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Review: Fard – Alter Ego 2

veröffentlicht: Montag, 06.08.2018, 15:10 Uhr
Autor: Moody





01. 100 Terrorbars
02. Steuerfrei & Illegal
03. Kugeln im Colt
04. Ganz unten
05. Der Junge ohne Herz 2
06. Liebe macht blind
07. Anti
08. Viagra
09. Ziel & schieß 2
10. Die Besten sterben jung
11. Peter Pan 2
12. Dschungel meines Lebens
13. Rapper ficken
14. Nokia 3210
15. Verlor’n
16. Ich will vergessen
17. Superhelden
18. Reich für immer


Berufs-Ruhrpottler und deutsch-iranischer Ehrenbotschafter Fard bemüht sich wieder ins Studio, um der Welt ein neues Werk zu präsentieren: "Alter Ego 2". Das bedingt, sich die relativ lange Diskographie Farhad Nazarinejads ins Gedächtnis zu rufen. Neun Alben in neun Jahren, plus EPs und etliche Solo-Tracks on top: Fard war fleißig. Und ja, es gab da mal ein Album mit dem salbungsvollen Namen "Alter Ego". Warum das jetzt "Alter Ego 2" und nicht "Fards Album Nr. IX" heißt, bleibt allerdings wohl fürs Erste ein Geheimnis des Künstlers. Drei Titel sind als Nachfolger des vorhergegangenen Albums markiert, das muss als Orientierung in der Unzahl an veröffentlichten Tracks genügen. Für die Produktionen verantwortlich ist neben einzelnen Beigaben/Opfergaben von Lucry, B-Case und HNDRC der bei Ruhrpottlern sehr beliebte Gorex, welcher sich bei dieser Scheibe musikalisch eher unauffällig gibt. Zumindest siedelt das Produktionsniveau auf einem angemessen hohen Level, ohne dabei sonderliche Tief- oder Höhepunkte zu verzeichnen.

Vorab muss aber mal kurz das mediale Brimborium erwähnt werde, welches sich in Form einer unsäglichen Anzahl von Youtube-Clips präsentiert. Da gibt es Snippets, Trailer, Ansagen, gefolgt von weiteren Snippets, die dann aber nicht mehr Snippets heißen, sondern "Hörproben", noch mehr Ansagen, ein knappes Drittel des Albums in Videoformat und die Kirsche auf dem Scheißeberg der Werbemaschinerie: das berüchtigte "Unboxing". Das gibt es gleich doppelt, einmal animiert und einmal "live". Eko Fresh würde vor Ehrfurcht erbleichen.

Du spielst dich auf, als wär' dein Vater Präsident/
Als ob hier irgendwer den Straßenpenner kennt/
Du dummer Wichser machst auf Pate vor den Fans/
Doch Kugeln fliegen schneller als ein schwarz lackierter Benz/

(Fard auf "100 Terrorbars")

Wie jedes anständige Drama beginnt man mit einer wegweisenden Einleitung. Fard ist kein Mann der großen Worte, auch niemand, der sich technisch sonderlich versiert präsentiert. Entsprechend kann man sich ausmalen, wie ein Track, auf dem krampfhaft versucht wird, so ziemlich alles und jeden zu erwähnen und mit einer Punchline zu bedenken, klingen wird. Dass es da qualitativ durchaus mal durchhängen kann, ist zu erwarten; "Am Arsch wie Brieftaschen" ist allerdings ein bemerkenswerter Tiefgang, diese (und weitere) Zeilen aufzunehmen und zu veröffentlichen zeigt bestenfalls die Unerschütterlichkeit des fardschen Egos. Tatsächlich schleichen sich in diesem ausgewalzt wirkenden Track frappierende Ähnlichkeiten zu einem weiteren großen Nichts-Sager der deutschen Rapwelt ein: Ganz wie bei Bushido wird ein prominenter Name mit einem flapsigen Reim und einer müden Pointe versehen – und weiter geht’s; ganz ähnlich einem alten Louis de Funès-Film. Nein?! Doch! Oh!

Um mal gleich bei den Mankos der Scheibe zu bleiben: Drei seiner Titel sind Fortsetzungen voriger Tracks und Fortsetzungen haben leider meistens die Angewohnheit, dem Erstling nicht das Wasser reichen zu können. Auch wenn "Peter Pan 2" durchaus zu vertreten ist und die Melodie des ersten Peter Pans durchaus geschmackvoll übernommen wurde, wirklich gebraucht hätte man diese und die anderen beiden Titel nicht. Wie im gleichnamigen Vorgänger rappt Fard über seine Kindheit und Jugend, mit durchaus klaren, zierlosen Bildern, welche zwar simpel und gleichzeitig sehr einprägsam daherkommen.

Was für 'ne geile Zeit/
Wir meisterten dieses Leben mit Leichtigkeit, ah/
Jetzt steh' ich hier und frage mich, wie du die Welt siehst/
Aus Polaroid wurden Selfies/

(Fard auf "Peter Pan 2")

Das füttert durchaus den inneren Nostalgiker, auch wenn die Anspielstation nicht mit dem Vorgänger konkurrieren kann. Ein weiterer Malus sind fehlende Features, die dem ganzen Werk zum einen Abwechslung und zum anderen Anhaltspunkte hätten geben können. 18 Titel lang gibt es 100% Fard, für eingefleischte Fans mag das genügen, alle anderen dürften sich bereits nach kurzer Zeit nach mehr Vielfalt sehnen. Denn: Auch wenn er durch Rap-Battles bekannt wurde, und einige seiner Punchlines durchaus (noch) zu unterhalten wissen: So ganz auf der Höhe der Zeit rappt Fard auf diesem Album trotzdem nicht, besonders textlich liegt der heutige Maßstab in der Sparte höher. Der Nimbus als begnadeter Battle-Rapper, den sich Fard zu Zeiten von Feuer über Deutschland durchaus zurecht verdient hatte, gerät im Laufe der Platte an die Grenzen der Existenz. Reimsilben-Zählen mag erstaunlicherweise immer noch für einige das Größte sein, ich sehe darin weiterhin eher eine paralympische Version des Ski-Balletts. Aber die Ablehnung von allen textlichen Finessen, die über einen Doppelreim hinausgehen, fällt sogar mir auf Dauer unangenehm auf. Seinen Stil mag er selbst als roh und direkt betrachten, simpel und gleichförmig wären noch vorsichtig-euphemistische Vokabeln, die mir spontan dazu einfielen. Wohingegen technisch durchaus auf hohem Niveau gerappt wird, astreine, gradlinige Doubletime-Parts sind gut eingewoben in einigen Tracks, ohne dabei allzu aufdringlich zu werden. Um bei den wenigen positiven Seiten der digitalen Drehscheibe zu verbleiben: Fards Stärke liegt in seiner Stimme, der Präsenz seines Raps, die nicht nur ernst, sondern auch tatsächlich authentisch wirkt. Man glaubt ihm seine Texte und kann phasenweise einfach nachvollziehen, worauf der gute Herr Nazarinejad hinaus möchte. Aber: Diese Stimmlage ist gleichzeitig auch eines der ernsten Probleme, die seit jeher in Fards musikalischem Schaffen inhärent sind. Diese verbissene Ernsthaftigkeit, das Bierernste, das beinahe jede Zeile zu unterstreichen scheint, wird (Redundanz-bedingt) entweder langweilig oder driftet zuweilen auch ins unfreiwillig Komische ab.

Laufe allein durch diesen Dschungel/
Drei Promille intus und Staub in meiner Lunge/
Schau dich gerne um, komm, wir drehen ein paar Runden/
Hausgemachter Hass, ich erzähle von ganz unten, yeah/

(Fard auf "Ganz Unten")

Denn egal ob er über verlorene Liebe, falsche Freunde oder Colt-Kugelhagel auf der Straße rappt (eine typisch-deutsche Begebenheit, wer kennt es nicht?), es schwingt immer etwas Deprimierendes, Defätistisches mit. Mit elegischer Miene stapft Fard jeden Tag zum Zigarettenautomaten, wissend, jeder Schritt könnte sein letzter sein, denn die Straße vergibt ja nicht. Mit todernstem Gesichtsausdruck zündet er sich die Kippe an, wissend, dass ihn der Krebs unbarmherzig dahinraffen wird, denn die Straße vergibt nicht. Vielleicht sollte mal jemand besagter Straße mit Kreide ein paar bunte, erbauliche und fröhliche Bilder aufmalen, nur um Fard anschließend über das Gift in der Farbe lamentieren zu hören, welches uns alle dahinraffen wird, weil die Straße nicht vergibt. Mit Todessehnsucht in den verbitterten Augen fischt er die GEZ-Mahnung aus dem Briefkasten, die ihm der unbarmherzige Briefbote zugestellt hat, denn die GEZ vergisst nicht.

Tausend Worte, so viel Erinnerung/
Wahre Superhelden bleiben nicht für immer jung/
Tausend Momente und trotzdem viel zu wenig/
Denn echte Superhelden leben nicht auf ewig/

(Treffende Selbstbeschreibung Fards auf "Superhelden")

Die Präsenz seiner Stimme lässt Fard auch auf diesem Album musikalisch hingegen gewohnt stark auftreten und hinterlässt trotz aller trögen Wiederholungen einen bleibenden Eindruck. Wenn man zudem noch Gefallen an harten, wenn auch auf Dauer nicht allzu kreativen Punchlines hat, und sich darüber hinaus der Erkenntnis ergeben hat, dass einfach Alles irgendwie hart, scheiße und ungerecht ist, der hat hier sein persönliches Jerusalem/Mekka gefunden. Wie man sich vielleicht denken kann: es ist ein durchaus sehr "typisches" Fard-Album. Mit allen Nachteilen und Vorzügen, die das mit sich bringen mag. Die Frage ist weniger, ob "Alter Ego 2" ein würdiger Nachfolger geworden ist, vielmehr sollte sich jemand ganz ehrlich die Frage stellen, ob dieses und weitere Alben in dieser Machart dringend notwendig sind.


Andreas 'Moody' Haase



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