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Special: Ein Plädoyer für Young Thug: Der Außerirdische

veröffentlicht: Dienstag, 01.08.2017, 10:37 Uhr
Autor: Cuttack

Es ist 2017 und die HipHop-Welt hat immer noch nicht einstimmig den besten Rapper der Welt wählen können – natürlich ist das auch gut so. Das Problem bei dem Ganzen ist nämlich, dass es kein einziges objektives Kriterium gibt, anhand dessen man den "besten" bestimmen könnte – wer der beste ist, ist hochsubjektiv, damit müssen wir uns auch in Zeiten des Silbenzählens abfinden. Daher wollen wir einen kleinen Ein- oder Überblick über die vielseitigen Facetten des Fanseins und des Raps in 2017 geben und deswegen werden einzelne Mitglieder der Redaktion ihren Lieblingsrapper vorstellen; absolut subjektiv, ohne auf Dauer angelegt zu sein und voller Fanboytum. Viel Spaß!



Es soll in der Geschichte schon ein paar Mal vorgekommen sein, dass einem Künstler zur Zeit seines größten Schaffens nicht die Ehre entgegengebracht wurde, die ihm eigentlich gebührt hätte. Van Gogh, zum Beispiel. Iggy Pop, während seiner frühen Stooges-Projekte. H.P. Lovecraft. Und dann fragt man sich Jahre später, was schief gelaufen sein muss, dass die Gesellschaft diesen Personen ihren Status nicht direkt zusprechen wollte. Dabei könnten wir einen solchen Fall gleich jetzt auf der Stelle beobachten: Denn mit Young Thug verbannen wir eine der revolutionären, wegweisenden und virtuosesten Figuren der HipHop-Geschichte in ein obskures Präkommerz-Exil.

Dabei ist es in diesem Fall eigentlich nicht allzu schwer nachzuvollziehen, warum Young Thug kaum auch nur in die Nähe einer GOAT-Debatte gelangt. Zum einen befindet er sich als Vorreiter der Post-808s & Heartbreaks-Trapära neben Future, Travis Scott und A$AP Rocky im Zentrum einer grundsätzlichen Aversion von Fans der alten Schule und zieht durch seine androgyne, provokante Art nur zusätzliche konservative Missgunst auf sich, so dass er mit Lil Yachty und Lil Uzi Vert wohl eines der universellsten Hassobjekte der Oldschoolheads darstellt. Er scheint auch in einem generellen Konflikt mit dem HipHop-Konsens zu stehen, so lose murmelnd er doch den integralen Part der Lyrics in seinen Rapsongs handhabt. Doch das ist überhaupt nicht der Punkt: Thugger performt Texte vielmehr in der Tradition von Jazz-Skats, deformiert und verballhornt Wörter, Sprache und Semantik, um Ausdruck im reinen, emotionalen Spiel seiner Stimme zu suchen.



Dieser Stil ist vielerorts ein Staple moderner Trap-Rapper geworden; doch niemand beherrscht es auch nur ansatzweise so virtuos wie er – und niemand treibt es so sehr auf die Spitze. Von frühen Tapes, auf denen er wie ein etwas melodischerer Lil Wayne klang ("Ooorr", "Pikachu") bis hin zu den expressiven Trap-Bangern der "Slime Season"-Serie ("Stoner", "With That", "Best Friend") entwickelte er auf seinen aktuellen Tapes einen Rapstil, der seinesgleichen sucht. Sei es die fast James-Brown-esken, guturalen Schreie auf Tracks wie "Harambe", die wie von Sinnen wirkenden, ekstatischen Heuler auf "RiRi" oder zerbrechliche Folk-Harmonien auf "Family Don't Matter" – Young Thug passt sich an, transformiert sich und erfindet sich konstant neu. Eine derartige Flexibilität kombiniert er mit einer stimmlichen Reichweite, Durchschlagskraft und Ausdrucksstärke, wie sie sonst kein anderer Rapper aufweisen könnte. Und wäre es nicht schon eine Überlegung wert, dass er als mit der beste Vocal-Performer im HipHop-Kosmos ein Anwärter auf die Genre-Superlativen sein könnte?

Doch es ist nicht nur Aufmachung und klinischer Skill, die Young Thug zu einem der herausragenden Künstler unserer Generation machen. Auch seine Inhalte und seine Ästhetik stellen einen markanten Hochpunkt der Trapkultur dar. Bevor der klassische Trapgegner hier allerdings in Schnappatmung verfällt: Inhalt meint an dieser Stelle definitiv nicht die Lyrics, denn die sind, wie bereits bemerkt, absolut funktional. Seine klassischen Schilderungen von Sex, Drogen und Hatern mögen zwar zumeist ein wenig absurder und irritierender anmuten als die seiner Zeitgenossen, dennoch sucht man vergebens nach einem Verse von ihm, den man Bar für Bar auseinandernehmen und auf eine gesellschaftskritische Aussage hin analysieren könnte. Aber dies sollte auch nie die Idee hinter Thugger sein. All die Elemente kommen in seinem Kosmos nämlich dort zusammen, wo das Gesamtprodukt beginnt: Mixtape über Mixtape dekonstruierte Jeffrey grundlegend internalisierte Vorstellungen von Maskulinität und Heteronormativität auf eine derart subtile Art und Weise, dass es sich bis heute weder nach einem bewussten Prozess noch nach einer moralischen Marschrichtung anfühlt. Eine Entwicklung, wie sie progressiver kaum sein könnte, wird subversiv zum Teil der ästhetischen Bewegung im Trap-Kosmos und bleibt dabei so virtuos ausgespielt, dass sie respektiert und adaptiert wird, ohne die Debatte überhaupt beim Namen genannt zu haben.



Young Thug ist ein Vorreiter, ein Exot und seiner Zeit voraus. Gleichzeitig stellt er einen der besten Vokalisten der Genregeschichte dar. Vielleicht fällt es schwer, ihn nach konventionellen Standards des Genres zu bewerten, dennoch sollte man die Augen nicht vor dem verschließen, was Thugger zur Zeit für die Szene tut. Und diese Mischung aus rohem Talent, handwerklicher Meisterschaft und progressiver Ästhetik sollten durchaus den Gedanken erlauben, ihn als einen der besten Rapper aller Zeiten in Erwägung zu ziehen. Aber vielleicht sollte es auch den Gedanken erlauben, ihn völlig aus dieser Debatte auszuschließen. Denn am Ende des Tages steht Thug völlig außerhalb jeder Normen und Erwartungen. In dieser Szene ist er der absolute Außerirdische.



(Yannik Gölz)


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