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Review: Eminem – Revival

veröffentlicht: Samstag, 16.12.2017, 16:34 Uhr
Autor: Max





01. Walk on Water feat. Beyonce
02. Believe
03. Chloraseptic
feat. PHRESHER
04. Untouchable
05. River
feat. Ed Sheeran
06. Remind Me (Intro)
07. Remind Me
08. Revival (Interlude)
09. Like Home
feat. Alicia Keys
10. Bad Husband feat. X Ambassadors
11. Tragic Endings feat. Skylar Grey
12. Framed
13. Nowhere Fast
feat. Kehlani
14. Heat
15. Offended
16. Need Me
feat. P!nk
17. In Your Head
18. Castle
19. Arose


Da ist es endlich, das Album, auf das alle gewartet haben. Artikel wurden geschrieben, Prognosen erstellt, Fans campen vor den Läden oder der F5-Taste und drehen völlig durch. Oder? Denn irgendwie kam es nie so richtig zu einem Hype. Es ist stiller geworden um den einstigen Megastar, der große Hit, schon Tradition bei Promophasen von Eminem, blieb völlig aus, ein kleiner Acapella-Anti-Trump-Internet-Hype, ansonsten wenig Wind und stoisch schritten wir fort Richtung Releasedate. Selbiges wurde von Dr. Dre ohne viel Tamtam im Vorlauf verkündet, ein Video zu einem Song gab es gar nicht. Eigentlich ein sympathischer Schritt, gerade mit Blick auf Promophasen östlich des Atlantik. Doch warum hat sich Eminem dafür entschieden? Will er in den USA mit der Zeit gehen, die Musik vollkommen ohne Drumherum auf die Fans wirken lassen; oder ist er vielleicht selbst nicht zu 100% überzeugt vom Nachfolger von "Relapse" und "Recovery"? Fehlte vielleicht die absolute Inbrunst, der letzte Schliff zur völligen Überzeugung? Nehmen wir mal vorweg: Inbrunst werden wir definitiv nicht vermissen.

Denn Eminem schreit und schreit und schreit. Keine Ruhepausen, kein "Drips", das in seiner Lässigkeit zum Klassiker geworden ist. Der Interpret winkt nicht mit dem Zaunpfahl, er drischt auf uns ein. In den besten Momenten erinnert das tatsächlich an Hits aus "Recovery"-Zeiten, in den schlechtesten wirkt es wie das einzige Stilmittel, das Marshall Mathers noch in seinem Repertoire zu vermuten scheint und das nutzt sich schnell ab. Umso wohltuender ist dann "Believe", das zwar im ersten Drittel des Albums aufwartet, jedoch dank eines variablen Flows und interessanten Beats (die Snare dürfte uns allen bekannt vorkommen) etwas Entschleunigung im besten Sinne verspricht und so zum frühen Highlight des Albums wird. Musikalisch bleibt alles Nachfolgende dann ohne Hand und Fuß, einige eingängige Pop-Hooks von Featuregästen wie Ed Sheeran oder Skylar Grey bleiben hängen, vermitteln jedoch den Eindruck, dass Eminem sich da umso wohler fühlt, wo ihm geholfen wird, die volle Verantwortung eines Songs zumindest in Teilen nicht alleine tragen zu müssen. Es scheint, als wollte der Protagonist lieber Featuregast auf dem eigenen Album bleiben, als völlig allein für Hits und Rap gleichzeitig zuständig sein zu müssen. So kommt es auch, dass Eminem selbst nicht eine einzige eingängige Hook, nicht einmal einen melodischen Part bastelt, um so an frühere Zeiten anzuknüpfen. Hängen bleiben daher vor allem technische Spielereien wie der x-te Doubletime oder irgendeine Reimkette – Fähnchen im kalten Nordseewind. Am enttäuschendsten und gleichzeitig sinnbildlichsten wird es dann, wenn Songs nicht gesamplet, sondern gecovert und leicht variiert wurden, die sich genau in dem unbeliebten Stadium zwischen "Aktuell-Cool" und "Retro-Cool" befinden. Beispiele: "Zombies" von den Cranberries auf "In Your Head" und "I Love Rock 'n 'Roll" von Joan Jett (ja, ernsthaft) auf "Remind Me". Eminems Vorliebe für Rockelemente wird noch deutlicher, bedenkt man, dass sein Stimmeinsatz immer mehr in Richtung eines Heavy-Metal-Sängers geht. Hinzu kommen eine völlig verblassende und überschätzte Pink, die Anerkennung mittlerweile so dringend braucht, dass sie private Details ausplaudert und für diesen angeblichen Mut auch noch große Bewunderung erfährt, und Rising Star Kehlani, deren Beitrag völlig untergeht.

Wire bound notebook got tied around your throat/
Hook it inside your mouth, go – hruh/
That's what it's like when the mic is out/
'Cause I'm tearin' at your flesh with it/

(Eminem auf "Chloraseptic")

Textlich wird es nur dann interessant, wenn Eminem sich auf seine beste Referenzgröße besinnt: sich selbst. Das führt zu ein paar Höhepunkten wie auf "Arose" oder "Offended", die wenigstens in Zwischentönen hervorblitzen lassen, welch Lockerheit und Ignoranz Slim Shady einst zu diesem Monstrum von Rapper gemacht haben – doch diese Zeiten scheinen angesichts der Inhalte auf "Revival" weiter weg als je zuvor. Er selbst wird das am besten wissen, äußerte er sich doch auf "Guts Over Fear" schon entwaffnend ehrlich über die eigene Themenlosigkeit und das Älterwerden. Doch statt dies selbst in Inhalt umzuwandeln, fischt Marshall Mathers lieber im Trüben des Phrasenpools. Gerne beschwert er sich über Rap 2017, oft driftet es so stark in die Verherrlichung vergangener und die Verachtung gegenwärtiger Zeiten ab, dass man sich fragt, wo in der Denkweise eigentlich die Differenzen zwischen ihm und dem so verhassten US-Präsidenten liegen. Klar: Eminem ist mit Sicherheit weit entfernt von Narzissmus und Ausgrenzung. Dennoch hätten sich Zeilen wie "Make Rap Great Again", wären sie nicht durch den Wahlspruch so vorbelastet, gut auf diesem Album unterbringen lassen, ohne sonderlich aufzufallen. Am verzweifeltsten wirkt dann "Chloraseptic", auf dem Eminem versucht, sich über neuere Entwicklungen im Rap lustig zu machen. Was bei Team Backpack zünden mag, wirkt mit etwas Abstand doch eher wie ein verzweifelter Schuss in die Luft, wie die latente Furcht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit und das Gefühl, musikalisch überholt worden zu sein. Es ist umso erstaunlicher, dass gerade jemand sich über neue Entwicklungen in der Musik lustig macht, der selbst einen großen Teil seines Erfolges darauf fußt, starre Strukturen aufgebrochen und so Platz für Neues geschaffen zu haben. Mangels Konsequenz entpuppen sich auch andere textliche Bomben als Fehlzündung. Sinnbildlich sei "Like Home" mit Alicia Keys genannt: Schon vorher war abzusehen, dass die politische Schiene jetzt weitaus intensiver und offensichtlicher gefahren wird. Auf "Like Home" begegnet Eminem auf einer allgemeinen Ebene Donald Trump, ein bisschen Aufzählen, ein wenig Zusammenfassen, die obligatorische Grenzüberschreitung in Form eines Hitler-Vergleichs nicht zu vergessen – und dann? Nichts. Keine persönliche Ebene, kein Eigenbezug, keine Subtilitäten. Glattgebügelter als ein Pressesprecher offenbart der Protagonist einen derart oberflächlichen Track, der mehr politische Rede ist als aufwühlende Kunst. Man stelle sich Eminem ratlos im Studio vor, nach kurzer Exegese ein aktuelles, offensichtliches Thema findend und das Ganze dann zwanghaft konstruierend mit Aufrufen, die auch Wahlsprüche sein könnten ("he'll only unite us") und Lines, die wie die Aufzählung relevanter politischer Ereignisse dieses Jahres wirken. Umso deutlicher wird diese Gefühls- und Ratlosigkeit angesichts der gelungenen Alicia-Keys-Hook, die mit einer völlig anderen Perspektive an dieses Thema herangeht und vor allem den Verlust und die damit verbundene Rückeroberung der eigenen Heimat darstellt. Schade, denn wenn schon nicht bei sich selbst, so hätte Slim Shady mit seiner einst kompromisslosen und kaum vorbelasteten Art wirklich interessante Perspektiven und eine eigene Herangehensweise eröffnen können. Geworden ist daraus leider nur ein warmer Aufguss eines fast schon ausgelutschten Themas, gespickt mit Pathos an genau den falschen Stellen, um mehr Aufmerksamkeit für sich als für die Thematik zu erzeugen. Der Einstieg, den Eminem zum Ende des Songs hin in die Hook vornimmt, wirkt dann fast wie eine Kapitulation.

This is, where it all began (stand up)/
Here‘s to the land that made me/
And made me who I am, who I am (hands up)/
Here’s to the land that raised me/
There’s home for the only place that really knows me/
From the cracks in the road that drove me/
There’s no place like home/

(Alicia Keys und Eminem auf "Like Home")

Fazit:
"Revival" präsentiert sich als mittelmäßiges Album mit einigen Ausfällen, die jedoch durch ein paar gute Pop-Hooks kaschiert werden. Technisch sauber, bleibt der Flow doch eintönig und die Texte entlarven sich angesichts des aus jeder Zeile triefenden Zwangs und Ratlosigkeit nach kurzer Zeit als Steigbügelhalter für technisches Geflexe, was vor allem aufgrund der großen Trackzahl negativ ins Gewicht fällt.
So klänge wohl ein Fazit, wäre dies das Album irgendeines Rappers. Doch das ist nicht irgendein Rapper. Verdammt, das ist Eminem, also muss das doch gut sein. Welche Fehler hab ich gemacht, warum höre ich das nicht gerne, hänge ich hinterher/voraus/irgendwo? Ich fühle mich schlecht. Ist es nicht vielleicht meine Schuld, bin ich zu verklemmt, zu erwartungsfreudig, zu vorbelastet? Vielleicht ist das das eigentliche Problem: Eminem hat sich (natürlich berechtigterweise) zu Beginn dieses Jahrtausends und bis in die tiefen 00er-Jahre hinein einen so unfassbaren, im HipHop nie dagewesenen Legendenstatus erarbeitet, dass wir Probleme mit seiner Musik zuerst bei uns identifizieren und nicht bei seinen Releases. Langsam aber sicher werden wir uns jedoch eingestehen müssen, ich, der mit ihm aufgewachsen ist, wie viele andere Fans, dass möglicherweise schon seit "MMLP 2", spätestens aber jetzt diese glorreichen Jahre endgültig vorbei sind. "Revival" ist ein schrecklich konstruiertes, zwanghaft politisiertes und musikalisch uninteressantes Album. Eminem hat seinen Zenit längst überschritten, befindet sich künstlerisch im freien Fall und ich hoffe ernsthaft, dass dies wirklich, wie im Outro verlautbart wurde, sein letztes vollwertiges Album gewesen ist, denn ich möchte nicht seinen Status weiter beschädigt wissen. Diese Aussagen tun mir im Herzen weh, sie sind ungehörig, für einige wahrscheinlich Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung. Natürlich werde ich mir in Zukunft alles von Eminem anhören, mich dafür interessieren, was er tut und wie er sich entwickelt; nur kann ich in diese Zukunft angesichts von "Revival" ausschließlich mit Sorge schauen. Vielleicht spielt er nochmal in einem Film mit, haut hier und da einen kommerziellen Hit raus oder unterstützt noch ein paar Kollegen. Doch die Zeiten des Protagonisten, des Fixpunktes, des großen Slim Shady und auch des Eminem im Mittelpunkt haben mit diesem Release kein schönes, dafür zumindest ein deutliches Ende gefunden. 2 Mics für das Album, ein halbes Mic aus Ehrfurcht und wegen des Herzschmerzes – das letzte Mal.


Max



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