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Review: Farid Bang – Blut

veröffentlicht: Mittwoch, 29.06.2016, 16:04 Uhr
Autor: Moody





1. 100 Bars
2. Das Imperium schlägt zurück
3. Russische Diät
feat. Summer Cem
4. Koma
5. Escobar
feat. Fat Joe
6. Schutzweste feat. Julian Williams
7. Nicht vergessen
8. Wer hat etwas anderes gesagt
feat. Xavier Naidoo
9. Alles hat sein Sinn feat. KC Rebell
10. Bentley
11. Gangstabossrap
12. Jebemti Majku
feat. Kollegah
13. Gerichtsrapskit
14. Das letzte Mal im Leben
15. Immer noch ins Gesicht schauen


Bonus-Tracks:
16. Real Madrid feat. Majoe
17. Blut auf dem Asphalt feat. Juelz Santana
18. Nach oben feat. Jasko & Al-Gear
19. CREED

Viel wurde uns vor dem Release versprochen. "So habt ihr Farid noch nie rappen gehört", konnte man es allerorten vernehmen. Und wahrlich, niemand könnte wohl besser etwas Mehrdimensionalität vertragen als ein Farid Bang. Bisher kannte die Hörerschaft exakt eine Seite des Banger-Chefs: Das Begatten diverser Mütter, anderer Rapper (#nohomo) und Trainieren (ohne Beine!), wahlweise mit Kollegah im Tag-Team. Mit der Präsenz auf dem offiziellen Film-Soundtrack zu "Creed" war zumindest die erste Überraschung geglückt, wenn auch nicht unbedingt auf musikalischer Ebene. Nachdem der, seit "King" etablierte, mit einem vierteiligen "Spritztour"-Blog auf die Spitze der Desinformation getriebene Promo-Zirkus mit dem Einfärben eines Brunnens seinen ermüdenden Höhepunkt gefunden hat, sind es eigentlich die vorab ausgekoppelten Tracks wie "100 Bars" und "Immer noch ins Gesicht schauen", die einen Hinweis geben, wie sich das Album anhören könnte. Gibt sich Farid in seinen "100 Bars" oder auf "Russische Diät" gewohnt aggressiv mit stumpfem Text, so hinterließ "Immer noch ins Gesicht schauen" ein eher mulmiges Gefühl, was einen auf der Platte erwarten könnte. Ungewohnt – und gleichzeitig nicht wirklich überzeugend. Zumindest die Produzenten- und Featureliste ließ dann wieder etwas Hoffnung aufkommen, da mit Cool & Dre sowie den Heatmakerz, aber auch Fat Joe in Düsseldorf große Namen gewonnen werden konnten. Etwas skeptisch machten hingegen Namen wie Julian Williams und Xavier Naidoo, bei denen Ausritte in sumpfig-schmalzige Gefilde zu befürchten sind. Gelingt es Farid Bang, sich trotz aller Vorbehalte weiterzuentwickeln, oder bleibt er doch im musikalischen Limbus stecken?

Nutten, Autos, Drogen, Kampfsport/
Panzerglas, Rolex, Uzis, Guntalk/
Poker, Koka, Derendorf, Totschlag/
Drive-Bys, Schutzgeld – der Banger ist zurück/
Glücksspiel, Testo, Pitbulls, Kutten/
Geldwäsche, Käfigkampf, Vollbart, Schussfeld/
Teflon-Vest, Cadillacs, Turban, Gangster/
Stripclubs, Völkermord – der Banger ist zurück

(Farid Bang auf "Das Imperium schlägt zurück")

Neben einem Skit, der hier aufgrund seines Fremdscham-Faktors keine weitere Erwähnung verdient, gibt es grob gesagt zwei Arten von Titeln auf der Scheibe. Zunächst die allseits bekannten, routinierten Banger- und Representer-Tracks, die sich im ebenso weitestgehend bekannten inhaltlichen Mikrokosmos des Banger-Chefs abspielen: Koks, Training, Mütter ficken, dissen. Das alles garniert mit etlichen stumpfen beziehungsweise stumpfsinnigen Lines und Spits, deren spezieller Humor wohl ins Ressort "Geschmackssache" zu zählen wäre. Wie sich diese Sorte von Tracks gestaltet, ließen die reichlich vorab veröffentlichten Singles gut erahnen. Farid scheint ernster geworden zu sein, der auf älteren Platten wesentlich prägnantere (platte) Humor zeigt sich nur noch selten. Stattdessen Dankesbekundungen an Freunde und Kollegen im Wechsel mit Disses gegen altbekannte Gegner; wirklich viel hat sich hier auf textlicher Ebene nicht verändert. Einzig die diffusen Lines gegen die Kollegen von rap.de lassen angesichts des ausschlaggebenden Interviews die leise Frage nach dem "Warum eigentlich?" aufkommen. Einen Großteil des Albums gehören dem Düsseldorfer Gangbanger, dem "deine Mutter-Schwanz-Geber", welcher mal mit überzeugenden Gästen (Fat Joe & Juelz Santana), mal mit mittelmäßigen Feature-Parts (Kollegah, KC Rebell, Al-Gear und Summer Cem) und auch mit Totalausfällen(Majoe und Jasko) an seiner Seite aufwartet.

Von den beiden Amerikanern abgesehen scheint wohl keiner der Rap-Kollegen wirklich einen guten Tag in der Booth gehabt zu haben: Auf "Jebemti Maijku" liefert Kollegah einen beinahe lustlos wirkenden Part. Findigen Nutzern eines Online-Übersetzers dürfte übrigens die Tiefgründigkeit nicht vorhandener Meta-Ebenen bereits ins Auge gefallen sein. Nicht zuletzt heißt der Titel im Deutschen schlicht "Ich ficke deine Mutter". In "Nach oben" erzählen Farid, Jasko und Al-Gear ihre persönlichen Rocky Balboa-Stories, wobei einzig Al-Gear eine halbwegs gute Figur gelingt. Das Feature mit Majoe entwickelt sich flugs zum historisch anmutenden Bad-Bars-Battle, in welchem anscheinend jeder versucht, den stumpfsten Vergleich oder Spit unterzubringen. Mit Ruhm bekleckert sich dabei niemand, während sich jedoch ungewollt das Gefühl eines ambivalenten Vergleiches von Original und Fälschung einzustellen beginnt. Perlen wie "Weiber fliegen auf mich wie der Stuhl auf dein' Kopf" lassen den Schweinetrog nur noch erahnen, aus dem hier mit vollen Händen geschöpft wird. Einziger Lichtblick im Kabinett der textlichen Monotonie: Mit "Das letzte Mal im Leben" versucht sich der Banger als Storyteller, welcher jedoch nur in Kombination mit dem, durchaus gelungenen, Musikvideo in Sin-City-Optik richtig funktioniert. Dabei hält die Langspielplatte auf Beatebene durchaus Einiges an Potential bereit. Die Produzenten haben sich die bereits häufig aufgekommene Kritik der musikalischen Redundanz innerhalb des Banger-Camps zu Herzen genommen. Nicht nur Juh-Dee zeigt sich bei "Escobar" mit durchdringendem Saxophon und Soul-Flavor auf "Wer hat etwas Anderes gesagt" überraschend vielfältig. Cool & Dre liefern auf "Alles hat sein Sinn" zwar einen grundlegend guten Beat inklusive Kinderchor-Sample ab, nur will der weder zu Farid noch zu KC Rebell wirklich passen. Von den restlichen Produzenten bleibt einzig der Beat von "Das Imperium schlägt zurück" (Heatmakerz) gesondert hervorzuheben.

Hinter der harten Schale ist meistens ein Herz versteckt/
Ich merke es, das zwischen uns ist mehr als Sex/ (…)
Beweg' mich in der Kälte, ich erzähle, was ich denke/
Alle Frauen sind nicht gleich, nur das Benehmen ist dasselbe/
Glaub mir, es lohnt sich, für die wenigsten zu kämpfen/
Denn viele Mädchen sind geblendet vom Mercedes eines Fremden, ah

(Farid Bang auf "Nicht vergessen")

Neu dazugekommen sind die bereits obig angesprochenen Titel, die sich wohl mit dem redundant genutzten und gefürchteten Wort "deep" resümieren ließen. Farid Bang und "deep"? Klingt schwer vorstellbar und so richtig funktionieren möchte es dann auch nicht. Denn hier wälzt sich der Wack MC im Kokain: Es ist einerseits ein riesiger Schritt in die richtige Richtung; weg von harten, beinahe identisch klingenden Battle-Beats hin zu vielfältigeren und ausgewogeneren Produktionen. Andererseits kommt man gleichzeitig nicht umhin festzustellen, dass der Protagonist nicht Schritt halten konnte. Auf den "normalen" Titeln mit bekannt durchschnittlichem Niveau, auf den sanften Instrumentals hölzern und selbst für Farid-Verhältnisse ungelenk. Rein stimmlich klingt es nicht wirklich überzeugend, wenn Farid anfängt, über Kindheitsprobleme, Niederlagen und Rückschläge zu rappen, und auch textlich scheint Herr Abdellaoui zwischenzeitlich vergessen zu haben, wohin die Reise hätte gehen sollen. Diese unausgegorene Mischung erreicht ihren Höhepunkt schon beim ersten Track dieser neuen Gattung Banger-Musik: "Schutzweste" beginnt und dann geht es plötzlich ganz schnell – die absolut Radio-taugliche Hook von Julian Williams, durchzogen von einem gutturalen "Ich und meine Schutzweste!", welches Urschrei-artig durch den mit Effekten angereicherten Klangteppich bricht. Hektisch tasten meine Finger zum Mute-Knopf und zu den Kopfhörern. Wenn das der Nachbar hört.
Während man einerseits eine neue Seite des Rappers durchaus erkennen und auch honorieren muss, schwankt die Umsetzung zwischen unfreiwilliger Parodie und mangelnder Zielsetzung. "Schutzweste" könnte durchaus im Radio laufen, wären nicht Lines wie "Transportiere Koks, stürme mit Kampfsportlern die Show, meine Einnahmen kommen aus deiner Zwangsprostitution", die neben Farids Flow und Stimme einen spürbaren Fremdkörper auf dem Beat darstellen. Es klingt, als sei ein Textfragment aus "Escobar" in den nächsten Track gerutscht, so deplatziert wirken derartige Zeilen. Doch nicht nur die einzelnen Songs wirken teils heftig zusammengewürfelt, auch im Gesamten gibt es keine erkennbare oder sinnvolle Struktur, auch wenn "sinnvoll" im Kontext vielleicht das falsche Wort sein dürfte. Baut sich in den ersten Titeln eine durchwegs harte, aggressive Atmosphäre auf, wird sie vom effektgestützten Julian Williams zerschlagen und ihre Überreste versinken kläglich im Kitsch. Dass es jedoch für die Zukunft Hoffnung gibt, offenbart ausgerechnet das wohl unlogischste Feature der Scheibe: Mit Xavier Naidoo und dem von Juh-Dee gebauten Soul-Beat wirken die ernsten Töne zum ersten Mal überzeugend, auch wenn das eher dem gut aufgelegten Naidoo zuzuschreiben ist. Titel wie "Immer noch ins Gesicht schauen" werden stattdessen auf poppigen Beats mit Phrasen-Gedresche der ganz simplen Schule bestritten.

Ich musste kämpfen gegen Schlangen, um am Ende nicht zu fallen/
Ich mache das hier nur für meine Engsten und Verwandten/
Ich mache das hier nicht für meinen Wagen oder dich/
Nein, ich mache das, damit mich die Straße nicht vergisst

(Farid Bang auf "Immer noch ins Gesicht schauen")

Auch inhaltlich werfen die Titel durchgehend Fragen auf. Wenn Farid auf "Nicht vergessen" über die Geldgier des weiblichen Geschlechts philosophiert, die es ihm anscheinend schwer macht, die Richtige zu finden, sie auf "Real Madrid" jedoch mit der Rechten frauenhausreif schlägt, weil "seine Linke verletzt ist" ("Das Imperium schlägt zurück"), wenn Julian Williams meine Schlangen in ihre Höhle vergrault, während man kurz darauf "deine profitgeilen Scheiß-Hooks klingen nach Tourette-Syndrom" ("Bentley") raushaut, man den IQ anderer Rapper bezweifelt, sich aber mit Klonkrieger Majoe um die Krone der wacksten Line battlet, tja, was dann?

Fazit:
Es wäre denkbar einfach, bei einem solchen Album aus dem Elfenbeinturm mit Scheiße zu werfen. Ob jetzt aus Profitgier oder tatsächlicher Weiterentwicklung, es ist schlicht zu viel Neuerung auf einmal, welche zeitgleich nicht sonderlich durchdacht erscheint. Farid Bang, der emotionale Rapper – das funktioniert nicht einmal auf dem Reißbrett. Zu eindimensional, zu gering die Projektionsfläche, zu groß der musikalische Ambitus, den auszufüllen der Chef von KC Rebell und Co. im Stande zu sein scheint. Mehr Facetten zu zeigen scheint bei absoluter Eindimensionalität keine Kunst zu sein, wobei Farid Bang diese Hürde bestenfalls arg zerschrammt genommen hat. Seine Expertise liegt weiterhin bei harten Bangern und Representern, stumpfen Punchlines und (mal mehr, mal weniger) stumpfen Spits. So stellt das Album bestenfalls einen Teilerfolg dar. Zu schablonenhaft die Songs, zu phrasenhaft die Wortwahl, zu vorhersehbar die deepen Tracks nach Schema F. Am Ende lässt die Scheibe einige Fragen offen, warum zum Beispiel krampfhaft deepe Instrumental-Beats herhalten müssen, der Chef des Banger-Camps aber offensichtlich keinerlei Lust zeigt, auf diesen seinen kreativen Schildkrötenpanzer zugunsten von musikalischer Fortentwicklung aufzugeben.


Aepp



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