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Review: Eko Fresh – Ek to the Roots

veröffentlicht: Donnerstag, 20.09.2012, 17:16 Uhr
Autor: Woodfellas





CD 01:
01. Intro
02. Euer Vater
03. Es muss sein
04. Raplexikon
05. Wie die Zeit vergeht
feat. Fredro Starr
06. Der König ist zurück
07. Diese Zwei
feat. Bushido
08. SAZ Skit
09. Der Gastarbeiter
10. Gib mir ein Zeichen
feat. Young Noble
11. Eure Szene Skit
12. Augenbrauen
13. Mein eigener Chef
14. Ehre und Stärke
feat. Frauenarzt, Mr. Capone E & Serious Sam
15. Scheiß drauf
16. Manche sind so
17. Fatales Trio
feat. Xatar & SSIO
18. Klassentreffen feat. Sentence, MoTrip, Pillath, Ali A$, Toni der Assi & Pappa Landliebe

CD 02:
01. Intro
02. Schon wieder
03. 90er Drive-by
feat. Mike Dalien
04. Scheiße gibt's umsonst
05. Still Alive
feat. Yukmouth
06. Das Ghetto nicht aus mir
07. Träumer
feat. Summer Cem & Farid Bang
08. Sebi Skit
09. Mach ma' nich' (auf Eko Fresh)
feat. Sady K
10. Oh Shit Alder
11. Rap Tutorial
12. Gefällt das
feat. Hans Sarpei
13. Der Don (Last Chapter) feat. Ado Kojo
14. Immer noch so hart feat. Spice One & Sinan-G
15. Von unten
16. Mein Name ist 2
17. Outro
18. Sinif Toplantisi
feat. Summer Cem, Erci E, Defkhan, Tek Memo, Yener & Musti C

Juni 2012. Auf der Suche nach möglichst unkomplizierter Unterhaltung zappe ich mich durchs Fernsehprogramm. Schnell werde ich fündig, denn Stefan Raab hat zur Autoball-EM geladen. Doch meine bis dahin gute Laune verabschiedet sich umgehend, als ich mit ansehen muss, wie Eko Fresh am Scheibenwischer seines PKWs scheitert. Der Backpacker in mir kommt zum Vorschein, schwenkt die HipHop-Fahne und brüllt den Fernseheapparat an: "Was fällt diesem Eko ein, sich an diesem medialen Witzfigurenkabinett zu beteiligen und meine Kultur zu verunglimpfen?!"
September 2012. Ich halte "Ek to the Roots" in den Händen. Derselbe Eko, der sich in jüngerer Vergangenheit im TV zum HipHop-Hampelmann gemacht hat, möchte nun zurück zur alten Schule des Raps. Was ist er denn nun, ausgebrannter C-Promi oder authentischer Realkeeper? Ich versuche mich von allen Vorurteilen zu befreien und höre mir das Album an, um dieser Frage nachzugehen.

Im "Intro" fasst Schauspieler Ralf Richter Ekrems bisherige Karriere im Zeitraffer zusammen: Als Newcomer ganz oben, nach mehreren Streitigkeiten und Disstracks ganz unten, aber immer noch da, um es allen zu zeigen. Es folgen dem Ganzen ein paar sauber geflowte Representerzeilen des Mönchengladbachers. Bis hierhin gibt es nichts zu beanstanden, was sich aber schon einen Track später ändert. Auf "Euer Vater" stellt Eko sich als HipHop-Urgestein und Erfinder des Doppelreims dar und unterstellt Rapdeutschland, sich durch die Bank an seinem Style zu bedienen. Das dürfte wohl vielen negativ aufstoßen, da Ek mit Sicherheit nicht der Erste mit komplexer Reimtechnik in Deutschland war. Außerdem hat Freezy zwar eine sehr gute, aber keine überragende Raptechnik. Das äußert sich zum Beispiel in "Es muss sein". Der Rapper reiht völlig zusammenhangslose Zweckreime aneinander, was schon nach wenigen Zeilen nervt. Dass es auch deutlich innovativer geht, zeigt sich schon im nächsten Anspielpunkt. Einen herrlichen Golden Era-Beat mit knallender Snare veredelt Eko mit einem einzigartigen Flow, der durch eine außergewöhnliche Wortwahl entsteht:

"Ich jettete herum, als ich meinen Trend settete/
Zählte meine Ware, meine Knarren machten 'Rätätä'/
Schaust dir meine Videos an – eingebettete/
Denkst dir: Fuck, ich wettete doch, dass er sich verzettelte/
"
("Raplexikon")

Im Folgenden wechselt die thematische Richtung des Albums. Nicht nur musikalisch, auch textlich dreht Eko die Zeit zurück. Beinahe nostalgisch zählt er in "Wie die Zeit vergeht" bisherige Erfolge auf. Guter Flow, saubere Reime und ein exzellenter Fredro Starr machen den Song zu einem Highlight des Langspielers. Generell fällt auf, dass die Rapper aus Übersee (Young Noble, Mr. Capone, Yukmouth und Spice One) sehr gut mit dem German Dreamer harmonieren. Gelangweilt hingerotzte Parts, die thematisch nicht zum Track passen? Fehlanzeige, die Amerikaner liefern gute Arbeit ab. Sogar Bushidos Gastbeitrag ist durchaus gelungen. "Diese Zwei" reflektiert die gemeinsame Vergangenheit der beiden ehemaligen Labelkollegen. Lyrisch hochwertig ist das Ganze nicht. Da Bushido aber schon wesentlich schwächere Parts abgeliefert hat, verbuchen wir das als Pluspunkt. Ein Minuspunkt ist hingegen die musikalische und inhaltliche Redundanz, die bei einem 36 Tracks umfassenden Doppelalbum beinahe unvermeidlich ist. Ein paar Mal zu oft erzählt Eko von vergangenen Triumphen und Fehlern ("Der König ist zurück", "Gib mir ein Zeichen", "Eure Szene"), sodass der Hörer das Gefühl hat, der Rapper wolle sich krampfhaft für seinen Werdegang rechtfertigen. Viel unterhaltsamer wird es, wenn Ek die Ernsthaftigkeit ablegt, um absurdeste Themen wie das Volumen seiner "Augenbrauen" zu behandeln:

"Guck doch, sie sind die größte Ansammlung von Haaren/
Seit den Woodstock-Tagen/
Tja, das bin ich, hab' mehr Haare im Gesicht/
Als der ganze Körper von Laas Unltd./
"
(Eko Fresh auf "Augenbrauen")

Ein weiterer Pluspunkt sind die Storyteller des Albums. "Manche sind so" avanciert vom klischeehaften Drogenticker-Geschwätz zur sarkastischen Anti-Kifferhymne. "Der Gastarbeiter" erzählt anschaulich, unter welchen Umständen Ekrem Boras Familie nach Deutschland kam und welche Hürden sie dabei nehmen musste. Leider verwässert die im letzten Absatz erwähnte musikalische Redundanz ein bis dahin starkes Album. Die Beats sind dafür aber nicht verantwortlich. Auch wenn nicht alle Produktionen in die Schublade "Golden Era" passen, haben die beteiligten Beatschrauber (Phat Crispy, Monroe, Joshimixu, Maestro, Isi B, Serious Sam, Big Daddy Shane, ZH Beats, Ear2ThaBeat, Reef) dem Wahlkölner einen homogenen, wenn auch oftmals minimalistischen Sound auf den Leib geschneidert. Die krachenden Bassdrums und Snares entwickeln eine Dynamik, die auch ohne komplexe orchestrale Kompositionen auskommt. Allerdings kann der Freezman nicht immer mit dieser Dynamik mithalten, denn er liefert insgesamt viel zu wenig Flowvariationen. Sobald die Beats weniger als 90 BPM haben, wirkt der Flow geradezu träge und monoton. Nur auf "Scheiß drauf" variiert Eko Tempo und Betonung seiner Zeilen. Ebenfalls gelungene Abwechslung bietet die Westcoast-Hommage "Ehre und Stärke", die mit "California Love"-ähnlicher Hook und einem gut aufgelegten Frauenarzt zu punkten weiß. Noch unterhaltsamer ist eigentlich nur der Part von Xatar, der mit einem Maximum an Streetcredibility (in der Gefängniszelle recordet!) und ungewolltem Humor unterhält:

"Was ich dir eigentlich sagen will, du Lutscher/
Ist, dass du ein Lutscher bist, ja du Lutscher/
Schleim nicht, mach hier keinen Kasper, sonst/
Schlag ich dich mit Läufern wie Kasparow/
"
(Xatar auf "Fatales Trio")

Komplettiert wird die erste CD vom "Klassentreffen". Neben den sehr guten Parts von Sentence, Ali A$, Pillath und MoTrip gehen Acts wie Toni der Assi und Pappa Landliebe jedoch ein wenig unter. Etwas verwirrend gestaltet sich dann der Wechsel von CD 1 zu CD 2. Der bisher so erfrischend lockere Freezy weicht nun einem übel gelaunten Nörgler, der jede Gelegenheit nutzt, die böse deutsche Rapszene anzuprangern. Auf "Schon wieder" kritisiert er all jene Rapper, die sich textlich an Gangsterklischees bedienen, um CDs zu verkaufen. "Scheiße gibt's umsonst" thematisiert inflationären Output einiger Künstler und die damit einhergehende Kommerzialisierung des Games. Leider schneidet sich Eko mit diesen Themen ins eigene Fleisch, bedenkt man Featuregäste wie Xatar, SSIO oder Sinan-G. Wenn er Kommerz anprangert, kritisiert er damit gleichzeitig seine eigene Fernsehpräsenz.
Auch die Anlehnungen an die 90er Jahre verlieren mit fortschreitender Albumdauer an Reiz. Während "Ehre und Stärke" (CD 1) überzeugt, weil die Protagonisten den G-Funk der amerikanischen Westküste mit einem deutlichen Augenzwinkern versehen, wirkt das "90er Drive-by" uninspiriert und aufgesetzt. Mike Daliens Gesang macht die Hook zum Nervtöter und Eks Strophen werfen die Frage auf, ob der Track nur eine Hommage an Filme wie "Boyz n the Hood" darstellt oder ob das Gerede von Drive-bys wirklich ernst gemeint ist:

"Scheiß auf ein freundliches High Five/
Denn dein heutiger Lifestyle ist nichts gegen ein 90er Drive-by/
Wir hingen ab auf dem Basketballplatz/
Genau solche Jugendliche, die die Staatsgewalt hasst/
"
("90er Drive-by")

Lange böse sein kann man Eko aber nicht, denn auch die zweite Hälfte von "Ek to the Roots" hat starke Momente. Hervorzuheben ist dabei die sehr amüsante Uptempo-Nummer "Gefällt das", die vom sympathischen Internetphänomen Hans Sarpei bereichert wird. Dessen Text beschränkt sich zwar auf einen Satz ("Hans Sarpei gefällt das"), dieser reicht aber aus, um dem Hörer ein dreiminütiges Dauergrinsen zu bescheren. Positiv zu bewerten ist auch, dass Ekrem sich einen gehörigen Schuss Reimakrobatik für die Zielgerade aufbewahrt hat ("Mein Name ist 2"). Insgesamt aber können die zweiten 18 Tracks das Niveau der ersten Hälfte nicht halten. Hauptsächlich liegt das an einem Künstler, der es nicht mehr schafft, seine Hörer zu überraschen. Features von Farid Bang und Summer Cem ("Träumer") sind genauso ein alter Hut wie ein Mafia-Storyteller ("Der Don"). Generell fällt CD 2 thematisch relativ dünn aus. Da gibt es den obligatorischen Track über das raue Leben im Ghetto ("Das Ghetto nicht aus mir"), den Kopf hoch- beziehungsweise Kämpfer-Track ("Still Alive"), und natürlich den "Früher hatte ich nichts, jetzt habe ich alles"-Track ("Träumer"). Mehr Variation ist in der Instrumentalisierung enthalten. Auch CD 2 hat einige typische 90er-Beats zu bieten, allerdings mischen sich immer wieder modernere Klänge in die zweite Hälfte von "Ek to the Roots". Die Beteiligung Monroes ist deutlich hörbar, schließlich ist der Produzent für seine dynamischen Uptempo-Beats bekannt. Festzuhalten bleibt, dass CD 2 qualitativ zwar abbaut, aber trotzdem das ein oder andere Highlight bereithält.

Fazit:
Mit seinem sechsten Soloalbum macht Eko Fresh eine Menge richtig. Die Beats im 90er Boom-Bap-Style harmonieren hervorragend mit Ekos Flow. Auch wenn sich thematisch auf Dauer einiges wiederholt, ist "Ek to the Roots" textlich durchaus facettenreich. Bei einer Laufzeit von 36 Tracks machen sich beim Hören aber zwangsläufig Ermüdungserscheinungen breit. Vielleicht wäre es dem Gesamteindruck dienlich gewesen, hätte Eko es bei den ersten 18 Tracks belassen, auch wenn CD 2 neben einer Menge Quantität auch Qualität aufblitzen lässt. Nun möchte ich noch die anfangs aufgeworfene Frage nach der Authentizität beantworten. Kann ein MC, der noch vor nicht allzu langer Zeit den harten Straßenrapper mimte, als Oldschooler überzeugen? Nimmt man ihm trotz fragwürdiger TV-Präsenz die Rolle des Realkeepers ab? Zwei Mal ein klares "Ja". "Ek to the Roots" ist ein schnörkelloses Rapalbum, das zwar nicht von Anfang bis Ende, aber doch über weite Strecken überzeugt. Beats, Features und Texte bilden ein sehr homogenes Gesamtprodukt und man spürt zu jeder Zeit, dass der Langspieler für Eko eine Herzensangelegenheit darstellt.


Marvin Nix (WoodFellas)



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