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Review: Ferris MC – Asilant

veröffentlicht: Montag, 13.03.2017, 16:33 Uhr
Autor: W3BeatZ






01. Asilant
02. Mortal Comeback
03. Unkaputtbar
04. Die Rückkehr der Studentenrapper
05. Die Jagdsaison
06. Schafe im Wolfspelz
07. Digga
08. Lifestyle Kamikaze
09. Weißes Gold
10. Welcome 2 The Jungle
feat. Eko Fresh
11. Hurensohn in Perfektion
12. R.I.P. Hater
13. Deine Mudda
14. Wie ne Fotze
feat. Pedaz

Nach zwei Jahren musikalischer Abstinenz, zumindest als Solokünstler, meldet sich das Urgestein der Deutschrap Szene mit seinem neunten Studioalbum "Asilant" zurück. Zuletzt fiel mir der seit fast zehn Jahren als der neue bei Deichkind, genauer gesagt unter dem Namen Ferris Hilton wirkende Künstler eher in diversen TV Produktionen wie dem ARD Tatort oder im ZDF bei Markus Lanz auf. Dort plauderte die mittlerweile in die Jahre gekommene Reibestimme über seine unschöne Kindheit, seinen jahrelangen und wirklich exzessiven Drogenkonsum, sowie über weitere interessante Fakten seines Lebens. Denn sein Weg war eher eine lange Serpentine, die er mal hoch und wieder runter fuhr. Keine leere Autobahn, auf der es linksspurig im Sportwagen mit Vollgas bis an die Spitze ging. Unterwegs erarbeitete er sich den Ruf als "der fertigste der Mongos", der "lebende Elvis" oder der "Ozzy des Rap". Dieses sind nur einige der Synonyme, die darauf schließen lassen: Ferris ist irgendwie anders, total fertig, einfach nur ein Assi? Auch der Titel seiner neuen Platte "Asilant" reiht sich geradezu nahtlos in die schon immer sehr fragwürdigen Namensgebungen seiner Alben ein. Allerdings regt es mich im Vorfeld zum Nachdenken an, ohne nur einen einzigen Ton gehört zu haben. Wo wird diese musikalische Reise oder vielleicht sogar Flucht hingehen? Ist ein Asylant doch ein Flüchtling, über dessen Aufenthaltsgenehmigung noch nicht endgültig entschieden wurde. Wird Ferris mit diesem Asylantrag noch einmal seine Anerkennung erlangen, oder wird er nur noch vorübergehenden subsidiären Schutz erhalten? So fühlten sich die letzten Soloprojekte des Künstlers für mich jedenfalls an. Nicht wirklich in eine bestimmte Sparte zu quetschen, immer wieder für kleine Überraschungen gut, sowie einen menschlichen und musikalischen Reifeprozess konnte man Ferris MC in den letzten Jahren zusprechen. Nicht zuletzt sein 2015 veröffentlichtes Werk "Glück ohne Scherben" zeigte eine neue, die erwachsene Seite des Künstlers. Allerdings wirkte auch vieles, als stecke es immer noch in einer Entwicklungsphase, die nicht abgeschlossen ist, so als könne der Künstler sich nie richtig festlegen. So erhoffe ich mir mit diesem Album die Fortsetzung dieses Reifeprozesses. Im Vorfeld veröffentlichte der Künstler schon seine EP "Phönix aus dem Aschenbecher", rührte hiermit und darüber hinaus mit der Videoveröffentlichung zu "Asilant" kräftig die Werbetrommel. Im letzteren sehen wir Ferris in einem 80er Jahre Style, ballonseidenen-Kampfanzug seinen Titelsong rappen. An diversen Hamburger Drehorten, von denen die meisten eine Rolle in seiner künstlerischen Laufbahn gespielt haben, klingt er wie viele ihn in Erinnerung behalten haben. Eine tiefe, raue, unverkennbare Stimme, die kein Toningenieur auch mit dem besten Pitch-Shift-Plugin nur annähernd erzeugen könnte. Eben einfach Ferris MC. Und auch die fünf Songs auf "Phönix aus dem Aschenbecher" sind ein wilder Stylemix aus den verschieden Wirkungsphasen des Künstlers, und lassen nichts durchblicken, was uns auf "Asilant" zu erwarten hat.

Nur der Mann im Spiegel kann mich besiegen/
Der Asylant, das ist der Grund weshalb ich Hater liebe/
Einer der Millionen, der gegen den Strom schwimmt/
Weil ich nicht von Vater Staat der Hurensohn bin/

(Ferris MC auf "Asilant")

Ferris MC stammt aus einer frühen Phase des Deutschraps. Er versuchte, es schon immer komplett anders zu machen als der gerade angesagte Trend. Dass ihm, wie wohl vielen in seiner Altersgruppe, der heutige Rapeintopf nicht mehr so richtig schmeckt, wird im ersten Song "Asilant" umgehend klar. Diesen kann man sich auf zwei Arten anhören. Zuerst habe ich den pumpenden Beat und Ferris zwar monoton, aber düstere Art zu rappen wahrgenommen. Hört man sich den Track dann noch ein weiteres mal genauer an, findet man die ein oder andere Spitzfindigkeit. Genauer gesagt finden sich wichtige Teile wie sein Werdegang, Textzeilen aus mehreren seiner alten "Klassikern" super camouflage verpackt in einem charakteristischen Ferris Song. Hörer, die ihn und seine Musik nicht von Anfang an verfolgt haben, werden diese versteckten Anspielungen natürlich nicht auffallen. Was aber auch nicht schlimm ist, da der Song auch ohne ein gewisses Grundwissen über Ferris MC sein ganz eigenen Charakter entwickelt. Leider fehlt mir hier, trotz einiger textlichen Raffinessen doch noch so einiges. Was ich höre, ist nicht ansatzweise etwas neues, frisches, innovatives, dass in der Rapszene große Wellen schlagen könnte. Nur ein wilder Mix aus alten und neuen Textzeilen, versucht, in ein 2017 Geschenkpapier zu verpacken. Und selbst als Present, in Form eines Free-Tracks, wäre er auch nur einer unter vielen gewesen. Deswegen ist bei mir hier schon der Punkt erreicht, wo die neueste Veröffentlichung des Hamburgers meine Erwartungshaltung völlig zerstört. Ein erneuter, vor allem genauerer Blick auf die Tracklist des Langspielers lässt mich diese auch noch einmal überdenken. Schon bei dem Albumtitel hätte ich wohl viel früher schalten müssen, denn die ersten Buchstaben des Namens "Asilant" sind hier definitiv Programm. "Asimetrie 2.0" wäre auch noch eine passende Titelgebung gewesen, dieses aber nur am Rande. Die Beats sind selbstverständlich viel moderner produziert worden als noch 1999. Sehr viele elektronische Elemente, für HipHop eher untypische Instrumente, sowie Stilmittel und so einige zu laute Synthesizer und Strings wurden eingesetzt, um den typischen Ferris Crossover-Sound zu erzeugen. Inhaltlich gleicht wirklich ein Song dem anderen. Es wird sich über die gesamte Rap-Landschaft, die heutzutage seiner Meinung nach vielen zu jungen Hörer, die Produzenten und Labelbosse, über unser Politiksystem und so viele andere Sachen aufgeregt. Eigentlich versucht Ferris, wirklich jedem einen Hieb in die Rippen mitzugeben, ein anscheinend sehr unzufriedener Mensch. In der Nummer "Schafe im Wolfspelz" wurde ein nettes Sample aus alten KKS Zeiten eingesetzt, textlich ist aber auch dieser Track wieder sehr stark auf Stress getrimmt. Wäre dieser Song nur einer von wenigen Battle-Nummern auf diesem Album, dann würde er sowohl textlich wie auch musikalisch vollkommen in Ordnung gehen. So geht er aber in der Masse von gleich vierzehn Battletracks einfach nur unter. Auch das Konzept des Albums ist eigentlich kein richtiges, es folgt einfach ein "in-die-Fresse-Rap" Track, wie Ferris MC es selber nennt, auf den nächsten, dazu wirkt vieles so, als wäre es in den späten 90ern stecken geblieben. Wenn in einem Titel mal gerade kein dissbares Opfer dran glauben muss, hat Ferris MC auch hierfür sofort eine einleuchtende Lösung parat. Man zieht sich einfach selber durch den Kakao, sucht ein gutes Dutzend neue Umschreibungen für die eigene Hässlichkeit oder holt den einen oder anderen "deine Mutter Witz" wieder aus der Versenkung. So geschehen in "Deine Mudda", ein Song, dessen Lyrics wirklich nur aus einer Aneinanderreihung dieser abgegriffenen Flachwitze bestehen, dann auch noch richtig schlecht präsentiert. Trotz der einzigen wirklich ernstzunehmenden Tracks "Welcome 2 The Jungle" mit Eko Fresh und "Wie ne Fotze" mit dem Ruhrgebiet Rapper Pedaz kann ich mit meine Enttäuschung kaum hinter dem Berg halten.

Ah, die Nutten kämpfen ums nackte überleben/
Deutschrap ist wie Porno, für Fame bumst jeder mit jedem/
Keiner von euch Fotzenrapper hat mich verdrängt/
Außer in einer Kategorie – hässlichster Mensch/

(Ferris MC auf "Wie ne Fotze")

Fazit:
Ferris MC hat es hier noch einmal mit seiner altbewährten Machart versucht, ist damit jedoch kläglich gescheitert. Die Themen und Texte sind schon seit langem ausgelutscht, heutzutage auf keine Art und Weise mehr originell und man ist beim Zuhören sehr schnell einfach nur genervt. Eigentlich sehr schade, denn ich hätte ihm nach seinem letzten Album, welches im Vergleich mit seinen vorherigen Werken gar nicht so schlecht war, einiges mehr zugetraut. Wenn man in dem heutzutage überschwemmten Rapgame noch einmal einen Fuß in die Tür stellen möchte, dann doch wohl mit Pauken und Trompeten, mit Innovation, einem frischen Konzept. Nicht einfach mit einer Kettensäge in der Hand, im Riddleranzug voller aufgedruckter Dollarzeichen das eigene Erfolgskonzept von vor fast zwanzig Jahren kopieren. Sollte es allerdings sein Anspruch gewesen sein, möglichst frevelhaft rüber zu kommen und so sein Assi-Image weiter zu pflegen, dann ist es ihm zu hundert Prozent gelungen. Man sagt ja immer, man soll gehen wenn es am schönsten ist. Diesen Ratschlag hätte sich der Hamburger ruhig zu Herzen nehmen können und mit "Glück ohne Scherben" einen Schlussstrich unter seine Solo Karriere ziehen sollen. Nur die beiden Feature Tracks auf "Asilant", denen ich einen gewissen Charme zusprechen möchte, sowie "Schafe im Wolfspelz" konnten mich ein wenig versöhnlicher stimmen. Aber drei annehmbare Songs machen eben noch lange kein klasse Album aus. Es handelt sich hier nur um ein weiteres reines Battle-Rap Album, welches mit Sicherheit seine Hörer finden wird, jedoch wird dieses Genre von diversen anderen Künstlern viel besser bedient. So wird sich dieser Langspieler wohl in einer langen Reihe unbedeutender Werke hinten anstellen müssen.


Stefan Bergermann



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