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Review: Eko Fresh – Eksodus

veröffentlicht: Mittwoch, 16.10.2013, 22:29 Uhr
Autor: JXHVN





CD 01:
01. Intro
02. Jetzt bin ich dran
03. Der letzte Überlebende
04. Drück auf Play
05. 101 Bars
06. Der wahre Weg
07. E.K.O.
08. Läuft/Reicht
09. Abgabe Skit
10. 3 in 1
11. Quotentürke
12. Trooper Skit

13. Guten Morgen feat. Julian Williams
14. Yoah
15. Kein Plan
16. Schöner Tag
feat. Ado Kojo
17. Meine Krone
18. Money on my Mind
19. Ek to the Future
20. Raptutorial 2
21. Alte Zeit


CD 02 ("Jetzt kommen wir auf die Sachen – zusammen"):
01. Der blutige Pfad 2 feat. Farid Bang
02. Freakshow feat. Ferris MC & Nine
03. Tango & Cash feat. Bushido
04. Feuer & Flamme feat. Azad
05. Mein Kleiderschrank feat. Pillath & Cassidy
06. Pelikan flieg feat. SSIO & Cuban Link
07. Hier verliert nur der der sich nicht wehrt feat. Caput
08. Echos in my Head feat. Krayzie Bone, Summer Cem, Serc & Ado Kojo
09. Freund oder Feind feat. Lil Eazy-E, Brutos Brutaloz & Serious Sam
10. Rapper wissen nicht wer sie sind feat. Massiv & Hussein Fatal
11. Ich bin im Reinen mit mir feat. Frauenarzt & Capkekz
12. Gangsta Squad feat. MoTrip, Ali As, Shindy, Jeyz & Tatwaffe

Auftritte im Privatfernsehen, eigene Kopfhörer, grenzwertige Musikvideos mit Vampirstory à la "Twilight" ... aber auch ein Song, der politische Debatten anregte, geschichtsträchtige Streitereien mit dem King of Rap und das Agieren als Talentscout für sein Label German DreamEko Fresh hat schon so einiges geleistet in diesem Gebilde namens "Rapgame". Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne stand das mittlerweile 30-jährige, lange unterschätzte Talent immer wieder im Mittelpunkt. All seine Nebeneinnahmequellen seien mal dahingestellt: Was dieser Ekrem Bora vor allem kann und schon immer konnte, ist rappen. Das bewies er bisher auf jedem seiner Releases. Nachdem der große kommerzielle Erfolg trotz Optik-Records- und ersguterjunge-Deals lange Zeit ausblieb, bekam Eko für seine letzten beiden Langspieler "Ekrem" und "Ek to the roots" endlich die Anerkennung und den Erfolg, den er sich schon lange verdient hatte. Nun folgt das Doppelalbum "Eksodus". Was genau einen auf einem Tonträger des selbst ernannten Königs von Deutschland erwartet, weiß man nie genau. Doch fest steht, eine CD mit Musik von Ekrem Bora ist immer etwas Besonderes – deswegen halte ich das Doppelalbum "Eksodus" gespannt in den Händen.

Zuerst einmal fällt eine lange Liste an Gästen auf. Es kommt einem so vor, als wäre halb Rapdeutschland auf dem zweiten Teil des Albums versammelt. Von Bushido über Azad bis hin zu den schon verschollen geglaubten Seperate und Pillath sind sie alle dabei. Natürlich kommt Ekos Faible für Musik auf der anderen Seite des großen Teichs zum Vorschein. Er hat mal wieder ordentlich Kontakte spielen lassen und konnte so mit Cassidy, Nine und Cuban Link, um nur einige zu nennen, wieder Idole aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten für sich gewinnen. "Eksodus" – zwei CDs, 33 Tracks – kann das gut gehen? Ist das nicht zu viel? Und sind die ganzen Gäste denn wirklich nötig? All das sind Fragen, die sich mir vor dem ersten Hördurchgang stellen.

"'Ist das dein letztes Album?' – Kann schon sein/
Auf jeden Fall fahre ich nie wieder einen anderen Style/
Denn seit 2001 sind die Lines, die ich schreibe/
Unvergleichlich am Mic, Nummer eins weit und breit/
"
(Eko Fresh auf "Intro")

Schon das "Intro" überzeugt durch ein wunderbar erfrischendes Instrumental mit fröhlichen Bläsern. Über den Flow braucht man nicht zu reden, denn dass der Kölner rappen kann, sollte bekannt sein. Ein sehr gelungener Einstieg, der Lust auf mehr macht. Es folgen einige Tracks mit sehr klassischem bis souligem Klanggewand – man könnte auch Boom-bap sagen. "Jetzt bin ich dran" ist ein Rückblick auf sein bewegtes Leben rund um Rap-Musik, Streitereien mit Kollegen und Plattenbauten. "20 ist das neue 30" skandiert er optimistisch und ist sichtlich zufrieden mit seinen bisherigen Erfolgen. "Der letzte Überlebende" und "Drück auf Play", weitere Tracks im Stile der "Jetzt kommen wir wieder auf die Sachen"-EP. Klingt nach der guten, alten Zeit mit Savas. Eko blickt weiter zurück – es scheint, als möchte er mit dieser Platte sein gesamtes Leben aufarbeiten – und versinkt teilweise im Selbstlob. Doch das ist kein Problem, denn alles wird mit einem sehr ausgereiften Flow vorgetragen, in Vergleiche und Wortspiele verpackt, die nicht jeder beliebige Rapper XY in petto hat. Sprich: Die ersten Minuten von "Eksodus" gehen wie im Fluge vorbei. Denn auch die folgenden Titel inklusive dem großartigen "101 Bars " – allesamt klassisch gehalten – sind kurzatmige Oden an die Vergangenheit, Tipps für das Überleben in der Industrie und Liebesbekundungen an HipHop. Manchmal belehrt Eko auch einfach seine Nachfolger, wie das denn so funktioniert mit Rap-Musik ("Raptutorial 2"). Und das großartige, schon vorab als Video-Single erschienene "Kein Plan" sorgt für den ein oder anderen Schmunzler. Drei Minuten und 23 Sekunden lang gibt es lustig verpackte sexuelle Anspielungen, die die humoristische Seite des Künstlers zeigen.
Auf CD Nummer eins stechen aus schon erklärtem Soundbild drei Tracks heraus. Zum einen das mit technoiden, orientalisch angehauchten Melodien unterlegte "Quotentürke", das in der deutschen Gesellschaft herrschende Vorurteile gegen Migranten allgemein und Türken im Speziellen thematisiert. Außerdem noch das entspannte "Guten Morgen", bei dem Julian Williams für die Hook verantwortlich ist. Falls tatsächlich als Weckton eingestellt, beschert dieser Track auch wirklich einen "guten Morgen". Ado Kojo unterstützt Eko bei "Schöner Tag" tatkräftig mit seinem Gesang. Das zweite und letzte Feature auf der ersten Albumhälfte.

"Ich will Sex von dir – sechs Minuten Raucherpause/
Also drück beim DVD-Player auf die Pause/
Früher fragtest du: 'Warum ist er so steif?'/
Mit der Zeit merktest du, es war nur Schüchternheit/
"
(Eko Fresh auf "Kein Plan")

Der erste Part des Albums ist zu Ende und rückblickend stellt man fest: Eko arbeitet hier seine Vergangenheit auf. Bis auf die vorher genannten zwei Ausnahmen findet man nur Solotracks auf klassischen Instrumentals, für die unter anderem Joshimixu und Reaf, die Haus-und-Hof-Produzenten von Alles oder Nix Records, verantwortlich sind. Sehr persönliche und ehrliche Texte und Technik auf hohem Niveau überzeugen den geneigten Liebhaber des Sprechgesangs. Auf der zweiten CD erwartet einen dann noch einmal ein ganz anderer Sound. Das liegt an andersartigen Instrumentals, aber auch an den unglaublich vielen Gastparts. Den Beginn macht "Der blutige Pfad 2" mit dem ehemaligen Zögling Farid Bang. Ganz anders als auf der harmonisch, fröhlich und entspannt klingenden ersten Albumhälfte zeigt sich Eko hier schlecht gelaunt und mit einem etwas härteren Vokabular auf einem böse klingenden Beat – stilecht mit Chor-Sample. Farid beglückt in gewohnter Manier Groupies und Mütter – macht also das, was er am besten kann. Auch der nachfolgende Titel "Freakshow" mit einem bitterbösen Ferris MC und Nine klingt dunkel und eher nach Keller als der Sonnenseite des Lebens.

"Jeder pubertäre Spast bricht die Kuhkafflehre ab/
Tut, als wäre er krass, wenn er einen auf 2Pac-Ehre macht/"
(Eko Fresh auf "Freakshow")

Diese Stimmung wird auch in den folgenden Tracks beibehalten, wenn zunächst Bushido ("Tango & Cash") – dieses Mal ohne Lines gegen die deutsche Politelite – und auf "Feuer & Flamme" dann Azad vorbeischauen. Beides keine schlechten Tracks, doch mit zeitgenössischer Rap-Musik hat das eher wenig zu tun und klingt mehr nach alten egj- und Bozz Music-Hochzeiten. Und das, obwohl der Flow Eko Freshs auf "Tango & Cash" den der meisten deutschen Rapper in den Schatten stellt. Auch "Mein Kleiderschrank" mit Cassidy und Pillath ist eher Füllmaterial als ernst zu nehmende und innovative Musik. Vor allem Letzterer enttäuscht mit seinem Part im Dipset-Style und hätte das Ganze wohl doch lieber lassen sollen. Die Alteingesessenen können hier größtenteils nicht überzeugen – beispielsweise liefern auch Frauenarzt, Caput, Capkekz und Seperate eher mittelmäßige Parts ab –, dafür aber neue Talente. Der großartige SSIO legt einen sehr netten Gastpart auf "Pelikan flieg" hin, Massiv weist in gewohnter lyrischer Brutalität darauf hin, dass mit ihm nicht zu spaßen sei ("Rapper wissen nicht wer sie sind ") und die Floskel "Das Beste kommt zum Schluss" bewahrheitet sich in diesem Falle wirklich: Einer der besten Tracks des Albums, "Gangsta Squad", sorgt für ein versöhnliches Ende. Ein souliger Beat, über den unter anderem MoTrip und Shindy, aber auch Die Firma-Mitglied Tatwaffe rappen und so zeigen, warum deutscher Rap gerade wieder so interessant ist. Bei diesem Lied kann man sich bildlich vorstellen, wie besagte Rapper in Anzügen in einem noblen Café sitzen und Geschäfte regeln. Auch der in letzter Zeit eher selten in Erscheinung getretene Jeyz fällt hier sehr positiv auf. Und so hat man nach Ende des Albums ein Lächeln im Gesicht. HipHop kann manchmal so schön sein. Warum nicht immer so?

Fazit:
"Eksodus" ist zu Recht das erste Nummer-eins-Album von Eko Fresh. Großen Anteil daran hat die wunderbar musikalische, ehrliche und vielfältige erste CD. Ekrem Bora ist erwachsen geworden und das merkt man den Titeln hier sowohl auf instrumentaler als auch auf textlicher Ebene deutlich an. Die Bonus-CD "Jetzt kommen wir auf die Sachen – zusammen" fällt dagegen etwas durchwachsener aus. Die Beats können nicht ganz so sehr überzeugen wie auf der ersten Hälfte und viele Stars und Talente von früher haben heute irgendwie nicht mehr viel zu erzählen. Ekos Parts sind alle gut und unterhaltsam, was Kollegen wie Pillath oder Caput da fabrizieren, ist jedoch dieses Mal leider einfach nicht der Rede wert. Kleine Abstriche gibt es also bei der Qualität der Gastparts und der Beatauswahl auf der zweiten Hälfte des Doppelabums. Ansonsten kann man "Eksodus" jedoch durchaus als eines der besten Alben von Eko Fresh bezeichnen, die bisher erschienen sind. Trotz Anspielungen darauf, dass dies sein letztes Release gewesen sein soll, hofft man deswegen auf einen Nachfolger. Denn ob man es will oder nicht: Dieser Eko Fresh bleibt eines der größten Talente, die der deutsche Rap bisher hervorgebracht hat. Daran gibt es nichts zu rütteln.


Johann Voigt (JXHVN)





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