" betitelt. Das inzwischen bewährte Produzentenduo Djorkaeff und Beatzarre liefert dabei nicht nur die Mehrheit der Arrangements für die insgesamt sechzehn Tracks, Zweitgenannter ist darüber hinaus sogar mit einer Gesangshook ("Ich werde nie vergessen") vertreten. Weitere Gastbeiträge kommen von den Spielkameraden Godsilla und Reason, Rapdeutschlands Antwort auf Sarah Connor und Marc Terenzi Doreen und Sido sowie Shuko, Bass Sultan Hengzt und Sera Finale.

Ob sich Fler für "FLER" musikalisch von Intimfeind und Promobeef-Konterpart Kollegah ("KOLLEGAH") hat inspirieren lassen, wie jener jüngst lancieren ließ, lässt sich mit Gewissheit nicht sagen. Nur so viel ist klar: textlich mit Sicherheit nicht. Wer nach "Schrei nach Liebe", der (zumindest in musikalischer Hinsicht) bisher letzten Station der Auseinandersetzung, auf mehr Geflexe und spontane Anflüge von Wortwitz gehofft hat, dürfte ein wenig enttäuscht sein. Im Gegenteil: Versuchte sich der selbsternannte Trendsetter auf Album Nummer drei noch an Dipset-inspirierten Reimstafetten und ähnlichem Schnickschnack, setzt der Nachfolger wieder voll auf die altbewährte Simplizität. Teilweise wird gar gänzlich auf die in den letzten Jahren auch im Gangsterrap-Genre mehr oder minder obligatorisch gewordenen Doppelreime verzichtet.

Inhaltlich bleibt jedoch alles beim Alten: Fler ist hart, stark, straight, street, kontrovers und fickt unser aller weibliche Erzeuger. Ach und street ist er auch noch. Und street natürlich. Und irgendjemand muss dem guten Patrick Losensky erzählt haben, man ist es umso mehr, je öfter man dieses Wort in seinen Songs unterbringt. Wie sonst ließe sich erklären, dass dieser unscheinbare, kleine Anglizismus es geschafft hat, auf "FLER" in Sachen Wiederholungsrate mal eben sämtlichen im einheimischen Rap-Spiel gebräuchlichen Schimpfworten den Rang abzulaufen?

Mit potentiellen Gassenhauern wie "Meine Strasse", "Macht und Ruhm", "Usw." (Ja, der Track heißt wirklich so!), "Rap Electroschock" und "Scheiss auf Dich" sind denn auch mehr als genug Aufarbeitungen dieses zeitlosen Themenkomplexes – wahlweise mit einer Prise Sozialkritik oder auch einem Feature von einem der üblichen Verdächtigen versetzt – vorhanden. Nur kommt das alles auf einer Fler-Platte eben in etwa so unerwartet wie das gefühlt dreihundertsiebenundzwanzigste "street".

Was hat der Silberling also noch zu bieten? Nun, da wäre zuallererst einmal die mehr als amtliche Vorabsingle ("Check mich aus"), die bereits seit einigen Wochen über den Äther pumpt. Der Beat ist ein indiskutables Brett und die Ohrwurm-Hook schafft es nicht nur, ein altes HipHopper-Klischee wieder cool zu machen, sondern liefert darüber hinaus eine neue Catch-Phrase, die nicht von ungefähr schon jetzt von selbsternannten Bossen und rappers.in-Redakteurinnen gleichermaßen aufgegriffen wird. Da sieht man doch auch mal wohlwollend über inhaltliche Einfallslosigkeit hinweg. Single Nummer zwei kommt dann im radiotauglichen Weichspülgang und inklusive Sidos besserer Hälfte, die sich nach der Kollabo mit ihrem Herzblatt spätestens mit diesem Pflicht-Guestspot auf "Ich sing nicht mehr für Dich" als chronische Nein-Sagerin zu outen scheint. Wie sich das mit einer Beziehung mit dem so genannten "Arschfickmann" verträgt, soll an dieser Stelle nicht näher erörtert werden. Insgesamt hätte man sich diese etwas seelenlose Anbiederung aber auch sparen können.

Sei's drum! Es gibt ja noch eine Reihe weiterer handwerklich solider bis gelungener Thementracks. Als da wäre das nicht unbedingt originelle, aber doch aufrichtig wirkende Plädoyer für den Frieden "Was ist Peace??!?" mit Sera Finale und Partner in Rhyme Godsilla, welcher insgesamt dreimal gefeaturet ist.

"Was ist Peace? Peace ist, wenn die Rapper sich auf Tracks dissen/
– es dabei bleibt, wenn die Rapper sich auf Tracks dissen./
"
("Was ist Peace??!?")

Lässt sich nichts gegen sagen. Gerade im Hinblick auf die jüngsten Nachbeben des Schaukampfs mit einem gewissen Herrn Blume nebst Gefolgschaft ein Track, den sich so mancher Hitzkopf vielleicht doch hätte einmal genauer anhören sollen. Weniger sinnvoll erscheinen hingegen Hooklines wie

"Jeder deiner Lehrer denkt vielleicht, ich bin nicht schlau,/
doch […] du weißt ganz genau,/
[…] in der Schule lernt man nichts, was man auf der Straße braucht,/
[…] darum pass jetzt auf!/
"
("Schulsong")

So nachzuhören auf "Schulsong", einem der inhaltlich komplexeren Anspielpunkte, der sich jedoch nicht so recht zwischen provokantem Rütlischüler-Representing und moralisch bedenklicher "Scheiß auf deine Zukunft"-Botschaft entscheiden zu können scheint. Im Endeffekt aber nur auf den ersten Blick brisant und auf den zweiten einfach ein typischer Fler-Track im Fler-untypischen Gewand. Zeilen wie

"Früher hieß es '6, setzen!'/
[…] heute fick ich euch in sechs Sätzen./
"
("Schulsong")

kommen einem zwar – das wiederum durchaus Fler-typisch – irgendwie recht bekannt vor, aber insgesamt ist das dennoch eine der ideenreichsten Nummern. Umso bedauerlicher, dass das Sound-Gewand ausgerechnet hier so uninspiriert wie sonst selten tönt.

Weiterhin erwähnenswert noch das flowmäßig auf den ersten Horch herausstechende "Sag warum?", auf dem der Papa zwischendurch den oneandahalftimerap auspackt und dabei partiell Assoziationen mit Eminems "Superman" weckt sowie das leicht schräge Quasi-Cover "Mein Haus": "Mein Haus – in der Mitte von der Street." Ein Glück, das "street"-Phrasenschwein wird uns doch nicht verhungern müssen! Jedenfalls scheint Flers Haus vornehmlich eine Art Euphemismus für eine psychiatrische Anstalt zu sein, stellenweise jedoch auch eine Metapher für sein Gefangensein im eigenen Verstand. Was Euphemismen und Metaphern nun aber mitten auf der guten alten Street zu suchen haben, lässt der Straßenpoet am Ende offen. Vielleicht denken wir alle einfach mal selbst drüber nach, in einer ruhigen Minute. Insgesamt alles irgendwo zwischen überambitioniert und unausgegoren und musikalisch mit Sicherheit auch nicht jedermanns Fall.

Durchweg gelungen dagegen der eingangs angesprochene Schmachtfetzen "Ich werde nie vergessen", der mit Beatzarres Neuinterpretation von Roxettes "Listen to your Heart" die insgesamt 55 Minuten Gesamtspielzeit abschließt. Auch hier mag das poppig-kitschige Klangbild dem ein oder anderen aufrechten Head dann doch zu viel des Guten erscheinen, doch es liefert die perfekte Bühne für Flers kurzen aber prägnanten Rückblick auf Karriere, Leben und Zeitgeschehen. Und sogar Ex-Ex-Homie Bushido werden ein paar warme Worte gewidmet, die wohl vor wenigen Wochen noch für ordentlich Spekulationen gut gewesen wären: "Bruder, später könn' wir sicher drüber lachen!" Und mag man sich auch an einigen anderen Stelle etwas mehr Witz und Tiefsinn wünschen, so passen Flers schnörkellose Wortwahl und die betont ungekünstelten Reime hier einfach mal wie die Faust aufs Auge. Botschaft angekommen.

Was am Ende bleibt, sind einige typische Fler-Stücke, ein paar Ergänzungen des Stil-Repertoires und wohl auch zwei, drei neue Nummern im Hitkatalog. Darüber hinaus ein Jahresvorrat "street" und die Erkenntnis, dass ich auch nach diesem Album kein Fler-Fan geworden bin. Aber eben auch kein Hater.


lupa (Florence Bader)



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