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Review: Fler – Airmax Muzik 2

veröffentlicht: Sonntag, 15.05.2011, 10:37 Uhr
Autor: Unbekannter Nr. 1





01. 2011
02. Neue Ära
03. Südberlin auf Bewährung
04. Du wirst gebangt
05. Polosport Massenmord
feat. Silla & MoTrip
06. Ghettoblaster
07. Gangster Frank White
08. Ich und keine Maske Flavour
09. Nie an mich geglaubt
10. Air Max
11. Minutentakt
12. Kein Fan davon
feat. Silla & MoTrip
13. Du machst dass ich atme
14. Autopsie
15. Echte Gangster tanzen nich
feat. Silla & MoTrip
16. Bruder feat. Shizoe
Premium-Edition:
17. Mama is nich stolz auf mich
18. Deutschland deine Stars


Schiller, Goethe, Hölderlin und wie sie noch alle heißen... Deutschland hat so viele Dichter hervorgebracht, die mit ihren geschriebenen Stücken die Nachwelt so stark beeinflusst haben, dass man bald den Überblick verlieren könnte. Doch was hat das mit Fler zu tun? Rein gar nichts, würde die HipHop-Polizei konstatieren, schließlich galt er noch nie als übermäßig begabter Lyriker. Aber wen interessiert das? Wer definiert guten Rap? Schaut man sich die Größen der HipHop-Welt an, so fällt dem geübten Betrachter auf, dass viele Musiker folgende Merkmale in sich vereinen: Sie polarisieren, treten medienwirksam auf und besitzen mal mehr und mal weniger glaubhafte Images. Wer hat behauptet, dass ein Gucci Mane oder ein Rick Ross begnadete Lyriker sind? Auch ein Soulja Boy wurde nicht wegen seiner stilvollen und tiefgründigen Musik zum Superstar. Waka Flocka Flame erst recht nicht. Und trotzdem hat Fler seit Anbeginn seiner Karriere mit diesen Vorwürfen zu kämpfen. Zu Recht, wie viele behaupten. Was hat er also, das ihn so interessant, so erfolgreich macht?

Genau diesem Phänomen werde ich in den nächsten 62:36 Minuten auf den Grund gehen. Beim ersten Durchskippen seines neuesten Mixtapes "Airmax Muzik 2" fällt mir sofort auf: Er hat Beats. Richtige Bretter. Maskulin, voll mit Synthiesounds und harten Snares. Was hat er noch? Eine tiefe, arrogant klingende und dennoch sympathische Stimme. Weiterhin hat er das, was gefühlt jeder dritte Deutschrapper falsch ausspricht: Authentizität. Und: Er ist ein (erwachsen gewordener) Straßenjunge – viele Jugendliche können sich mit ihm, seinen Inhalten, seiner Art und dem Humor identifizieren. Gespannt lausche ich dem Intro.

"Das hier ist 'Airmax-Musik', ich rapp' perfekt zum Beat/
Ich diss' jeden dieser Spinner und mach' Werbung für sie/
Komm' bei dir vorbei und geb' dir eine Schelle, du gehst gleich zugrunde/
Das ist 'Airmax 2', ready für die zweite Runde/
"
(Fler auf "2011")

Na ja... Doppelreim +1, Innovation -1. Bereits im Intro wird klar, dass bei Fler alles beim Alten geblieben ist – zumindest inhaltlich. Neben dem obligatorischen "Farid Bengel"-Diss wird, wie üblich, sowohl auf die Konkurrenz als auch auf die Kacke gehauen. Abwechselnd. Und auch im nächsten Track, "Neue Ära", ändert sich nichts daran. Fler ist der Beste, "du" bist kacke. Wirfst "du" einen Stein auf ihn, wirft er zwei zurück. Es kommt auch vor, dass jemand auf der Straße stirbt. Freunde sitzen in Einzelhaft, die Ketten sind aus Weißgold. Getoppt wird das Ganze an Sinnlosigkeit nur durch den nächsten Titel: "Südberlin auf Bewährung". Hier widmet sich Patrick Losensky – so Flers bürgerlicher Name – vor allem seinem Erzfeind Kollegah, der neben Jurastudium und Frisur offensichtlich noch sehr viel mehr Angriffsfläche bietet. Auch Farid Bang bekommt zum Schluss Flers ungeteilte Aufmerksamkeit. Fortsetzung folgt. Inhaltlich ist auch das mal wieder Schnee von gestern. Im Jahre 2011 sind diese ganzen Dissgeschichten irgendwie nur noch nervig. Was bei Eko Fresh und Kool Savas noch einem exklusiven Boxkampf glich, ist heute irgendwie nur noch ein trostloses Rumgekloppe in den Hinterhöfen deutscher Vorschulen. Als Deutschraphörer ist man überreizt, was das Thema Beef angeht. Man ertrinkt quasi in der Fülle der Streitereien, und spätestens seit Bild und/oder Bravo darüber berichten, verliert man komplett den Überblick – und das Interesse. Manchmal auch die Nerven. Der Titel "Du wirst gebangt" gibt auch gleich das nächste Thema vor: Ausnahmsweise handelt es sich hierbei – entgegen aller Erwartungen – um einen Battletrack. Als Kontrast zu den harten Lyrics singt Fler zum ersten Mal die Hook. Seine engelsgleiche Stimme tönt aus den Boxen und irgendwie wirkt das Ganze dank Autotune unfreiwillig komisch, droht er dabei doch mehrmals: "Du wirst gebangt!" Tatkräftige Unterstützung findet Fler auf "Polosport Massenmord" in Silla und MoTrip, die beide äußerst solide Parts abliefern und perfekt auf das Mixtape passen. Auch die Schlagworttechnik – hierzulande vor allem bekannt durch Nicki Minaj – gefällt.

"Ich scheiß' auf Ami-Rap, scheiß' auf Hulk Hogan/
Ich bin bald oben und schick' dich zu Boden – Bodycheck/
"
(MoTrip auf "Poloshirt Massenmord")

"Und während zeitgleich das ganze Land nach meinem Namen schreit/
Tätowiert sich jeder hier mein Logo – Arschgeweih/
"
(Silla auf "Poloshirt Massenmord")

"Das hier ist 'Airmax 2', das ist kein Modetrend/
Guck, ich schieß' auf diese Vögel – Vogelschreck/
"
(Fler auf "Poloshirt Massenmord")

Dass Fler mit Silla und MoTrip ein echtes Dreamteam abgibt, zeigen sowohl "Kein Fan davon" als auch "Echte Gangster tanzen nicht". Vor allem MoTrip ist Feuer. Mit "Ich und keine Maske Flavour" darf sich neben Kollegah auch Sido über einen gänzlich ihm gewidmeten Track freuen. Inhaltlich ist das nicht wirklich spannend. So wirft Fler ihm vor, Stolz und Ehre für den Erfolg abgelegt und ihn im Stich gelassen zu haben. Hat schon fast ein bisschen GZSZ-Charakter, dieser ewige Streit. "Nie an mich geglaubt" ist Flers persönliche Ansage an alle Hater und Ungläubigen – zumindest in der Hook. Die Verses unterscheiden sich thematisch kaum von dem bisher Gehörten und ließen sich wahllos austauschen. Mit "Minutentakt" und "Airmax" folgen gleich zwei Lieder, auf denen Fler in bester T-Pain-Manier die Hook trällert. Leider strapaziert das Ganze schon sehr stark meine Nerven. Während Flers Auftreten und sein Rap Härte und Männlichkeit versprühen, klingt der Track dank Autotune geschlechtsbezogen sehr anders orientiert. Mein Geschmack ist das nicht. Im Auto sind das die Parts, in denen ich das Radio leiser drehe, wenn ich an der Ampel stehe. Auch auf "Du machst dass ich atme" singt Fler die Hook, dieses Mal klingt's jedoch einen Deut besser. Inhaltlich geschieht endlich(!) mal etwas Neues. Eingeleitet durch eine melancholische Klaviermelodie gesteht Fler einer Unbekannten seine Liebe: "Ich zähle die Tage/ Ich bin hier und warte/ Ich seh' dich, wenn ich schlafe/ Du machst, dass ich atme/". Denkste! Fler wäre nicht Fler, wenn er diesen Track einer Frau gewidmet hätte, und so geht es hier einzig und allein um Kohle, Zaster, Moneten, Penunzen, Kröten, Öcken und Knete.

"Du wirst angekettet, jeder Fall wird gleich erledigt/
Das ist die Autopsie, das hier ist mein OP-Tisch/
Hier liegen ziemlich viele Leichen aufeinander/
Kein Problem, ich nehm' euch alle einzeln auseinander/
Angefangen bei diesem Hampelmann, ich schneid' dich mit der Klinge auf/
Kollegah, ich geb' dir die Eier, die du dringend brauchst/
"
(Fler auf "Autopsie")

Auf "Autopsie" zerlegt Fler jigsawmäßig halb Rapdeutschland – alle Namen aufzuzählen, würde wohl den Rahmen sprengen. Verkaufstechnisch mag er wohl Recht haben, wenn er sagt, dass er Rapper begräbt, inhaltlich hat das alles allerdings noch gehörig Luft nach oben. Statt schweres Geschütz aufzufahren, richtet er lediglich kleine Seitenhiebe an die Konkurrenz – so wird beispielsweise aus Eko Fresh "Eko Frosch". Und ob Farid sich da jetzt wirklich persönlich angegriffen fühlt, wenn er die hundertste Line über seine Nase hört? Na ja, kann man mal machen, muss man aber nicht. Auch Shizoe hat scheinbar nicht seinen besten Tag erwischt, denn sein Beitrag auf "Bruder" klingt recht schwach auf der Brust. Zum Schluss zeigt Fler endlich, dass er auch andere Themen kennt und bewältigt auf "Mama ist nicht stolz" seine verkorkste Vergangenheit und die Probleme mit der eigenen Mutter. Realtalk auf Pianobeat! Damit erfindet Fler das Rad zwar nicht neu und auch die Thematik haben wir schon des Öfteren auf seinen Releases gehört, aber im Vergleich zu den übrigen Themen auf "Airmax Muzik 2" wirkt das Ganze schon sehr real und erfrischend anders. Offensichtlich sitzt der Schmerz sehr tief und ist fest in seinem Herzen verankert. Endlich öffnet er sich auch dem Hörer und zeigt seine persönliche Seite, die während der gesamten Spieldauer scheinbar im Keller eingesperrt war. Mit "Deutschland deine Stars" gelingt Fler dann zuletzt noch ein kleines Highlight, indem er die gesamte B-Prominenz durch den Kakao zieht und kein gutes Haar an den deutschen Stars und Sternchen lässt: "Diese Indira entdeckt das Arschloch in mir/ Ich glaub', die Schlampe wurde von 'nem blinden Arzt operiert" oder "Ihr seht einen Detlef D! Soost, esst besser viel Obst/ Ich bepiss' mich, wenn er schwitzend auf einem Technobeat tobt!" Schade, dass Flers ureigener Humor nicht öfters zum Vorschein kommt, denn das hätte das Mixtape nochmals stark aufgewertet.

Fazit:
Technisch stellt "Airmax Muzik 2" eine starke Verbesserung dar. Flers Technik und seine Reime haben sich verfeinert und auch die Beats sind dank Produktionen von Gee Futuristic und X-plosive sowie von Beatzarre und Djorkaeff ohne Ausnahme auf Weltklasseniveau. Inhaltlich gesehen hat mich das Mixtape aber enttäuscht! Von Anfang an profiliert sich Fler durch billige "Ich-hab'-den-Längsten"-Vergleiche und bleibt thematisch auf der Prollschiene hängen. Dass man auch als Streetrapper durch eine breitgefächerte Themenauswahl begeistern kann, zeigten jüngst unter anderem Silla und MoTrip, die ja auch auf diesem Release vertreten sind. Um also nochmals zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Flers Erfolg kommt nicht von ungefähr; seine jahrelange Arbeit trägt nun Früchte und so schafft er es auch ohne besondere lyrische Eigenschaften hoch in die Charts. Sein Geheimnis ist der harte Sound, die wummernden Beats und seine Stimme. Und mein Fazit? Ich sag' mal so: Wer tiefsinnige und geistreiche Lyrik erwartet, ist definitiv falsch, denn Fler punktet in dieser Hinsicht kaum. Die geringe Punchlinedichte und die ewig gleichen Themen sprechen nicht unbedingt für einen Kauf dieses Mixtapes. Wer allerdings einfach nur fette Mucke zum Pumpen oder fürs Auto braucht, den erwartet hier ein echter Glücksgriff, denn maskuliner könnte Musik kaum sein. "Airmax Muzik 2" trieft nur so vor Testosteron und Männlichkeit. Flers Erfolg – berechtigt oder nicht, das muss jeder für sich selbst selbst entscheiden. Trotz passendem Titel weiß Fler jedoch nicht, wo der Schuh drückt. Passen tut er ihm trotzdem!


(Erich Unrau)



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