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Interview: F.R.

veröffentlicht: Donnerstag, 20.05.2010, 19:37 Uhr
Autor: unknownKing




Es ist jetzt schon fast zwei Jahre her, seit wir das letzte Mal die Ehre hatten, mit Fabian Römer ein Pläuschchen abzuhalten. Seitdem hat er desöfteren gezeigt, dass er eigentlich überhaupt keine Anstalten macht, sich nach dem Titel seines letzten Albums "Vorsicht Stufe" zu richten. Denn mit dem Deal bei der DEAG, der wochenlangen TRL-Dominanz, unzähligen ausverkauften Konzerten, aber auch gleichzeitig mit einem bestandenen Abitur in der Tasche, raste F.R. so schnell die Erfolgstreppe hoch, dass die Leute mit dem Aufzug fast nicht hinterherkamen. Jetzt releaste er sein mittlerweile viertes Album "Wer bist du?". Wir konnten es natürlich nicht lassen, da etwas genauer nachzuhaken.

rappers.in: Hallo, F.R. Wer bist du?

F.R.: ...ist ein sehr gutes Album, was ihr auf keinen Fall verpassen solltet!

rappers.in: War jetzt aber 'ne gemeine Antwort!

F.R.: Sagen wir's so: Ihr seid nicht die ersten, die mich das so spontan fragen. (lacht)

rappers.in: Wir wissen, dass du die ganzen altersbezogenen Fragen bestimmt nicht leiden kannst. Wir auch nicht. Aber da du mit 14 Jährchen schon dein erstes Album veröffentlicht hast und deswegen wohl auch ewig dieses Wunderkind-Ding an dir haften bleiben wird, kommen wir da doch nicht so ganz drum herum. Nervt es dich manchmal, wenn du immer wieder auf dieses Image des "Kinderrappers" reduziert wirst?

F.R.: Naja, einerseits ist es vollkommen verständlich, weil es einfach etwas Besonderes und Einmaliges ist, dass ich bereits mit 14 ein ernstzunehmendes Album veröffentlicht habe. Andererseits erhoffe ich mir natürlich, dass ich als 20-Jähriger langsam mal als vollwertiger, erwachsener Künstler wahrgenommen werde. Mit meinem letzten Album habe ich da ja aber auch schon eine Lanze für gebrochen.

rappers.in: Du wurdest in der Vergangenheit wegen deines Alters oft gelobt, aber auch belächelt und sogar gedisst. Haben dich die verbalen Angriffe tangiert? Glaubst du, dass du von den nationalen Rapgrößen die gleiche Aufmerksamkeit erhalten hättest, wenn du damals älter gewesen wärst?

F.R.: Der Respekt und die Anerkennung, die mir entgegengebracht wurde, waren immer größer als die "verbalen Angriffe". Ich glaube, dass ich auch ohne den "Kinderbonus" Aufmerksamkeit erregt hätte und gefeiert worden wäre. In welchem Ausmaß? Da kann man halt nur drüber spekulieren. Jedenfalls ist meine Vorgeschichte, wie so vieles im Leben, Fluch und Segen zugleich.

rappers.in: Was war denn für dich bisher das Krasseste, was du negativ in Erinnerung hast, wenn du an diesen "Fluch und Segen" denkst? Bedrohungen, Disses? Oder einfach nur das Wissen, dass du eine Straftat begangen hast, wenn du nach Zwölf noch auf der Bühne standest?

F.R.: Ich mache ja jetzt seit acht Jahren Musik und habe mir eine amtliche Hörerschaft und Fanbase aufgebaut. Da gehen mir Disses, die in den meisten Fällen nun wirklich nicht gut sind, komplett am Arsch vorbei! Was mich am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass sich einige Leute tatsächlich noch den 12-jährigen RBA-Rapper zurückwünschen. Aber ich denke auch, dass dieses Problem beinahe jeder Künstler hat. Samy zum Beispiel mit "Deluxe Soundsystem", Kool Savas mit den LMS-Zeiten... Das scheint wohl ganz normal zu sein.

rappers.in: Wie schon am Anfang des Interviews erwähnt, erschien gerade dein neues Album "Wer bist du?". Mit Erstaunen haben wir festgestellt, dass du auf dem Werk nun komplett auf Feature-Gäste verzichtest. Was hat dich in dieser Entscheidung beeinflusst?

F.R.: Es ist ein sehr persönliches Album und ich hatte einfach bei keinem Song das Gefühl, dass ein zweiter Rapper noch irgendwas vervollständigen müsste. Außerdem finde ich es auch komisch, dass die erste Info, die in Album-News genannt wird, immer die Feature-Beiträge sind. Als würde man ein Album wegen einer Kollaboration kaufen. Dann gehe ich auf iTunes und kaufe mir eben diesen einen Song, aber doch nicht das ganze Album.

lupa: Na ja, ist doch relativ einleuchtend. Das ist wie ein Qualitätsmerkmal. Wenn Rapper Horst aus Hinterdenbergen, den keiner kennt, ein Album veröffentlicht, er aber Savas auf seinem Album hat, dann soll das natürlich den Leuten zeigen, dass der Typ scheinbar so gut ist, dass Savas gerne einen Part für ihn aufgenommen hat. Das verlockt vielleicht nicht zum Kauf, aber die Leute hören sich eventuell die Tracks eher an. Geht mir zumindest teilweise auch so. Oder man ist übertriebener Savas-Fan, hört dann den Track von Horst und Sav und merkt eventuell, dass Horst ja ein abartiger Rapper ist. Und kauft sich dann eben doch das Album. Trick! Ich wollte damit jetzt natürlich nicht dein Albumkonzept in Frage stellen. (lacht)

F.R.: Aber ich rede ja nicht von Rapper Horst aus Hinterdenbergen, weil dieser Typ sicherlich keine News auf relevanten Musikseiten bekommt. Selbst bei etablierten Künstlern ist es so, dass die Featurebeiträge meistens so krass in den Vordergrund gerückt werden. Nicht falsch verstehen, aus solchen Zusammenarbeiten können auch super Songs entstehen! Aber auf "Wer bist du?" hatte ich scheinbar selber einfach zu viel zu erzählen.

lupa: Nehmen wir Vega – um dir mein Beispiel nochmals näher zu bringen. Vega ist ja jetzt - in meinen Augen – auch nicht der typische Horst. Dennoch war der ja relativ unbekannt, hat aber News bekommen, unter anderem weil Savas und so weiter auf seinem Album waren!

F.R.: Klar, bei diesem Beispiel macht es auch Sinn, wenn das berichtende Magazin die Feature-Beiträge sozusagen als "Headline" aufgreift. Mir ging es eher darum, dass es sich generell eingebürgert hat, die Gäste zu nennen, bevor man überhaupt mal versucht hat, den Kern des Albums zu umreißen.

rappers.in: Du hast jetzt schon mehrmals angedeutet, dass dein Album sehr persönlich sein soll. Wie kann man denn jetzt genau die titelgebende Frage "Wer bist du?" verstehen? Ist das eine Frage an dich selbst, die einen Selbstfindungsprozess beschreibt, oder auch eher ein bisschen an die Hörer gerichtet?

F.R.: Genau richtig! Beides! Ursprünglich kam ja der Albumtitel durch die Idee des Artworks in Frage! Das habe ich auch relativ ausführlich im Making-of vom "Wer bist du?"-Artwork auf meinem YouTube-Channel erklärt. Irgendwie fügen sich die Songs unter diesem Albumtitel total gut zusammen, obwohl ich mir im Vornherein kein Konzept zurechtgelegt habe.

rappers.in: Kannst du da vielleicht ein paar Beispiele geben, wie sie sich so zusammenfügen?

F.R.: Das ist ein bisschen verwirrend, aber ich versuche es mal: Der rote Faden des Albums besteht eigentlich darin, dass die meisten Songs sehr "fragend" und zerrissen sind. Deshalb fand ich "Son of a Preacher Man" auch so passend als erste Single. Einerseits kannst du den Text als total offensive Ansage, strotzend vor Selbstbewusstsein, interpretieren. Andererseits ist er aber auch ziemlich selbstkritisch, beziehungsweise hin- und hergerissen. Auch, wenn ich als junger Musiker mit 'nem guten Abitur ein bisschen aus dem Raster der Gesellschaft falle, glaube ich, dass sich viele in der Thematik des Albums wiederfinden können. Jeder steht ja irgendwann mal vor der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen sollte. Egal, ob du die Hauptschule abgebrochen hast oder orientierungslos mit deinem tollen Abitur dastehst.

rappers.in: Und wo wird dein Weg hingehen? Du hast jetzt dein Abitur seit fast einem Jahr hinter dir und dich seitdem nahezu voll und ganz auf die Musik konzentriert. Ich spreche da unter anderem von der "Abitour" und der Albumproduktion. Wird der Grad des Erfolgs von "Wer bist du?" ausschlaggebend dafür sein, ob du dich in Zukunft weiterhin gänzlich deiner Musikkarriere widmen wirst, oder hast du schon weitere Pläne geschmiedet?

F.R.: Ganz genau, dieses Album ist verdammt wichtig für mich! Musik werde ich immer machen, weil es meine Leidenschaft ist, unabhängig vom Erfolg. Mein großer Wunsch ist natürlich, dass es sich auszahlt, dass ich mich zum ersten Mal 100% auf die Musik konzentrieren konnte für dieses Album. Das werden die Leute hoffentlich merken, honorieren und... weiterempfehlen! (lacht) Auf lange Sicht bin ich schon eher der Typ, der seinen Horizont erweitern möchte. Und ich bin einfach gespannt, inwieweit mir der Musiker-Horizont ausreicht. Jedenfalls bin ich froh, mich nicht blind in ein Studium stürzen zu müssen, wie es leider gang und gäbe ist.

rappers.in: Du hast es bravourös gemeistert, Schule und Rapkarriere unter einen Hut zu bringen. Wie hast du das geschafft?

F.R.: Das hat viel mit Selbstdisziplin zu tun. Die Prioritätensetzung war ja klar: 50% Schule, 50% Musik – und trotzdem versuchen, überall 100% zu geben. Dieser Perfektionismus kann einen ja schon mehr oder weniger in den Wahnsinn treiben, darüber spreche ich auch in "Mach dir nichts vor". Darum fällt in letzter Zeit schon ein bisschen Druck von meinen Schultern. Ich denke meine Musik ist dadurch vielleicht auch etwas lockerer geworden. Einen Song wie "Exzess All Areas" hätte es früher vielleicht nicht gegeben.



rappers.in: Dein neues Album wurde fast komplett von den Beatgees produziert. Durch Kommentare von dir über Twitter, Videoblogs und so weiter bekamen wir den Eindruck, dass du dieses Mal sehr in den gesamten Entstehungsprozess der Instrumentale mit eingebunden warst. Erzähl uns doch bitte kurz, wieso deine Entscheidung auf die Beatgees gefallen ist und wie man sich die gemeinsame Zusammenarbeit so vorstellen kann!

F.R.: Das war gar keine bewusste Entscheidung, weil die Jungs ja schon den Großteil von "Vorsicht, Stufe!" produziert hatten. Die logische Konsequenz daraus war einfach, dass wir dieses Mal einige Monate zusammen im Studio verbracht haben. Das fruchtet musikalisch ganz anders. Meine letzten Alben entstanden halt aus zeitlichen Gründen fast ausschließlich durch das Hin-und-Her-Schicken von Files. Dieses Mal war es eine richtige Produktion: mit Musikern, mit Visionen, mit extrem kreativen Nächten. Bisher wahrscheinlich eine der besten Zeiten meines Lebens!

rappers.in: Macht sich das nun auch auf dem Album bemerkbar? Wie unterscheidet sich "Wer bist du?" denn musikalisch von seinen Vorgängern?

F.R.: Es ist sicherlich homogener, aber dadurch nicht weniger abwechslungsreich. Der Vorteil an den Beatgees ist ja, dass du einfach das Potenzial von vier kreativen Köpfen ausschöpfen kannst. Trotzdem ist es eben ein Produzententeam. Musikalisch haben wir einen guten Spagat geschafft – wir wollten kein Singer-Songwriter-ähnliches Album mit Band produzieren, aber auch kein trockenes, programmiertes HipHop-Album. Wir wollten Musik machen, die der Rap-Nerd und der allgemeine Musik-Liebhaber gleichermaßen feiern können.

rappers.in: Das klingt doch gut! Du hast die letzten Monate also ziemlich viel Zeit bei den Beatgees in Berlin verbracht. Wie gerne bist du trotzdem noch in Braunschweig? Eintracht Braunschweig steigt vielleicht auf in die Zweite Bundesliga. Freut's dich?

F.R.: Braunschweig wird im Grunde genommen immer meine Heimat bleiben! "Heimat ist gar nicht so örtlich – sie ist da, wo mein Herz ist!" Wenn Eintracht Braunschweig aufsteigt, hoffe ich, dass sie sich dieses Mal auch länger als nur eine Saison in der Zweiten Liga halten können. Sonst macht so ein Aufstieg immer mehr kaputt, als er eigentlich aufbaut, denke ich. Wenn Hannover 96 jetzt auch noch absteigt... Oh, oh, dann wird es Tote geben! (lacht)

rappers.in: Es gibt ein Buch mit Raptexten zur Analyse für den Deutschunterricht, aus dem folgendes Zitat stammt: "HipHop ist eine lebendige Jugendkultur. Sie gehört, und das ist wörtlich zu nehmen, zuallererst den Jugendlichen, die sich ihr zugehörig fühlen." Was denkst du darüber? Kann eine Kultur jemandem gehören? Wem "steht es zu", sich der HipHop-Kultur – und vor allem auch der Rapszene – zuzuordnen und warum? Ab wann ist jemand "HipHop"? Nur, wenn er zum Beispiel selbst rappt oder sprüht, oder reicht es schon, wenn er nur Fan davon ist?

F.R.: Sie kann den Jugendlichen schon allein aus dem Grund nicht "gehören", weil auch in Deutschland die meisten etablierten Rapper in den nächsten Jahren auf die 40 zugehen. Ich stehe nicht auf Schablonen. Bin ich evangelisch? Bin ich katholisch? Bin ich HipHop? Solange dir diese Zugehörigkeit etwas gibt, zum Beispiel seelischen Halt oder einfach nur Feuer in deinen Augen, dann bist du meinetwegen HipHop! Dieses romantische Jam-Feeling der 90er habe ich zwar nicht erleben können, aber ich fühle mich trotzdem irgendwie als Teil der "Kultur".

rappers.in: Wie wir alle wissen, hast du mit sechs Jahren schon Fanta 4 gehört. Welche Künstler haben dich während deiner Jugend bis heute stark beeinflusst? Und welches Album ist zur Zeit die Nummer eins in deiner Playlist?

F.R.: Das kann man selber schwer beurteilen. Genauso wenig kann man sagen, welche Erlebnisse in der Kindheit extrem prägend für deinen Charakter waren. Ich habe in der letzten JUICE-Ausgabe meine Top Ten-Alben zum Besten gegeben. Da kann man mal reinschauen. Ansonsten läuft gerade eine Band namens "ZPYZ" auf Heavy Rotation bei mir. Sie haben denselben Produktmanager wie ich, aber unabhängig davon machen die unfassbar gute Musik, die ich jetzt gar nicht beschreiben könnte. Ich glaube, dass das Album auch noch im Sommer erscheinen wird – bis dahin hab' ich's dann aber schon totgehört! (lacht)

rappers.in: Stell dir vor, du könntest dir den perfekten Deutschrapper zusammenbasteln, indem du Dinge wie Livepräsenz von dem einen, Flow von dem andern und so weiter in einer Person vereinen könntest. Welche Skills welcher fünf Rapper würdest du dir dafür aussuchen und wieso? Du darfst dabei keine Fähigkeiten von dir selbst nennen!

F.R.: Boah, sorry, ich stehe gar nicht auf solche Ranglisten! Dieser Rapper würde wahrscheinlich keine wirkliche Identität besitzen. Ein Azad wird doch zum Beispiel für seine tiefe Stimme gefeiert, mit der er eine Atmosphäre in Songs erzeugen kann, die andere Rapper niemals so hinkriegen könnten. Manchmal will ich aber auch eine andere Stimme hören – der "perfekte Rapper" müsste also bestenfalls austauschbare Stimmbänder haben. Ganz leicht wechselbar – wie so eine Batterie: für jeden Fan, bei Bedarf, rund um die Uhr!

rappers.in: Das lassen wir mal gerade so zu als Antwort. Du hast ja damals deine Anfänge in der "Reimliga Battle Arena" mit Audio-Battles gemacht. Verfolgst du noch heute das Treiben in der RBA?

F.R.: Nein. Also, ganz ehrlich, wenn ich mal auf den nostalgischen Film komme, dann höre ich mir noch so alte Klassiker-Battles wie Mirror gegen Abdel an. Das waren damals große Highlights! Und die Runden kann man da ja, soweit ich weiß, noch anhören. Aber seitdem das Ganze in verschiedene Ligen et cetera eingeteilt wurde, habe ich irgendwie den Überblick verloren. Das wird mir jetzt mit Sicherheit als Arroganz ausgelegt, von Leuten, mit denen ich ein bis zwei Mal damals im ICQ geschrieben habe. Oh je!

rappers.in: Kennst du Nachwuchstalente, die du an ähnlicher Stelle siehst wie dich damals zu "Mundwerk"-Zeiten?

F.R.: Auch da ist es schwer, den Überblick zu bewahren. Damals war ich ja eine "Attraktion" mit meinen zwölf Jahren. Heute rappen Siebenjährige über ihr Viertel und treffen dabei sogar schon den Takt. Aber ob das dann Substanz hat, ist die andere Frage...

rappers.in: OK, dann haben wir's schon fast. F.R., vielen Dank für dieses wirklich ausführliche Interview! Noch eine Antwort hätten wir dennoch gerne von dir: Vor 2 Jahren brauchte Rap Abitur, was braucht Rap 2010?

F.R.: Rap 2010 braucht vor allem mal wieder Menschen, die Musik hören. Keine Rapper, die Alben von anderen Rappern mit den Ohren eines verbitterten Rappers hören. In dieser Szene ist irgendwie jeder "aktiv", aber dass die bloße Hörerschaft, die sich nicht zu schade ist, etwas zu feiern, den allergrößten Wert hat, peilt irgendwie keiner. Whatever... Vielen Dank für das nette Interview und danke an alle rappers.in-User, die mich unterstützen!


(Jan König)

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