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Review: Eminem – Kamikaze

veröffentlicht: Mittwoch, 03.10.2018, 10:25 Uhr
Autor: Vincentbl3003





01. The Ringer
02. Greatest
03. Lucky You
feat. Joyner Lucas
04. Paul Rosenberg (Skit)
05. Normal
06. Em calls Paul
(Skit)
06. Stepping Stone
07. Not Alike
feat. Royce Da 5’9
08. Kamikaze
09. Fall
10. Nice Guy
feat. Jessy Reyez
11. Good Guy feat. Jessy Reyez
12. Venom (Music from the motion picture)

Eminem ist zurück. Das denkt sich wahrscheinlich jeder Hörer, nachdem er den Crash eines Flugzeugs im Intro von Kamikaze zu hören bekommt. Slim Shady hat zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort gesprochen und doch ahnt man, was für ein Album man hier hören wird. Es soll aggressiv, rücksichtslos und eine Wiederkehr zu eben diesem Eminem werden, auf den seine Fans seit Jahren warten und der auf seinem letzten Album "Revival" nicht zu hören war. Doch kann Eminem mit Mitte 40 und einer schon erfüllten Karriere noch einmal die authentische Wut aufbringen, die man in diesem Jahrhundert selten von ihm hörte? Oder wird "Kamikaze" der klägliche Versuch eines alten Mannes, die Vergangenheit wiederzuholen?

"The Ringer" ist die optimale Eröffnung und überzeugt mit allem, was man seit Jahren von Eminem vermisst: Rap auf technisch höchstem Niveau mit unterschiedlichen hervorragenden Flows und Wut im Bauch. Natürlich wird auch gedisst – aber nicht so wahllos, wie man vermuten könnte, sondern nach einem gewissen Schema. An erster Stelle stehen Rap-Journalisten, die "Revival" schonungslos zerrissen. Dann folgen Repräsentanten des Mumble Raps, die Eminem als Marionetten des Zeitgeistes betrachtet und die mit dem HipHop, für den Marshal steht, in keiner Weise übereinstimmen. Als letztes kommen Leute, mit denen Slim aus anderen Gründen eine Fehde hat, wie zum Beispiel Machine Gun Kelly.
Man kann Eminem einen verbitterten alten Mann nennen, aber das wird jemandem, der mit den Waffen kämpft, die er hat und für seine Werte im Rap steht, nicht gerecht. "Greatest" setzt den eingeschlagenen Weg fort und überzeugt neben starken Doubletime-Passagen und Authentizität auch mit Selbstironie an einer Stelle, die mich gerade durch den Überraschungseffekt laut zum Lachen brachte.

"Revival didn’t go viral"
(Eminem auf "Greatest")

ist die Hommage an Kendrick Lamar, die zeigt, dass Eminem sich des Scheiterns seines neunten Albums sehr wohl bewusst ist. "Lucky you" ist die erste Kollaboration zwischen Joyner Lucas und Eminem und gleichzeitig der beste Song auf dem Album. Joyner bringt mit seiner markanten Stimme und Ernsthaftigkeit wichtige Elemente auf das Album und die beiden schaffen es – obwohl ihr Rap die meiste Zeit in doppelter Geschwindigkeit über den Beat fegt – zwei so unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, die neben einem qualitativ herausragenden Raptrack auch inhaltlich ein interessantes Bild gestalten. Joyner erzählt als jemand, der immer den Grammy und die ganz große Bühne wollte, doch trotz immenser Bemühungen und dem notwendigen Talent nie das Gefühl hatte, das geschafft zu haben, und Eminem spricht als einer, der all das und noch mehr hatte, aber mittlerweile meint, sich für eben das damals verbogen zu haben. Nach dem unterhaltsamen, fast pflichtschuldigen Skit von Manager Paul Rosenberg kommt inhaltlich ein Ausfall.

"Why can’t you bitches be normal?"
(Eminem auf "Normal")

und der dazugehörige Beziehungstrack wäre schon auf der Slim Shady EP unpassend und schlecht gewesen und wird durch Tatsache, dass Eminem mittlerweile 45 ist, nur noch peinlicher. Darüber zu schreiben, dass man sich eine normale Beziehung wünscht, aber gleichzeitig Frauen direkt als erniedrigend als Bitches zu bezeichnen, ist ein Widerspruch in sich, den man sich in dem Alter nicht erlauben sollte. Mit "Stepping Stone" folgt dann aber wieder ein Highlight: Der Song, der sich an seine alte Rapcrew D12 richtet. Reflexion und Selbstkritik tun der Platte gut und gerade für Fans, die Em schon länger verfolgen, wird dieser sehr melancholische Song eine große Bereicherung darstellen. "Not Alike" kommt dann aber stilistisch wieder zum Beginn zurück und auch hier ist das Feature sehr passend. Royce Da 5"9 und Eminem wirken auf einem rhythmischen Piano Beat als Vertreter einer alten Garde Rapper, die mit den zuvor angesprochenen Newcomern aus offensichtlichen Gründen nichts anfangen können. Auch wenn die Imitationen weniger gekonnt ausfallen als die lyrischen Disses, wird man besonders in den stark geflowten Parts nicht enttäuscht. Auch der Beatwechsel und die plötzliche Aggression Eminems unterhält und wirkt beim Diss gegen Machine Gun Kelly, der sich durch einen Tweet über Eminems damals 16-jährige Tochter für Kamikaze qualifizierte, sehr glaubhaft. Der Song "Kamikaze"e ntfacht die Diskussion, ob ein Mitte 40-jähriger Mann noch Texte rappen darf, die klingen, als hätte er sie vor drei Jahrzehnten geschrieben. Auch klanglich tut sich Eminem mit diesem Lied keinen Gefallen, das definitiv ein Ausrutscher dieses Albums ist. "Fall" richtet sich nun wieder gegen die Rapszene, auf Doubletime wird hier aber weitestgehend verzichtet, stattdessen fällt der Song durch eine ungewohnt musikalische Hook auf, mit der man nicht mehr rechnet. Nun rückt Eminem mit "Nice Guy" und "Good Guy" vom aggressiven Weg ab und thematisiert lockerer seine Schwierigkeiten in Beziehung. Dass er damit inhaltlich nicht unterhalten kann, merkt man schnell, und somit werden die Songs von Jessy Reyez getragen, die mit musikalischen Refrains und einer dafür perfekten Stimme die Lieder trägt und dem Album zumindest ein bisschen von der musikalischen Note gibt, die man eigentlich nicht erwartet hat. "Venom" ist der gelungene Abschluss dieser Platte und kommt leichter und melodischer daher.

"Kamikaze" überzeugt besonders am Anfang mit allem, was sich ein Eminem Fan wünscht. Flows, die zeigen, warum er immer noch rein technisch gesehen Rap weltweit dominiert, lyrisch hervorragend gereimte Strophen und Punchlines mit dem Zorn, den man bei Eminem so lang vermisst hat. Er kann diese authentischen Emotionen immer noch delivern, ohne verkrampft zu wirken oder sich wie ein Greis anzuhören und dazu auch ernsthaft und selbstreflektiert rappen. Auch wenn das Album gegen Ende schwächelt und manche Imitationen zu gewollt klingen und so ins Peinliche abdriften, ist es eines der besten Alben dieses Jahres, woran auch die sehr gut gewählten Features ihren Anteil haben.


Vincent Busche



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Review von Yannik Gölz:


"Right now I wanna punch the whole world in the face" sind die ersten Worte, die nach dem Geräusch eines krachenden Flugzeuges auf dem neuen Eminem-Tape tönen. Wenn es irgendetwas gibt, das der Hörer direkt mitnehmen und über die Länge des Projektes auf gar keinen Fall vergessen soll, dann das: Marshall Mathers ist verdammt wütend. Wütend auf das aktuelle Klima im HipHop, wütend auf die Welt an sich und allen voran wütend auf jeden, der irgendetwas Böses über "Revival" gesagt hat. Jenes "Revival", das ziemlich zurecht von Fans wie Kritikern durch die Bank so sehr durch den Fleischwolf gedreht wurde, dass man "Kamikaze" nun getrost als ein Entschuldigungs-Album verstehen kann. Nun spräche absolut nichts gegen einen Eminem, der die Wut und den Biss zurückbringt. Schönerweise findet er raptechnisch hier auch zu einer starken Form zurück. Insgesamt überschattet aber die Banalität seiner Frustration die musikalische Verbesserung so sehr, dass "Kamikaze" trotz einer Vielzahl starker Parts nur in den Fundamenten wirklich besser als sein Vorgänger ist.

Dabei fängt die Platte mehr als vielversprechend an. "The Ringer" ist ein Bars-Track, wie er im Buche steht, und wie in Raserei wirft sich Em ins Gefecht und lässt mit etwa zwanzig Flows pro Sekunde intrigante Reimschemata, wendige Pattern und abwechslungsreiche Punchlines auf den Hörer herniederprasseln. Ein Song wie dieser steht dem Mann eben gut zu Gesicht, der Beat muss nicht viel erreichen, eine Hook gibt es keine, im Fokus steht der Rap und nichts als der Rap. Dass sich hier textlich bereits ein großer Teil der Albernheiten und Sinnlosigkeiten der Platte ablesen lässt, übersieht man auf "The Ringer" gerne noch, würden sie in den darauffolgenden Tracks nicht so anstrengend offensichtlich werden.

I guess when you walk into BK you expect a Whopper/
You can order a Quarter Pounder when you go to McDonald's/
But if you're lookin' to get a porterhouse you better go get Revival/
But y'all are actin' like I tried to serve you up a slider/
Maybe the vocals shoulda been auto-tuned/
And you woulda bought it/

(Eminem auf "The Ringer")

Mit der Argumentationslogik von Youtube-Kommentaren versucht er, Herr der verdienten Kritik zu werden. Natürlich fordert niemand ein Trap-Album von Eminem ein. Was die Leute fordern, ist eine sinnvolle Entwicklung in diesen Akt seiner Karriere, die nicht nur seiner neuen Lebenssituation gerecht würde, sondern eventuell auch musikalisch mit seinem bisherigen Katalog experimentiert und weiter erkundet. "Kamikaze" zeigt mit Tracks wie "Greatest", dem Titeltrack oder "Venom" lediglich, wie sehr er sich weigert, diesen notwendigen Schritt zu gehen. Wieder und wieder verweist er auf seine (wohlverdienten) Errungenschaften und beharrt auf seinen Status, den er musikalisch vor allem mit einem Versuch rechtfertigt, so sehr wie damals zu klingen, wie es ihm eben gelingt. Das erklärte Ziel dieser Platte ist keine Weiterentwicklung, sondern ein Wiederfinden. Und welche Ambition kann entstehen, wenn das Best-Case-Szenario der Status Quo ist?

Zugegeben sind es immer wieder die Verses, in denen der alte Eminem hungrig und wild durchschimmert. Dass die Kritik ihm dann aber doch nicht ganz ungehört blieb, zeigt sich in der etwas wahllos zusammengetrommelten Produktions-Riege, die unter anderem Mike Will Made It (produziert zum Beispiel für Rae Sremmurd, Future und Juicy J) oder Ronny J (produzierte unter anderem für XXXTentacion, 6ix9ine und Lil Xan) enthält. Diese Trap-Beats irritieren ein bisschen, da Trap-Hate einen guten Teil der Platte auffüllt. Besonders schräg wird es, wenn er sich auf Royce-Feature "Not Alike" über Flows von den Migos lustig macht, es aber offensichtlich nicht gedeichselt bekommt, den Triplet-Flow wirklich ansprechend zu performen.

Tongue, shrub, shoulder, one month older/
Sponge, mob, colder, none, rug, hoaster/
Lug nut, coaster, lung, jug roaster/
Young Thug poster, unplugged toaster/

(Eminem auf "Not Alike")

Interessanterweise reagierten zum Beispiel Lil Xan und Lil Yachty auf ihre Disses mit einem relativ behaglichem Schulterzucken. Dass Rapper wie die Beiden nicht gerade "lyrical artillery" wie Eminem auffahren wollen, ist ihnen nämlich selbst bewusst. Vielleicht sollte Eminem an diesem Punkt statt sinnlosem Konkurrenzverhalten mit Gegnern, die nicht mal die selbe Sportart wie er betreiben, darauf achten, wie diese Kids es ohne jedes Vocal-Talent auf die Reihe bekommen, zumeist ansprechende Refrains zu schreiben oder passende Beats zu picken. In dieser Disziplin tut sich "Kamikaze" nämlich wie jedes Post-2004-Eminem-Album ziemlich schwer. Die Gastbeiträge von Bon Iver auf "Fall" oder von Jessie Reyez auf "Nice Guy" und "Good Guy" gehen als passabel durch, die schrägen Falsetto-Clusterfucks auf "Greatest" und "Venom" oder die unhörbare Trap-Persiflage auf "Not Alike" nicht so sehr. Ein so konfrontatives Album, das dominant den Fokus auf die Parts legt, muss mit Abzügen in der musikalischen B-Note nun mal rechnen.

Tyler create nothin', I see why you called yourself a f****t, bitch/
It's not just 'cause you lack attention/
It's because you worship D12's balls, you're sack-religious/

(Eminem auf "Fall")

Am Ende des Tages ist es natürlich eine Frage der Priorität. Sollte jemand sagen, dass ein wütender Eminem mit handwerklich krassen Parts ausreicht, um ein gutes Album zu machen, ist das absolut nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz fühlen sich unter der Eisschicht des ersten Bombast viele Themen auf "Kamikaze" seicht und banal an. Selbst, wenn man sich auf das Trap-Bashing freuen sollte, bleiben die Angriffe eher handzahm. Die Schüsse auf Machine Gun Kelly oder Tyler The Creator kommen absolut wahllos daher und lassen selbst für ihre Kontextlosigkeit eine wirkliche Feuerkraft vermissen. Die Beziehungssongs "Normal", "Nice Guy" und "Good Guy" klingen ermüdend bekannt nach "Recovery"-B-Seiten. Nichtsdestotrotz fühlen sie sich – auch durch das zumindest ein bisschen bemühtere Songwriting – in diesem sonst radikal monothematischen Album wie ein frischer Wind an.

Das Album ist zweifelsohne eine raptechnische Rückkehr zur Form. Und wenn es um rohen Rap, wenn es um Flows und Technik geht, dann ist Eminem eben weiterhin in der absoluten Weltklasse. In jeder anderen Hinsicht bleibt "Kamikaze" aber unterentwickelt, uninspiriert oder regelrecht enttäuschend. Wirklich sein Fett wegbekommen hat trotz zwei Dutzend Namedrops eigentlich niemand und die Trap-Bewegung wird über die Angriffe auch keinen Schlaf verlieren. Musikalisch retten die Verses die Platte so lange, bis irgendein anderes Element den Sound tragen muss. Und am Ende des Tages weiß man eben doch immer, dass der einzige Grund für die so dominante Wut der ist, dass Leute ihm gesagt haben, dass sein schlechtes Album in der Tat schlecht ist. Es mag schön sein, Em wieder in Topform rappen zu hören. Hätte er das aber mit "Revival" nicht in Frage gestellt, wäre davon auch niemand wirklich begeistert. Was an "Kamikaze" bleibt, ist ein Gewicht vorschöpfendes Album, das im Katalog des Rappers bestenfalls irgendwo im unteren Mittelmaß versacken wird.


(Yannik Gölz)



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