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Special: "Fanpost 2" ist der Wendepunkt einer Karriere – aber nicht von Flers

veröffentlicht: Dienstag, 06.09.2016, 12:18 Uhr
Autor: Max



Was war das für eine Woche. Nach diesem unglaublich öden Sommer hätte ich fast vergessen, was doch im deutschen Rap alles möglich ist. So langsam fangen die Rapper wieder an, uns zu erinnern, warum wir ihnen seit nun mehr fünf Jahren die Nummer 1 der Album-Charts hinterherwerfen: Drama, Enttäuschungen, Überraschungen, gute Musik. Der 02. September ist dabei vor allem ein toller Tag; nicht nur, dass wir das Beginner-Album endlich hinter uns haben, sondern auch einer der unterhaltsamsten Beefs der deutschen HipHop-Geschichte ging in die zweite Runde. Während Fler nämlich sein äußerst gutes neues Album "Vibe" auch den Normalsterblichen zur Verfügung stellte, veröffentlichte Kollegah nach nunmehr sieben Jahren seine Fortsetzung des mittlerweile legendären Disstracks "Fanpost". Doch die Reaktionen waren dabei sowohl im Vorfeld als auch hinterher viel verhaltener, als man es vielleicht bei einem Platinrapper erwarten dürfte. Es wurde sich maximal auf "ein paar gute Lines" gefreut und auch danach war niemand wirklich hyped auf "Fanpost 2" und erst Recht nicht auf Kollegahs kommendes Album. Woran liegt das? Fängt Kollegahs Rap tatsächlich an, zu langweilen? Ist Flers Musik mittlerweile zu gut, um durch Disstracks geschmälert zu werden? Vielleicht von beidem ein bisschen. Doch vielleicht lohnt es sich auch, tiefer zu graben.

Deutschrap entwickelt sich

Es ist erst einmal ziemlich überraschend, wie viele Leute sich mit Fler solidarisieren und gleichzeitig Kollegah nicht mehr als das Nonplusultra des deutschen Raps betrachten, vor allem in Anbetracht dessen, dass "King", Kollegahs bisher größter kommerzieller Erfolg, gerade einmal zwei Jahre hinter uns liegt. Hat Kollegah sich seitdem verschlechtert? Wohl kaum. Der Typ mit dem ABC-Beweis hat gesagt, dass der Zuhälterrapper im Jahre 2016 noch mehr Silben reimt, noch längere Reimketten baut und seine Reimkonstruktionen noch weiter verkompliziert hat. Dazu scheint er sich weiter zu etablieren: Sidekicks, Auftritte im Fernsehen, hohe Präsenz in den sozialen Medien. Alles, worüber seine Fanbase sich freuen dürfte. Er veröffentlicht konstant Musik, die vom Niveau nicht hinter vergangenen Releases zurücksteht. Doch der bahnbrechende Erfolg von Kollegah wird so vergehen, wie er kreiert wurde: als Internetphänomen. Denn genau das ist er gewesen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als das. Er wurde genau von denjenigen arroganten Gymnasiasten entdeckt, die überhaupt Zeit haben, Silben zu zählen und weil er durch seine Technik und Lyrik so herausragte, wurde er geteilt, Freunden gezeigt und präsentiert. Und jeder, der den neuesten Vergleich als erster verstand (Grüße an RapGenius), der die Zahl der Reime adäquat zählen konnte und der die Lines am ehesten auswendig konnte, durfte sich freuen: Er hatte Rap verstanden. Der Gipfel dieser perversen Denkweise wurde vorläufig durch JuliensBlog erreicht, der in seinen Rapanalysen Kollegah vor einigen Jahren zum besten Rapper Deutschlands kürte und damit vielleicht den Hype ins Rollen brachte, zumindest aber genug Jugendliche informierte (denn gebt es zu, jeder von uns hat ihn damals geguckt), die dann diese so beeindruckende Technik in die Welt tragen würden.
Was bei einem Katzenvideo einen Tag dauert, dauerte bei Kollegah eben drei, vielleicht vier Jahre. Der richtig große Erfolg kam mit "JBG2" zu Beginn von 2013 und wird jetzt langsam aber sicher zurückgehen. Dagegen wird er selbst nichts tun können, höchstens, wenn er etwas Anderes als Rap macht oder seinen Rap von Grund auf neu erfindet, was ihm nicht gelingen wird. Eine Fanbase wie ein Bushido, die sich mit ihm selbst entwickelt und ihm Jahr für Jahr Goldplatten beschert, hat Kollegah nämlich nicht. Kollegahs Fans sind anstrengend, sie sind für das Ergebnis dieser Studie verantwortlich, dass sich ein junger Mensch heute nicht länger als 8 Sekunden am Stück auf eine Sache konzentrieren kann. Seine Fans sind nicht bereit, Kollegahs ewig gleichen Stil zu unterstützen, während er selbst nicht bereit ist, sich zu verändern – vielleicht aus Angst zu scheitern – und damit tut er sich keinen Gefallen.

Kollegah trifft schlechte Entscheidungen

Dazu scheint der 32-Jährige nicht nur die Zeichen der Zeit zu verkennen, sondern auch sich selbst zu überschätzen. Ein erstes Raunen ging durch die Fanbase, als Kollegah mit Majoe aufwartete. Ein paar Videoblogs, saftige Sprüche und hier oder da sogar ein Feature waren noch zu ertragen. Doch es wollte nicht aufhören. Ein Majoe-Album und noch ein Majoe-Album. Vorläufig alles gut, Majoe geht auf 1. Doch ein Teil der Fanbase bleibt leicht verdutzt zurück. Mittlerweile sieht sogar das Cover des kommenden Kollegah-Albums wie ein Cover von Majoe aus. Was uns zur zweiten Fehlentscheidung führt: Alpha Music. Kollegah hat zu schnell angefangen, sich wirtschaftlich zu verändern. Der Homo Oeconomicus verlässt ein Label und gründet etwas Eigenes, wenn er denkt, er nütze dem Label mittlerweile mehr, als das Label einem selbst nützt. Dahingehend hat Kollegah sich zu früh in Sicherheit gewähnt und nach ein paar Jahren des besten Verkaufens gedacht, er könne ein eigenes Label betreiben, Künstler pushen und seine eigene Karriere wäre dabei auf lange Zeit in trockenen Tüchern. Damit hat er sich überschätzt. Es ist zwar gut möglich, dass Kollegah noch einige Zeit gut verkaufen wird, das Label war jedoch ein Fehler. Es war mehr Businessdenke, als Bewusstsein darüber zu haben, was die Kunstfigur Kollegah ausmacht und nach vorne bringt. Es ist zwar der Mythos des jahrelangen Tüftelns an Reimen und Wortspielen, aber eben auch Selfmade ist fest mit dieser Figur verwoben und sorgt vor allem dafür, dass Kollegah Einfluss von anderen Seiten bekommt. Bei Alpha Music hat er Einfluss von Seyed. Was uns zur wohl größten Fehlentscheidung von allen führt. Denn Kollegah ist Seyed ist Majoe. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber wenn man sich die Songs von denen anhört, ist es echt ziemlich wahrscheinlich, dass Kollegah denen die Texte schreibt. Innovation Fehlanzeige. Damit hat Felix Antoine Blume das Schöpfen begonnen. Er schöpft seine Fanbase aus, indem er sie nutzt, um schlechte Rapper gut verkaufen zu lassen und daran zu verdienen, anstatt seine Anhänger langfristig an sich zu binden. Zugegeben, das ist nicht leicht bei diesen Fans. Doch grenzt diese Art und Weise nicht schon an Kapitulation? Steven Spielberg macht ungefähr immer im Wechsel anspruchsvolle Filme und Blockbuster, um sowohl seinen Ansprüchen an Kunst als auch kommerzielle Relevanz gerecht zu werden. Wäre er Kollegah, würde wahrscheinlich dieses Jahr noch "Der Weiße Hai Teil 41, Tsunami der Anacondapottwale" mit Jennifer Lopez, Amber Heard und Jessica Biel in den Hauptrollen erscheinen, im September natürlich noch, damit die DVD und BluRay pünktlich zu Weihnachten in den Läden stehen (gern auch in der Deluxe Box für 44,90€, aber dafür sind da DVD, BluRay und Anacondapottwal-Schlüsselanhänger mit drin). Kurzum: Kollegah wurde von der Zeit überholt, während er selbst falsche Entscheidungen trifft. Übrigens: Fragt heute eigentlich noch jemand nach dem King of Rap? Diese ach so legendäre Frage liegt gerade einmal zwei Jahre zurück und auch der "Imperator" selbst scheint dort keine großartigen Ambitionen mehr zu haben.

"Fanpost 2" ist kein schlechter Disstrack

Auch "Fanpost 2" war eine solche Fehlentscheidung. Kollegah konnte nur verlieren, denn mit "Fanpost" hatte er gewonnen. Am besten wäre es wohl gewesen, Fler weiter zu ignorieren, jetzt steht er bei diesem Beef schlechter da als je zuvor und der Disstrack wird an dem langsamen Niedergang nichts ändern können; obwohl der Song besser ist, als viele es zugeben wollen, schlechter aber, als man es eigentlich hätte erwarten dürfen. Kollegah übertrifft sich nicht selbst. Er macht Flowfehler, rappt zu viel Belangloses und wählt einen viel zu klischeehaften Beat für einen viel zu langen Track. Doch das macht er halt schon immer so. Man möge sich nur einmal "Königsaura" anhören. Dafür macht er in "Fanpost 2" einiges anders, vielleicht sogar besser als sonst: Er hat sich nicht auf das reine Punchlinerappen beschränkt, sondern bringt Themen und handelt diese sogar relativ kreativ und zahlreich ab. Die Story mit den Karotten ist präzise erzählt, dass man sie größtenteils bereits kennt, ändert nichts an der guten Umsetzung. Der Bezug darauf, dass ständig Rapper Flers Label verlassen, trifft vor allem in Anbetracht dessen, dass Fler nie die Schuld bei sich selbst gesucht hat, obwohl ein Muster deutlich erkennbar ist. Es gibt zwanghafte, aber auch liebevolle Hommagen an den ersten Teil, wieder einmal starke Punchlines und Reime, gepaart mit eben diesen neuen Aspekten, die es zu "Fanpost"-Zeiten noch nicht gab (das heute übrigens auch nicht mehr so funktionieren würde wie 2009). Dabei gelingt ihm die kreative Umsetzung nicht immer vollständig und der Song gerät mit 18 Minuten viel zu lang – aber es ist ein sympathischer Schritt.
"Fanpost 2" ist okay. Es ist ein ordentlicher Track und er ist vielleicht sogar kreativer als die meisten Songs von Kollegah in den letzten Jahren. Leider ist er nicht geeignet, die Vorliebe für Plastikbeats, schlechte Sidekicks und einen nicht vorhandenen, oder zumindest feige anmutenden, Willen zum Fortschritt wett zu machen. Der Disstrack ist ein kleiner Lichtblick, der jedoch in der Versenkung verschwinden wird. Denn die Reaktionen der Fans und Interessierten läuten das Ende eines Kapitels im deutschen Rap ein, von dem wir uns noch sehr lange erzählen werden.


Max

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